Neue Studie âSichtbarâ: zu Lebenslagen seelisch beeintrĂ€chtigter Menschen
Die Studie "Sichtbar" ĂŒber das Leben von Menschen mit psychischen BeeintrĂ€chtigungen in MĂŒnchen wurde kĂŒrzlich dem Gesundheitsausschuss des Stadtrats prĂ€sentiert. Sie untersucht u. a., wie viele psychisch erkrankte Menschen es in MĂŒnchen gibt, wie sie auf die verschiedenen Stadtteile verteilt und mit welchen spezifischen Belastungen und Hindernissen sie konfrontiert sind.
Ich liefere im Folgenden keine Zusammenfassung, sondern möchte bestimmte Punkte aus der Studie hervorheben, weil ich diese fĂŒr aussagekrĂ€ftig halte.
Sie ist eine MaĂnahme des zweiten Aktionsplans der Landeshauptstadt MĂŒnchen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und kann unter https://stadt.muenchen.de/infos/gesundheitsberichte.html abgerufen werden.
Ein spezielles Augenmerk lag darauf, die Hindernisse zu beschreiben, mit denen seelisch beeintrÀchtigte Menschen im tÀglichen Leben konfrontiert sind, wie im zwischenmenschlichen Kontakt, im Berufsleben, bei kultureller Teilhabe usw.
Menschen mit psychischen BeeintrĂ€chtigungen waren bei dieser Studie kontinuierlich als Co-Forschende beteiligt und brachten ihre Erfahrungen, Perspektiven und Ideen zur Beseitigung von Barrieren in das Forschungsteam ein. Dieses partizipative Vorgehen entspricht den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention und könnte als erfolgreiches Beispiel fĂŒr zukĂŒnftige Projekte der Stadtverwaltung dienen.
Die Teilnehmer der Befragung nannten im Durchschnitt 3 verschiedene psychische Krankheiten, teilweise von Ărzten diagnostiziert, teils in Selbstdiagnose. Hier spiegelt sich wider, dass das alte System, psychische Störungen in feste Kategorien einzuteilen, nicht gut funktioniert. Neuere Studien deuten mehr und mehr darauf hin, dass âpsychische Störungen ineinandergreifen und es keine harten Trennlinien gibt.â (Heinz, MĂŒller und Rosenthal 2016)
Partizipative Forschung (Citizen Science)
Betroffene sind selten aktiv in Forschungsprojekten involviert. Stattdessen wird ĂŒber sie geforscht oder Experten geben Auskunft ĂŒber sie. In Deutschland ist das noch extremer, als in anderen LĂ€ndern, auch wenn sich in der sozialwissenschaftlichen Gesundheitsforschung entsprechende BemĂŒhungen zeigen. Die Psychologie und Psychotherapie scheint sich darum wenig zu kĂŒmmern.
Darum ist das Motto; âNichts ĂŒber uns ohne unsâ von Behindertenrechtsaktivisten seit den 1990er Jahren vertreten, und auch das Prinzip der Citizen Science betont die Bedeutung Betroffener-BeitrĂ€ge zur AufklĂ€rung komplexer Forschungsfragen.
Die vorliegende Studie war daher kein rein akademisches, sondern ein vorbildliches Gemeinschaftsprojekt, bei dem auch nicht-wissenschaftliche Akteure aktiv beteiligt wurden. Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Betroffenen fĂŒhrte zu einer gegenseitigen ErgĂ€nzung der Perspektiven, was die Relevanz und Wirksamkeit der Untersuchung deutlich unterstreicht.
Im Wesentlichen zeichnet sich die Studie durch folgende Merkmale aus:
Orientierung an lebensweltlichem, gesellschaftlich relevantem Thema
mit Betroffenen als Partner*innen statt als Objekte der Forschung
starker Fokus auf das Selbsterleben und Erfahrungswissen
Erarbeitung von problemorientiertem Handlungswissen
Erkenntnisse zu Begrifflichkeiten
Die Art und Weise, wie im Alltag ĂŒber psychische Erkrankungen oder Betroffene gesprochen wird, zeichnet sich durch die Vielzahl an verwendeten Begriffen aus.
âpsychisch Krankeâ und âMenschen mit psychischen Erkrankungenâ
âpsychisch beeintrĂ€chtigtâ
âMenschen in (psychischen) Krisenâ
âseelisch behindertâ, âMenschen mit seelischer Behinderungâ,
âPersonen mit psychischen Störungenâ
âPsychiatrie-Erfahrene*râ
âver-rĂŒcktâ (im Sinne aus dem psychischen Gleichgewicht Geraten-Sein).
