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Ich soll nicht sein wie ich bin, ich darf nicht fĂŒhl'n, was ich fĂŒhl'. Ich soll nicht sein wie ich bin, weil die andern sich sonst von mir verunsichtert sind.
BLINKER - Wie ich bin
Neben Gramscis Ăberlegungen zur Herrschaftssicherung in liberalen Gesellschaften können auch Foucaults Ăberlegungen zum Neoliberalismus uns dabei helfen zu verstehen, wie kapitalistische Gesellschaften Menschen hervorbringen, die sich vor allem als ökonomische Wesen begreifen. Michel Foucault, den vielleicht einige von euch bereits durch seine historischen Untersuchung der Machtformen oder durch das Schlagwort âDiskursâ kennen, hatte sich in seiner Vorlesung Ende der 70er Jahre damit beschĂ€ftigt wie Menschen gefĂŒhrt werden. Zuerst gehen wir allerdings auf den Liberalismus selbst ein. Der Liberalismus ist eine Weltanschauung, die Freiheit und freie Entfaltung der einzelnen Menschen in den Mittelpunkt rĂŒckt. Den zentralen Bezugspunkt bildet hier also nicht die Gesellschaft, sondern die einzelnen Menschen. Der Gesellschaft selbst wird besonders im FrĂŒhliberalismus auch nicht zugesprochen, dass sie als eigenes Subjekt mit Dynamiken und Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen funktioniert wie man es heute beispielsweise aus soziologischer Sicht sagen wĂŒrde. Vielmehr wird sie als ein Objekt angesehen, das durch die Vielzahl und VielfĂ€ltigkeit von ökonomischen Einzelinteressen der Menschen und deren politischen Einstellungen produziert wird. Eine Gesellschaft ist hier zunĂ€chst nicht mehr als die Summe der Individuen.
Weiterlesen: Lemke: Eine Kritik der politischen Vernunft: Foucaults Analyse der modernen GouvernementalitÀt, S. 195-207.
ULTRASCHALL - Musikvideo: Art zu Sein /Maskerade
Ăber die von sich selbst als âAlternative Funk Rockâdefinierte Band ULTRASCHALL hatte ich ja bereits schon einmal gebloggt. Den Blogeintrag zur Proberaum-Session findet ihr hier.
Ihr offizielles DebĂŒt bringen die Jungs aber erst raus. Den Titeltrack dieser EP gibt es als ersten Eindruck schon zu hören und das inklusive Musikvideo.
Dieser erste Song beginnt im Intro ziemlich beschwingt, wird dann in den Strophen etwas ruhiger, wobei hier der Funk-Rock Teil ihrer Genre-Selbstdefinition fĂŒr mich besonders klar hervortritt, was vermutlich vom gezupftem Bass herrĂŒhrt. Zum Refrain hin spitzt sich die Stimmung in der Strophe langsam, aber deutlich zu. Der Song wird hier sehr viel lauter, sehr viel energischer und vor allem auch emotional beflĂŒgelter, was hier sehr gut den Inhalt des Textes unterstreicht(, wozu wir spĂ€ter noch kommen werden). Besonders deutlich wird diese Zuspitzung vor dem abschlieĂenden Refrain, wo noch ein rein Instrumenteller Part eingeschoben wird(, auf den ich ebenfalls in Bezug auf den Inhat erneut eingehen werde). Der RĂŒckwechsel zur Stimmung der Strophe hingegen geschieht relativ kurz und schmerzlos, aber dennoch sind die einzelnen Teile gut aufeinander abgestimmt, so dass der Song nicht nach einem seltsamem Hin-und Herschwenken zwischen Genres klingt, sondern den Charakter einer interessanten Mischung trĂ€gt.
