Panneau avec scÚne d'adoration d'Aton (détail). Akhenaton et Nefertiti accomplissant une offrande pour le Globe Aton (dalle trouvée dans la tombe royale). 18e dynastie, rÚgne d'Akhénaton Date between -1372 and -1355
Der Monotheismus ist in der hebrĂ€ischen Bibel weniger stark, als man gemeinhin annimmt, meint der Judaist Peter SchĂ€fer, Direktor des JĂŒdischen Museums in Berlin. So fĂ€nden sich dort viele Hinweise auf Vorstellungen einer göttlichen âZweiheitâ.
Kirsten Dietrich: VerstĂ€ndigung â die ist bei Fragen religiöser IdentitĂ€t besonders schwer. Eine dieser Grundfragen ist die nach dem Gottesbild. Gerade heute scheinen Gottesbilder viel starrer und alternativloser, als sie es ĂŒber Hunderte von Jahren waren. Prominentes Beispiel dafĂŒr: der jĂŒdische Monotheismus, der Glaube an den einen Gott. âDer Herr ist einzigâ, heiĂt es im Schâma Israel, dem zentralen Gebet. Wirklich?
Peter SchĂ€fer, im Hauptberuf Direktor des JĂŒdischen Museums Berlin, aber von Haus aus und natĂŒrlich immer noch ein Ă€uĂerst renommierter Judaist, forscht schon lange ĂŒber Texte aus der Bibel und darĂŒber hinaus, die das glatte Gegenteil zu behaupten scheinen. âZwei Götter im Himmelâ heiĂt denn auch sein neuestes Buch zum Thema, erschienen letzte Woche, und es lĂ€dt zu einem genauen und sehr erhellenden Blick in ĂŒberlieferte Schriften ein. Ich habe Peter SchĂ€fer vor der Sendung gefragt, wie er denn Monotheismus definiert.
Peter SchĂ€fer: Ja, das ist ja ein Begriff, der eigentlich relativ spĂ€t erst ĂŒberhaupt eingefĂŒhrt worden ist. Es ist ein Kunstbegriff. In der Antike wird nicht von Monotheismus gesprochen. Es ist ein Kunstbegriff der Religionswissenschaft, der versucht, darauf abzuheben, dass es eben zu bestimmten Zeiten nur ⊠oder den Wunsch gegeben hat, einen Gott zu haben.
Dann gibt es verschiedene Bilder, wie sich diese Idee entwickelt und durchgesetzt hat, dass es eben in vielen Schritten vor sich gegangen ist. Das setzt voraus, dass der Glaube an den einen Gott ein Ideal ist, eine Idealvorstellung ist und sozusagen das Höchste der religiösen GefĂŒhle ist. Und damit, glaube ich, sind schon sehr viele Vorurteile eigentlich in dem Begriff Monotheismus mit enthalten, die der Wirklichkeit in keiner Weise entsprechen.
Der Monotheismus als höchste Stufe der Religion?
Dietrich: Das heiĂt, da ist zum Beispiel ein Fortschrittsdenken mit im Religionsbegriff drin, und der Gedanke, dass eine Religion eigentlich gar nicht anders ⊠oder dass Menschen, die religiös sind, gar nicht anders wollen können als nur einen Gott zu haben?
SchĂ€fer: Das ist völlig richtig, das ist Fortschrittsdenken, ein evolutionistisches Denken. Die Religion entwickelt sich von primitiven, niedrigen Stufen zu immer höheren Stufen, höheren Stufen der höheren Geistigkeit, und die höchste Stufe ist der Monotheismus. Das ist ein Konzept, das im 19. Jahrhundert ganz besonders viele AnhĂ€nger gefunden hat und sich auch da besonders durchgesetzt hat und das, wie gesagt, fĂŒr die Antike in keiner Weise zutreffend ist.
Dietrich: Das Judentum und auch der Islam, aber der kommt zeitlich erst nach der Periode, ĂŒber die wir jetzt reden wollen, und deswegen soll er hier jetzt nicht Thema sein ⊠Das Judentum galt ja immer als so das Paradebeispiel fĂŒr den Monotheismus, eben anders als das Christentum mit seinem ganz schwer verstĂ€ndlichen Konstrukt der TrinitĂ€t Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Im Judentum ist alles klar, das Judentum zeigt auch in der Auseinandersetzung, die in der Bibel gespiegelt ist, mit seiner Umwelt, wie sich eben der Glaube an den einen Gott durchsetzt. Aber selbst da ist es nicht so?
