Deutsche Bahn, Verkehrsverbunde, Online-und Handy-Tickets
FĂŒr die Dienstreise mit einem frĂŒhen Termin am Montag hat die Firma ein Zugticket am Sonntag gebucht. Eine halbe Zugstunde hinter dem Zielort gibt es eine interessante Besichtigung an diesem Sonntag, die zeitlich passt und fĂŒr die ich mich anmelde. (Kleiner Exkurs. Ein Online-Formular zur Anmeldung will meine komplette Wohnadresse wissen. Datensparsamkeit? Es verweigert dann das Abschicken, weil meine Mailadresse ungĂŒltig sei. Sie enthĂ€lt ein Minus im Host und einen Punkt im lokalen Teil vor dem @, etwas davon ist zu exotisch. Jeder programmiert offenbar immer noch seine eigene Validierungslogik. Ich rufe an und werde in eine Liste eingetragen. Meine Wohnadresse fragt der Mitarbeiter nicht ab. Wozu auch.)
Das Zugticket vom GeschĂ€ftsterminort zum Besichtigungsort muss ich mir selbst besorgen. Die Zeit zum Umsteigen ist recht knapp, nur neun Minuten Aufenthalt, kann ich in der Zeit ein Ticket am Automaten vor Ort buchen? Ich bezweifle das, es soll also lieber ein Online-Ticket sein. Leider ist es eine Regionalverbindung, die man bei bahn.de laut Suchergebnis nicht kaufen kann. Eine Verbindung von meinem Wohnort direkt zu dieser Besichtigung könnte ich buchen, aber einfach nur eine Regionalverbindung, das geht nicht. Es steht dort auch kein Hinweis, warum das so ist oder wie es anders ginge. Kann man das Originalticket noch Ă€ndern? Laut Ausdruck wurde es bei einem ReisebĂŒro gekauft und kann von der Bahn selbst nicht umgetauscht werden. In der Firma kann und will ich meine Privatreisen nicht mit der GeschĂ€ftsreise vermischen.
Ich hoffe, am Hauptbahnhof meines Wohnortes am Automaten oder im Reisezentrum dieses Anschlussticket doch noch so kaufen zu können. Bestimmt ist bei der Bahn selbst mehr möglich. Da ich nicht in der NĂ€he vom Hauptbahnhof wohne, will ich erst anrufen. Eine Telefonnummer des Reisezentrums ist nicht online auffindbar. Ich rufe die allgemeine Hotline der Bahn an. Ein automatisches System fragt mich nach und nach ab, was ich will. Mit einem Mitarbeiter sprechen. Die automatische Ansage heiĂt mich in der Warteschleife willkommen und erklĂ€rt mir, dass es noch ein paar Minuten dauern wird. Ich stelle den Handylautsprecher an und fange an, WĂ€sche zu falten.
Nach etwa einem Korb meldet sich eine gut gelaunte Mitarbeiterin. Sie bestĂ€tigt mir, dass ich mein gewĂŒnschtes Ticket nicht ĂŒber bahn.de bekommen kann. An meinem Hauptbahnhof ist es wider Erwarten aber auch nicht verfĂŒgbar. Verkaufen will der entsprechende regionale Verkehrsverbund online nur ĂŒber seine Handy-App, die soll ich mir doch installieren. Ungern: FĂŒr jede Region eine eigene App, was soll das? Ich installiere aber doch, was bleibt mir ĂŒbrig, muss Namen, meine Adresse, Geburtsdatum und Bankverbindung angeben. Ich muss bei der Installation eine BonitĂ€tsauskunft erlauben, also wage ich nicht, etwas Falsches anzugeben.
Ich gebe die Verbindung am Reisetag ein. Das Ticket kann man aber nur zum sofortigen Fahrtantritt erwerben. Am Reisetag bin ich pĂŒnktlich kurz vor dem Ort, von dem ich zu der Besichtigung weiterreisen will. Da ich gerade funktionierendes WLAN im ICE habe, kaufe ich mit der App das Ticket. Nach der Ankunft am Gleis zur Weiterfahrt angekommen, wird dort angezeigt, dass der Zug an diesem Bahnhof nicht halten wird: Zug entfĂ€llt. Irgendwas mit Oberleitungen. Der nĂ€chste Zug kommt so spĂ€t, dass ich die Besichtigung verpassen werde. HĂ€tte ich mal mit dem Kauf gewartet, bis ich im Zug sitze. Aber dann hĂ€tte vermutlich das Netz nicht funktioniert und ich kein gĂŒltiges Ticket gehabt. Anderthalb Stunden Recherche und Kommunikation fĂŒr nichts. Immerhin ein Korb gefalteter WĂ€sche.
Ich schreibe eine Mail an den Verkehrsverbund, mir doch bitte den Betrag fĂŒr diese Fahrt nicht abzubuchen. Das könnten sie auch automatisch unterbinden, ich habe schlieĂlich ein Ticket fĂŒr eine bestimmte Fahrt gebucht, von der sie wissen, dass sie nicht stattgefunden hat. Damit rechne ich aber nicht. Die Antwort geht dann auch gar nicht auf Details ein. Ich soll ein Formular herunterladen, ausdrucken, ausfĂŒllen und per Post an eine Adresse schicken. Mit Originalbelegen, die ich wegen des Kaufs in einer Handy-App nicht habe.
