Klassiker-Verlage - Eine kurze Einleitung
Bücher sind für den etwas anspruchsvolleren Leser nicht nur ihr Inhalt, sondern auch reine Haptik. Das betrifft sie als Medium sowie auch als Träger von Informationen, Geschichten und Emotionen. Der erste Eindruck eines jeden Lesers ist der Umschlag mit Cover und Autorenfoto (und idealerweise treffender Inhaltsangabe), beim Lesen selbst hat das Format und das Layout einen großen Anteil am Gesamteindruck. Die in absoluten Zahlen beständige aber prozentual abnehmende Leserschaft scheint durchaus ein Interesse an schönen Ausgaben und aufwändig illustrierten alten wie neuen Klassikern zu haben. Anders lässt sich die große Anzahl an solchen Ausgaben in den Buchläden und den Verlagskatalogen nicht erklären. Bibliophile Leser nehmen zu und damit werden diese Ausgaben auch günstiger – wie auch im Detail billiger hergestellt. Das Feld der "Klassiker" wird hier besonders beackert und beweist wieder, dass diese Werke eine Zeitlosigkeit bewahren bzw. immer wieder neu gelesen werden können. Meist werden sie in Massen präsentiert und haben fast Mitnahmecharakter. Zudem dürfte die Gemeinfreiheit dieser „alten“ Werke (= der/die Autor/-in ist mehr als 30 Jahre tot) die Veröffentlichung erleichtern. Die Folge einer entsprechenden Gesetzesänderung ist 1867 die Gründung des Reclam Verlages. Diese Zugänglichkeit sollte man als Leser in Anbetracht vergangener Zeiten wertschätzen. Jahrhundertelang war Bildung, die Fähigkeit zu Lesen und der Besitz von Büchern ein Privileg des reichen Adels und der klerikalen Vertreter des Glaubens, heute ermöglichen günstige Ausgaben, das Internet und öffentliche Bibliotheken wie Bücherschränke den Zugriff auf einen Großteil der sogenannten Klassiker.
Unter den großen (= umfangreiches Programm mit dezidierten Klassiker-Reihen) Verlegern von Klassikern sind der kostengünstige Anaconda-Verlag, die ikonischen Reclam-Hefte, der ästhetisch ansprechende Manesse-Verlag und auch der Verlag Coppenrath. Online sind natürlich über das Projekt Gutenberg viele Texte leicht und kostenfrei zugänglich. Aber Spaß macht es nicht diese Online-Versionen im Blocksatz zu lesen. Als Germanistik-Studentin kann ich dieser Online-Bibliothek dennoch einiges verdanken und will sie daher nicht verschweigen. Lesen ist nun mal mehr als Worte zu erfassen, ihre Präsentationsform ist von großer Bedeutung.
Coppenrath bemüht sich besonders um reich illustrierte Ausgaben von Kinderbuchklassikern und verlegt auch die deutschen Ausgaben von Klassikern mit Illustrationen des Designerduos MinaLima. Neben der erwartbaren Kooperation mit den Schaffern des Designs der Filmreihe bei den prachtvollen Harry Potter-Ausgaben liegen hier einige Märchen (Schneewitchen, Die Schöne und das Biest, Die kleine Meerjungfrau, Pinocchio) und typische phantastische Klassiker (Peter Pan, Das Dschungelbuch, Alice im Wunderland, Der geheime Garten, Der Zauberer von Oz) vor. Mit ihren bunten Zeichnungen und Grafiken, starken Farben, einfallsreichen Falt- und Schiebbildern und wohlüberlegtem Schriftdesign werden die (bekannten) Geschichten erweitert, ohne dem Leser eigene Vorstellungswelten zu rauben. Dies dürfte als größte Leistung anerkannt werden.
Neben diesen aufwändigen (und teuren) Prachtausgaben stehen aber auf das Wesentliche, also den Text, beschränkte und preiswertere Ausgaben wie etwa die gelben Reclam-Hefte, die bunten mit Gold verzierten Titeln versehenen Bände der Reihe Leinen mit Goldprägung des Nikol-Verlages und die auch eher günstigen einfarbigen Rücken mit weißer oberer Kante des Anaconda-Verlages. Im Bereich der Science-Fiction ist der Heyne-Verlag und seine Bibliothek der Science Fiction Literatur besonders hervorzuheben, welche einen ebenfalls weißen Einband mit kleinen Bildern verband. Im Bereich der phantastischen Literatur hat der Suhrkamp-Verlag viele Werke verbreitet, in magentafarbenen und lilafarbenen Taschenbüchern, welche letztlich von schwarzen Bänden abgelöst wurden. Die Phantastische Bibliothek ist leider, ebenso wie die Reihe bei Heyne, mit der Jahrtausendwende ausgelaufen. Beide Formate verfolgen den Anspruch eine universell gültige Bibliothek anzulegen, wobei neben bekannten Klassikern des Genres auch weniger beachtete oder heute nicht mehr bekannte Werke zu finden sind.
Unsere visuell geprägte Gegenwart hat auch die Covergestaltung verändert, bunter gemacht und diese mehr in den Fokus gerückt. Die Ausgaben der Meisterwerke der Science Fiction (Heyne) zeigen dementsprechend bunte astronomische Phänomene auf dunklem Hintergrund. Einheitlichkeit und Vielfalt mischen sich in den immer seltener werdenden vollen privaten Bücherregalen meist in der Gänze harmonisch. Während der Hochzeit von Online-Meetings konnten viele Regale bestaunt werden und jeder Interviewpartner musste die schwere Entscheidung treffen, vor welchen Büchern er oder sie, denn besser aussehen könnte oder was der eigenen Funktion hier eher entspräche. Bücher haben damit nach wie vor repräsentative Wirkung und gehören zu einem gewissen gesellschaftlichen Status dazu - ebenso wie die richtige Kleidung. Solche Oberflächlichkeiten mögen (bzw. sollen) ideell keine Rolle spielen, sind aber nach wie vor das erste Einordnungskriterium bei der Begegnung mit Unbekanntem wie Unbekannten. Die Bibliothekspflege ist aber auch schon in Privathaushalten eine höchst komplexe wie notwendige Aufgabe und nicht ohne Grund ein ausgewiesenes Studienfach.
Alle genannten Verlage haben auch andere Ausgaben, Formate, Farben und Layouts im Programm, aber die hier genannten Formate repräsentieren den jeweiligen Verlag ganz besonders. Nach dieser ausführlichen Einleitung soll nun ein kurzer Blick auf bestimmte Reihen folgen: die Bibliothek der Weltliteratur des Manesse-Verlages (seit 1944), Reclams Universal Bibliothek (seit 1867) und Große Klassiker zum kleinen Preis des Anaconda-Verlags (seit 2004). Mit Ausnahme des Reclam-Verlages gehören alle Verlage (ebenso wie Heyne) mittlerweile zur Penguin Random House Verlagsgruppe, Manesse seit 2005 und Anaconda seit 2019.