SchÀfer: Und da ist es ganz bestimmt nicht so, und da ist es schon in der hebrÀischen Bibel nicht so, die hebrÀische Bibel, die die Christen das Alte Testament nennen. Da ist es ganz gewiss nicht so. Wenn wir die hebrÀische Bibel genau lesen, können wir sehen, dass es einen stÀndigen Kampf, ein stÀndiges Hin und Her gegeben hat zwischen dem Impuls, den Glauben an den einen Gott durchzusetzen, und auf der anderen Seite GegenkrÀften, die keineswegs mit diesem Glauben an den einen Gott zufrieden und einverstanden waren.
Wenn wir uns die Bibel genauer angucken, dann sehen wir zum Beispiel, dass dieser Gott eine weibliche Gottheit neben sich gehabt hat, die Aschera, die kommt hĂ€ufig vor. Dass man versucht hat, diese weibliche Gottheit auszumerzen â nicht sehr erfolgreich. Dass man Baal als Gott, als jĂŒngerer Gott neben dem alten Gott hatte und das versuchte zu installieren. Und dass man sich dagegen gewehrt hat und das auch noch immer funktioniert hat. Also, schon die hebrĂ€ische Bibel ist keineswegs einhellig und immer unisono auf dem Weg, dem Heilsweg zu dem einen Gott gewesen.
Die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem als Trennlinie
Dietrich: Sie suchen nach den Spuren dieser göttlichen anderen KrĂ€fte in einer sehr langen Periode, die reicht von der hebrĂ€ischen Bibel, also Jahrhunderte vor der Zeitenwende, bis zum Ende der klassischen rabbinischen Periode des Judentums, Mitte des 7. Jahrhunderts, also eine ganz groĂe Epoche mit einer ziemlich klaren Trennlinie in der Mitte, nĂ€mlich die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, im Jahr 70 unserer Zeit.
Dietrich: Schauen wir also erst mal die erste HĂ€lfte dieser Zeit, vom Ende des sogenannten Babylonischen Exils und die Wiedererrichtung des Tempels, gut 500 Jahre vor unserer Zeit. Sie sagen, da gibt es eben eine Vielfalt an Vorstellungen ĂŒber göttliche MĂ€chte. FĂ€ngt das schon an bei den unterschiedlichen Namen, die fĂŒr Gott in der hebrĂ€ischen Bibel verwendet werden? Also Elohim auf der einen Seite und die vier Buchstaben JHWH auf der anderen Seite?
SchĂ€fer: Jod, He, Waw, He, völlig richtig. Das sind ja die beiden berĂŒhmten Gottesnamen, der unaussprechliche Gottesname, das Tetragramm, Jod, He, Waw, He, und der Gottesname Elohim. Nun, wie soll ich sagen, wie es das philologische UnglĂŒck hat, ist der Gottesname Elohim sprachlich ein Plural. Und die Gegner der Juden und dann ⊠also die Griechen und Römer und dann auch die Christen, haben das sehr wohl gewusst und haben sich das auch zu Nutze gemacht und haben gesagt: Was wollt ihr Juden eigentlich mit euerm einen Gott? Euer einer Gott heiĂt Elohim, und Elohim ist Plural, also habt auch ihr mehrere Götter! Wir haben viele Diskussionen in vielen Schriften ĂŒber dieses Problem, und was ist die Antwort der klugen Rabbinen darauf? Ja, das ist zwar richtig, aber das dazugehörige Verb ist immer im Singular!
Ich zitiere den ersten Vers der hebrĂ€ischen Bibel: âAm Anfang schuf Gott âŠâ âGottâ ist Elohim, Plural, aber âschufâ ist Singular. Also ist es trotzdem ein Gott. Leider haben die Gegner der Rabbinen, oder mit wem immer sie jetzt diskutiert haben, die Bibel auch gut gekannt und haben sofort darauf hingewiesen, dass manchmal das Verb auch im Plural ist. Also, auch das ist nicht so einfach. Also, in der Tat: Elohim ist Plural. Dann das andere, das Tetragramm, ist ja eigentlich nicht aussprechbar. Man sagt dafĂŒr Adonai auf HebrĂ€isch, Adonai. Adonai ist eigentlich auch ein Plural. âMein Gottâ, aber eigentlich ein Plural. Also, sogar sprachlich ist die Sache nicht so einfach, wie man es manchmal gerne hĂ€tte.
