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2. und 3. September 2024
Ich bin wieder mal kein Early Adopter, aber schlieĂlich begreife ich doch noch, wozu ChatGPT gut ist
Wie viele Menschen habe ich in den letzten anderthalb Jahren mit ChatGPT herumgespielt, aber nur sehr gelegentlich. Das heiĂt: In dieser Zeit habe ich ungefĂ€hr 27 Fragen gestellt ("ungefĂ€hr", weil ich manchmal in einem Chat mehrere unterschiedliche Dinge gefragt habe und mir das jetzt zu mĂŒhsam ist, die alle wieder zu trennen).
Vier oder fĂŒnf Mal habe ich versucht, mir beim Nachdenken ĂŒber zu schreibende Texte helfen zu lassen, aber erfolglos. Die VorschlĂ€ge von ChatGPT, was in diesen Texten drinstehen sollte, waren nur das, was mir selbst auch in den ersten drei Nachdenksekunden einfĂ€llt, und oft noch langweiliger.
Zwei oder drei Mal: Ausdenken von Kleinigkeiten, zum Beispiel einem Namen fĂŒr einen Protagonisten, so wie bei der "GeoGuessr-Novelle". Das funktioniert okay, die Ergebnisse sind meistens nicht direkt verwendbar, aber sie helfen mir beim Nachdenken. Einmal habe ich versucht, Buchtitel generieren zu lassen. Die Ergebnisse waren extrem langweilig und unbrauchbar, klangen aber leider wirklich wie 90% aller realen Sachbuchtitel.
Vier oder fĂŒnf Ăbersetzungsexperimente (Ergebnisse meistens ganz gut, ich wollte eine dritte Meinung zum Vergleichen mit Google Translate und DeepL sehen, und ChatGPT kann da mithalten)
Einmal habe ich nach dem Krieg in der Ukraine gefragt ("what can you tell me about war in Ukraine"), aber das Ergebnis hat mich nicht ĂŒberzeugt.
1x Textanalyse: "Was ist veraltete Sprache im folgenden Text?" (ging sehr gut)
1x Suche nach etwas mit einer Suchmaschine schwer Findbarem. - Weitere Buchtitel mit derselben Struktur wie "Eleanor Oliphant is Completely Fine". (Ergebnis: ChatGPT kapiert ĂŒberhaupt nicht, was ich meine und listet nur völlig unpassende Buchtitel auf. Ich muss die Beispiele dann doch auf dem traditionellen Weg mit einer Suchmaschine finden, was nur klappt, weil jemand anders sie schon zusammengesucht hat.) - Englische Wörter, die andere Wörter enthalten, so wie fun in funeral enthalten ist. (Ergebnis: ChatGPT listet stumpf zusammengesetzte Wörter auf und nennt ihre zwei Bestandteile: Cheesecake contains cheese and cake)
1x "Bitte setze diesen Text fort" (ich weià nicht mehr, warum ich das wollte und kann deshalb jetzt nachtrÀglich auch nicht mehr sagen, ob das Ergebnis zufriedenstellend war)
1x Dichten ("ein Gedicht im Stil von Tolkiens "Lament for the Rohirrim", aber ĂŒber Technik), Ergebnis sehr mittelmĂ€Ăig, aber es half mir beim Denken. Das Ergebnis (also das von mir) ist im Vorwort "Den Rauch der toten Links sammeln gehen: Zehn Jahre Techniktagebuch" in der Buchausgabe des Techniktagebuchs von 2024 zu sehen (S. 328-329 im PDF).
1x Stichwortgeschichte (vermutlich auf Wunsch eines Kindes, ich erinnere mich aber nicht an den Anlass): "Bitte schreib eine kurze Geschichte ĂŒber Schulzeugnisse, einen Hamster und einen Vulkanausbruch." (Ergebnis ziemlich lahm, aber korrekt geschichtenförmig)
Hilfe beim Schreiben auf Englisch: - How can I say "the particular set of problems it poses" in more elegant English? (sehr gute, nĂŒtzliche Antwort) - einmal habe ich ChatGPT gebeten, einen englischen Text "more idiomatic" zu machen, dadurch wurde er aber vor allem unpersönlicher und öder. "Please correct only the parts that are definitely ungrammatical or bad English. Leave everything else unchanged." erwies sich dann als der richtige Prompt.
