Aus dem Tagebuch des Lazlo Thoran
I. Erste Tapser eines Goblins
Diese Aufzeichnungen gehen an alle, die das später vielleicht mal lesen und wissen wollen, wer ich war und was ich so alles gemacht habe, um mich in der Welt der Wissenschaft als erster Cryptopodologe zu behaupten. Mein Name ist Lazlo Thoran, und ja, ich weiß was Ihr jetzt vielleicht sagt: Ein Goblin, der Wissenschaftler ist? Auch wenn meine Artgenossen nicht die hellsten Fakeln in der Höhle sind, so sind wir doch wie die Menschen: Unterschiedlich. Schon als Kind habe ich Bücher gelesen und lieber dem Dorfbader bei der Arbeit zugeschaut (helfen durfte ich nicht, ich habe zwei linke Hände) als im Wald Abenteurern bei ihrer Queste zu nerven (was Goblins mit Leidenschaft tun).
Als ich fünf Winter alt war bin ich bei dem Versuch, einen Baum hoch zu klettern (ich liebe es zu klettern) so katastrophal abgerutscht und gestürzt, dass der Dorfbader, der mich später wieder zusammengeflickt hatte, dachte, ich könne nie wieder laufen. Mit Neun trat ich dann mal in glühende Kohlen, die vom Grillfest auf den Boden gefallen waren und als ich Dreizehn war fuhr mir eine Pferdekutsche über die Füße. Mit anderen Worten: Meine Quadratlatschen haben schon einiges mitgemacht, und mir immer wieder große Schmerzen bereitet. Doch wie sagte mal Grindel, die im Tempel immer die Kerzen anzündet: "Die Natur lässt uns kämpfen, damit wir stärker werden."
Na ja, und ich habe gekämpft, und wie. Und es ist ein Wunder, dass ich überhaupt noch laufen, rennen, klettern und schwimmen kann, denn meinen Füßen geht es prächtig. Und weil ich immer gerne ein Buch lese über das, was mich so interessiert, stieß ich eines Nachts auf diese Pergamentrolle, auf der in dunkelgrüner Lehmfarbe ein riesiger Fußabdruck und in ziemlich alter Goblinsprache die Leitsätze der CRYPTOPODIA aufgepinselt waren. Zumindest glaube ich, dass es Leitsätze (oder Regeln, oder Grundsätze) sind, denn außer dem Wort CRYPTOPODIA konnte ich bis heute nichts auf der Schriftrolle entziffern. Es scheint aber in dem Schriftstück um Füße zu gehen, und wenn jemand eine so alte, kunstvolle Schriftrolle anfertigt, die auch noch von zwei Ogern bewacht wird (das war vielleicht ein Stress, dieses Ding unbemerkt an den Ogern aus der geheimen Bibliothek des Dorfbaders herauszuschmuggeln), dann muss es doch sehr wertvoll und von großer Bedeutung sein, oder?
Lange Rede, gar kein Sinn: Ich habe die Schriftrolle bei mir, zusammen mit dem Tagebuch, wo ich jetzt diese Worte gerade rein schreibe und ein bisschen was zu Essen in meinem Rucksack. Eine Kerze, einen Feuerstein sowie mein Lieblingsbuch "Tierspuren, Fährten und Fußabdrücke deuten" habe ich auch auf meiner Reise dabei. Und den Brief vom Verwaltungsamt aus Goblinmark, in dem steht, dass meine Tante aus Finsterbrand gestorben ist und mir ihre Ziegelei vermacht hat.
Ja, eine Ziegelei. Trifft sich doch gut, wenn zwei wütende Oger und ein cholerischer Dorfbader hinter einem her sind, nur weil man sich eine Schriftrolle ausgeliehen hat, dass man dann Grund hat, zu verreisen. Und eine Ziegelei, das klingt nach einem richtig großen Haus in dem ich in aller Ruhe meinen Forschungen nachgehen kann. Denn seit meinem ersten Unfall (wo ich fast meine Füße und Beine verloren hätte) habe ich mich immer mehr mit dem Bau und der Funktion von Füßen befasst und mich immer wieder dabei ertappt (ha ha, Tapp Tapp, ich tappe gerade mit meinem Fuß auf der Holzplanke herum), anderen Leuten auf die Füße zu schauen.
Ich werde das erste Institut für Cryptopodologie gründen. Aus aller Welt werden die Leute kommen, um sich von den vielen Badern, Schamanen und Kräuterheilern ihre Füße kurieren zu lassen. Und da meine Füße ganz besonders kampferprobt sind, kann ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung viel dazu beitragen. Ich sehe es schon vor mir: Doktor Lazlo Thoran, den Fußspuren auf der Spur. Das ist so genial!
Jetzt muss ich für heute erst mal Schluss machen. Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, sich ausgerechnet auf einem Piratenschiff nach Finsterbrand bringen zu lassen, aber es ist nun mal das einzige Schiff, wo sich die Gesetzeshüter nicht hin trauen (und das nur wegen dieser Schriftrolle). Ich lege mich jetzt schlafen, morgen werde ich in Finsterbrand ankommen.