Bei meinem GeschÀftstermin sind auch Mitarbeiter der Deutschen Bahn anwesend. Ich frage, warum man nicht jedes Ticket einfach bei bahn.de kaufen kann. Offenbar gibt es einen Flickenteppich von Regionalverbunden in Deutschland, die nicht wollen, dass man bei der Bahn kauft. Politikum.
Bei der RĂŒckfahrt will ich einfach nur das Ticket nutzen, das mir die Firma gebucht hat. Ich habe den Ausdruck des Online-Tickets verloren, aber noch die Mail mit dem PDF im Handy. Ich lese mir die Nutzungsbedingungen vor. Dort steht, dass dieses Online-Ticket nur ausgedruckt gĂŒltig sei. Online-Ticket, Papierausdruck, 2017? Gut, dass nicht noch jemand den Ausdruck beglaubigen muss, damit er gĂŒltig ist.
Zum GlĂŒck habe ich noch Zeit bis zur Abfahrt und bin in einer GroĂstadt, das Reisezentrum hat noch offen. Ich ziehe ein MĂ€rkchen, warte eine Viertelstunde, bis die Nummer aufgerufen wird. Die Mitarbeiterin am Schalter tippt die Nummer meines Tickets ein, kann es aber nicht ausdrucken, âweil der Vorgang schon abgeschlossen istâ. Ich weiĂ nicht, was das bedeutet. Ich will es auch nicht wissen. Sie druckt mir aber ihren Bildschirminhalt aus, auf dem meine Reiseroute enthalten ist. Das muss dann wohl reichen.
Ich hĂ€tte sie fragen können, ob ich ihr mein Ticket-PDF per Mail schicken kann. Das kann man hoffentlich so oft ausdrucken, wie man möchte. Sie macht aber nicht den Eindruck, besonders motiviert zu sein, der Screenshot sieht nach Windows 3.1 aus, bestimmt gibt es Vorschriften gegen das Mailen mit Kunden und das Ăffnen fremder PDFs, auch wenn diese von der Bahn stammen. Ich habe ein StĂŒck Papier in der Hand, das wird fĂŒr den Kontrolleur sicher genug sein.
Kurz vor Einfahrt des Zuges wird darauf hingewiesen, dass er auĂerplanmĂ€Ăig nicht dort halten wird, wo ich umsteigen muss. Ich laufe zum nĂ€chsten Info-Schalter. (Hier hĂ€tte ich auch wegen des verlorenen Ausdrucks vorsprechen können, keine Wartezeiten.) Eine Mitarbeiterin sucht mir nach einigen Zurechtweisungen, warum ich nicht verstehe, was sie mir sagt, eine Alternativverbindung und schreibt mir einen Zettel, auf dem steht, warum ich mein zuggebundenes Originalticket nicht nutzen konnte. Stempel und Unterschrift.
Meine Fahrt wird jetzt eine Stunde lĂ€nger dauern und meine kostenpflichtigen Platzreservierungen verfallen. Ich wage nicht, darauf einzugehen, es ist der Tag von WannaCry, alle Anzeigetafeln am Bahnhof sind betroffen und zeigen nur âAuf Durchsagen achten!â an, die Mitarbeiterin ist im Gegensatz zu ihrer Kollegin vorher nicht nur lustlos, sondern unfreundlich, nicht nur zu mir. Eine Ă€ltere Dame, die einen behinderten Jungen im Rollstuhl schiebt, bekam vor mir auf ihre Frage zu hören, dass die Bahn fĂŒr ihr Anliegen nicht zustĂ€ndig sei. Mag sein, aber der Tonfall geht gar nicht.
Fazit: Online macht nichts einfacher. Eine scheinbar simple Bahnreise im Jahr 2017. Keine FlexibilitĂ€t bei Buchungen, bei zwei Fahrten zwei ausfallende ZĂŒge, Datenkraken, mangelhafte Kommunikation, unterschiedliche Verantwortlichkeiten, Unfreundlichkeit, bĂŒrokratisches Beharren auf Papier fĂŒr alle VorgĂ€nge, die nur scheinbar schon digital funktionieren, nicht erbrachte Leistungen muss man trotzdem bezahlen oder groĂen Aufwand betreiben, um das Geld zurĂŒckzuerhalten.
Kurz darauf kĂŒndigt der Bahnchef an, dass an einem alternativen Abrechnungssystem gearbeitet werde. Man bezahlt nur, was man benutzt. In den Kommentaren des Nachrichtenartikels grummelt man wegen der Ăberwachungsmöglichkeiten, das sehe ich genauso. Ich erwische mich aber dabei, wie ich dieses System trotzdem haben will, der Einfachheit und Gerechtigkeit halber.