Der Song erzĂ€hlt ĂŒber gesellschaftlichen Druck, davon in eine bestimmte Rolle gedrĂŒckt zu werden und wie schwierig es ist, sich dagegen zu wehren. Diese Anpassung wird hier mit Maskierungen verglichen, also dem UnterdrĂŒcken der eigenen Persönlichkeit und dem Ăberdecken dieser durch eine Fassade, wobei hierbei die IndividualitĂ€t oder auch die eigene Persönlichkeit versteckt wird. Diese gesellschaftliche Erwartung wird hierbei durch sehr schöne Metaphern als eine einengende und lebensbedrohende Problematik beschrieben. ULTRASCHALL erzĂ€hlen hierbei davon, dass man durch das âaufsetzenâ einer gesellschaftskonformen Persönlichkeit keine neue Persönlichkeit erlangt, sondern vielmehr seine eigene IdentitĂ€t nur verliert. Dem soll man durch das offene Zeigen der eigenen WesenszĂŒge entgegen wirken können, was sehr schön durch den sehr energetisch und fast schon wĂŒtend gesungenen Refrain untermalt wird. Die letzte Strophe wird mit den Worten
âalso wagen wir es zu riskieren zeigen wir uns unmaskiertâ
beendet, woraufhin der bereits erwĂ€hnte instrumentale Part einsetzt, der somit (in meinen Augen) also fĂŒr ein ungefiltertes Auslassen der eigenen individuellen Persönlichkeit steht und dadurch auch fĂŒr ein Ausbrechen aus gesellschaftlichen Konventionen. Ein sehr gelungenes Stilmittel wie ich finde.
Im Text wird gegen Ende der Zweiten Strophe erwĂ€hnt, dass Kinder, die noch unschuldig sind und den gesellschaftlichen Druck durch ihre kindliche, ungehemmte Art zu denken nicht nachvollziehen können. Deshalb wird durch das Musikvideo hierzu ein wirklich ungemein treffendes Bild geliefert. Hier sieht man, wie ein MĂ€dchen von maskierten Personen durch ein Labyrinth gejagt wird, bis sie schlieĂlich auf einen Maskiertenmit einer Eselsmaske trifft,was ein Sinnbild fĂŒr einen Narren erzeugt, der ihr eine Kiste ĂŒberreicht, in der sich ihre persönliche Maske befindet. Man könnte also sagen, das Video zeigt den Versuch dem gesellschaftlichen Druck zu entkommen, der fordert seine kindliche Seite und auch seine Persönlichkeit, seine IndividualitĂ€t aufzugeben bzw. diese zu untergraben. Abgerundet wird die Geschichte des Videos damit, dass das MĂ€dchen in ihrem Bett aufwacht, jedoch hĂ€ngt ihre Maske an ihrem Bettpfosten. Ob es sich bei der vorangegangenen Sequenz also um einen Traum oder um die RealitĂ€t handelt wird nicht beantwortet. Das ganze wird in sehr schönen und aufwendig produzierten Bildern erzĂ€hlt. Besonders gut gefallen mir hier die Masken, die sehr durchdacht und liebevoll gestaltet anmuten. In meinen Augen ein wirklich sehr gelungenes Musikvideo.
Abschliesend kann ich sagen, dass mir der Song wirklich gut gefĂ€llt, er bringt dass was er sagen will sehr bildlich rĂŒber und ich mag den Sound der Band sehr. Die DebĂŒt-EP mit dem Titel Art zu Sein erscheint am 30.11.17 und ich bin schon sehr gespannt da mal reinzuhören. (Zur Website von ULTRASCHALL kommt ihr hier)
Wie findet ihr den Song denn? Was haltet ihr so von der Band? Lasst mich das doch gerne wissen!
« Affaiblissement dâun peuple ou dâune civilisation rĂ©sultant de causes endogĂšnes, et tendant Ă lui faire perdre son identitĂ© et sa crĂ©ativitĂ©.
Les causes de la dĂ©cadence sont presque partout les mĂȘmes dans lâhistoire : individualisme et hĂ©donisme excessifs, amollissement des mĆurs, Ă©goĂŻsme social, dĂ©virilisation, mĂ©pris des valeurs hĂ©roĂŻques, intellectualisation des Ă©lites, dĂ©clin de lâĂ©ducation populaire, dĂ©tournement ou abandon de la spiritualitĂ© et du sacrĂ©, etc.