4x Fun, fun, fun: - (Im Zuge einer Unterhaltung im Redaktionschat) "Bitte formuliere eine Nachricht, in der eine faule Redaktion ermahnt wird, weniger faul zu sein und mehr Artikel zu schreiben." / "Bitte formuliere die letzte Nachricht noch einmal grob unfreundlich und unmissverstĂ€ndlich." / "Bitte formuliere die letzte Nachricht noch einmal in Form einer pĂ€pstlichen Enzyklika in lateinischer Sprache." / "Bitte noch einmal, aber diesmal in einem pĂ€pstlichen Stil, also liebevoll, weise und christlich." / "Bitte erklĂ€re im gĂŒtigen, weisen und christlichen Stil einer pĂ€pstlichen Enzyklika, warum es nicht falsch ist, ChatGPT mit dem Formulieren von Nachrichten an Menschen zu beauftragen." / "Bitte erklĂ€re aus dem Geist des Satanismus, warum es nicht falsch ist, ChatGPT mit dem Formulieren von Nachrichten an Menschen zu beauftragen." (Ergebnis: Beim Satanismus weigert sich ChatGPT, die Eleganz des Lateins kann ich nicht beurteilen, alles andere war sehr schön.) - "Bitte beschreib im Stil von Adalbert Stifter, wie ein Mann von einem Dinosaurier gefressen wird." (Ergebnis unbefriedigend) - "Was bedeutet es, wenn ich beim BleigieĂen das Blei in Gestalt von Sauerkraut gieĂe?" (Ergebnisse sehr sehr langweilig, auch nach mehrfachen Bitten, nicht so langweilig zu sein â ich vermute, das liegt daran, dass menschliche BleigieĂ-Deutungen auch extrem öde sind) - "Please pretend that it's possible to cross an Alaskan Malamute with a hedgehog and explain to a future owner what to expect from this breed." (Erst mal lustig, dann aber enttĂ€uschend repetitiv. Die Anleitungen zur Haltung von Malahogs sind praktisch identisch mit denen zur Haltung von Malamoles, Malamidges und Malacrocs)
Insgesamt war nichts davon so, dass ich dachte "das muss ich ab jetzt tĂ€glich machen". Aber jetzt bin ich im Urlaub zusammen mit dem Neffen, der 21 ist und Games Engineering studiert. Er nutzt die kostenpflichtige Version von ChatGPT, weil er es so oft braucht, $20 im Monat, das ist viel fĂŒr ein studentisches Budget. Er macht damit ganz andere, viel weniger text-orientierte Dinge als ich. Weil ich ihn gerade davon erzĂ€hlen hören habe, denke ich am nĂ€chsten Tag angesichts einer eher umstĂ€ndlich mit Suchmaschinen zu beantwortenden technikgeschichtlichen Frage ("Warum hatten Computer in den ersten 30 Jahren keinen Monitor, obwohl der Fernseher doch schon erfunden war?") zum ersten Mal, dass ich ja auch ChatGPT fragen könnte. Und ich bekomme zum ersten Mal eine wunderschöne, ordentlich gegliederte, ĂŒberzeugende Antwort.
Wenn ich die gleiche Auskunft von einem Menschen bekommen hĂ€tte, wĂŒrde ich zwar denken, dass dieser Mensch ein bisschen unaufmerksam beim Schreiben ist, Textteile wiederholt und nicht immer die logischsten SatzanschlĂŒsse verwendet. Aber auch das wĂ€re mir nur aufgefallen, wenn ich wirklich drauf geachtet hĂ€tte, also zum Beispiel, wenn ich den Text lektorieren mĂŒsste.
Am Tag darauf stehe ich vor dem Problem, dass ein Telegram-Bot, den ich fĂŒr mich und meine Mutter geschrieben habe, nicht mehr funktioniert (er beantwortet Fragen nach der Bedeutung von Wörtern, die im Scrabble zulĂ€ssig sind, beziehungsweise tut er das jetzt eben nicht mehr). Ursache ist, wie ich allmĂ€hlich herausfinde, ein Betriebssystem-Update beim Hoster, durch das mir jetzt Python-Module fehlen, und die neuen Module machen alles anders, auĂerdem haben sich Dinge in der Telegram-Bot-Technik geĂ€ndert. ZusĂ€tzlich laufen (ebenfalls wegen des Betriebssystem-Updates beim Hoster) die Techniktagebuch-Backups und verschiedene Mastodon-Bots nicht mehr. Es ist ein hĂ€ssliches GestrĂŒpp aus zu Ă€ndernden Dingen.
Wegen der schönen Erfahrung von gestern frage ich wieder ChatGPT, und zwar sehr oft. Ich lasse mir jede Fehlermeldung erklÀren. Bei jeder Fehlermeldung kommt eine verstÀndliche ErklÀrung und dann eine ordentlich gegliederte Liste von Möglichkeiten, woran das liegen könnte.
Anders als knapp 100% aller Anleitungen fĂŒr Programmier- und Unixdinge im Internet erklĂ€rt mir ChatGPT ganz genau und Schritt fĂŒr Schritt, was ich tun muss. Wie ich herausfinde, welche Version von irgendwas bei mir lĂ€uft, wie ich Dinge in den Path eintrage (eine Aufforderung, an der ich seit dreiĂig Jahren jedes Mal verzweifle), diese ganzen Unix-Dinge, die die Autor*innen von Dokumentationen voraussetzen, weil sie glauben, dass man sich doch gar nicht in ihre Dokumentationen verirren wĂŒrde, wenn man so eine einfache Nacktschnecke wĂ€re, die DAS nicht weiĂ. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich alle die doofen Fragen stellen, die ich bisher noch nie jemandem stellen konnte. Meistens war niemand zum Fragen da, und wenn jemand da wĂ€re, wĂŒrde ich mich nicht trauen, so oft und so ahnungslos zu fragen.
Nur einmal versagt ChatGPT, und zwar als ich um den Code fĂŒr ein Minimalbeispiel eines Telegrambots bitte. Der generierte Code funktioniert ĂŒberhaupt nicht (der Neffe meint hinterher, dass man in solchen FĂ€llen unbedingt eine Versionsnummer mit angeben muss, also in meinem Fall "python-telegram-bot 21.5"). Es dauert auch mit ChatGPT etwa zwei Stunden, bis ich alle meine ineinander verwickelten Probleme gelöst habe, aber es ist eine sehr angenehme Zusammenarbeit.
