2009 bis 2014
Aufschreibesysteme 2009/2014, Teil 1: Exzerpieren und Datensicherung
Im Winter 2009 beginne ich damit, an meiner Dissertation zu arbeiten. Das erste Jahr verbringe ich ĂŒberwiegend damit, die vorhandene SekundĂ€rliteratur zum Thema (das Mensch-Affe-VerhĂ€ltnis als emblematischer Diskurs der deutschen Darwin-Rezeption) zu lesen. In der zweiten JahreshĂ€lfte (so ungefĂ€hr, das ist ja zum Aufschreibezeitpunkt 2021 schon lange her!) kommt die LektĂŒre von PrimĂ€rquellen hinzu: Dabei handelt es sich gröĂtenteils um BeitrĂ€ge aus Fachzeitschriften aus der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts oder um Abhandlungen aus der gleichen Zeit, die 2009/2010 teilweise schon durch Google digitalisiert worden sind. Einen erfreulich groĂen Teil der Fachzeitschriften kann ich auch bei archive.org einsehen. Meine Arbeitszeit verbringe ich aber gröĂtenteils im Lesesaal der Staatsbibliothek zu Berlin, Bereich HB5. Zu diesem Zeitpunkt gibt es dort noch kein W-LAN, E-Mails checke ich im Computer Pool, der ca. 200 Meter von meinem angestammten Arbeitsplatz entfernt liegt.
Ich arbeite zu dieser Zeit mit einem Dell-Laptop, das ich mir im Jahr 2008 gekauft habe. Von Beginn an notiere ich jedes Buch, das ich einsehe, in der Literaturverwaltungssoftware Citavi. Die Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin, an der ich im Institut fĂŒr Kulturwissenschaft promoviere, hat wie viele andere UniversitĂ€ten einen Lizenzvertrag mit Citavi abgeschlossen, sodass die Nutzung kostenfrei ist und den Studierenden und Promovierenden nahegelegt wird. Das fĂŒhrt im Verlauf der Arbeit und meiner weiteren akademischen Arbeit dann noch zu erheblichen Problemen, die ich in einem zweiten Beitrag beschreiben werde. 2009 aber wende ich mich vertrauensvoll an die Software mit den netten AnfĂŒhrungszeichen.
Vor allem zu Beginn der Arbeit exzerpiere ich aber viele Quellen noch handschriftlich in College-Blöcken, eine typische Seite sieht dabei so aus:
Das System habe ich seitdem nicht verĂ€ndert und nutze es auch weiter, als ich nicht mehr handschriftlich exzerpiere. Wann dieser Moment eintrat, weiĂ ich nicht mehr, aber ich glaube, es muss gewesen sein, als ich einfach nur noch fertig werden wollte und es mir als ein groĂer Vorteil erschien, selbst schlecht geschriebene Notizen aus Exzerpten per Copy+Paste aus Citavi oder einem Word Dokument zu ĂŒbernehmen â fĂŒr jeden exzerpierten Text lege ich zunĂ€chst ein Worddokument an, bis ich diese dann zusĂ€tzlich auch noch einmal in das âAbstractâ-Feld bei Citavi kopiere.
Die Seiten hier zeigen einen prototypischen Exzerpt-Verlauf: Nennung des Titels (teilweise schon Kurzangabe). Unterstrichen die Seitenzahl. Mit einem Pluszeichen ist ein neuer Punkt / Gedanke markiert, Spiegelstriche zeigen Unterpunkte an. Die Verwendung des Pluszeichens habe ich in der Oberstufe von der von mir verehrten Philosophielehrerin ĂŒbernommen. Zitate aus SekundĂ€rliteratur, aber auch aus Quellen tippte ich, soweit ich weiĂ, von Anfang an ab, weil es sich dabei um die Teile eines Textes handelt, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Weiterverarbeitung in einem digitalen Textverarbeitungsprogramm am gröĂten ist.