Dâautres causes sont frĂ©quentes : modification du substrat ethnique, dĂ©gĂ©nĂ©rescence des aristocraties naturelles, perte de la mĂ©moire historique, oubli des valeurs fondatrices. La dĂ©cadence survient lorsque le souci du maintien dans lâhistoire de la communautĂ©-du-peuple sâestompe, lorsque les liens communautaires de solidaritĂ© et de lignage sâaffaiblissent. Pour rĂ©sumer, on peut dire que la dĂ©cadence voit des symptĂŽmes apparemment contraires se conjuguer : lâexcessive intellectualisation des Ă©lites, de plus en plus coupĂ©es du rĂ©el, et la primitivisation du peuple. Panem et circensesâŠ
LâEurope connaĂźt aujourdâhui une telle situation. La plupart du temps, la dĂ©cadence est mal perçue comme telle et refusĂ©e par ses contemporains. Ceux qui la dĂ©noncent sont assimilĂ©s Ă des prophĂštes de malheur. Les Ă©poques de dĂ©cadence se parent souvent du masque de la renaissance. Ces attitudes sont des comportements de conjuration du rĂ©el, dâoccultation des symptĂŽmes dans le but de rassurer. »
Georges Bernanos, La France contre les robots, 1947.
Illustration: thÚme de la derniÚre université d'été d'Academia Christiana du 15 au 21 aout 2016 en Normandie.

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Individualismus
Ich denke gerade darĂŒber nach, wie Individualismus fĂŒr viele konservative Menschen sehr wichtig ist. HĂ€ufig argumentieren Konservative auch, dass gewisse Dinge natĂŒrlich sind und moralisch wertvoll sind. Ich bin nicht der Meinung, dass natĂŒrlich mit gut gleichzusetzen ist. Vieles ist natĂŒrlich, das alleine macht fĂŒr nicht etwas moralisch gut oder gar wertvoll. Ich habe bisher auch noch kein rational ĂŒberzeugendes Argument fĂŒr diese Gleichsetzung gesehen. Individualismus sehe ich ebenfalls nicht als eine erstrebenswerte Gesellschaftsordnung. Das kommt daher, dass ich es wichtig finde, dass es möglichst allen Menschen (und anderen Lebewesen gut geht) und Individualismus ist nicht zielbringend dafĂŒr. Es gibt viele historische Beispiele dafĂŒr, die Covid-Pandemie ist nur eines. Abgesehen davon glaube ich auch nicht, dass Menschen von Natur aus individualistisch sind. Menschen sind Herdentiere, unser Ăberleben hing von unserer Herdenzugehörigkeit ab. Ein Mensch alleine konnte noch nie ĂŒberleben. Deshalb ist Mobbing und Ausgeschlossen werden auch so schmerzhaft, denn es ist existenziell, auch wenn es einem nicht unbedingt so erscheint. Wir alle sind auf unsere Mitmenschen angewiesen und ich finde, dass sollte auch in unserer Gesellschaftsordnung widerspiegelt werden. Nicht darin, dass wir Hierarchien schaffen, im Gegenteil. Abgesehen davon, dass ich Individualismus nicht als natĂŒrliche Haltung der Menschheit sehe, glaube auch nicht, dass es zu einem glĂŒcklichen Leben beitrĂ€gt. Alle Menschen suchen Anschluss, auch Menschen, die nicht materiell auf andere angewiesen sind. Einsame reiche, berĂŒhmte Menschen versuchen ĂŒber Social Media andere zu beeindrucken und sich somit eine Gruppe zu schaffen, zu der sie dazugehören können. Darum fĂ€llt es wohl einigen von ihnen leicht, sich faschistischen Bewegungen anzuschliessen, da diese ihnen eine Gruppenzugehörigkeit bieten zu scheinen. Isolation verschlechtert die Gesundheit der Menschen, was viele wĂ€hrend Covid-Lockdowns am eigenen Leibe erfahren haben. Ich bin nicht ganz sicher, wie ich diese Gedanken zu einem Schluss bringen soll. Ich wollte meine Inspiration nutzen, um mich wieder im schreiben zu ĂŒben. FĂŒr einen ersten Versuch reicht's bestimmt.
