Beleidigt zu sein ist das Indiz für fehlende Urteilskompetenz
Beleidigt sein ist zunächst einmal ein Ausdruck der perfiden Form einer emotionalen Erpressung mit der Zielsetzung, die Verursacher sollen sich ausnahmslos schuldig fühlen. Dies kann verbal untermalt werden, nach dem Motto: „wenn du es nicht machst, dann mache ich es selbst“, oder „du hast es mir doch versprochen …“. Wird nicht eingelenkt, ziehen man sich beleidigt zurück, entzieht gewissermaßen dem Verursacher jeden sozialen Kontakt. Beleidigte symbolisieren theatralisch mit ihrem Rückzug, wie sehr sie leiden.
Wer unter einem Beleidigten lebt und ein schlechtes Gewissen verspürt, wird bemüht sein, diesen Zustand wieder gutzumachen. Oder man stumpft mit den Jahren ab und lässt es einfach nur noch über sich ergehen, bis das beleidigte Gegenüber wieder zugänglich ist.
Besser und gesünder wäre es allerdings, den Beleidigten in seinem Rückzug zu belassen und den eigenen Aktivitäten weiter nachzugehen. Das klappt in einer Beziehung oder Familie, in der das Leben voneinander abhängig ist, jedoch nur suboptimal und im Betrieb unter Arbeitskollegen, die aufeinander angewiesen sind, ebenso schlecht.
Über Jahre hinweg erzeugter Druck der Beleidigten führt bei den meisten Menschen, die damit leben müssen, dazu, dass sie sich dauerhaft und immer wieder schlecht und erdrückt fühlen und eines Tages dieser Belastung nicht mehr standhalten möchten. Langfristig zerstört Beleidigtsein jedes Miteinander. Schlussendlich werden sie ihre Freiheit zurückhaben und diese toxisch gewordenen Verbindung verlassen wollen.
Oft wird einfach etwas gesagt, man lässt der eigenen Wut oder Enttäuschung verbal seinen freien Lauf. Ein Wort folgt aufs andere und schon weiß keiner mehr, wer was und womit ausgelöst hat und warum das Ganze überhaupt hochgekocht ist und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Anstatt es dann auf sich beruhen zu lassen, vergiften Beleidigte jedoch weiterhin die Atmosphäre und verlängern damit derartige Dispute nur unnötig.
Die Absicht der Beleidigten ist ersichtlich: Sie möchten, dass es ihrem Gegenüber als Verursacher richtig schlecht geht, schließlich sind sie vorweg auch schlecht behandelt worden.
Emotionale Ohrfeigen verteilen, das ist offensichtlich dessen Intension, ohne verstanden zu haben, dass im Streit häufig Dinge gesagt werden, die nicht so gemeint werden. Beleidigte Menschen fühlen sich permanent angegriffen, sind nicht in der Lage, über den Dinge zu stehen und sie sind nicht in der Lage, sich abzugrenzen. Sie können nicht verzeihen, sie fühlen sich ständig im Recht und können keinerlei Kritik vertragen.
Schuldgefühle durch Beleidigtsein zu erzeugen, ist ein wirksames Mittel, um Mitmenschen mundtot zu machen oder zu manipulieren. Schuldgefühle zu erzeugen, machen jedoch niemanden zu einem besseren Menschen.
Es ist unsinnig zu glauben, dass ein bestimmtes Verhalten des Verursachers, das vermeintlich zu berechtigter Verletztheit geführt hat, durch Beleidigtsein dazu führt, in Zukunft unterlassen zu werden.
In der Gesellschaft nimmt dieses Beleidigtsein in der Debattenkultur inzwischen eine tragende Rolle ein. Ein guter Meinungsaustausch scheint uns immer weniger zu gelingen. Das Phänomen, dass alle beleidigt sind und bei fast jedem Satz die Gefahr besteht, wieder jemanden auf die Füße zu treten, ohne es aber zu wollen, ist inzwischen alltäglich geworden und vielerorts und bis in den Bundestag deutlich zu spüren. Viele haben es anscheinen schlichtweg verlernt oder auch nie gelernt, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren und eine andere Meinung zu vertreten. Mitmenschen müssen nicht zwingend der gleichen Meinung sein und können sich trotzdem gut finden. Das scheinen viele gar nicht mehr auf dem Schirm zu haben.
Früher war es absolut unsouverän und unprofessionell, beleidigt zu sein. Und das früher liegt noch gar nicht so lange zurück. Heute sind unglaublich viele versessen darauf, beleidigt zu sein – man kann ihnen das aber nicht nahebringen. Wenn man das tun würde, würden sie sich kritisiert fühlen und wären schon wieder beleidigt. Die eleganteste Art, ein Gespräch abzuwürgen, ist heutzutage, einfach beleidigt zu sein und auf alles Weitere ebenfalls beleidigt zu reagieren – das ist so extrem kräftezehrend, zeitraubend und lächerlich, eigentlich hat man darauf überhaupt keine Lust. Wenn man das weiß, geht man bei solchen Menschen schon ganz automatisch jede Diskussion aus dem Weg.
