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BΓΆhmen liegt am Meer. oder: Die Topographie der Hoffnung
Gedanken zu Ingeborg Bachmanns Gedicht BΓΆhmen liegt am Meer, anlΓ€sslich des 100. Geburtstages.
Es gibt Gedichte, die erzΓ€hlen eine Geschichte. Andere beschreiben eine Landschaft. Ingeborg Bachmanns BΓΆhmen liegt am Meer tut weder das eine noch das andere. Es entwirft einen Ort, den es geographisch nicht gibt β und der gerade deshalb zu einem der wirklichsten Orte der modernen Lyrik wird.
BΓΆhmen liegt bekanntlich nicht am Meer. Gerade in dieser UnmΓΆglichkeit, aufgefunden in William Shakespeares The Winterβs Tale, nimmt das Gedicht seinen Ausgang. Es verweigert sich den Karten und vertraut stattdessen der Sprache. Dichtung nicht als Beschreibung der Welt, sondern als eine vorsichtige NeuschΓΆpfung derselben.
Wenn Bachmann schreibt Liegt BΓΆhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. / Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land., entsteht eine Bewegung, die weit ΓΌber das Bild hinausweist. Meer und Land sind keine GegensΓ€tze mehr, sondern Voraussetzungen fΓΌreinander. Hoffnung entsteht nicht aus Gewissheit, sondern aus der Bereitschaft, das UnmΓΆgliche dennoch zu denken, ganz gleich wie schrecklich sich die Welt zeigt.
Mich berΓΌhrt besonders die wiederkehrende Grenzmetaphorik des Gedichts. Grenzt hier ein Wort an mich, so laΓ ich's grenzen. Sprache erscheint nicht als Besitz, sondern als Begegnung. Ein Wort berΓΌhrt das Ich; das Ich ΓΆffnet sich dem Wort. IdentitΓ€t entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch BerΓΌhrbarkeit.
Hierin liegt die philosophische und poetische ModernitΓ€t des Gedichts β und zugleich seine Zeitlosigkeit. Es sucht keine endgΓΌltige Heimat. Heimat wird zu einer Bewegung, nicht zu einem Besitz.
Am radikalsten erscheint mir jedoch die Zeile Ich will nichts mehr fΓΌr mich. Ich will zugrunde gehen. Das Wort zugrunde verliert bei Bachmann jede bloΓ negative Bedeutung. Wenige Zeilen spΓ€ter heiΓt es Zugrund β das heiΓt zum Meer, dort find ich BΓΆhmen wieder. Untergang wird zur RΓΌckkehr an einen Ursprung, den es historisch nie gegeben hat und den die Dichtung dennoch erschafft. Es ist ein erstaunlicher Gedanke: Nicht das Festhalten rettet, sondern das Loslassen.
Am Ende bezeichnet sich das lyrische Ich als ein BΓΆhme, ein Vagant, [β¦] begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen. Dieses Bild ist eines der schΓΆnsten SelbstverstΓ€ndnisse dichterischer Existenz ΓΌberhaupt. Die Dichter besitzen kein Land. Sie wΓ€hlen es immer wieder neu und sehen es gerade dort, wo andere nur offene See erkennen.
Vielleicht ist BΓΆhmen liegt am Meer deshalb kein Gedicht ΓΌber einen erfundenen Ort, sondern ein Name fΓΌr jene MΓΆglichkeit, die Dichtung offenhΓ€lt: dass die Welt grΓΆΓer sein kΓΆnnte als das, was wir bereits ΓΌber sie zu wissen glauben.
Hundert Jahre nach Ingeborg Bachmanns Geburt hat dieses Gedicht nichts von seiner Kraft verloren. Es erinnert daran, dass Literatur nicht zuerst Wirklichkeit abbildet. Sie schafft RΓ€ume, in denen Hoffnung denkbar bleibt β selbst dort, wo jede Karte ihr Ende erreicht.
Leseempfehlung
Ingeborg Bachmann: SΓ€mtliche Gedichte. MΓΌnchen: Piper Verlag 2005.
Β©Stefan Plasa | Link zum Autoren-Blog: www.stefanplasa.org
Source: BΓΆhmen liegt am Meer. oder: Die Topographie der Hoffnung
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