Individuum und Institution â Ethische Perspektiven fĂŒr komplexe Probleme
Gut und böse sein â können das auch Institutionen? Oder ist Moral nur etwas fĂŒr Individuen? Woran hat sich eine Ethik zu orientieren: an (konkreten) Tugenden oder an (abstrakten) Normen? Komplexe Probleme verlangen neue DenkansĂ€tze.
Drama âDer gute Mensch von Sezuanâ
Im ZĂŒricher Schauspielhaus wird am 4. Februar 1943 Bertolt Brechts Drama âDer gute Mensch von Sezuanâ uraufgefĂŒhrt. Es ist ein StĂŒck ĂŒber Moral in schlimmen Zeiten. Es geht darin um die Frage, ob ein âguter Menschâ sich âbösen UmstĂ€ndenâ entziehen kann.
Brecht verneint diese Frage: Erst muss sich die Welt Ă€ndern, dann kann sich der âgute Menschâ entfalten. In einer schlechten Welt werden auch die besten Menschen irgendwann korrumpiert sein. Adorno hat ihn spĂ€ter mit der vielzitierten Aussage bestĂ€tigt, es gĂ€be âkein richtiges Leben im falschenâ.
Tugend oder Norm?
Funktioniert eine Gesellschaft gut, weil die Regeln oder weil die Menschen gut sind? Bertolt Brecht setzt auf die Regel. Sein Ansatz richtet sich damit gegen die âSauerteig-Theorieâ der christlichen Ethik aus der Vorstellung des Evangeliums, dass einige wenige gute Menschen eine Gemeinschaft allmĂ€hlich zum Guten verĂ€ndern können, und löst das uralte moraltheoretische Norm-Tugend-Problem zugunsten der Norm: Erst mĂŒssen sich die VerhĂ€ltnisse Ă€ndern, dann kann sich der Mensch Ă€ndern.
Nicht alle Autoren, die unter der nationalsozialistischen Diktatur litten, sind dieser Ansicht. Von Erich KĂ€stner, der es vorzog, in Deutschland zu bleiben und in der Zeit der NS-Diktatur mehr oder weniger unpolitische KinderbĂŒcher schrieb (die ironischerweise seinen Ruhm begrĂŒndeten) stammt der Spruch âEs gibt nichts Gutes, auĂer man tut es!â â also auch keine âgute Normâ. Die kommt nicht von selbst, die muss man machen. Am Anfang des Guten steht also immer das tugendhafte Tun.
Strukturen
Dagegen wiederum wird man einwenden können, dass in einem moralisch verkommenen System selbst der tugendhafteste Mensch an Grenzen stöĂt. Dass es also âböseâ VerhĂ€ltnisse gibt, âungerechteâ und â wie der Friedensforscher Galtung meinte â âgewaltsameâ Strukturen.
Freilich kommen diese nur dann auch als solche zur Entfaltung, wenn es Menschen in ihnen gibt, die bereit sind, entsprechend der normativen Vorgaben zu handeln. Das âWannsee-Protokollâ selbst (als beschriebenes Papier) hat niemandem geschadet, erst dessen DurchfĂŒhrung.
Es brauchte Menschen, die das, was beschlossen und dem eine Struktur gegeben wurde, in die Tat umsetzten. Andererseits wÀre keiner dieser Menschen als Einzelner willens und in der Lage gewesen, die grauenvolle Vernichtungsabsicht des NS-Regimes zu realisieren, die insoweit auf die Struktur angewiesen war.
Dass damit die Strukturen, in denen sich Menschen organisieren, selbst Gegenstand ethischer Betrachtungen werden mĂŒssen, ist offenkundig. Das ist lĂ€ngst erkannt worden und wird in der Institutionenethik verhandelt.
Institutionenethik
Die NormativitĂ€tsethik hat dabei gegenĂŒber der Tugendethik einen Vorteil: Sie kann das Individuum ansprechen, aber auch die Institution. Regel und Gesetze können â im Gegensatz zu Tugenden â auf Kollektive ausgedehnt werden.