Die Studien-Autoren kommen zu dem Schluss:
âLetztendlich ist keiner der Begriffe neutral: Jeder Begriff weckt Assoziationen bzw. trĂ€gt Konnotationen, die bei Betroffenen auf Ablehnung stoĂen (können). Dies gilt vor allem fĂŒr den Begriff âBehinderungâ.â
HĂ€ufig wurde der Begriff âpsychische Erkrankungâ kritisiert, da er auf eine Wiederherstellung des vorherigen Zustands abziele und somit das subjektive Erleben in der Krankheit als etwas Abnormes betrachtet.
Es bringt laut den Autoren also nichts, nach einem neutralen Wort zu suchen. Viel wichtiger ist, dass wir verstehen, was ein Begriff an Konnotationen beinhaltet. Wie ĂŒber und mit Menschen mit psychischen Leiden gesprochen wird, ist mehr als wichtig: Nicht nur, weil einige Begriffe stigmatisieren und damit Betroffenen schaden.
Sondern auch, weil die Bezeichnungen, die wir fĂŒr Personen mit psychischen Erkrankungen verwenden, sich auch auf unsere Haltung ihnen gegenĂŒber auswirkt.*
*Granello und Gibbs (2016) Forschungen zeigen, dass der Begriff âpsychisch krankâ bei Leser*innen deutlich eher Assoziationen in Richtung âgewalttĂ€tige Personenâ auslösen als der Begriff âMenschen mit psychischen Erkrankungen.â
Der Begriff âPsychiatrieerfahreneâ wird als zu eng gefasst betrachtet, viele verstehen darunter Personen mit stationĂ€rer Psychiatrie-Erfahrung.
Quelle: stadtbezogenen Abrechnungsdaten der KassenĂ€rztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Im Jahr 2021 wurde bei etwa 274.000 erwachsenen MĂŒnchner BĂŒrgern, die in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind, mindestens eine psychische oder Verhaltensstörung ambulant diagnostiziert. Dies entspricht einem Anteil von 27,1% aller MĂŒnchner GKV-versicherten Erwachsenen mit Arztbesuch. Besonders bei Frauen lag der Anteil mit 30,4% höher als bei MĂ€nnern mit 23,0%.
ErwĂ€hnenswert sind auĂerdem die sozialrĂ€umlichen Aspekte:
"Je höher der Anteil an ALG II-EmpfÀnger*innen, umso höher fÀllt in der Tendenz der Anteil der GKV-Versicherten mit F30-39 Diagnosen aus. Der Zusammenhang auf aggregierter Ebene der Stadtbezirke ist statistisch signifikant."
Kapitel 2 â Psychische Erkrankungen in der AuĂen- und Innenperspektiven
Selbsterleben psychischer Krankheit als innere Barriere
Wie es Gottfried Wörishofer, der ehemalige GeschĂ€ftsfĂŒhrer der MĂŒnchner Psychiatrie-Erfahrenen (MĂŒPE e.V.) formulierte: âDurch die Erkrankung selbst, deren Medikation oder durch beides stellen wir die Absenkung des gesamten Energielevels fest. Minderung von Belastbarkeit, Interesse, Durchhaltevermögen, Freude am Tun, Schwinden von Sinnerleben und geistig-seelischer PrĂ€senz bĂŒndeln sich zu einer <Barriere>, die sich als <schwankende LeistungsfĂ€higkeit> zeigt.â
âInnere Barrierenâ im Wechselspiel
Innere Blockaden allein machen es einer Person schwer, am sozialen Leben teilzuhaben. Allerdings wird ĂŒbersehen, dass solche AusschlĂŒsse meistens entstehen, wenn Menschen, die nicht betroffen sind, kein VerstĂ€ndnis zeigen und ungeduldig oder unsicher sind. Das kann dazu fĂŒhren, dass sich betroffene Personen selbst abwerten.
Teils ziehen sich Menschen nicht wegen einer Depression zurĂŒck, sondern weil sie sich fĂŒr ihren Zustand schĂ€men. Sie ĂŒbernehmen gesellschaftliche Stereotype und sehen sich selbst so, wie sie glauben, dass andere sie sehen.
Das erklĂ€rt auch, warum âinnere Blockadenâ so wichtig sind â sie spiegeln Erfahrungen von Ausgrenzung und Selbststigmatisierung wider.