WĂ€hrend ich diesen Beitrag aufschreibe, arbeitet die Nichte (20, Geoökologie) an einem Text ĂŒber die PalĂ€ogeographie und Geologie der Iberischen Halbinsel und beschwert sich, dass auf ChatGPT bei AuskĂŒnften ĂŒber das Tethys-Meer ĂŒberhaupt kein Verlass sei, es behaupte mal dies und mal das, je nachdem, wie man die Frage formuliere.
Es ist also nicht plötzlich alles super. Nur ich habe jetzt endlich einen Lebensbereich gefunden, in dem ChatGPT ein Problem löst, das ich schon lange habe. Obwohl ich berufsbedingt wirklich viel ĂŒber das Thema "GroĂe Sprachmodelle â unnĂŒtzer Mist, fatale Entwicklung, schĂ€biges Verbrechen oder vielleicht doch zu irgendwas gut" gelesen habe in den letzten Jahren, habe ich im Kopf keine Verbindung hergestellt zwischen meinen Technikfragen und ChatGPT. Vielleicht waren meine Testfragen alle zu sehr am Textschreiben orientiert und zu wenig am Schreiben von Code. Vielleicht habe ich auch in den anderthalb Jahren, die es ChatGPT jetzt gibt, einfach zu wenig mit Code gemacht. NĂ€mlich gar nichts, irgendwie war ich bei Programmierdingen sehr unenthusiastisch seit Anfang 2020. Ich vermute, das hat mit meinem Abschied vom Zufallsshirt (wegen Nazi-Shirts bei Spreadshirt) und von Twitter (wegen Elon Musk) zu tun, ich bekomme seitdem schlechte Laune, wenn ich an meine schönen Projekte von frĂŒher zurĂŒckdenke. Aber vielleicht Ă€ndert sich das ja bald wieder, und dann werden ChatGPT und ich gemeinsam alles besser können als vorher.
(Kathrin Passig)
Herbst 2023
230 Arten, auf einen falschen Link hinzuweisen
Ich arbeite in einem Projekt mit einer höheren vierstelligen Teilnehmerzahl. RegelmĂ€Ăig verschicken wir dort E-Mails an alle Teilnehmer, in denen wir sie bitten, das eine oder andere zu tun. Oft mĂŒssen sie dafĂŒr auf Links klicken. Bei einer besonders wichtigen Mail (einer Anmeldung) haben wir Mist gebaut und einen falschen Link verschickt. In den Minuten und Stunden danach haben uns einige hundert Menschen geantwortet, um uns darauf hinzuweisen, dass der Link nicht funktioniert.
So unangenehm die Situation war, so faszinierend fand ich gleichzeitig, wie man anhand der Antworten die unterschiedliche Einstellung von Menschen zum Internet und zu Computern studieren konnte.
Die ĂŒberwiegende Mehrheit weist einfach darauf hin, dass der Link nicht funktioniert hat, in unterschiedlichen Graden der Höflichkeit. Meist in ganzen SĂ€tzen wie "Der Link funktioniert nicht" oder "Der Link fĂŒhrt auf eine Fehlerseite", manchmal sehr kurz, etwa "Link kaputt" (als ganzer Text der E-Mail).
Eine kleine Gruppe hat wohl schon öfter mit IT-Problemen zu tun gehabt, und kopiert aufmerksamerweise die Fehlermeldung/den Text der Seite, auf der sie gelandet sind, mit in die E-Mail, oder schreibt sogar dazu, welches E-Mail-Programm, Browser, Betriebssystem usw. sie verwenden.
Eine nicht unerhebliche Menge Menschen sucht den Fehler zuerst bei sich, ergo Varianten von: "Ich glaube ich bin zu doof, bei mir funktioniert der Link nicht, helfen Sie mir bitte".
Und eine letzte Gruppe akzeptiert schlicht nicht, dass etwas nicht funktioniert. Sie schreibt Mails mit Text wie: "Der Link hat nicht funktioniert, ich erwarte aber, dass ich trotzdem angemeldet werde, hier sind meine Daten, bitte erledigen Sie das."
Wir haben es geschafft, innerhalb von 120 Minuten eine Korrekturmail mit dem richtigen Link zu verschicken. AuĂerdem haben wir allen, die uns geantwortet haben, eine Danke-Mail geschickt, dass sie uns auf den Fehler hingewiesen haben.
(Alan Smithee)
01. April 2023
Man soll ja das ĂŒberstrapazierte Wort kafkaesk nicht weiter belasten, aber die âOnline-GeschĂ€ftsstelleâ unserer Krankenkasse!
Nach all dem pandemiebedingten Homeschooling- und KiTa-Chaos der letzten Jahre kamen wir erstaunlicherweise erst kĂŒrzlich erstmalig dazu, Kinderkrankengeld beantragen zu mĂŒssen. Anders als das Einsenden einer ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung, deren unhandlicher Name zu Recht allgemein mit AU abgekĂŒrzt wird und die eigentlich lĂ€ngst elektronisch den direkten Weg von der Praxis an die Krankenkasse finden sollte, kann man den Antrag auf Kind-Krank-Gehaltsausgleich nicht einfach ohne Anmeldung bei der Krankenkasse hochladen. Hier möchte ich ja eine Leistung von der Krankenkasse und nicht die Krankenkasse etwas von mir, klar. Stattdessen braucht man hierzu entweder Zugang zur sogenannten Online-GeschĂ€ftsstelle, wobei auch hier wieder bereits alles Wissenswerte im Namen steckt, oder man schickt die Bescheinigung, die man in Papierform von der Kinderarztpraxis ausgehĂ€ndigt bekam, in einem Umschlag formlos per Post ein. Da ich auch mit meinen ĂŒber 40 Jahren zwar erwachsen genug fĂŒr die Bevorratung von UmschlĂ€gen und manchmal (die Zeit spielt gegen mich) passend gestĂŒckelter Briefmarken bin, aber noch nicht lernfĂ€hig genug, solche Dinge dann auch einfach mit der Post zu schicken, melde ich also meine Frau bei der Online-GeschĂ€ftsstelle an. So kompliziert wird das ja nicht sein.
