Seit Anfang 2026
Meine schlaue Brille und ich
Seit vielen Jahren mache ich Musik, seit einigen Jahren auch solo als Liederbastler mit eigenen Songs. Aber mal abgesehen von meinen musikalischen Unzulänglichkeiten habe ich schon seit der Grundschule ein großes Problem. Ich kann unheimlich schlecht wortgenau auswendig lernen. Das bemerkte ich an Gedichten, die es auswendig aufzusagen galt und später dann, dass ich im Gegensatz zu meinen MitmusikerInnen meine Passagen nicht auswendig konnte. So ungefähr wusste ich, was los war. Aber eben nicht genau. Und ungefähr reicht bei Musik nicht. Aber abzulesen ist für einen Popmusiker, der normalerweise keine Noten oder ähnliches vor sich hat, ein Problem. Es ist erstes nicht üblich, und zweitens hat man auch nicht den guten Kontakt zum Publikum. Irgendwie ist es ein Makel.
In frühen Jahren hatte ich entweder irre Mühe bei den Songs und verspielte mich (noch) öfter, oder musste irgendwo ein paar Zettel rumliegen haben. Als die Gigs umfangreicher wurden, wurde aus den Zetteln ein Ringbuch. Vor gut 10 Jahren bin ich auf ein 9,7"-großes iPad umgestiegen. Ohne das bin ich verloren. Ich kann nämlich nicht mal meine eigenen Songs auswendig.
Aber es nagte an mir, dass ich immer auf das Display starrte und nicht in die leuchtenden Augen des Publikums blickte. 2025 dachte ich mir, das muss doch mit einer smarten Brille zu lösen sein. Ich suchte nach den Funktionen der Google Glasses. Aber so ein veralteter Kram schien mir (vor allem als iOS-User) nicht sinnvoll. Aber im Prinzip hätten Google Glasses wohl das gekonnt, was ich wollte: Etwas Lesbares in meinem Gesichtsfeld einblenden.
Ich suchte also nach sowas, aber in modern. Ich stieß auf die AI-Glasses der Firma Rokid. Neben verschiedenen Funktionen, die mich nicht so richtig interessierten, hat die Brille auch eine Teleprompter-Funktion, die vielsprechend aussah. Ich fand Ende 2025 so ne Brille bei ebay. Nach ein bisschen Verhandlung mit Preisvorschlägen begann ich Anfang 2026, mich mit der Brille zu beschäftigen, womit wir in der Gegenwart angekommen wären.
Ich lade die Brille auf, installiere die HiRokid-App auf meinem Handy und setze sie auf. Grüne Buchstaben und Symbole zeigen sich irgendwo ein paar Meter vor mir im Raum. Neben Navigation, Musik abspielen und so finde ich auch die Teleprompter-Funktion. Aber ach. Man muss alles in txt-Dateien umwandeln und gar nicht mal so einfach über eine Cloud via Handy auf die Brille laden. Einen Song nach dem anderen! Meine Songs sind aber alles pdf-Dateien. (Übrigens ist kein Song länger als eine Seite. Ich will ja nicht auch noch umblättern müssen!) Und wenn ich in einem Song was ändere, dann auch die txt-Datei editieren? Nope!
Ich kümmere mich also erst mal darum, ob es eine Community gibt, die mir helfen kann. Gibt es. Auf Facebook. Da lerne ich erst mal, dass es sich um ein Kickstarter-Projekt handelt. Viele stöhnen weltweit, dass sie ihre Brille noch gar nicht bekommen haben. Anscheinend habe ich eine bekommen von einem "Kickstart-Backer", der irgendwie wohl nicht so richtig zufrieden war oder so. Zumal auch noch der Preis echt gut war. Ich behandle die Brille erst mal etwas respektvoller.
In der Gruppe frage ich nach einem pdf-Viewer. Nada. Niente. Nüschte. Jibbet nicht. Mein Beitrag verschwindet zwischen Beiträgen von Usern, die sehnsüchtig auf ihre Brille warten. Andere berichten begeistert, wie ihnen die Brille im Alltag hilft. Ich erwäge den Verkauf, kann mich aber doch nicht dazu durchringen.
Dann gibt es Ende April von den chinesischen Entwicklern ein Event in Berlin, und ich sehe zum ersten Mal Leute, die tatsächlich mit dieser Brille rumlaufen. Ich habe meine auch dabei, und weil die Veranstaltung auf Englisch ist, erwäge ich die Translation-Funktion zu verwenden. Die Brille hört in einer vorab aus vielen auszuwählenden Sprache zu, übersetzt mir das auf Deutsch und blendet es in die Brille ein. Das funktioniert auch ganz gut, bis mein Handy verzweifelt nach einem 5G-Netz sucht. Da muss ich dann doch auf Englisch zuhören, was auch nicht so schlimm ist.
Das nächste Mal verwende ich die Übersetzungsfunktion beim Anschauen des Films bzw. der Perfomance "Redemption Time", bei der André Spiegels Klavierlehrer eine tragende Rolle spielt. André machte mich auf die Veranstaltung aufmerksam, warnte mich aber davor, dass etliche Passagen sogar für ihn nicht so leicht zu verstehen seien. Ich probiere meine schlaue Brille aus, und bin's zufrieden. Das sieht dann übrigens ungefähr so aus. (Leider hab ich den Text nicht fokussieren können).
Blick durch die Rokid-Brille mit Simultanübersetzung
Wenn viel Text eingeblendet wird und man unter einem ungünstigen Winkel guckt, hat man übrigens grüne Flächen vor den Augen. Sieht irgendwie auch doof aus.
Ich mit der schlauen Brille
Die Brille wandert nach diesem Einsatz wieder in die Ecke und verstaubt.
Dann kommt Ende Juni ein großes Firmware-Update. Man kann jetzt selbst Android-Apps installieren! Für viele UserInnen ist das ein Gamechanger. Auch für mich? Ich suche sofort nach einem pdf-Viewer. Der dritte funktioniert. Jedenfalls kann ich zum ersten Mal einen meiner Songtexte von der Brille ablesen und spielen. Jedenfalls so ungefähr. Denn nun kommt meine Fehlsichtigkeit zum Tragen. Normalerweise trage ich eine doofe (= nicht schlaue) Brille mit Korrekturgläsern. Nun gibt es natürlich auch Rahmen für Korrekturgläser, die man an der Rokid-Brille befestigen kann. Aber dafür nun auch noch eine (vermutlich gar nicht so kleine) Summe ausgeben? Das muss ich mir noch mal überlegen. Denn ob die Bedienung für einen Live-Auftritt tauglich ist, bezweifle ich sehr. Das Aufrufen der richtigen pdf-Datei geht nicht so richtig ohne Handy. Und ob mir das hilft, mein eh nicht so kleines Lampenfieber zu senken, wage ich doch zu bezweifeln.
Und so liegt die schlaue Brille wieder in einer Ecke, bis sie vermutlich veraltet ist. Das iPad tut's ja auch. Ob ich sie doch verkaufen soll?
(Markus Winninghoff)











