Ich kann kein Russisch, aber...
In der angespannten Lage um die Ukraine und Russland und den Westen verfolge ich akribisch die Entwicklung – nicht nur aus politischem Interesse, sondern auch aus beruflichen Gründen. Nach einem mit Spannung erwarteten Telefonat von US-Präsident Joe Biden und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin möchte ich natürlich, wie viele, genauer wissen, was da eigentlich besprochen wurde.
Das Weiße Haus veröffentlicht recht schnell eine Zusammenfassung. Der Kreml hingegen publiziert, durchaus ungewöhnlich, das Audio eines Briefings von Putin-Berater Juri Uschakow. Auf Russisch.
Ich kann kein Russisch. Und der übliche Weg, einen russischen Text durch eine Übersetzungs-Software laufen zu lassen, fällt erstmal weg. Weil es ja keinen Text gibt, sondern eine Audiodatei.
Ich frage im Techniktagebuch-Redaktionschat, ob jemand eine Webseite mit Audio-Transkription kennt, die russische Sprache transkribiert. Kathrin Passig empfiehlt sonix.ai*, und ich probiere das schnell aus: Audio-Datei von der Kreml-Seite herunterladen, bei sonix.ai einen Testaccount erstellen, das Audio hochladen.
* Anmerkung Kathrin Passig: Ich habe das nur schnell gegoogelt und selbst nicht ausprobiert. Dass auch die beiden mir bekannten Tools Trint und Amberscript Russisch verstehen, habe ich erst gemerkt, als Thomas sein Problem schon gelöst hatte.
Nach etwa einer Viertelstunde liegt das Ergebnis vor, und ich bekomme eine russische Textdatei. Die kopiere ich in deepl.com, inzwischen meine bevorzugte Übersetzungssoftware (wenn es nicht um außereuropäische Sprachen geht, die diese Seite nicht kennt). Und nach wenigen Minuten habe ich eine durchaus lesbare deutsche Übersetzung.
Das ging schnell. Aber der Kreml war diesmal auch schneller als erwartet: Kurz nachdem ich das Ergebnis meines mehrstufigen Prozesses vor mir habe, liefert die Kreml-Webseite das russische Transkript. Dann lasse ich, bei solchen Dingen kommt es schon auf Präzision an, doch lieber die offizielle Fassung durch die Übersetzungssoftware laufen.
Allerdings, der spätere Vergleich zeigt: Der Weg Audio-Datei -> Transkript in Originalsprache -> deutsche Übersetzung ist gar nicht so schlecht im Vergleich zum kürzeren Weg von der - vermutlich menschlichen - Transkription zur automatischen Übersetzung.
Die deutsche Übersetzung des Transkript vom Audio:
Guten Abend. Das Telefongespräch zwischen dem Präsidenten der Russischen Föderation und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde soeben beendet. Das Gespräch dauerte etwas mehr als eine Stunde. Es handelte sich um eine Fortsetzung der amerikanisch-russischen Videokonferenzen vom 7. Dezember und der Telefonkontakte vom 30. Dezember. In diesem Moment begannen die beiden Staats- und Regierungschefs mit dem wichtigsten Thema des heutigen Tages, nämlich der Gewährleistung langfristiger, gesetzlich verankerter Sicherheitsgarantien für die Russische Föderation. Das heutige Gespräch fand inmitten einer noch nie dagewesenen Hysterie der US-Beamten über einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Einmarsch Russlands in die Ukraine statt. Jeder weiß das. Unter Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit eines solchen Katastrophenszenarios hat die US-Seite übrigens um den heutigen Telefonkontakt zwischen den Präsidenten gebeten, obwohl dieser für Anfang nächster Woche geplant war. Insbesondere am Montag hatten wir vor, ähnliche Ersuchen um dringende Telefongespräche mit anderen Mitgliedern der Verwaltung zu stellen, die gestern und heute mit vielen ihrer russischen Amtskollegen gesprochen haben.
Und zum Vergleich die Übersetzung vom russischen Original-Transkript:
Guten Abend! Das Telefongespräch zwischen dem Präsidenten der Russischen Föderation und dem US-Präsidenten ist soeben beendet worden. Das Gespräch dauerte etwas mehr als eine Stunde. Dieses Gespräch war eine Art Fortsetzung der amerikanisch-russischen Gespräche, die am 7. Dezember per Videokonferenz stattfanden, sowie des Telefongesprächs, das am 30. Dezember stattfand. Dann begannen die beiden Staatsoberhäupter mit dem wichtigsten Thema des Tages, nämlich der Bereitstellung langfristiger, rechtlich verankerter Sicherheitsgarantien für die Russische Föderation.
Das heutige Gespräch fand inmitten einer noch nie dagewesenen Hysterie der US-Beamten über den angeblich bevorstehenden Einmarsch Russlands in die Ukraine statt, der bekanntlich unmittelbar bevorsteht. Übrigens hat die amerikanische Seite unter Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit eines solchen Katastrophenszenarios um das heutige Telefongespräch mit den Präsidenten gebeten, obwohl es für Anfang nächster Woche - Montag, so war unser Plan - vorgesehen war.
Nun kann ich, ich spreche ja kein Russisch, nicht beurteilen, ob da gegebenenfalls das russische Transkript gegenüber dem gesprochenen Wort in der Audio-Datei etwas geglättet wurde. Aber mit dem Ergebnis des - wenn auch etwas umständlich - übersetzten Audios kann ich ganz gut leben.