Um Weihnachten 2025
Es ist Weihnachten und es wird telefoniert
Am Tag vor Heiligabend bin ich in Wandsbek unterwegs, um ein paar letzte Weihnachtseinkäufe zu tätigen, als mich eine WhatsApp von N erreicht: Es gehe ihm gar nicht gut, ob wir bitte kurzfristig telefonieren könnten.
N ist gerade alleine in Peru am Amazonas unterwegs, und ich mache mir natürlich sofort Sorgen.
Ich rufe ihn also direkt per Videotelefonie über WhatsApp an, während ich das Quarree verlasse, um vielleicht auch über das Bild einen Eindruck zu bekommen, was los ist. Während N nur mit T-Shirt und Boxershorts bekleidet alleine unter seinem Moskitonetz am Rand des Regenwalds liegt, stehe ich mit frierenden Händen auf dem leeren Marktplatz hinter dem Quarree und halte mir das Handy vor das Gesicht.
Per Videotelefonie versuchen wir, die Situation zu entwirren.
Es tut gut, ihn dabei ansehen zu können und wir gehen alle Optionen gemeinsam durch; von außen betrachtet sieht es nicht ganz so schlimm aus, wie es sich wahrscheinlich anfühlt, wenn man sich in der Situation alleine und weit weg von der Heimat befindet.
An Heiligabend videofonieren wir noch einmal über WhatsApp. Für ihn ist gerade Mittag, für uns ist abends, und während der Heiligabend-Bescherung stelle ich das Tablet auf den Boden neben den Tannenbaum, so dass er zumindest etwas - virtuell - dabei sein kann.
Am Weihnachtsfeiertag treffen sich Familienmitglieder bei einer Tante. Irgendwann ruft E aus einem deutschen Ballungsgebiet an, auf dem Festnetz. Die Tante stellt den Lautsprecher ihres Telefons an, wir sitzen um das Telefon herum, auf der anderen Seite wird ebenfalls der Lautsprecher angeschaltet. Ich frage, ob wir nicht vielleicht über WhatsApp videofonieren wollen, dann könnte die Oma ihre Enkelkinder auch sehen. Jedoch wird dieser Vorschlag brüsk und vehement zurückgewiesen und ich werde abgekanzelt: Nein, das habe man gerade gestern mit der Schwiegerfamilie aus Berlin probiert, und das würde ja alles gar nicht gehen – ständig würde die Verbindung abbrechen. "Das machen wir jetzt nicht!!" So bleibt dieses gemeinsame Telefonat also auf dem klassischen Telefon, mit dem entsprechend reduzierten Frequenzgang und ohne Bild.
Etwas später ruft auch N aus Peru noch einmal an, wieder per Videotelefonie über WhatsApp. Er liegt zwar wieder alleine unter seinem Moskitonetz, aber es geht ihm offenbar deutlich besser. Es tut gut, das zu sehen, und ganz offenbar freut auch er sich, ein paar vertraute Gesichter in der Heimat zu sehen.
Ich muss akzeptieren – und darf offenbar in einigen Kreisen außerhalb des Techniktagebuchs nichts sagen, was so verstanden werden kann, als würde ich dies andeuten –, dass die Zukunft weiterhin sehr ungleich verteilt ist. So funktionieren im Regenwald am Amazonas bestimmte technische Infrastrukturelemente offenbar selbstverständlicher als in mancher akademischen Mittelschichtfamilie in deutschen Ballungsgebieten.
(Molinarius)

