Leben mit einer psychischen Erkrankung als âAlltags-Leistungâ
Das Leben mit einer psychischen Erkrankung stellt eine enorme Herausforderung dar, die Betroffene tĂ€glich bewĂ€ltigen mĂŒssen. Es geht nicht nur darum, sich mit den Symptomen zu arrangieren, sondern auch darum, sie immer wieder zu ĂŒberwinden, um ein halbwegs normales Leben fĂŒhren zu können. Besonders schwierig wird dies bei Symptomen wie Antriebslosigkeit, Ăngsten oder ZwĂ€ngen.
Aber das ist noch nicht alles, was betroffene Menschen Kraft raubt, die fĂŒr andere Dinge nicht zur VerfĂŒgung steht. Denn sie mĂŒssen sich auch mit direkter Stigmatisierung und Diskriminierung auseinandersetzen oder sie fĂŒhlen sich gezwungen, ihre Krankheit und Symptome zu verstecken.
In den Interviews der Studie betonten viele Betroffene immer wieder, wie anstrengend ihr tĂ€glicher Kampf gegen unsichtbare, nicht greifbare Widrigkeiten ist. Die StĂ€rke dieser gefĂŒhlten Barrieren lĂ€sst sich fĂŒr AuĂenstehende nur ansatzweise erahnen.
"Das GefĂŒhl ist so: Irgendjemand hat mir eine Glaskuppel ĂŒbergestĂŒlpt und ich bin nicht mehr fĂ€hig, irgendetwas zu tun. Ich sehe immer nur "Um mich herum tut sich was". Ich selbst bin aber nicht mehr handlungsfĂ€hig. Und in mir ist so ein GefĂŒhl von Aussichtslosigkeit. Schwere, Angst ⊠das ist ein Wust aus vielen Dingen, dass sie das GefĂŒhl haben "Da komm ich nie wieder raus". Ich kann nichts mehr tun. Ich hab kein Hunger mehr, keinen Durst. (âŠ) Und das Nicht-Können ⊠aus dem Bett ... das wird gleichgesetzt mit Faulheit. Das ist schlimm."  -- Betroffene, Hauptdiagnose Depression
Angesichts des tĂ€glichen Kraftaufwands und der permanenten Ăberwindung von Alltagshindernissen, ist es fast schon lĂ€cherlich, dass psychisch erkrankte Menschen in unserer Gesellschaft als "leistungsschwach" angesehen werden, wie die Autoren richtig bemerken.
Leben mit einer psychischen Behinderung als âBereicherungâ.
Obwohl psychische Erkrankungen belastend sind, können sie die Sichtweise der Betroffenen auf sich selbst und andere mit der Zeit Àndern. In der Studie kam oft zur Sprache, dass psychische Krankheiten zwar schwierig sind, aber auch positive VerÀnderungen bringen können.
Manche Betroffene entdecken durch ihre Krankheit neue Werte oder Lebensweisen. Andere lernen FÀhigkeiten, die sie als bereichernd empfinden. Wichtig zu betonen: trotz dieser positiven Aspekte verschwinden die belastenden Symptome der Erkrankungen nicht dahinter. Es wurde also nicht behauptet, dank der Erkrankung wÀre das Leben jetzt sinnvoller oder besser als zuvor.
Behandlungs- & UnterstĂŒtzungssystem
Das System der psychischen Gesundheitsversorgung ist selbst fĂŒr Fachleute schwer zu durchschauen â Laien fĂŒhlen sich oft ĂŒberfordert. Es umfasst 4 Hauptbereiche: Beratung, Behandlung, UnterstĂŒtzung zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und Selbsthilfe, mit einer FĂŒlle von Angeboten in jedem Bereich und zahlreichen kurzlebigen Projekten, die fĂŒr zusĂ€tzliche KomplexitĂ€t sorgen. Ironischerweise kann eben dieses Hilfesystem eine HĂŒrde fĂŒr die Teilhabe sein.
Das zeigen auch die Ergebnisse der Umfragen. Was fehlt im "professionellen Hilfeangebot fĂŒr psychisch Kranke in MĂŒnchen"?
Hier wurde vor allem das psychiatrisch-psychotherapeutische Angebot kritisiert. Am meisten bemÀngelt: dass man zu lange auf ambulante Behandlungen warten muss. Das ist besonders kritisch, da mit der Wartezeit auch das Chronifizierungsrisiko steigt.
Laut den Umfragen bilden das ambulante Behandlungssystem und die ausgrenzenden Mechanismen des Arbeitsmarktes die wichtigsten HĂŒrden fĂŒr die soziale Teilhabe (nachzulesen in Kapitel 8.1). Fachleute und Angehörige von psychisch erkrankten Menschen stimmen dem gleichermaĂen zu (siehe Abbildung 8.1).