HĂ€tte ich ĂŒbrigens auf den Link âhierâ im Satz âWenn Sie Fragen haben oder Hilfe bei der Registrierung brauchen, finden Sie weitere Informationen hier.â geklickt, was ich mangels Fragen und haltlos unangemessener Selbstsicherheit nicht getan habe, hĂ€tte ich dort direkt den einen wichtigen Satz lesen und mir den ganzen nun folgenden Ărger sparen können:
Ab sofort ist fĂŒr die Nutzung des Online-Kundenbereichs âMeine [NAME DER KRANKENKASSE]â die Nutzung eines mobilen EndgerĂ€tes (Smartphone oder Tablet) erforderlich. Ohne dieses ist eine Verwendung nicht mehr möglich.
Diese wichtige Information wird im eigentlichen Anmeldeprozess nirgends erwĂ€hnt, dort werde ich nur nach Vorname, Nachname, Versichertennummer und Geburtsdatum meiner Frau gefragt und löse damit nach Vergabe eines Benutzernamens mit kruden GĂŒltigkeitskriterien den Postversand eines âEinmal-Passwortsâ aus. Warum nicht einfach die E-Mail-Adresse statt eines mehr oder eher weniger frei zu wĂ€hlenden Nutzernamens genutzt wird, bleibt unklar.
Dieser Brief ist nur wenige Tage spÀter da und ich kann fortfahren. Leider komme ich nicht weit, denn nun werde ich nach der Seriennummer der Gesundheitskarte gefragt und ich muss warten, bis meine Frau wieder zuhause ist.
Ich habe also nur weitere wenige Tage spĂ€ter diese Karte zur Hand und starte frohgemut meinen dritten Anlauf: Nach dem Login im Browser bekomme ich nur eine Fehlermeldung, dass ich noch kein EndgerĂ€t verknĂŒpft habe. Wie erwĂ€hnt war nirgends im Prozess vorher davon die Rede, dass das alles ohne Installation einer App auf einem Smartphone nicht funktionieren wird. Leute ohne aktuelles Smartphone (oder mit mangelnder Nutzungssicherheit damit) oder vermutlich auch mit gerootetem Smartphone sind hier raus, mit allen drei Varianten habe ich einschlĂ€gige Erfahrungen. Dieses Detail hĂ€tte man ja vorher mal erwĂ€hnen können, dann hĂ€tte ich den Antrag einfach per Post geschickt, aber der Hinweis ist ja auf der Hilfeseite gut aufgehoben, wo ihn sicher alle auĂer mir zur Kenntnis nehmen. Nun denn, ich besorge also ein geeignetes Smartphone fĂŒr diese Aufgabe. Da in der Regel ich fĂŒr solchen bĂŒrokratischen Horror zustĂ€ndig bin, wĂ€re es ganz schlau, wenn ich mein Smartphone dafĂŒr verwenden wĂŒrde, aber ich ahne schon, dass ich dann selber kein solches Konto fĂŒr die Online-GeschĂ€ftsstelle werde unterhalten können, weil man ein Smartphone nur an ein Konto binden können wird. Hier wird sich dann auch die Frage nach dem Zweck eines gesonderten Nutzernamens wieder stellen, aber das sind ja Implementierungsdetails, mit denen man sich bei der Prozessmodellierung nicht aufhĂ€lt.
Ich installiere also die App auf dem GerĂ€t meiner diesmal anwesenden Frau, logge mich dort ein und sehe die vier Pflicht-EinwilligungshĂ€kchen fĂŒr allerlei Datenschutzbelange. Weil die App nur Ă€uĂerst trĂ€ge reagiert und widerwillig-verzögert scrollt, tippe ich statt auf einen der Haken auf den Text daneben und gelange zur DatenschutzerklĂ€rung. Leider ohne RĂŒckweg, die ZurĂŒck-Geste des Smartphones funktioniert nicht (warum auch?) und ich sehe auch kein Bedienelement, das mich zu den Einwilligungen zurĂŒckkehren lĂ€sst. WTF? Ăber das Burger-MenĂŒ komme ich zurĂŒck zur App-Startseite und bin wieder ausgeloggt.
Nach dem nĂ€chsten Login mit dem langen Startpasswort bekomme ich â Trommelwirbel â dieselbe unĂŒberwindliche Fehlermeldung wie im Desktopbrowser, dass ich noch kein GerĂ€t verknĂŒpft hĂ€tte und die Service-App installieren mĂŒsse. IN DIESER APP!! Man soll den Begriff nicht inflationĂ€r verwenden, aber wenn etwas kafkaesk ist, dann ja wohl das hier:
Abbildung: Der bearbeitete Screenshot ist aus dem Browser, in der App bekam ich aber spĂ€ter dasselbe zu sehen inkl. des nicht fĂŒrs Antippen verlinkten QR-Codes, der vor meiner Anonymisierung in den Play-Store fĂŒhrte.