Eine Tugend wie âPĂŒnktlichkeitâ kann nur der Einzelne leben, die Gemeinschaft braucht dafĂŒr eine Norm (mit Sanktionen bei âUnpĂŒnktlichkeitâ). Diese kann auch strukturell wirken und damit die Institution selber an die Tugend binden, wenn etwa â um im Beispiel zu bleiben â âpĂŒnktliche Lieferungâ als wichtiger Aspekt des Produktionsprozesses eines Unternehmens in den Zielsetzungen festgeschrieben wird.
Dann steht die Institution ĂŒber die (selbstgegebene) Norm als Ganze fĂŒr die Tugend âPĂŒnktlichkeitâ ein. In diesem Sinne kann man dann sagen, Firma XY âliefert pĂŒnktlichâ. Auch, wenn es immer Menschen sind und bleiben, die pĂŒnktlich liefern oder pĂŒnktliche Lieferung veranlassen, so tun sie dies doch â wenn nicht allein, so doch vor allem â aufgrund der institutionellen Zielsetzung.
Institutionenethik ist immer dann gefragt, wenn der einzelne Mensch machtlos vor der Struktur zu kapitulieren droht, also bei hochkomplexen Themen der Armut und dem Hunger in der Welt.
Da tut man, was man kann und spendet zu Weihnachten, merkt aber: Es ist ein Tropfen auf den heiĂen Stein. Hier mĂŒssen andere KrĂ€fte ans Werk, hier mĂŒssen sich Strukturen Ă€ndern, damit sich ĂŒberhaupt etwas Ă€ndern kann.
Jemand, der diese Intuition innerhalb der akademischen Philosophie schon seit einigen Jahren klug begrĂŒndet, ist Thomas Pogge. In âWorld Poverty and Human Rightsâ (2002) plĂ€diert er fĂŒr eine gerechte Weltordnung, die im Rahmen einer âglobalen institutionellen Reformâ erreicht werden soll.
Denn, so Pogge, die vorhandene Ungerechtigkeit könne auf âinstitutionelle Faktoren zurĂŒckgefĂŒhrt werdenâ, sowohl âauf die nationalen institutionellen Strukturen vieler EntwicklungslĂ€nder, fĂŒr die primĂ€r deren politische und ökonomische Eliten die Verantwortung tragenâ, also auch âauf globale institutionelle Strukturen, fĂŒr die in erster Linie die Regierungen und BĂŒrger der wohlhabenden Staaten verantwortlich sindâ.
Er prangert in diesem Zusammenhang eine âkollektive Menschenrechtsverletzungâ durch die bestehende Organisation des Welthandels an und markiert als âTĂ€terâ Institutionen wie die WTO oder den IWF. Diese Institutionen mĂŒssten sich Ă€ndern.
Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen, deshalb geht es nicht ohne Organisationen und Institutionen, die eine gerechte Ordnung schaffen. Das ist der Ansatz der Institutionenethik.
Das Problem der Verantwortung
Hier zeigt sich nun das groĂe Problem der Institutionenethik: die Verantwortungszuschreibung. Vor allem dann, wenn im negativen Modus Organisationen und Institutionen eine ungerechte Ordnung geschaffen haben.
In Anbetracht der NĂŒrnberger Prozesse gegen die Hauptverbrecher des NS-Regimes, des Jerusalemer Prozesses gegen Adolf Eichmann oder auch der MauerschĂŒtzenprozesse nach der âWendeâ ist leicht zu erkennen, wie schwer es ist, die Verantwortlichkeit des Einzelnen innerhalb komplexer Handlungsketten zu bemessen, weil sich der Mensch in der Struktur einer Institution verlieren oder auch bewusst verstecken kann.
Das (bei allen drei Gelegenheiten vorgebrachte) Rechtfertigungsargument âBefehlsnotstandâ, das dem Einzelnen die Verantwortung nehmen soll, verfĂ€ngt allerdings nur, wenn man der Norm (in Gestalt des Befehls) eine zwingende und durchschlagende Wirkung auf das Handeln zuspricht.