2 groĂe Probleme, die fĂŒr ganz Deutschland gelten
Alarmierend, aber nicht neu: dass etwa 10 % der Betroffenen angaben, sie verzichten aufgrund langer Wartezeiten oder schwer zugÀnglicher ambulanter Dienste auf Therapie oder psychiatrische Hilfe.
In diesem Zusammenhang scheint mir ein Aspekt wichtig: Die Befragten empfanden es als groĂes Risiko und HĂŒrde, Therapeuten akzeptieren zu mĂŒssen, zu denen man eigentlich kein Vertrauen hat und deren Fachlichkeit man anzweifle.
TatsĂ€chlich sind die VersorgungslĂŒcken im System so groĂ, dass eine freie Therapeutenwahl unmöglich wird.
Systeminterne Nutzungsbarrieren
Viele Betroffene fĂŒhlen sich durch die langen Wartezeiten und den schwierigen Zugang zum Hilfesystem ĂŒberfordert, besonders in Krisenzeiten. Diese persönliche Ăberforderung, die durch ein Zusammenspiel von inneren HĂŒrden und der komplexen Struktur der Behandlungs- und UnterstĂŒtzungsangebote entsteht, wurde in den Befragungen und GesprĂ€chen als entscheidendes Hindernis fĂŒr die Inanspruchnahme von Hilfe identifiziert. Die fortwĂ€hrende Stigmatisierung psychischer Krankheiten (siehe Kapitel 7) und die damit verbundenen SchamgefĂŒhle hindern viele Menschen daran, frĂŒhzeitig Hilfe zu suchen. Viele greifen erst auf UnterstĂŒtzungsangebote zurĂŒck, wenn sie keine andere Wahl mehr sehen.
Betroffene und Fachleute monieren, dass der Einstieg in ambulante Behandlungen noch schwieriger ist, weil einige Therapeuten sich eher leichte FĂ€lle aussuchen.
Vgl. Klassismus in der Psychotherapie
Erschwerte Kontaktaufnahme
Oft mĂŒssen Betroffene ĂŒber Wochen oder Monate hinterher telefonieren, um Kontakt zu Therapeuten zu finden.
Mangelnde technische Barrierefreiheit
Es fehlen Optionen, sich online ĂŒber Angebote zu erkundigen und digitale Kommunikationswege mit Fachpersonal, wie Online-Terminbuchungen oder Chats, nutzen zu können.
Regelungsbedingte EinschrÀnkungen
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Höchstzahl an Therapiestunden, die Krankenkassen bewilligen, und die Begrenzung auf nur bestimmte genehmigte Therapiearten.
Kritik an BehandlungsansÀtzen
Hier wurde vielfach bemerkt, dass Psychiater zu oft und zu schnell Medikamente verschreiben, statt umfassendere Behandlungen anzubieten â und dass teilweise Diagnosen gestellt werden, die fachlich nicht fundiert sind.
Die Weitervermittlung von stationĂ€ren an ambulante Behandlungs- und UnterstĂŒtzungssysteme findet selten statt, sodass Patienten und deren Angehörige oft alleingelassen werden.
Begrenztes Vermittlungsangebot
Viele Betroffene und ihre Angehörigen sind durch die therapeutischen Angebote ĂŒberfordert â gerade auch wegen der Vielfalt â oder wissen nichts davon. Und auch wenn man von den Angeboten weiĂ, scheinen die zustĂ€ndigen Stellen einen nicht aktiv an das psychiatrisch-psychotherapeutische System weiterzuvermitteln. Gerade diese konkrete Hilfe benötigen Betroffene allerdings. Auch fehlt es an konkreten Empfehlungen fĂŒr Therapie-Arten und passende Therapeuten.
Situation der Angehörigen
Angehörige kĂŒmmern sich i. d. R. zuerst um Erkrankte â und meist tun sie das eine sehr lange Zeit, bevor Betroffene professionelle Hilfe ĂŒberhaupt suchen. Bei schweren oder lang andauernden Krankheiten bedeutet das eine enorme Belastung, die sich kaum jemand vorstellen kann.
Probleme von Angehörigen:
Angehörige und Freunde bekommen nicht genug UnterstĂŒtzung, um mit der Situation fertig zu werden.
Viele Angehörige und Freunde fĂŒhlen sich regelrecht ĂŒberfordert.