Die handschriftlichen Exzerpte hefte ich zusammen mit Fotokopien der Forschungsliteratur zusammen in thematisch geordneten Aktendeckeln in Aktenordnern ab. Ich verwende bis zum Abschluss der Dissertation im Juli 2013 weiterhin Fotokopien, allerdings immer weniger, seit ich im Herbst 2010 ein Semester in Berkeley verbringe, wohin ich meine Aktenordner nicht mitschleppen kann. Mitgenommen habe ich aber ganz sicher ein DIN A5 Spiralbuch der Firma Clairfontaine mit blanko Seiten, denn diese verwende ich seit 2008 (oder etwas eher) als ArbeitsnotizbĂŒcher. Hier notiere ich mir Signaturen von BĂŒchern, die im Freihandbestand der Stabi einzusehen sind, zentrale Punkte von VortrĂ€gen, Anfangszeiten von Kinofilmen und andere lose Bemerkungen, allgemeine To-Do-Listen, und vor allem den Aufbau von eigenen Texten oder VortrĂ€gen. Ich fange eigentlich niemals einen Text an, ohne vorher einen handschriftlichen Aufbau gemacht zu haben. Das hat sich bis heute und fĂŒr alle Textsorten, die ich schreibe, nicht geĂ€ndert. Das Aufschreibesystem (Pluszeichen etc. s.o.) hat sich seitdem nicht geĂ€ndert.
Das Schreiben der Dissertation ist zunĂ€chst sehr angstbesetzt. Nicht allein deshalb, weil ich mich selbst im Verdacht habe, zu doof zu sein und die Form nicht zu beherrschen, sondern auch, weil ich Angst habe, der Text könnte einfach wieder verschwinden, wiederum durch Doofheit und fehlende Datensicherung ausgelöst. Das biĂchen, was ich hinkriege, möchte ich wenigstens erhalten.
Meine Schwester empfiehlt mir eine Schweizer Cloud, bei der man sich kostenlos anmelden kann. Leider weiĂ ich den Namen nicht mehr und beim Nachgooglen kommt mir alles unbekannt vor, was unter âSchweizer Datensicherung Cloud kostenlosâ angezeigt wird. Jedenfalls kann man dort eine bestimmte Datenmenge ablegen, ich lade mittags und abends meine KapitelentwĂŒrfe und alle Word Dateien hoch, an denen ich gearbeitet habe, was relativ umstĂ€ndlich ist. Da ich wirklich panische Angst habe, auch nur einen Nachmittag Arbeit zu verlieren (was, wenn mir nicht mehr einfĂ€llt, was ich mir zu kruden Texten ĂŒber Hirnforschung ca. 1873 abgerungen habe?), schicke ich mir selbst zusĂ€tzlich mindestens ein Mal am Tag eine E-Mail mit dem aktuell in Bearbeitung befindlichen Kapitel. ZusĂ€tzlich verwende ich zu dieser Zeit auch noch eine externe Festplatte zur Sicherung meiner Daten, soweit ich weiĂ, brauchte sie noch einen eigenen Stromantrieb, den Speicherplatz von 500 GB fand ich völlig ĂŒbertrieben (war er auch, ich brauchte nicht einmal 5 GB, glaube ich. In diesem Beitrag wird ĂŒberproportional viel geglaubt und vermutet, was auch daran liegt, dass ich beispielsweise die Festplatte, anders als einige Notizen, siehe oben, entsorgt habe, weil ich keinerlei sentimentales VerhĂ€ltnis zu ihr pflegte und sie sehr hĂ€sslich fand).
Vermutlich erst im FrĂŒhjahr 2012 macht mich ein Freund mit dem Konzept von Google Drive bekannt (ich datiere das so ungenau, aber doch genau genug, weil ich weiĂ, dass wir uns zu dem Zeitpunkt gut genug kannten, um solche Details auszutauschen); Dropbox nutze ich zu diesem Zeitpunkt evtl. auch schon, auf Grund des kleineren Speicherplatzes wĂ€hle ich fĂŒr die Sicherung meiner Dateien, die im Zusammenhang mit der Dissertation stehen, aber Google Drive. UngefĂ€hr zu dieser Zeit gebe ich auch den Schweizer Datensafe auf, mein Konto löse ich nie auf, und irgendwo im Universum ist also der Arbeitsstand einer Ă€ngstlichen Doktorandin ca. 2011 noch dokumentiert. Seit meiner Desertion zu Google Drive speichere ich keine wichtigen (aber eigentlich auch keine unwichtigen) Dateien mehr lokal, also solche, bei denen mir der Verlust graue Haare, HĂŒhneraugen und Magenschmerzen bereiten wĂŒrde.
(Hanna Engelmeier)
