Beleidigte zeigen mit ihrem Verhalten allenfalls, wie schwach sie sind und wie wenig sie fähig sind, konstruktiv zu reagieren. Es macht doch gerade den Profi aus, der sagt: „okay, ich gehe mit gegensätzlicher Meinung oder Kritik nun souverän um“. Das allerdings hat ein Großteil der Gesellschaft offensichtlich völlig verlernt.
Noch schlimmer, es ist inzwischen ein gesellschaftlich, akzeptierter Zustand, beleidigt zu sein. Das gab es alles früher nicht. Dieses Phänomen ist recht neu, es ist nicht älter als ein Jahrzehnt, dies bestätigt auch David Precht in einem Gespräch mit Markus Lanz. Er hat sogar das Gefühl, dass sich dieses Phänomen in den vergangenen Jahren arg verstärkt hat. Das hat damit zu tun, dass in der Gesellschaft inzwischen akzeptiert wird, dass jeder beleidigt sein darf – man gewissermaßen ein Anrecht darauf hat, beleidigt zu sein. Precht ist überzeugt, dass Beleidigtsein ein Ausdruck unserer gelebten Hochsensibilitätskultur ist. Diese hochmoralische Gesellschaft, sie ist entstanden, als die Stammtische öffentlich wurden. Mit anderen Worten, in dem Moment, als sich die soziale Netzwerke durchgesetzt haben und sich dadurch Meinungen in der ganze Welt verbreiten konnten. Dadurch wurden Privatmeinungen von irgendwelchen Leuten erst gesellschaftlich relevant.
Beleidigtsein ist aber auch ein Ausdruck von Bequemlichkeit. Es fällt leichter, sich mit Sachen einfach nicht auseinanderzusetzen zu müssen. Also ist man lieber beleidigt und würgt eine weitere Auseinandersetzung einfach ab. Unfair ist das allerdings denen gegenüber, die eine Diskussion ergebnisorientiert führen wollen. Schließlich möchte man durch eine Diskussion ein Ziel erreichen und wenn man sich schon im Disput befindet, der Ursache zumindest auf den Grund gehen.
Beleidigtsein ist eine Form von Respektlosigkeit dem anderen gegenüber. Wer kein Bock auf Diskussionen hat, würgt seinen Gesprächspartner mit Beleidigtsein ab. Beleidigt sind auch diejenigen, die ihrem Gesprächspartner intellektuell unterlegen sind. So müssen sie nicht ihre Unkenntnisse preisgeben. Beleidigtsein ist aber auch die Form der Machtlosigkeit des Einlenkens – der Gesprächspartner hat offensichtlich treffendere Argumente. Man möchte selbst dem nicht „klein“ beigeben müssen, weil es offensichtlich ein Zeichen von Schwäche ist, anderen in diesem Fall recht zu geben.
Wenn ein Gespräch als langweilig empfunden wird, dann ist es vielen wichtig, recht zu behalten. Wenn allerdings ein Gesprächspartner als richtig interessant empfunden wird, dann liegt das Hauptinteresse des Gespräches auf dem Dazulernen. Ist Beleidigtsein also auch eine Form von Lernverweigerung?
Ist es nicht so, dass besonders Menschen, die nicht gleicher Meinung sind, miteinander interessante Diskussionen und Gespräche führen können und das zu einer Erweiterung ihrer eigenen Anschauung führt? Das gelingt Menschen, die fähig sind, andere zu respektieren, auch wenn sie eine gegensätzliche Meinung vertreten. Wenn die Gesellschaft nicht gewillt ist, divergente Meinungen zuzulassen und nicht bereit ist, sich auch einmal überzeugen zu lassen, dann führt das unweigerlich zum Stillstand der gesellschaftlichen Entwicklung. Es ist maßgeblich wichtig, aus eigenen Filterblasen herauszukommen, anstatt einzelne Begrifflichkeiten zu tadeln. Wir hängen uns an Meinungen, die wir selbst nicht vertreten wollen, auf und unterstellen dem Urheber, dass er ein schlechter Mensch sei, anstatt eine andere Meinung stehenzulassen und zu akzeptieren. Diese Moralisierung des Diskurses ist gefährlich, denn es erstickt jedes neu Pflänzlein im Keim und lässt auch nichts Neues entstehen.
Früher wurde sich unfassbar und endlos viel in den Parteien aufgeregt und lebhaft darüber diskutiert. Heute ist es eher wichtig, einen geschlossenen Eindruck zu hinterlassen. Demzufolge erstickt man offensichtlich andere Meinungen mit Beleidigtsein und versucht, jede anderslautende Meinung mit moralischen Totschlagargumenten mundtot zu machen.
Aristoteles hat schon zu seiner Zeiten treffend formuliert: Sich aufzuregen, ist einfach. Aber sich zur richtigen Zeit über das richtige aufzuregen, das ist schwierig, denn das setzt Urteilskompetenz voraus. Ist uns diese mittlerweile abhanden gekommen? Und kaschieren wir unsere fehlende Urteilskompetenz mit Fleppe ziehen und beleidigt sein?