Das wiederum funktioniert ethisch nicht, weil es ĂŒbersieht, das dem Menschen immer noch sein Gewissen bleibt, um Gebote und Gesetze zu prĂŒfen und in Frage zu stellen. Und Befehle auch. Die Verantwortung des Einzelnen ist also nicht âwegâ, nur weil man dem Ganzen noch einmal separat eine Kollektivverantwortung gibt â als Institution, die in ihrer Struktur moralisch gut oder schlecht aufgestellt sein kann.
Relevante Wechselwirkung
Gerade heute sind institutionenethische AnsĂ€tze der einzige Weg, um komplexe Moralthemen zu bewĂ€ltigen. Dabei handelt es sich nicht um eine âneue Ethikâ, sondern um eine andere Sicht auf unser Handeln, das im Kontext von strukturellen Vorgaben stattfindet. Sich diese selbst einmal anzuschauen, eröffnet keine neue Bereichsethik mit inhaltlich eigenen Fragen und Antworten, sondern ermöglicht eine neue Perspektive auf unsere Handlungspraxis, indem sie die Dimension der normativen Vorgaben der Struktur (mit Wirkung nicht nur fĂŒr die Struktur, sondern aus der Struktur) mitberĂŒcksichtigt, unter denen Menschen handeln.
Umgekehrt gerĂ€t auch in den Blick, wie das Handeln von Menschen Strukturen stĂ€rken oder gar schaffen kann, die MoralitĂ€t (oder ihr Gegenteil) befördern helfen â auch ohne, dass sich diese selbst normativ oder institutionell manifestieren (in Gestalt fluider sozialer âBewegungenâ, die keine Organisationsform annehmen).
Das Individuum kann damit die Institution mitgestalten (âMacht des Verbrauchersâ), was wiederum RĂŒckwirkung auf die kĂŒnftigen Handlungsoptionen des Einzelnen hat â eine prĂ€gende Wechselbeziehung von hoher moralischer Relevanz. Gerade dieser Aspekt ist heute unerlĂ€sslich, um gesellschaftliche Entwicklungen (etwa die âXY for Futureâ-Bewegungen im Bereich des Klimaschutzes) ethisch vernĂŒnftig einordnen zu können.
Und die Kirche?
Der Sauerteig allein reicht oft nicht. Die grundsĂ€tzlich eher tugendethisch orientierte Kirche sieht das mittlerweile auch so â nicht nur fĂŒr moralische Fragen innerhalb der eigenen Institution.
Die katholische Moraltheologie nimmt in den komplexen globalen Fragen (neben dem Armuts- und Hungerproblem sei hier auch an das Thema Klimawandel gedacht) auch die Institutionen in den prĂŒfenden Blick. Sie kann dabei auf die Soziallehre der Kirche bauen, die den Bereich der Ethik schon ĂŒber das Individuum ausdehnt und Vorstellungen einer gemeinschaftlich realisierten MoralitĂ€t formuliert.
Kardinal Turkson wies im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato Siâ von Papst Franziskus 2015 darauf hin, dass âeine grĂŒndliche GewissensprĂŒfung nicht nur unsere individuellen MĂ€ngel sondern auch die unserer Institutionen erkenntâ. Die DBK appellierte 2019 in einem Papier zum Klimaschutz an die Weltgemeinschaft, âdurchsetzungsfĂ€hige internationale Institutionenâ zu schaffen.
In diesem Sinne sollte die Katholische Kirche und die sie beratende katholische Moraltheologie die hohe ethische Relevanz von Systemen und Strukturen verstĂ€rkt berĂŒcksichtigen.
Alles meine Schuld
Ich mache mich auf den Weg zum Waldrand, um einen Besuch zu machen. Frau âIch-bin-fĂŒr-alles-verantwortlichâ, die natĂŒrlich nicht wirklich so heiĂt, aber ich will sie jetzt einmal so nennen, weil es ihre Einstellung recht gut trifft. Ihr HĂ€uschen besteht durchweg aus natĂŒrlichen Materialien. Im Garten wĂ€chst alles, was sie zum Leben braucht. Selbst Energie und Wasser lukriert sie selbst, sei esâŠ
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