Viele Hinweise auf Vorstellungen von einer göttlichen âZweiheitâ
Dietrich:Â Ăberall diese Plurale!
Dietrich: Wobei, es geht ja selten um, dass da so ein ganzes Pantheon an Göttern inszeniert werden wĂŒrde, sondern es geht mehr um Gott und daneben noch eine andere quasi-göttliche Macht, das sind oft zwei. Sie verwenden dafĂŒr den Begriff binitarisch.
Dietrich: Das ist ein bisschen schwieriger Begriff, der klingt ⊠Also, fĂŒr mich als Christin klingt das ein bisschen an trinitarisch an, eben an dreieinig. Ist das deswegen ein guter Begriff?
SchĂ€fer: Nein, aber ich weiĂ keinen besseren. Binitarisch ist ein Kunstwort, völlig richtig, habe auch nicht ich erfunden. Und es ist natĂŒrlich in Anlehnung an trinitarisch gebildet worden. Eine Zweiheit von Göttern. Wenn mir jemand ein besseres Wort liefert, bin ich gerne bereit, das zu benutzen. Es ist ein Kunstwort. Ja, es versucht, auszudrĂŒcken die Vorstellung, dass auch im Judentum neben der Idee des einen und einzigen Gottes sich an vielen Stellen und in vielen Schriften Hinweise finden, dass man neben diesem einen und einzigen, in der Regel auch Ă€lteren, alten Gott sich einen zweiten, jungen, jĂŒngeren Gott, oder besser vorsichtiger: göttliche Gestalt, ich sage manchmal auch vorsichtig: quasi-göttliche Gestalt vorgestellt hat und auch vorstellen wollte.
Dietrich: Diese Gestalt hat viele Namen und viele Erscheinungsformen, Menschensohn ist ein ganz berĂŒhmter, angelehnt an das Daniel-Buch, das Prophetenbuch, oder auch die Weisheit. Ein Beispiel ist auch der Patriarch Henoch, der sein, finde ich ⊠hat eine ganz faszinierende Ăberlieferungsgeschichte, weil von Henoch in der hebrĂ€ischen Bibel ja eigentlich nur ganz wenig erzĂ€hlt wird. Im FĂŒnften Kapitel der Genesis, also ganz am Anfang der Bibel, steht, dass es ihn gab, wie alt er war, als sein Sohn gezeugt wurde, wie viel Jahre er dann noch lebte, und dann das eigentlich Spannende und, was ihn dann von allen anderen unterscheidet, die in solchen Genealogien stehen, ist, dass eben nicht da steht, dass er gestorben ist.
SchĂ€fer: Richtig. Bei allen anderen ErzvĂ€tern oder Patriarchen steht: Und er starb. Und bei Henoch steht: Und er war nicht mehr, denn Gott hat ihn weggenommen. Und das ist in der Tat der Auslöser, der diese ganze Lawine fast von möglichen Vorstellungen hervorgerufen hat: Ja, was ist denn mit ihm geschehen? Was ist denn aus ihm geworden? Und das beginnt in der Tat mit der Auslegung dieses kleinen biblischen StĂŒckes aus dem Buch Genesis.
âDu, Henoch, bist der Menschensohnâ
Dietrich:Â Was ist aus Henoch geworden?
SchĂ€fer: Henoch ist dann in der nachbiblischen Literatur derjenige geworden, der in den Himmel aufgestiegen ist, der dort Gott geschaut hat, der dort den himmlischen Tempel geschaut hat, Gott im himmlischen Tempel geschaut hat. Henoch ist ein Mensch, der dort in den himmlischen Tempel sieht und Gott dort inthronisiert, im himmlischen Tempel sitzen sieht. Er ist also ein besonderer Mensch, denn er ist ja noch nicht gestorben. Henoch wird dann transformiert. Und das Spannende ist: Es gibt mehrere Henoch-BĂŒcher, ich brauche nicht im Einzelnen zu sagen, es gibt drei davon. In dem Ă€ltesten Henoch-Buch passiert dann das, dass es plötzlich heiĂt, dass diesem Henoch, der da den himmlischen Tempel sieht, dass da aus dem himmlischen Tempel eine Prozession kommt, angefĂŒhrt von Gott und von all seinen Engeln, und dann Gott zu ihm sagt: Und du, Henoch â wohl gemerkt: Der Mensch, der da aufgestiegen ist â, du, Henoch, bist der Menschensohn.