Ich brĂŒlle so verzweifelt und wĂŒtend das gesamte Haus zusammen, dass die Familie zusammenkommt, um zu schauen, wie schlimm ich mich verletzt habe. Sehr, aber nicht körperlich, weil ich mich gerade noch davon abhalten konnte, meinen Kopf mit voller Wucht auf die Tischplatte zu schlagen oder ein Loch in die Trockenbauwand zu boxen. Stattdessen haben meine Kinder nun ein paar unflĂ€tige Beschimpfungen mehr im Repertoire. Man reicht mir eine frische Waffel zur Beruhigung und ich denke darĂŒber nach, ob ich wieder mit den Blutdrucktabletten anfangen muss.
(Kleiner Exkurs: Ich habe mit solcherlei Dingen beruflich seit ungefĂ€hr 15 Jahren zu tun und das Wissen darĂŒber, dass hier entweder jemand den Prozess mutwillig genau so modelliert hat oder jemand anderes das tatsĂ€chlich entgegen der Prozessmodellierung derart stĂŒmperhaft implementiert hat, dass diese Fehlermeldung an dieser Stelle ĂŒberhaupt auftauchen kann, treibt mich mit jedem weiteren Schritt in die SenioritĂ€t mehr in den Wahnsinn.)
Ich könnte den Antrag noch immer per Post senden und diese Online-GeschĂ€ftsstelle ohne mich weiterexistieren lassen, aber aus purer IrrationalitĂ€t logge ich mich in der App wieder aus und versuche es ein weiteres Mal. Wer weiĂ? Nach dem nĂ€chsten Login komme ich immerhin wieder zu den Einwilligungen: Vier StĂŒck, warum eigentlich? Ach, eigentlich will ich das lieber gar nicht wissen, Blutdruck und so. Ich hake diesmal ganz vorsichtig alle an, denn die App ruckelt beim Scrollen wieder gefĂ€hrlich. Als Bonus werden im (dem Smartphone-Modus folgenden) Dark-Theme der App die Haken im Aktivzustand unsichtbar, sobald man sie antippt. Wo kĂ€men wir denn auch hin, wenn hier einfach die vom Betriebssystem vorgegebenen User-Interface-Elemente verwendet wĂŒrden? Und wo kĂ€men wir hin, wenn man seine digitalen ErgĂŒsse vor dem Release mal ordentlich und vor allem abseits des modellierten Happy-Paths testen wĂŒrde? Dark-Themes, alles neumodischer Quatsch!
Nach den vier Haken muss ich dann irgendwie noch weiteren Datenschutzbedingungen bzw. Kontaktwegerlaubnissen zustimmen, es bleibt unklar wieso und ob ich das auch ablehnen kann: Es gibt eine Option âkeineâ, aber im Text oben drĂŒber steht, dass es einen Kontaktweg geben muss, damit die Online-GeschĂ€ftsstelle ĂŒberhaupt funktioniert. Ich stimme also allen Wegen zu und erwarte bereits unnötige Werbeanrufe. Immerhin kann man die gewĂŒnschten Kontaktwege spĂ€ter Ă€ndern, verspricht mir dieser Prozessschritt.
Vor diesem Schritt oder danach, die Erinnerung verblasste etwas mit meinem Zorn, musste ich noch ein endgĂŒltiges eigenes Passwort festlegen, das wiederum diversen Regeln folgen muss. Ich entscheide mich fĂŒr eine wĂŒste Beschimpfung und hoffe, dass beim frĂŒher oder spĂ€ter zu erwartenden Leak der Zugangsdaten wenigstens jemand was zu lachen hat. Denn wenn man einen zweiten Faktor fĂŒr den Login nutzt, muss man die Zugangsdaten ja nicht mehr ordentlich absichern, wie vermutlich mindestens die HĂ€lfte der Verantwortlichen sich naiv ausmalen. Lacht nicht, ihr wĂ€rt erschĂŒttert, wenn ihr wie ich schon derart oft simpelste SQL-Injections und Klartextpasswörter in Datenbanken auch in hochseriösen Anwendungen gesehen hĂ€ttet. Es steht schlecht um die IT-Sicherheit im Allgemeinen: Solange man IT-Sicherheit nach irgendwelchen 11 Jahre alten (neueste Version!) Zertifizierungsgrundlagen durchfĂŒhrt, ist man in Deutschland als Entscheider*in aus der Verantwortung raus, unabhĂ€ngig davon, ob das noch Stand der Technik ist oder jemals war. Nur darum geht es, wenn man mit diesen Menschen spricht. Das liegt allerdings auch ein bisschen daran, dass Menschen, die IT-Security auf tieferer Ebene verstanden haben, aus sehr guten GrĂŒnden zumeist einen sehr groĂen Bogen um solche verantwortlichen Stellen machen. Wenn man das alles weiĂ, kann man keine Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernehmen. Geht mir ja ebenso.
Man stelle sich das mal in einem Chemiewerk vor, dass da Wirtschaftschemiker*innen statt Sicherheitsingenieur*innen fĂŒr die Betriebssicherheit verantwortlich wĂ€ren. (Bitte nehmt mir, sollte es genau so sein, meine diesbezĂŒglichen Illusionen nicht: Ich kann die Explosionen von Berstscheiben und Tankanlagen der Umgebung an meinem FrĂŒhstĂŒckstisch hören und spĂŒren und möchte noch einigermaĂen ruhig schlafen.)
