Von der Erkenntnis "sehr gut" zu sein
Themen, die einen bewegen
Es ist manchmal der Fall, dass einen Themen beschĂ€ftigen, die dann immer wieder im (Gemeinde-)Alltag auftauchen. Man denkt an ein Thema (z.B. Liebe) und irgendwie kommt dieses Thema dann ĂŒberall vor. Oder man hat zum Beispiel ein bestimmtes Auto im Sinn ,was einen interessiert und auf einmal sieht man tausende von diesen Autos herumfahren. Oder man ist verliebt in das eine MĂ€dchen und auf einmal erinnert alles an sie. Wir lassen uns von unseren eigenen Vorstellungen und WĂŒnschen beeinflussen (denn tatsĂ€chlich hat sich an der Anzahl der Autos, Vorkommen des Themas oder der Dinge, die um uns herum sind statistisch nichts verĂ€ndert).
Dieses Wochenende hat mich das Thema Selbstwert und das Thema Erkenntnis besonders beschĂ€ftigt. Wir hatten Michael Stahl bei uns in der Gemeinde zu Gast. Michael Stahl war lange Bodyguard und ist Trainer fĂŒr Selbstverteidigung und hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass SelbstwertgefĂŒhl von Kindern und Jugendlichen zu stĂ€rken. Am Sonntag habe ich dann ĂŒber Kolosser 3, 7-11 gepredigt. Es ging um Ă€uĂerliche Dinge, die wir nicht tun sollen: Zornig sein, Neidisch sein, LĂ€stern und LĂŒgen. Wieder aber ist es der innere Mensch (Paulus spricht vom alten und neuen Menschen), der das Ă€uĂere Handeln bestimmt. Wenn ich glauben kann, dass ich sehr gut bin, brauche ich andere nicht klein zu reden, andere nicht zu beneiden oder LĂŒgen ĂŒber sie verbreiten.
Am Abend war dann Abendgottesdienst bei uns in der Friedenskirche. Und â wie soll es anders sein â mein Kollege hat ĂŒber genau das Thema anhand vom Lukasevangelium gepredigt.
FĂŒr mich wurde an diesem Wochenende nochmal so klar: Ich will lernen, dass ich âsehr gutâ bin. Ich bin âsehr gutâ trotz meiner vielen Fehler und SchwĂ€chen. Ich bin âsehr gutâ trotz meiner Macken und obwohl ich nicht alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Ich bin âsehr gutâ, obwohl ich Menschen und mich selbst verletzte und obwohl ich grĂŒbel und manchmal ziemlich unzufrieden bin. Ich bin âsehr gutâ, weil Gott mich geschaffen hat und gesagt hat: âSehr gutâ! Weil ich an Jesus glaube und mich bei ihm getragen weiĂ. Weil ich weiĂ, dass ich nicht bei meinen Fehlern und Problemen stehen bleiben muss, sondern sie Jesus bringen kann. Weil er all den MĂŒll, den ich erlebe auch erlebt hat.
Wie ist das eigentlich bei dir? WeiĂt du, dass du âsehr gutâ geschaffen bist? Sogar als Gottes Ebenbild? Dass du dir nichts verdienen musst, sondern dass Gott dir einfach weil du bist, dieses âsehr gutâ sagt?
Kannst du das glauben?
 Die Geschichte des âsehr gutâ
Ich weià nicht, wie du diese Frage beantworten kannst, aber ich möchte dir Mut machen, dem nachzugehen.
Meine Ăberzeugung ist, dass du diese Zusage des âsehr gutâ seins nur bei Jesus finden kannst. Warum?
An diesem Wochenende habe ich viel darĂŒber nachgedacht. Es wird jetzt theoretisch und theologisch. Ich hoffe, die Gedanken sortiert wiedergeben zu können. Ich hoffe, dass mir das irgendwie gelingt đ
Um zu verstehen, warum es Jesus fĂŒr das âsehr gutâ des Menschen braucht, mĂŒssen wir ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte starten.
Am Anfang als Gott den Menschen geschaffen hat (nachzulesen in der Bibel in 1.Mose 1), hat Gott den Menschen mit zwei tollen Attributen versehen. Das Eine ist das âSehr gutâ, dass er ĂŒber den Menschen sagt. Das Andere ist, dass er den Menschen als Ebenbild von sich selbst geschaffen hat.
Ich finde beides sind sehr tolle Aussagen ĂŒber den Menschen. Im Rahmen dieser WertschĂ€tzung war es selbstverstĂ€ndlich, dass Gott und der Mensch eng zusammen lebten. Wie Freunde â wie eine Familie.
Hier drĂ€ngt sich natĂŒrlich die Frage auf: Warum ist das heute nicht mehr so? Warum leben nicht alle Menschen eng mit Gott zusammen? Warum redet er nicht einfach zu uns? Warum sind auf der Erde alles andere als paradiesische ZustĂ€nde?
Die Bibel berichtet davon, dass der Mensch ĂŒberredet wurde. Denn ein Baum im Garten Gottes war verboten: Der Baum der Erkenntnis (und das wohl aus gutem Grund?!). Aber die Menschen haben sich durch ein Versprechen ĂŒberreden lassen: Sie wollten so sein wie Gott, Gutes und Schlechtes erkennen.
Und tatsÀchlich: Sie erkannten alles. Sie sahen Gott und das Paradies in einem anderen Licht.
Hier wird es aus meiner Sicht besonders interessant: Als erstes erkannten sie, dass sie nackt waren.
Ich habe mich lange gefragt, warum sie gerade erkannten, dass sie nackt waren. Sie hÀtten ja auch andere Dinge erkennen können (Natur, BÀume, Tiere etc.)