Und damit meint er den Menschensohn aus dem Buche Daniel, der â muss man wissen â im Buche Daniel eben eine halbgöttliche zweite, jĂŒngere göttliche Gestalt ist. Das heiĂt, plötzlich wird der Mensch Henoch in diesem Henoch-Buch zum zweiten Gott erhoben, Gott selbst deklariert, verkĂŒndet ihm: Du bist der Menschensohn, das heiĂt der zweite Gott neben mir, der Messias â das gehört mit dazu â, der sein Volk Israel erlösen wird. Das heiĂt, Henoch wird in einer unglaublichen Weise erhöht, er ist nicht nur im Himmel als Mensch, sondern er wird â ich denke, das darf man sagen â, er wird vergöttlicht.
Dietrich: Bedeutete das fĂŒr solche Vorstellungen einen Schnitt, als ⊠mit dem Jahr 70 nach unserer Zeit auf der einen Seite der Tempel zerstört war und das Judentum sich vollkommen neu orientieren musste und auf der anderen Seite allmĂ€hlich sich das Christentum als eine nicht nur jĂŒdische Untergruppe, sondern als eine eigenstĂ€ndige Religionsgemeinschaft formierte?
SchĂ€fer: Ja. Das dauerte ja nun einige Zeit mit der eigenstĂ€ndigen Religionsgemeinschaft. Eines meiner Themen, mit denen ich mich ja sehr intensiv befasst habe, in diesem Buch weniger, aber in anderen BĂŒchern, ist ja der lange Zeitraum, in dem sich Christentum und Judentum auseinanderdifferenziert haben. Aber in der Tat, da ist ein Schnitt. Man muss sich das mal vorstellen: Das Judentum hat diese Tradition eines vergöttlichten Menschen, der neben Gott im Himmel ist, inthronisiert ist. Und dann kommt diese neue, wie ich lieber sage: Schwesternreligion, das Christentum und sagt: Ja, wir haben den, wir kennen den, wir wissen, wer das ist, das ist Jesus, Jesus von Nazaret, unser Jesus, unser Messias, der ist das! Das ist dann ein Problem, in der Tat. Wie haben dann die Juden â das ist jetzt das rabbinische Judentum â, wie haben die darauf reagiert?
Ein vergöttlichter Mensch wird als âder kleine Gottâ bezeichnet
Und wir können ganz genau sehen, wie sie darauf reagiert haben. Es gibt eine Auslegung zu genau dem Bibeltext, den Sie eben zitiert haben ĂŒber Henoch, wo Henoch degradiert wird, wo die Rabbinen, die Mehrheit des Judentums dieser nach- oder frĂŒhchristlichen Zeit diesen Henoch degradiert und sagt: Nein, mit diesem Henoch wollen wir nichts zu tun haben, der Henoch war in Wirklichkeit ein Frevler und der war kein besonders guter Mensch. Und deswegen hat Gott ihn schnell weggenommen, bevor er noch gröĂere Dummheiten anrichten konnte sozusagen. Also, er wird depotenziert. Das heiĂt, die Mehrheit der Rabbinen wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben, und das ist genau die Haltung, die wir jetzt erwarten wĂŒrden, nachdem das Christentum ja diese Vorstellung usurpiert hatte sozusagen. Aber â das ist das groĂe Aber! â, es bleibt nicht dabei!
Und das ist das, worauf es mir sehr ankommt: Es gibt Kreise im Judentum, die es nicht dabei belassen und die gerade deswegen, oder das wohl wissend, was das Christentum tut, diesen Henoch wieder, ja, wiederbeleben. Im Judentum! Und im Judentum wieder zu einem zweiten Gott machen, trotz des Christentums, und sagen: Wir haben den Henoch im Judentum auch noch, und es ist nicht euer Jesus von Nazaret.
Dietrich:Â Warum ist Ihnen das so wichtig, zu sagen, dass es diese Traditionen eben auch weiterhin innerhalb des Judentums gibt, dass sie nicht etwas sind, die dann einfach ans Christentum sozusagen ausgelagert wurden und deswegen fĂŒr Juden gar keine Bedeutung mehr haben?
