Ein Brief an meine Lehrerin, den sie niemals zu Gesicht bekommen wird. Aber du darfst ihn ruhig lesen. Oder muss ich mich vor dir auch fürchten? Vor allem muss man sich fürchten.
Liebe Frau X,
Ich möchte auf die heutige Stunde aufmerksam machen. Dabei bitte ich Sie nicht um ein Gespräch, sondern schreibe Ihnen, eben aus dem Grund aus dem ich Ihnen überhaupt schreibe.
Ich weiß Sie zu schätzen, vor allem weiß ich Sie zu respektieren, doch diese Wertschätzung, dieser Respekt soll mich nicht an meiner Ehrlichkeit hindern. Sie sind meine Lehrerin, Sie sind eine Person von Autorität, doch das gibt Ihnen nicht das Recht mir zu sagen, was ich weiß und was ich nicht weiß. Es gibt Ihnen nicht das Recht über meine mangelhaften Fähigkeiten Gedanken in Worte zu fassen und unter dem Druck durch Autoritäten so zu funktionieren, wie ich sonst funktioniere, zu urteilen. Lehrer in dieser Welt neigen dazu dir sagen zu wollen, wer du bist, doch das brauchen Sie mir nicht sagen, das braucht mir kein Lehrer zu sagen, das braucht mir niemand zu sagen. Ich weiß, was ich weiß und ich weiß, wer ich bin. Was ich auch weiß ist, dass Sie nicht wissen, wer ich bin. Sie wissen nicht, dass ich direkt nach der heutigen Stunde meine mündliche Prüfung in Englisch vollzogen habe, ich ein selbst kritischer Mensch bin (ich möchte meine Sache gut machen), ich ein Verantwortungsbewusster Mensch bin (ich möchte meine Prüfung angemessen absolvieren, ich möchte in Geschichte aufmerksam sein, ich möchte, dass Sie mich anerkennen), ich ADHS habe und mich leicht ablenken lasse (als Sie mich meiner Unwissenheit beschuldigten flog ein Vogel am Fenster vorbei).
Was Sie wohl auch nicht wissen, aber sehr wohl wissen könnten, vielleicht wissen Sie es, da ihr Wissen wie gesagt etwas ist, das ich wertschätze, allerdings der Anschein erweckt wird, dass Sie es sich nicht dauerhaft vor Augen führen, ist, wie autoritär unsere Institutionen sind, welche Autorität Ihnen als Lehrerin somit verliehen wird und die Art und Weise, wie Sie von dieser Autorität in Ihrem Unterricht teilweise Gebrauch machen. Diese gewisse Macht, die Ihnen durch Ihre Position, aber auch durch Ihr weitreichendes Wissen verliehen wird, ist also kein Grund, den ich akzeptieren werde, dafür, dass sie mich erniedrigen, nur weil ich ehrlich zu Ihnen bin.
Heute in der Geschichtsstunde, als Sie sich so zu mir hinunterbeugten, von oben mir in die Augen starrten und ich meine Prüfung im Kopf hatte, den Vogel am Fenster vorbeifliegen sah und schmerzhaft versuchte dahinter zu kommen, was Sie denn nun so plötzlich von mir hören wollen, habe ich Ihnen gesagt, wie ich mich fühle, nicht wie viel ich weiß. Was Sie daraus gemacht haben: Eine Anschuldigung, eine Bloßstellung, an einen Menschen, der sich sehr von der Geschichte begeistern lässt, gerne von ihr lernt, von Ihnen lernt, der jedoch auch nur ein Mensch ist.
Ich bin also ein zweites mal ehrlich; Sie sind eine der Lehrer/innen, die ich am meisten wertschätze, doch nun muss ich Sie kritisiere, weil ich alles kritisiere, weil es viel in meiner Situation zu kritisieren gibt.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
Liebe Grüße


















