The Odyssey (O-Ton)...
...hatte bei mir einen komplett gegenläufigen Effekt wie Christopher Nolans letzter großer Schinken, "Oppenheimer": war ich damals von der ersten Hälfte noch sehr angetan und nach dem Trinity-Test immens enerviert von einem Plot, der all die spannenden Themen um Schuld und Verantwortung nur noch homöopathisch behandelte und sich stattdessen hauptsächlich dafür zu interessieren schien, wie übel dem armen, armen "destroyer of worlds" (seine Worte, nicht meine) von Seiten des Staates mitgespielt wurde, waren mir in Nolans Homer-Bearbeitung die vielen "wir machen Inselhopping mit stetig schwindender Crew"-Szenen bei aller visuellen Pracht und einem Göransson-Score zum Niederknien noch herzlich egal, weil dies dann halt doch die x-te Verfilmung des Stoffes und Nolan inszenatorisch nicht originell genug ist, damit ich nicht immer wieder dachte: das kenn ich schon und finde nichts wirklich Neues hier.
Dann aber kommt die wie immer virtuose Samantha Morton mit einer radikalen Neuinterpretation einer ikonischen Figur um die Ecke, hievt dieses Ding in ungeahnte Dramenhöhen, und irgendwie sackt das Ganze hinterher nicht wieder ab, sondern wird zu einem so ergreifenden wie packenden Kammerspiel, welches thematisch gerade da furchtlos und kopfüber eintaucht, wo "Oppenheimer" komplett seinen Kompass verlor, sei dieser narrativer oder moralischer Natur.
Ja, "The Odyssey" ist für mich immer da am Besten, Schönsten, Wahrsten, wo Nolan die ausgetretenen Pfade einer die Jahrtausende überdauernden Geschichte verlässt und sie als Grundgerüst für die Dekonstruktion ihres eigenen Mythos nutzt. Sein Odysseus, von einem überzeugend lebensmüden Matt Damon gegeben, ist nicht das charismatische Cleverle als den wir ihn in allen anderen filmischen Interpretationen zu Gesicht bekamen, er ist ein Mann, dessen Hybris immer wieder in die Katastrophe führt und der sich am Ende fragen muss, wie ein richtiges Leben im Falschen, ein Existieren als Täter mit Gewissen möglich sein kann. Hier ist Nolan zu meiner Überraschung und Freude wesentlich näher dran an John von Düffels durch und durch abgründiger, phantastischer deutscher Bühnenbearbeitung der "Odyssee" von vor ein paar Jahren als am Ur-Homer oder Emily Wilsons kongenialer englischer Übersetzung - ja, grooooße Leseempfehlung sowohl für besagte Übersetzung als auch das Theaterstück, aber als jemand, der Düffels "Niemand/Odysseus" relativ kürzlich leibhaftig spielen durfte, bin ich da auch ein bisschen voreingenommen.
Das Ensemble dieses Filmes ist brillant: neben der bereits genannten Morton zeigen vor allem eine naturgewaltige Anne Hathaway und ein Himesh Patel, ohne dessen stoische Menschlichkeit die erste Hälfte nicht funktionieren würde, was sie können. Aber sowieso: jenseits von einem komplett verschenkten Jon Bernthal, dessen altbekannter, nicht einen Furz veränderter Grummel-Shtick mich zweimal volle Kanne aus dem Film warf, ist dies hier ein genial besetzter Edelcast zugange, sei es Elliot Page als das beispielhafte Gesicht hinter Odysseus taktierender Kaltschnäuzigkeit den eigenen Männern gegenüber, Robert Pattinson mit sichtlicher Freude am Zwirbelbartschurken ohne Zwirbelbart oder Charlize Theron und Lupia Nyong'o, die ihre jeweilige Gravitas einem Film schenken, der für Nolans Verhältnisse in Sachen Charaktertiefe deutlich besser als sonst mit seinen weiblichen Figuren umgeht, aber dahingehend durchaus auch noch Luft nach oben lässt.
Unterm Strich haben mich die intensiven Kammerspiele in der zweiten Hälfte deutlich mehr abgeholt und berührt als die handwerklich krass ambitionierten Actionsetpieces der ersten - die aber natürlich so wuchtig und krawummig daherkommen, dass ein Kinobesuch allein schon deswegen für alle Fans von großem Kino ein Muss sein müsste.
D.C.L.

