SchĂ€fer: Ja, weil ich eben glaube, dass das Judentum eben nicht nur antagonistisch dem Christentum gegenĂŒber aufgestellt gewesen ist, sondern durchaus auch frei mit diesen Vorstellungen umgehen konnte und sagen konnte: Ja gut, ihr habt den, ihr sagt, das ist der, wir haben den auch, wir haben den auch, wir haben diesen Erlöser, wir haben diesen vergöttlichten Menschen, haben wir auch genau wie ihr, und das ist dieser Henoch, den wir alle schon ganz lange kennen, aber es ist nicht euer Jesus von Nazaret. Und diese Kreise, die das machen, die gehen unglaublich weit. Wir haben Texte, in denen diese Kreise diesen Henoch, der dann spĂ€ter den Namen Metatron bekommt, diesen Henoch, den Adonai-Tetragramm-JHWH-Hakatan, den kleinen Gott nenne. Das muss man sich vorstellen. Im nachchristlichen Judentum, 5., 6., 7. Jahrhundert nach Christus, wird ein Mensch, ein vergöttlichter Mensch neben Gott als der kleine Gott bezeichnet, mit dem Tetragramm.
Ein vielfÀltigerer, bunterer, flexiblerer Gottesbegriff
Dietrich:Â Wie wichtig sind diese Gedanken â das sind ja letztlich nur relativ wenige Texte, Textstellen, Ăberlieferungen fĂŒr die Entwicklung des Judentums â fĂŒr die Theologie des Judentums?
SchĂ€fer: Ja, das ist ein Argument, das wird hĂ€ufig gebraucht, dass man sagt: Mein Gott, du hast da einige wenige Stellen herausgesucht, wie reprĂ€sentativ sind die eigentlich fĂŒrs Judentum? Nachdem ich mich damit lange beschĂ€ftigt habe, glaube ich inzwischen: Es sind nicht einige wenige, es sind eine ganze Menge und es sind einige sehr zentrale Texte, die diese Vorstellungen bringen. Und es ist etwas, das durchgeht, das weitergeht, das ĂŒbrigens auch mit diesen Kreisen des kleinen Gottes ĂŒberhaupt nicht aufhört. Was ich in meinem Buch nicht behandele, aber wie geht es denn weiter: Wir haben doch im Judentum dann ein paar Hundert Jahre spĂ€ter eine groĂe, unglaublich einflussreiche Bewegung, nĂ€mlich die Kabbala, die jĂŒdische Mystik, die genau diese Gedanken weiterentwickelt hat.
Also, ganz im Gegenteil: Das, was wir hier haben, was ich hier behandele, sind nicht nur nebensĂ€chliche Punkte, sondern in einigen sehr wichtigen Schriften und auch sehr prominenten Schriften. Gleichzeitig ist das ein Wesenszug, der sich im Judentum weiter fortsetzt. Nur wir heute, die wir vom Rationalismus des 19. Jahrhunderts geprĂ€gt sind, wir tun uns schwer damit. Aber im Judentum ist das ĂŒber viele Jahrhunderte ganz anderes gewesen.
Dietrich: VerĂ€ndert das denn den Blick auf den Monotheismus, wenn man ihn mit dieser Perspektive betrachtet? Dem Monotheismus wird ja immer ein Gewaltpotenzial vorgeworfen. Er hat gerade keinen guten Ruf, weil es heiĂt, diese AusschlieĂlichkeit im Glauben setzt sich direkt um in eine AusschlieĂlichkeit auch in weltlichen Dingen.
SchĂ€fer: Ja, also, ich persönlich bin mit diesem Gewaltpotenzial zurĂŒckhaltend. Das ist ja eine These, die ist ja sehr en vogue im Moment. Aber lassen wir das mal beiseite. Es ist völlig richtig, dass auch diese viel vollere und vielfĂ€ltigere Vorstellung eines jĂŒdischen Gottes, der sich in mehreren Dimensionen ausfaltet, dass die natĂŒrlich auch nicht so einfach unter dem Gewaltpotenzial, unter der Gewaltvorstellung abzuhandeln ist. Auf diese Weise wird einfach der Gottesbegriff vielfĂ€ltiger, bunter, flexibler, offener und damit auch weniger eingegrenzt auf das, was wir als Gewaltpotenzial bezeichnen wĂŒrden.
Dietrich: Mehr Freiheit und Blick fĂŒr Alternativen sind auch beim Reden ĂŒber den einzigen Gott erlaubt. Peter SchĂ€fer war das, Judaist und Direktor des JĂŒdischen Museums Berlin. Sein Buch âZwei Götter im Himmelâ nimmt mit auf eine manchmal herausfordernde, vor allem aber immer anregende Reise zu Gottesvorstellungen der jĂŒdischen Antike, so der Untertitel. Erschienen ist das Buch bei C.H. Beck, und weitere Angaben finden Sie auf unserer Homepage deutschlandradiokultur.de/religionen.
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