Ich bin der Ăberzeugung, dass hat damit zu tun, dass sie Gutes und Böses erkannt haben. Denn zum Erkennen von Gut und Böse gehört auch, alle Dimensionen von Gott und dem Menschen wahrzunehmen.
Wenn die GröĂe Gottes zu Misstrauen fĂŒhrt
In dem Moment, in dem der Mensch Erkenntnis erlangte, bemerkte er, wie groĂ und ĂŒbermĂ€chtig Gott ist. Dass Gott ihn nur in einem Moment auslöschen konnte. Dass er von Gott zu 100% abhĂ€ngig ist. Und er erkannte, dass der Mitmensch nicht nur freundlich und nett, sondern auch zerstörerisch und verletzend sein kann.
Ab dem Zeitpunkt hat der Mensch das Potenzial erkannt, das sowohl in Gott als auch in den anderen Menschen steckt. Und dieses Potenzial fĂŒhrte zu dem BedĂŒrfnis sich sowohl zu schĂ€men (Ich bin klein und kann nicht soviel wieâŠ) und zu schĂŒtzen (was ist, wenn der andere mir etwas Böses will?).
Dieses Potenzial fĂŒhrte dazu, Gott, dem Anderen und auch sich selbst nicht mehr zu vertrauen. In diesem Moment zerbrach das âsehr gutâ des Menschen. Nicht, weil er nicht mehr âsehr gutâ von Gott geschaffen wĂ€re, sondern weil er dem âsehr gutâ nicht mehr glauben und vertrauen konnte und damit aus Misstrauen Gott, dem Mitmenschen und sich selbst, Dinge anfing zu tun, die nicht mehr âsehr gutâ waren. (Vergleiche die Folgegeschichten: Kain und Abel, Turmbau zu Babel, SintfluterzĂ€hlung).
Und da sind wir wieder im heute! Wieviel Leid und Not wird verursacht, weil wir nicht glauben können, dass wir âsehr gutâ sind. Wieviel Neid gibt es auf der Welt, weil wir nicht mit uns, unserer Vergangenheit oder unserem Status zufrieden sind. Wieviel Zorn Gott gegenĂŒber gibt es unter den Menschen, weil wir entweder bezweifeln, dass es ihn gibt oder ihn als missmutigen weiĂen Mann oben auf der Wolke sehen.
Und: Wieviel Leid gibt es in unseren christlichen Gemeinden, wie viele Familien werden zerstört, weil wir einen heiligen Gott proklamieren, der nur Angst und Ehrfurcht in uns auslösen soll. Wenn die Betonung der Heiligkeit Gottes in Misstrauen und Angst ihm gegenĂŒber mĂŒndet, dann wiederholen wir tausendfach die Schöpfungsgeschichte inklusive dem sogenannten âSĂŒndernfallâ.
Der Weg hinaus: Eine neue Erkenntnis
Jahrhundertelang haben Menschen versucht, der Erkenntnis ĂŒber diesen Gott und dem Mitmenschen gegenĂŒber gerecht zu werden. Sie haben Regeln aufgestellt, wie das VerhĂ€ltnis von Gott und Mensch und Mensch und Mensch wieder in Ordnung gehalten werden kann. Wie Vertrauen wieder gelingen kann. Aber es wurde und wird nie wieder so, wie am Beginn der Geschichte Gottes mit dem Menschen. Jesus selbst spricht genau davon, wenn er sagt: â
âDu sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.â
Dies ist das gröĂte und erste Gebot.
Das zweite aber ist ihm gleich: âDu sollst deinen NĂ€chsten lieben wie dich selbst.â
Bis heute sind viele Menschen auf der Suche, wie ihre Beziehungen heil und ihr Leben gelingend werden kann.
Es braucht eine neue Erkenntnis. Es braucht die Erkenntnis, dass Gott die Geschichte der Schöpfung des Menschen und des âSĂŒndenfallsâ wiederholt hat. Nur mit umgekehrten Vorzeichen.
Diesmal ist es Gott, der selbst klein wird, damit die Menschen erkennen, dass er ihnen nahe ist.
Diesmal ist es Gott, der sich klein macht. Der so ganz unheilig ist. Der zwar ohne SĂŒnde bleibt, aber doch alle SĂŒnde auf sich nimmt.
Damit wir Menschen erkennen: Er wird einer wie wir. Alles, was wir in unserem Leben negatives erleben, hat er auch erlebt. Das wir ihm wieder vertrauen können (das griechische Wort pistis = âglaubenâ aus dem neuen Testament heiĂt auch âVertrauenâ).
ZurĂŒckgewonnenes Vertrauen
Das verlorengegangen Vertrauen im Paradies, dass aus der Angst vor Gottes GröĂe und dem zerstörerischen Potenzial des Menschen verlorengegangen ist, will Gott zurĂŒckerobern, indem er seine GröĂe hinter sich lĂ€sst und sich selbst als Mensch zerstören lĂ€sst.
Er zeigt damit, dass wir ihm aufgrund seiner Heiligkeit nicht misstrauen mĂŒssen, sondern ihm aufgrund seiner Liebe nahe sein dĂŒrfen.
Dass wir wieder von uns sagen können: Wir sind âsehr gutâ und wir sind âEbenbildâ Gottes.
Deswegen glaube ich an Jesus. Weil ich durch ihn weiĂ, dass ich geliebtes Kind Gottes bin. Weil ich durch ihn weiĂ, dass Gott mich liebt. Weil ich durch ihn weiĂ, dass ich âsehr gutâ bin.
Von der Erkenntnis âsehr gutâ zu sein was originally published on Der Theorist