Etwas kritischer ist vor allem die Lage von Angehörigen, die mit dem/der Betroffenen zusammenleben
Angehörige, die ĂŒberdurchschnittlich hĂ€ufig zu wenig Hilfe bekommen, sind Partner (63,9%) und Eltern (48,5%), die mit den Erkrankten zusammenleben, sowie Kinder und Schwiegerkinder (56,5%), die nicht im gleichen Haushalt leben. Vgl. Depression: Angehörige & das unsichtbare Leid & Depression beim Partner: extreme Belastung fĂŒr die Beziehung
Kritik der Angehörigen am Gesundheitssystem
In der Studie bringen Angehörige deutlich zum Ausdruck, dass sie sich alleingelassen fĂŒhlen. Sie bemĂ€ngeln, ihre stĂ€ndige Sorge und die damit verbundene Last werde weder von psychiatrischen Diensten noch von der Stadtgesellschaft wahrgenommen. Das GefĂŒhl, dass ihre Leistung â das Auffangen der Defizite des erkrankten Familienmitglieds bis hin zur Absicherung seines Lebensunterhalts â öffentlich wenig WertschĂ€tzung erfĂ€hrt, verstĂ€rkt ihre psychische Belastung noch.*
*SchĂ€tzungsweise 40 bis 60 Prozent âaller Angehörigen eines psychisch Kranken entwickeln aufgrund der Belastung deshalb selbst psychische Krankheiten oder sind anfĂ€lliger fĂŒr körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck. Studien belegen, dass jeder 2. LebensgefĂ€hrte eines depressiv Erkrankten nach einiger Zeit selbst depressive Symptome zeigt.â (https://www.therapie.de/psyche/info/fragen/angehoerige-psychisch-kranker/artikel/).
Besonders in der Kritik: dass Angehörige von (volljÀhrigen) psychisch kranken Menschen oft von wichtigen Informationen ausgeschlossen werden.
Die Tatsache, dass die Gesellschaft Angehörige von psychisch Kranken kaum wahrnimmt, hĂ€ngt damit zusammen, dass auch die psychisch Kranken selbst oft ausgegrenzt und ihre BeitrĂ€ge zur Gesellschaft nicht anerkannt werden. Dieses Problem trifft nicht nur Angehörige von psychisch Kranken, sondern generell alle Angehörigen, welche Pflege fĂŒr Familienmitglieder oder Partner ĂŒbernehmen.
Kapitel 4 (ab S. 104) â Arbeit
"Die Teilhabe von Menschen mit psychischen BeeintrĂ€chtigungen am Arbeitsmarkt ist im Vergleich zur MĂŒnchner Allgemeinbevölkerung deutlich eingeschrĂ€nkt: WĂ€hrend laut letzter BĂŒrgerbefragung rund drei Viertel (75,3%) der der 18- bis 65-JĂ€hrigen MĂŒnchner BĂŒrger*innen am Arbeitsleben teilnehmen, trifft dies nur fĂŒr gut die HĂ€lfte (54,6%) der ZBFS-Befragten zu 24,0%.
Rund 40 % aller FrĂŒhberentungen der rentenversicherten MĂŒnchner*innen sind mit psychischen Störungen begrĂŒndet. Psychisch erkrankte und erwerbsgeminderte Personen sind somit âausgesteuertâ. Dass manche von ihnen unter den derzeitigen Bedingungen auch gar nicht mehr am Arbeitsleben teilhaben wollen, Ă€ndert nichts am strukturellen Ausschluss.
Neben faktischen Leistungsminderungen im Zuge psychischer Erkrankungen sind es vor allem das Fehlen flexibler(er), erkrankungsadĂ€quater Arbeitszeitmodelle, das Fehlen leistungsadĂ€quater (Einfach-)ArbeitsplĂ€tze, und bedĂŒrfnisgerechter return-to-work-Programme sowie â entscheidend â die Stereotypisierung Betroffener als generell leistungsschwach, die der Ausgrenzung zugrunde liegen."
