Am Bahnhof von Rijeka gibt es einen nagelneuen Fahrkartenautomaten, an dem man sogar kontaktlos bezahlen kann.Â
Vergleichsfoto von 2015: Links, unter der Taube, steht jetzt der Fahrkartenautomat
Allerdings hat er nur Inlandsfahrscheine im Angebot. Auch die DB-App weigert sich, und die âTrainline EUâ-App kennt den Bahnhof von Rijeka gar nicht erst.
Nicht im Bild: Der Schalter ganz links ist besetzt. Hier kaufe ich ein Ticket nach Ljubljana, vielleicht mein letztes aus Papier. In Ljubljana gibt es ausreichend Umsteigezeit, und vielleicht bekommt man ja von dort aus schon Tickets bis Berlin.
Es wird ungenutzt bleiben, denn der Zug ist ein Bus, und dieser Bus fÀhrt nicht an dem Ort ab, auf den die Schalterangestellte gedeutet hat, sondern ganz woanders. Alle AuslÀnder verpassen ihn gemeinsam.
Ich gehe zum Busbahnhof und kaufe nach lĂ€ngerem Konsultieren von Google Maps und verschiedenen Bus- und Bahnwebsites bei autotrans.hr ein Onlineticket. Damit brauche ich knapp 24 Stunden nach Berlin, 35 von HaustĂŒr zu HaustĂŒr, aber ich muss nur einmal umsteigen, in Zagreb, und konkurrenzlos billig ist es auch.
Am Einstieg wird der QR-Code mit einem kleinen SpezialgerĂ€t von meinem Handy gescannt. Das ist nicht ĂŒberraschend, denn so war es schon vor zwei Jahren auf der kroatischen FĂ€hre, und so steht es auch in der Mail, an der mein Ticket als PDF hĂ€ngt:
âBy boarding please present the correct ticket to the driver. Tickets can be printed or shown in an electronic form on your smartphone or tablet.â
In Zagreb habe ich anderthalb Stunden Aufenthalt und verbringe â nach dem Erledigen der wichtigsten PokĂ©monaufgaben â eine halbe Stunde davon mit der Suche nach dem richtigen Bussteig. Es gibt 40 bis 50 Möglichkeiten, wo der Bus abfahren könnte, aber keine Abfahrtstafel. An diesem vielversprechenden GerĂ€t ...
... bleiben drei Displays schwarz, und beim vierten mĂŒsste mal jemand F1 drĂŒcken. Dann könnte man vielleicht die Abfahrtszeiten von 2003 sehen.
Ich muss durch ein Fensterchen am Autotrans-Schalter mit einem alten Mann verhandeln, der weder Englisch noch Deutsch kann. Er lĂ€sst sich das Ticket auf meinem Handy zeigen und sagt streng: Flixbus! Ich schĂŒttle den Kopf und sage: Autotrans! Denn so steht es auf meinem Ticket geschrieben. Stuttgart? fragt der alte Mann skeptisch. Ich sage: Berlin! Jetzt schaut er in seinem Computer nach, dreht das Display zu mir, deutete auf die Peron-Angabe und sagt Five! Zero! Six!Â
Vor Begeisterung vergesse ich gleich wieder, was nach Zero! kam, und wandere eine Weile zwischen den Bussteigen 506, 507 und 508 hin und her, bis ich jemanden einen Satz mit âIngolstadtâ und âpetsto ĆĄest" sagen höre. Endlich zahlt es sich aus, dass ich vor vierzig Jahren die Eissorten und Zahlen gelernt habe. Die Eissorten braucht man inzwischen nicht mehr, an der KĂŒste kommt man mit Englisch und Deutsch durch, aber allmĂ€hlich kommt es mir vor, als sei Zagreb gar nicht so die touristische Destination.
Der Busfahrer wirft nur einen kurzen Blick auf mein Handy und schĂŒttelt den Kopf: âMuss Touring Biro! Muss Touring Biro!â Ich sage: âBut it says right here: âPlease show this e-ticket to the driverâ, and this is the e-ticket and you are the driver!â Das ist dem Busfahrer wurscht, muss Touring Biro!, und ich schĂ€me mich schon wenige Sekunden spĂ€ter fĂŒr mein Insistieren. Ich bin so schlecht ausgerĂŒstet fĂŒr den Umgang mit LĂ€ndern oder Situationen, in denen nicht alles von allein so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.
Ich gehe zurĂŒck zum Autotrans-Schalter am anderen Ende des Terminals und bitte einen jungen Mann, der vor mir am Schalter steht, fĂŒr mich zu ĂŒbersetzen. Der junge Mann verhandelt mit dem alten, der wieder lange auf Flixbus! Flixbus! und Stuttgart! beharrt, aber da will ich ja nicht hin. Der junge Mann sagt, jaja, das sei hier öfters so, und begleitet mich zurĂŒck zum Busfahrer. Jetzt wird lange auf kroatisch diskutiert, der Beifahrer und schlieĂlich auch der Chef hinzugezogen, aber es hilft nichts: Muss Touring Biro! Mein Ăbersetzer weiĂ, wo dieses BĂŒro ist, nĂ€mlich nicht innen im Busbahnhof, sondern auĂen dran. Auf dem Weg dorthin erklĂ€rt er mir, dass man hier ohne Kroatischkenntnisse nicht weit kommt, und ich sage, genau deshalb hĂ€tte ich ja das Onlineticket gebucht, um mit niemandem reden zu mĂŒssen. Es sind jetzt noch sieben Minuten bis zur Abfahrt.
Im Touring-BĂŒro gibt es eine freundliche Mitarbeiterin, die das Problem kennt, ihren Monitor zu mir dreht und mir die Mailadresse zeigt, an die ich mein Ticket weiterleiten soll, damit sie es fĂŒr mich ausdrucken kann. Ich frage noch, was der Busfahrer jetzt auf dem Ausdruck erkennen wird, was er dem identischen Ticket auf meinem Handy nicht entnehmen konnte. Sie zuckt die Schultern und sagt âthey need to have physicalâ. SpĂ€ter wird man mich im Techniktagebuch-Chat daran erinnern, dass âOnlineticketâ nicht gleichbedeutend ist mit âmuss nicht ausgedruckt werdenâ, und dass das auch in Deutschland bis vor wenigen Jahren so war. Ich habe das einfach vergessen.
In der Minute der vorgesehenen Abfahrt stehe ich im Bus und zeige triumphierend mein ausgedrucktes Ticket nicht nur dem Fahrer, sondern auch den anderen Passagieren, in deren steinernen Mienen ich wahre Anteilnahme an mir und meinem Schicksal lese. Es ist, wie sich spĂ€ter herausstellt, eins von zwei auf A4-BlĂ€tter gedruckten Tickets in diesem Bus. Die ĂŒbrigen Passagiere haben Dokumentenheftchen aus ReisebĂŒros.
In den folgenden 20 Stunden fĂŒhre ich ein sorgenfreies Leben: Die Klimaanlage funktioniert. Es gibt keine Steckdosen, aber ich habe eine Powerbank mit 20.000 mAh. Und gerade noch rechtzeitig, nĂ€mlich gestern, ist endlich europaweites kostenloses Roaming eingefĂŒhrt worden, so dass ich in Kroatien, Slowenien und Ăsterreich Internet habe und nicht wie vor zwei Jahren herumjammern muss. Ha!