Nun bin ich also tatsĂ€chlich in der App eingeloggt, hier liegt mir aber der Scan des Antrags nicht vor, also logge ich mich mit den neuen Zugangsdaten am Desktop ein und gebe den Login auf dem Smartphone frei. Der Upload des Antrags gelingt mir dann auf Anhieb, das Thema ist endlich erledigt und ich werde mit einem kleinen auffĂ€llig gestalteten Störer-Element in der Ecke gefragt, ob ich Barrieren zu melden hĂ€tte. Ob Menschen, die nicht vom Fach sind, wissen, was damit gemeint ist? Ich weiĂ es und schreibe eine erste Version dieses Textes in das dortige Formular. Danach fĂŒhle ich mich besser, logge mich aus und schlieĂe auch die App auf dem Smartphone.
Hoffentlich muss ich da nie wieder dran.
Doch dann fĂ€llt mir ein, dass ich ja doch gerne den gerade geschriebenen Text nebst ein paar Screenshots fĂŒr das Techniktagebuch hĂ€tte und logge mich wieder ein, weil ich meine Nachricht im Postfach in der App zwar sehen kann, aber dort keinen Text markieren kann. Warum auch? Wie zuvor bimmelt es auf dem Smartphone und ich sehe eine Benachrichtigung, dass ich den Login freigeben muss. Von dort gelange ich in die zuvor geschlossene App, aber statt des Freigabedialogs sehe ich die Startseite und bin nicht mehr eingeloggt. Also logge ich mich auch hier wieder ein, freue mich erneut ĂŒber mein unfreundliches Passwort und sehe wieder die Startseite: Der Freigabedialog kommt nicht mehr, die Benachrichtigung ist weg und auf dem Desktop lĂ€uft mein Login nach einer Weile in einen Timeout. NĂ€chster Versuch, die App lasse ich offen: Wieder kommt kein Freigabedialog und ich laufe nach ein oder zwei Minuten in ein Timeout am Desktop. Einen Pfeil habe ich noch im Köcher: Ich lasse die App im Speicher, schicke sie aber in den Hintergrund und versuche es erneut: Diesmal bimmelt es wieder, ich kriege die Benachrichtigung und gelange von dort in die App, wo ich auch noch eingeloggt bin und auch den Freigabedialog angezeigt bekomme. Heureka, nur drei Versuche!
Der Text meiner Meldung, die ich dort herauskopiere, endet mit den aufmunternden Worten:
Ich bin beeindruckt, wie viele Barrieren diese Online-GeschĂ€ftsstelle einem aufbĂŒrdet und ich frage mich, wie viele Mitglieder es hierher schaffen. Mein Vorschlag: Erstens klar vorab kommunizieren, dass man eine App installieren muss und auch dauerhaft auf einem gebundenen GerĂ€t bereithalten und zweitens unbedingt verhindern, dass die Fehlermeldung "Kein GerĂ€t verknĂŒpft" keinesfalls und niemalsnie auf ebendiesem GerĂ€t in ebendieser App angezeigt wird. Das ist allerspĂ€testens der Moment, an dem man irgendetwas anzĂŒnden möchte. Vielleicht ist das auch ein merkwĂŒrdiger Aprilscherz gewesen.
Ich befĂŒrchte, dass das kein merkwĂŒrdiger Aprilscherz war, aber ich hoffe sehr, dass ich das niemals herausfinden muss. Aber trotzdem schön, dass man sich so offensiv fĂŒr die ganzen aufgestellten Barrieren interessiert. In einer besseren Welt landet mein Text ausgedruckt auf dem Schreibtisch einer verantwortlichen Person, die diesen zum Anlass nimmt, den Prozess entsprechend zu reparieren. In unserer Welt nehme ich diese illustre Anekdote in mein Lehrmaterial auf.
(Gregor Meyer)
April 2023
Sechs Jahre Nichtstun, eine schöne Lösung fĂŒr so viele Probleme
Vor fast genau sechs Jahren habe ich beschlossen, auch mal dieses Machine Learning auszuprobieren:
Gleich kann es losgehen, ich muss nur erst âGetting Started before your first lessonâ lesen. Von dort schickt man mich weiter zum AWS deep learning setup video. Das Video ist 13 Minuten lang.
(Es folgen Probleme und Verwicklungen beim Setup, die Details kann man hier nachlesen.)
In Minute 12:45 sagt der ErzĂ€hler im Video: âOk! It looks like everything is set up correctly and youâre ready to start using it.â Aber statt 12 Minuten und 45 Sekunden sind zwei Wochen vergangen, mein anfĂ€nglicher Enthusiasmus ist aufgebraucht und mein Interesse an Deep Learning erlahmt. Ich bin nicht einmal bis âLesson 1â gekommen.
Im April 2023 sagt Aleks, dass er gerade einen sehr guten Onlinekurs ĂŒber Machine Learning macht. Ich frage nach der Adresse, und sie kommt mir bekannt vor. Es ist derselbe Kurs!
âDas Setup war kein Problem?â, frage ich. Nein, sagt Aleks, Sache von ein paar Minuten.