(Psychische) Gesundheit und Armut
"Der Zusammenhang zwischen materiellen Notlagen und dem Gesundheitszustand ist in der Forschung seit langem bekannt: Je schlechter die Einkommenslage, desto schlechter der Gesundheitszustand.*
* Landeshauptstadt MĂŒnchen (Sozialreferat) (2017: 171-172); Landeshauptstadt MĂŒnchen (Sozialreferat) (2022: 225-226) sowie diverse Analysen der MĂŒnchner Gesundheitsberichterstattung: https://stadt.muenchen.de/infos/gesundheitsberichterstattung.html
Besonders ausgeprĂ€gt ist der Zusammenhang mit Blick auf den körperlichen Gesundheitszustand. Der soziale Gradient zeigt sich aber auch bezĂŒglich der psychischen Gesundheit: WĂ€hrend nur 12,0 % der Personen aus armen Haushalten einen (sehr) guten psychische Gesundheitszustand angeben, sind es bei Personen aus Haushalten der oberen Mitte bzw. aus reichen Haushalten 26,5 %"
Vgl. auch Armut & Depression: gesundheitliche Ungleichheit
"Die geringeren materiellen HandlungsspielrĂ€ume begrenzen nicht nur die sozialen Teilhabe-Chancen der Betroffenen, sondern wirken ihrerseits als Stressoren. Mit Armut geht hĂ€ufig eine doppelte Ausgrenzung und DemĂŒtigung einer, eine gleichsam verdoppelte Erfahrung des Nicht-Verstanden-Werdens â als psychisch erkrankte Person und als Armutsbetroffene âmit dem GefĂŒhl, in fast allen Lebensbereichen, Bittstellerin zu sein.â
Die reine AlltagsbewĂ€ltigung rĂŒckt noch mehr in den Vordergrund. Die enge Verbundenheit, die viele Betroffene mit anderen psychisch erkrankten Personen spĂŒren (siehe Kap. 6.1.1), hat auch mit dieser doppelten Ausgrenzung zu tun. Diese Stimmen verdeutlichen, dass es bei psychisch erkrankten Armutsbetroffenen zu kurz greift, ausschlieĂlich die psychische Belastung wahrzunehmen und zu behandeln. Armutspolitik und bedarfsgerechte Behandlungsangebote sind zusammen zu denken."
Soziale Beziehungen und soziale Teilhabe
Verhaltensweisen, die teilweise durch die Krankheit ausgelöst werden â z. B. Misstrauen, erhöhte SensibilitĂ€t, starke Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit (siehe Kapitel 2.2.1) â wirken sich oft auf die sozialen Beziehungen der Betroffenen aus. Sie können sowohl das Aufrechterhalten als auch das KnĂŒpfen von sozialen Kontakten erschweren. HĂ€ufig ziehen sich die Betroffenen von selbst zurĂŒck.
Vgl. Vereinsamung â Was Einsamkeit aus Menschen macht
Psychische Erkrankungen verĂ€ndern die Art und Weise zu kommunizieren, das Selbstbild und die BedĂŒrfnisse nach sozialen Kontakten. Wenn man dann noch bedenkt, dass sich Menschen wegen erlebter Stigmatisierung und Diskriminierung oft zusĂ€tzlich zurĂŒckziehen (siehe Kapitel 7), und dass ihre finanziellen Mittel hĂ€ufig beschrĂ€nkt sind, was die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben weiter einschrĂ€nkt (siehe Kapitel 4.4), entsteht ein Teufelskreis der Einsamkeit.
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Viele Betroffene sind einsam
Viele Befragte fĂŒhlen sich einsam. Der Bedarf nach MaĂnahmen wird besonders klar, wenn man sich vor Augen fĂŒhrt, dass es fĂŒr einsame Menschen umso schwerer wird, sich aus ihrer Einsamkeit zu befreien, je lĂ€nger sie sich einsam fĂŒhlen. LĂ€ngere Zeiten der Einsamkeit können das SelbstwertgefĂŒhl senken und es zusĂ€tzlich schwieriger machen, Chancen zu ergreifen, um mit anderen in Kontakt zu treten.
Es steht auĂer Frage, dass Einsamkeit ernsthafte Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit hat.
Ausschluss durch andere und selbst gewĂ€hlter RĂŒckzug verstĂ€rken sich oft gegenseitig. Der RĂŒckzug kann sowohl durch die Krankheit selbst bedingt sein als auch eine Folge davon sein, wie Betroffene sich selbst sehen und bewerten, nachdem sie Diskriminierung erfahren haben (siehe Kapitel 7.3.1).
Das bedeutet: Der soziale RĂŒckzug Betroffener und der daraus resultierende Mangel an sozialer Teilhabe sollten nicht nur als innere HĂŒrden verstanden werden, sondern vielmehr als durch Erfahrungen geprĂ€gte Schutzstrategie, die dabei helfen soll, angesichts eigener EinschrĂ€nkungen und Diskriminierungserfahrungen besser klarzukommen.
Zudem gaben viele der Befragten an, dass sich ihr Freundeskreis durch die psychische Erkrankung wesentlich verkleinert hat und sie sich aufgrund ihrer psychischen Probleme oft aus dem gesellschaftlichen Leben zurĂŒckgezogen haben. Obwohl die befragten Menschen nicht in einer isolierten Welt leben, in der sie kaum Kontakt zu anderen auĂerhalb ihres eigenen Netzes haben, zeigt sich doch ein klares Muster: Je schwerer die psychische Erkrankung, desto wichtiger werden die Kontakte zu anderen Betroffenen.
