Ende Juni 2026
Liefern lassen auf dem Land
Seit Jahren rede ich meiner Mutter (82) zu, dass sie sich wenigstens die Getränke liefern lassen soll. "Die liefert doch keiner", wendet sie dann immer ein. "Doch! Alle machen das!", sage ich.
Weil die Mutter gerade zwei Schlaganfälle hinter sich hat, kann sie jetzt noch weniger gut schwere Kästen herumtragen. Ich nutze die Gelegenheit und suche auf der Edeka-Seite nach der Lieferoption des Getränkemarkts, den wir am häufigsten aufsuchen. Das wäre am praktischsten, denke ich, dann kann man die Lebensmittel auch gleich dort bestellen und braucht keine zwei Lieferdienste.
Der Edeka-Getränkemarkt liefert nicht. Der Rest von Edeka auch nicht.
Ich rufe bei dem Getränkemarkt an, den die Mutter am zweitliebsten hat. Der zweitliebste Getränkemarkt liefert nicht.
Ich schreibe dem Lieferdienst mit der sympathischen Domain kracherlschubser.de eine Nachricht. Man muss sich dort ein Kundenkonto hand-einrichten lassen, um dann (hoffe ich jedenfalls) bestellen zu dürfen. Der Lieferdienst antwortet nicht.
Ich rufe den drittliebsten Getränkemarkt der Mutter an. Er liefert nicht, ich werde aber an ein Unternehmen in 20 Kilometer Entfernung verwiesen, bei dem ich anrufen soll. Ein Anrufbeantworter geht dran. Ich finde die Website des Lieferdiensts, die verheißungsvoll aussieht: Man kann Produkte in einen Warenkorb legen! Aber wenn ich meine Postleitzahl eingebe, steht da nur "nach Absprache". Ich schreibe dem Lieferdienst eine Nachricht. Der Lieferdienst antwortet nicht.
Bei überregionalen Lieferunternehmen sehe ich gar nicht erst nach, weil ich das für noch viel weniger mutterkompatibel halte als regionale Lieferdienste, bei denen auf dem Auto vertrauenerweckend so was wie "Irlbacher Kracherl – direkt aus der Irlbacher Kracherlquelle" steht. (Beim Aufschreiben dieses Beitrags hole ich es aber nach: flaschenpost.de, getraenkedienst.com, durst.de, kistenbote.de liefern alle nicht an unsere Postleitzahl.)
Nebenher versuche ich herauszufinden, welche Supermarktkette vor Ort eigentlich Lebensmittel liefern würde. Das ist zwar noch nicht dringend nötig, aber vielleicht könnte man ja mal einen Anfang machen, wenigstens für die langweiligen und schweren Lebensmittel. Tomatendosen und Mehltüten muss man doch wirklich nicht im Laden persönlich begutachten.
Ich weiß noch, dass das im ersten Pandemiejahr in Schottland schwierig war, weil die Lieferslots so begehrt waren, und auch im zweiten noch nicht einfach. Aber ich sehe dort inzwischen ständig Lieferfahrzeuge verschiedener Supermarktketten und gehe deshalb davon aus, dass es auch in Deutschland jetzt normal sein muss. Ich habe das in Berlin zum ersten Mal 1997 ausprobiert (seitdem allerdings nicht wieder), knapp dreißig Jahre sollten doch reichen für den Weg in die ländlichen Regionen.
Die Mutter meint, mal von einer Person gehört zu haben, die sich von Rewe beliefern lässt. Aber der örtliche Rewe bietet nur einen Abhol- und keinen Bringservice. Auch sonst liefert niemand an unsere Postleitzahl.
Ich rege mich auf, beschwere mich im Techniktagebuch-Redaktionschat über die Zustände auf dem Land und schreibe diesen Beitrag. Erst als ich dafür noch mal meine ganze Suche rekonstruiere, merke ich, dass ich im allerersten Schritt aus Gewohnheit die leicht auffindbaren regionalen Getränkelieferanten ausgeschlossen habe, auf deren Website es nur eine Telefonnummer gibt, kein Sortiment, keine Preise, keinen Onlineshop. Das war vor drei Tagen, ich war noch jung und naiv und dachte, irgendwo gebe es sicher ein richtiges Unternehmen mit Onlineshop und Lieferterminen. Ich rufe beim ersten Suchtreffer an und gebe telefonisch eine Bestellung auf. Nächsten Montag wird geliefert.
(Kathrin Passig)
