Ich sehe mir "Practical Deep Learning for Coders 2022â an. Man braucht fĂŒr den Kurs bestimmte Hardware. Generell benötigt Machine Learning Grafikprozessoren wegen der höheren Rechenleistung, und aus der Einleitung zum Kurs weiĂ ich jetzt, dass die aktuell verfĂŒgbaren Tools Nvidia-Grafikprozessoren voraussetzen*. Den Zugang zu dieser Hardware soll man mieten. Das war vor sechs Jahren auch schon so, nur dass das Mieten der Rechenleistung bei Amazon Web Services eine komplizierte und teure Sache war.
* Ich hatte an dieser Stelle schon âGrafikkartenâ geschrieben, dann kam es mir aber wieder so vor, als mĂŒsste ich meinen Sprachgebrauch renovieren. In meiner Vorstellung handelt es sich um eine Steckkarte, ungefĂ€hr 10 x 20 cm groĂ, die in ein PC-GehĂ€use eingebaut wird. So war das, als ich meine Computer noch in Einzelteilen kaufte, aber das ist zwanzig Jahre her. Deshalb habe ich mich fĂŒr das unverbindliche Wort âGrafikprozessorenâ entschieden. Aber wenn ich nach nvidia gpu machine learning suche, sehe ich sperrige Dinge, die nicht weit von meiner Erinnerung an Grafikkarten entfernt sind. Die groĂe Rechenleistung braucht auch groĂe KĂŒhlleistung, deshalb sind zwei LĂŒfter auf der ... naja, Karte. Die Ergebnisse der Bildersuche sind etwas uneindeutig, aber es kommt mir so vor, als enthielte das Rechenzentrum, dessen Leistung ich gleich nutzen werde, wahrscheinlich groĂe GehĂ€use, in denen groĂe Grafikkarten drin sind, vom Format her immer noch ungefĂ€hr wie vor zwanzig Jahren. Nur viel schneller.
2018 brauchte man AWS schon nicht mehr fĂŒr den fast.ai-Onlinekurs. Stattdessen konnte man sich die Arbeitsumgebung bei Paperspace einrichten, einem anderen Cloud-Anbieter. Die Anleitung von 2018 klingt so, als hĂ€tte meine Geduld wahrscheinlich auch dafĂŒr nicht gereicht.
In der Version von 2019 hat der Kurs auf Google Colab gesetzt. Das heiĂt, dass man Jupyter Notebooks auf Google-Servern laufen lassen kann und keine eigene Python-Installation braucht, nur einen Browser. Colab gab es 2017 noch nicht, es wurde erst ein paar Monate nach meinem Scheitern, im Herbst 2017, fĂŒr die Ăffentlichkeit freigegeben. Allerdings klingt die Anleitung von 2019 immer noch kompliziert.
2020 wirkt es schon schaffbarer.
Auch die aktuelle Version des Kurses basiert auf Colab. Man muss sich dafĂŒr einen Account bei Kaggle einrichten. Soweit ich es bisher verstehe, dient dieser Kaggle-Zugang dazu, die Sache kostenlos zu machen. Colab wĂŒrde ansonsten Geld kosten, weniger als ich 2017 bezahlt habe, aber eben Geld. Oder vielleicht liegen auch die Jupyter Notebooks mit den Kurs-Ăbungen bei Kaggle, keine Ahnung, man braucht es eben. (Update: In Kapitel 2 des Kurses merke ich, dass es noch mal anders ist, man hĂ€tte sich zwischen Colab und Kaggle entscheiden können. Zusammengefasst: Ich verstehe es nicht.)
Ich lege mir einen Kaggle-Account an und betrachte das erste Python-Notebook des Kurses. Es beginnt mit einem Test, der nur ĂŒberprĂŒft, ob man ĂŒberhaupt Rechenleistung bei Kaggle in Anspruch nehmen darf. Das geht nĂ€mlich erst, wenn man eine Telefonnummer eingetragen und einen Verifikationscode eingetragen hat, der an diese Telefonnummer verschickt wird. Aber das Problem ist Teil des Kursablaufs und deshalb genau an der Stelle erklĂ€rt, an der es auftritt. Es kostet mich fĂŒnf Minuten, die vor allem im Warten auf die Zustellung der SMS mit dem Code bestehen.
Danach geht es immer noch nicht. Beim Versuch, die ersten Zeilen Code laufen zu lassen, bekomme ich eine Fehlermeldung, die mir sagt, dass ich das Internet einschalten soll:
âSTOP: No internet. Click â>|â in top right and set âInternetâ switch to on.â
Ich betrachte lange alles, was mit âtop rightâ gemeint sein könnte, aber da ist kein solcher Schalter. SchlieĂlich google ich die Fehlermeldung. Andere haben das Problem auch schon gehabt und gelöst. Der Schalter sieht weder so aus wie in der Fehlermeldung angedeutet, noch befindet er sich oben rechts. Man muss ein paar MenĂŒs ein- und ein anderes ausklappen, dann wird er unten rechts sichtbar.
Ich bin also im Internet und muss erst das Internet einschalten, damit ich Dinge im Internet machen kann.
Aleks meint, wenn ich ihm gestern dabei zugehört hÀtte, wie er eine Viertelstunde lang laut fluchte, hÀtte ich schon gewusst, wie es geht. Hatte ich aber nicht.
Nach dem Einschalten des Internets kann ich das erste Jupyter-Notebook des Kurses betrachten und selbst ausprobieren, ob es wohl schwer ist, Frösche von Katzen zu unterscheiden. FĂŒr die Lösung aller Startprobleme von 2017 habe ich zwei Wochen gebraucht. 2023 noch eine Viertelstunde, und ich bin zuversichtlich, dass man um 2025 direkt in den Kurs einsteigen können wird.