FĂŒr Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind oft nur diese Gleich-Betroffenen (Peers) diejenigen, die sie als gebende und wertschĂ€tzende Personen sehen und anerkennen. Im Umgang mit Nicht-Betroffenen fĂŒhlen sie sich schnell nur auf ihre Krankheit reduziert.
Es ist keineswegs selbstverstĂ€ndlich, dass es zwischen Menschen mit psychischen BeeintrĂ€chtigungen und denen ohne zum Kontakt kommt. Das zeigt, dass es an emotionaler UnterstĂŒtzung und praktischer Hilfe mangelt. Dieser Mangel erschwert auch den Zugang zu professionellen Hilfsangeboten (siehe Kapitel 3).
Stigmatsierung und Diskriminierung
Psychische Krankheiten sind in MĂŒnchen weit verbreitet (siehe Kap. 2.1.2), trotzdem werden Betroffenen oft stigmatisiert. Die Stigmatisierung macht es schwer, sich selbst zu akzeptieren und verhindert Teilhabe. Menschen mit psychischen Problemen mĂŒssen immer auf der Hut sein und viel Energie aufwenden, um gegen die Ungerechtigkeit und falsche Vorstellungen anzukĂ€mpfen. Diskriminierung bedeutet dann, wegen der Krankheit wirklich benachteiligt oder ausgeschlossen zu werden. Zudem fĂŒhrt Stigmatisierung zur Internaliserung solcher Vorurteile und dadurch zur Selbststigmatisierung.
WĂ€hrend man gegen Diskriminierung mit politischen Mitteln vorgehen kann, ist das bei Stigmatisierung viel schwieriger. Das andauernde Stigma, das in Deutschland psychisch kranke Menschen betrifft, zeigt das ganz deutlich. Das heiĂt nicht, dass es keine Fortschritte bei der BekĂ€mpfung dieser Stigmata gibt â aber es zeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt.
Menschen mit psychischen Krankheiten wissen oft aus eigener Erfahrung, dass viele Leute Vorbehalte oder falsche Meinungen ĂŒber sie haben. Sie spĂŒren, wie die Gesellschaft sie sieht. Auch wenn Leute, die jemanden mit einer psychischen Krankheit kennen, manchmal vorsichtiger sind, hören Menschen, deren Krankheit nicht so offensichtlich ist, immer wieder harte und verletzende Kommentare ĂŒber psychische Leiden.
HĂ€ufige Vorurteile: mangelnder LeistungsfĂ€higkeit, generellen Unberechenbarkeit, UnzuverlĂ€ssigkeit. In der Studie kam immer wieder zur Sprache, wie stark Betroffene diese Stigmatisierung spĂŒren und sich daher aus dem sozialen Leben zurĂŒckziehen.
Diskriminierung allgemein
Es ist allgemein bekannt, dass psychische Krankheiten und Menschen, die daran leiden, in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert und ausgegrenzt werden. Das spiegelt sich auch in der Studie. MĂŒnchner mit psychischen Erkrankungen erleben hĂ€ufiger Diskriminierung als gesunde MĂŒnchner.
Da in den Befragungen nicht speziell nach rassistischen und sexistischen Diskriminierungserfahrungen gefragt wurde, geben die in dieser Studie gezeigten Zahlen wahrscheinlich nicht das ganze AusmaĂ der Diskriminierung wieder, die die Befragten wirklich erlebt haben.
In der Arbeitswelt werden Betroffene am hÀufigsten diskriminiert. Mehr als jede*r 4. sagt, dass er oder sie in den vergangenen 2 Jahren am Arbeitsplatz wegen psychischen Leiden unfair behandelt wurde. An 2. Stelle kommt das eigene private Umfeld, wie Familie und Freunde, und an 3. Stelle der Bereich Gesundheit und Pflege.
Besonders in privaten und im Gesundheitsbereich (Ărzte, Pflegepersonal) sind Mikroaggressionen zu beobachten, die eine negative Wirkung auf Betroffene haben. Zum Beispiel kleine Bemerkungen, abwertende Botschaften und Verhaltensweisen, die eine Person herabsetzen â und das oft, ohne dass sich derjenige, der sie macht, dessen bewusst ist.
Viele, die Diskriminierung erfahren haben, berichten auch von schlechter Behandlung in der Ăffentlichkeit, wĂ€hrend der Freizeit, beim Einkaufen, bei Dienstleistungen oder auf Ămtern.
