Der Tarifflucht Einhalt gebieten
Verhindern, dass sich Chefs zurĂŒcklehnen
       SolidaritÀt ist die ZÀrtlichkeit der Völker.
       Ernesto Che Guevara
Immer mehr BeschÀftigte (nicht nur) in Deutschland glauben, dass sie am besten in ihrem Arbeitsleben zurechtkommen, wenn sie als Einzelne mit ihren Vorgesetzten ihre Arbeitsbedingungen "besprechen". Weit gefehlt! Kommt diese Einstellung durch die jahrelange Indoktrination unserer Medien zustande?
Auf gewerkschaftsforum.de lesen wir: Immer weniger Unternehmen zahlen ihren BeschÀftigten den Tariflohn. Selbst die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Yasmin Fahimi muss unter Verweis auf eine Berechnung des DGB mit Daten des Statistischen Bundesamtes feststellen, dass durch die Tarifflucht der Unternehmen dem Staat ein Schaden von rund 130 Milliarden Euro entsteht.
Konkret gingen durch niedrigere Löhne den Sozialversicherungen jĂ€hrlich rund 43 Milliarden Euro an BeitrĂ€gen verloren und Bund, LĂ€nder und Kommunen wĂŒrden 27 Milliarden Euro weniger Einkommensteuer einnehmen. Die Kosten der Tarifflucht summierten sich im Osten auf mehr als 31 Milliarden und im Westen auf 99 Milliarden Euro. Auch werde die Kaufkraft der Bevölkerung erheblich geschmĂ€lert. GĂ€be es eine flĂ€chendeckende Tarifbindung, hĂ€tten die Leute insgesamt rund 60 Milliarden Euro mehr pro Jahr in der Tasche.
TarifvertrĂ€ge waren verbindlich und meist einheitlich fĂŒr ganze Branchen
Tarifbindung bedeutet Sicherheit und ein Tarifvertrag garantiert Mindestbedingungen, die nicht unterschritten werden dĂŒrfen bei
der Höhe der ArbeitsvergĂŒtung
Regelungen zur UrlaubslÀnge
Urlaubs- und Weihnachtsgeld
BeschĂ€ftigte, deren ArbeitsverhĂ€ltnis von einem Tarifvertrag flankiert wird, sind durchgĂ€ngig bessergestellt. Obwohl das Jede/r wissen könnte, ist die Tarifbindung der BeschĂ€ftigten in den 20 Jahren zwischen 1998 und 2018 in den westlichen BundeslĂ€ndern von 76 auf 46 Prozent gesunken, in den östlichen von 63 auf 35 Prozent gefallen. FĂŒr rund 46 Prozent der BeschĂ€ftigten in Deutschland war das BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis 2018 durch einen Tarifvertrag geregelt. FĂŒr 8 Prozent der BeschĂ€ftigten galten FirmentarifvertrĂ€ge.
In den neuen LĂ€nÂdern war die Tarifvertragsbindung deutlich niedriger und das obwohl vor der Wende eigentlich alle BeschĂ€ftigten Mitglied des FDGB gewesen waren. Hier gelten fĂŒr 35â
Prozent der BeÂschĂ€fÂtigÂten BranÂchenÂtarifÂverÂtrĂ€ge. 11 Prozent arbeiteten in Unternehmen mit FirÂmenÂtaÂrifÂverÂtrĂ€Âgen. FĂŒr 44 Prozent der BeÂschĂ€fÂtigÂten im Westen und 55 Prozent im Osten gibt es keinen Tarifvertrag.
Nun 4 Jahre spĂ€ter ist es noch schlimmer geworden: Im Jahr 2022 war das BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis fĂŒr rund 41 Prozent der BeschĂ€ftigten durch einen Tarifvertrag geregelt. Hochgerechnet arbeiteten rund 43 Prozent der westdeutschen und etwa 33 Prozent der ostdeutschen BeschĂ€ftigten in einem Betrieb, der einem Branchentarifvertrag unterlag. FirmentarifvertrĂ€ge galten fĂŒr 9 Prozent der westdeutschen und 12 Prozent der ostdeutschen BeschĂ€ftigten.
Selbst wenn man (fĂ€lschlicherweise) annimmt, dass den Einzelnen die von Frau Fahimi genannten 130 Milliarden Euro fehlenden Staatseinnahmen pro Jahr egal sein können, so sollte man doch voraussetzen, dass BeschĂ€ftigte nicht freiwillig auf den ihnen (eigentlich nach Tarifvertrag) zustehenden Lohn verzichten wollen. Allerdings wĂŒrden groĂe Anteile von diesen 130 Milliarden Euro an sie durch eine bessere Ausstattung der öffentlichen Haushalte wieder zuflieĂen in Form von Leistungen der Kommunen oder spĂ€testens bei ihrer Rentenzahlung.
Aber auch direkt in jeder Geldbörse fehlt es durch die mangelnde Tarifbindung direkt bei der Kaufkraft der BeschÀftigten. GÀbe es eine flÀchendeckende Tarifbindung, hÀtten die BeschÀftigten insgesamt rund 60 Milliarden Euro mehr pro Jahr in der Tasche.
Die oben beschriebene Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern war politisch in den 90-iger Jahren von der Regierung Kohl aber auch danach von der Regierung Schröder gewollt. Neben der neoliberalen Dauerberieselung durch die Medien gab es massive GesetzesĂ€nderungen (HartzIV, WerkvertrĂ€ge, Subunternehmer, ScheinselbstĂ€ndige) und Privatisierungen im Gesundheitsbereich, Telekommunikation, Post, Ăffentlicher Nah- und Fernverkehr, Luftfahrt, Energieversorgung, und Ver- und Entsorgung, die bis dahin zu 100 Prozent tarifgebunden waren.
Gewerkschaftsforum.de nennt in seinem Bericht eine Reihe von wichtigen MaĂnahmen, um die Entwicklung aufzuhalten oder umzukehren. In der derzeitigen Ampel-Koalition ist allerdings nicht zu erwarten, dass eine der MaĂnahmen gegen den Willen der FDP durchgesetzt wird. Ob die Gewerkschaften den Druck entfalten können, um daran etwas zu Ă€ndern, hĂ€ngt also im Endeffekt wieder davon ab, bei wie viele Menschen sich das BewuĂtsein durchsetzt, dass sich nur etwas Ă€ndert, wenn man solidarisch zusammensteht.
Mehr dazu bei https://gewerkschaftsforum.de/tarifflucht-und-die-krokodilstraenen-der-dgb-vorsitzenden/#more-18158
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