Diskriminierung durch Unsicherheit
Wirklich bemerkenswert ist, dass die Studien-Teilnehmer sehr reflektiert ĂŒber diese Diskriminierungstendenzen berichteten. So sehen sie die fehlende SensibilitĂ€t oftmals nicht nur als Resultat unzureichenden Wissens oder gesellschaftlicher Vorurteile. Vielmehr wird sie hĂ€ufig als Ausdruck der Unsicherheit angesehen â eine Unsicherheit, die bis zur Hilflosigkeit und einem GefĂŒhl der Ăberforderung fĂŒhren kann.
âDies verweist auf die Herausforderungen, denen sich âEntstigmatsierungsaktionenâ gegenĂŒbersehen bzw. betont die Bedeutung von Hilfen bei der StigmabewĂ€ltgung. Denn: âIrrationalitĂ€t ist durch AufklĂ€rung und Wissensvermehrung nicht aufzuheben.â (Finzen 2013, 50).â
Das PhĂ€nomen der "Selbststigmatisierung" kommt in den GesprĂ€chen nur selten zur Sprache. Aber das bedeutet nicht, dass Selbststigmatisierung keine groĂen Auswirkungen hat. Auch wenn jemand nicht mehr krank ist, kann sie verhindern, sich um Arbeit, eine eigene Wohnung, soziale Kontakte oder Beziehungen zu bemĂŒhen. Oft ist es nicht die psychische Krankheit selbst, sondern die Selbststigmatisierung, die es den Betroffenen schwierig macht, diese Ziele zu erreichen.*
*"RĂŒsch & Berger (2012). AusdrĂŒcklich sei betont, dass âSelbststigmatisierungâ ein gesellschaftlich bedingter Prozess ist. Zum einen, weil es â offensichtlich â ohne âöffentlicheâ Stigmatisierung gar keine Selbststigmatisierung geben könnte. Zum zweiten, weil Selbststigmatisierung letztendlich ânurâ bedeutet, dass das âWertesystem aus gesunden Tagen sich gegen sich selbst kehrtâ (Finzen 2013: 65)."
Wichtig: Anti-Stigma-Aktion haben bislang zwar die Einstellungen von Menschen positiv beeinflusst, nicht jedoch ihr Verhalten. Vgl. auch Entstigmatisierung: Was hilft?
Diskriminierung im Gesundheitsbereich
Alarmierend ist, dass gerade in Gesundheits-Einrichtungen fĂŒr psychisch Kranke berichtet ca. jede 3. bis 4. Person Diskriminierung erlebt. Das zeigt, dass es sich bei solchen VorfĂ€llen nicht nur um vereinzeltes Fehlverhalten handelt, sondern dass diskriminierende Praktiken oft in den Strukturen dieser Institutionen verankert sind. Ăhnliche Muster finden sich ebenso in Behörden und Ămtern wieder. Vgl. Stigmatisierung in der Psychiatrie
âEs ist offensichtlich, dass die Gruppe der psychisch Erkrankten ânicht als homogene Gruppe betrachtet werden kann. Sie nehmen HĂŒrden oder Zugangsschwierigkeiten teils unterschiedlich wahr und Ă€uĂern unterschiedliche Bedarfe, die sich auch widersprechen können.â
Angesichts dieser KomplexitĂ€t erhebt die vorliegende Studie nicht den Anspruch, diese Bedarfe in ihrer Gesamtheit abzubilden oder all die Barrieren, die deren Befriedigung im Wege stehen, zu benennen. Dies wĂ€re vermessen, sofern eine einzelne Studie dies ĂŒberhaupt leisten könnte.â
(âŠ) âa) Zentral bei der Einbeziehung von Betroffenen (und Angehörigen) ist deren Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, dem Hilfesystem sowie mit alltĂ€glichen TeilhabeausschlĂŒssen. Im Sinne der UN-BRK besteht die Herausforderung, nicht nur der Fachwelt eine Expertise zuzugestehen, sondern auch den Betroffenen selbst.
Es geht bei einer solchen Einbeziehung nicht nur darum, Betroffene zu beteiligen und ihre Meinung anzuhören, sondern ihre Erfahrungen und ihr Wissen als Expertise zu nutzen.â
1) Rathaus Umschau 54 / 2024, veröffentlicht am 15.03.2024
2) muenchen-wird-inklusiv.de_ KoordinierungsbĂŒro zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in MĂŒnchen
3) SIM Sozialplanung und Quartiersentwicklung, Studie âsichtbarâ â Kurzbericht