(Kathrin Passig)

Anya is live and ready to show you everything. Watch her strip, dance, and perform exclusive shows just for you. Interact in real-time and make your fantasies come true.
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29.03.2021
Ein sehr technisches Problem hat eine sehr einfache Lösung
Im MÀrz 2021 stelle ich fest, dass mein Blog kaputt ist, ich kann nÀmlich keine neuen BeitrÀge schreiben. Statt dessen taucht eine ominöse PHP-Fehlermeldung in der Blogsoftware auf. Erst ignoriere ich das Problem und schreibe einfach keine neuen BeitrÀge, irgendwann möchte ich dann aber doch, dass es wieder geht und widme mich dem Problem mit etwas mehr Aufmerksamkeit.
Die Fehlermeldung ist zwar googlebar, die Threads, die ich dazu finde, helfen mir aber nicht wirklich weiter. ZunĂ€chst mal installiere ich einfach manuell die aktuelle Wordpress-Version nochmal, nur fĂŒr den Fall, dass bei der letzten Aktualisierung etwas schief gegangen ist. Das hilft aber nicht. Dann deaktiviere ich alle Plugins, ebenfalls ohne Erfolg. Dann versuche ich, das Layout meines Blogs zu Ă€ndern, das funktioniert aber auch nicht.
Irgendwann stolpere ich ĂŒber den entscheidenden Hinweis, dass es etwas mit dem Autoinkrement auf einer Tabelle zu tun haben könnte und logge mich bei meinem Hostingprovider ein, um auf die Datenbanken gucken zu können. Ăber mehrere Umwege und Fehlversuche stoĂe ich schlieĂlich auf das eigentlich recht offensichtliche Problem: Der Speicher des Datenbankservers ist voll. Das hat zur Folge, dass keine neuen EintrĂ€ge gemacht werden können und fĂŒhrt anscheinend auf der PHP-Seite zu der Fehlermeldung, die ich auf der BlogoberflĂ€che sehe.
ZunĂ€chst versuche ich mit einem ergoogelten Skript, die Tabellen zu optimieren, das funktioniert aber nicht. Dann defragmentiere ich wahllos Tabellen, was zwar einen kleinen Effekt hat, aber mich nicht wirklich weiterbringt. Dann exportiere ich die Tabellen eines vernachlĂ€ssigten Zweitblogs, das auch auf diesem DB-Server liegt und lösche die Tabellen anschlieĂend. Das hat zwar einen Effekt, reicht aber leider nicht.
Endlich komme ich darauf, zu gucken, welche Tabellen denn besonders groĂ sind. Es sind die beiden Tabellen fĂŒr die Blogkommentare und die Metadaten fĂŒr die Kommentare. Beide haben jeweils mehr als 400 MB, der Gesamtspeicher des DB-Servers betrĂ€gt 1024 MB.
Ein Blick ins Blog bestĂ€tigt: Ich habe mehr als 44.000 Spamkommentare, die ich einfach nicht gelöscht habe. Ich lösche also alle Spamkommentare, was nur langsam und in Blöcken passiert, weil das Löschen so lange dauert, dass der Prozess irgendwann abbricht, aber nach ungefĂ€hr sieben LöschvorgĂ€ngen ist der Spamordner leer. Das mache ich noch bei zwei anderen Blogs, die auf dem gleichen Server gehostet werden und auf einmal belege ich nur noch 88 MB von 1024 MB und kann auch wieder neue BlogbeitrĂ€ge schreiben. Ich weise meinen Spamfilter an, wirklich ganz offensichtliche Spamkommentare ĂŒberhaupt nicht mehr durchzulassen und werde in Zukunft einfach wieder regelmĂ€Ăig den Spamordner prĂŒfen.
(Anne SchĂŒĂler)
2009 bis 2021
Ich waschâ mich reich. Vielleicht. Irgendwann.
Dass in Deutschland die Toiletten mit Trinkwasser gespĂŒlt werden, stört mich, seit mir die Tatsache bewusst wurde. Als Mieter kann man das leider nicht Ă€ndern â als Hausbesitzer schon. Das Haus, das mein Mann und ich 2009 kaufen, wird kernsaniert; das ist DIE Gelegenheit, um eine Regenwassernutzungsanlage zu installieren.
Im ehemaligen Kohlenkeller ist Platz fĂŒr vier Kunststofftanks mit jeweils 750 Litern Fassungsvermögen. Sich Regenwasser ins Haus zu holen anstatt es drauĂen zu lassen gilt nur als die zweitbeste Lösung. Es ist aber viel einfacher, als ein drei Kubikmeter groĂes Loch im Garten zu graben, um die Tanks dort zu versenken. Die Fallrohre der Regenrinnen werden mit einem feinen Filtereinsatz versehen, der Laub abhĂ€lt und den meisten Dreck, den der Regen vom Dach spĂŒlt.
FĂŒr die Nutzung von Regenwasser gibt es hierzulande strenge Vorschriften. Es mĂŒssen separate Leitungen verlegt werden, die streng vom Trinkwassernetz getrennt sind. Da ohnehin die gesamte SanitĂ€rinstallation neu gemacht wird, hĂ€lt sich der Aufwand fĂŒr drei Toiletten, die Waschmaschine und einen Hahn zur GartenbewĂ€sserung in Grenzen. Ich wĂŒrde auch ohne Bedenken mit Regenwasser duschen, aber das ist unzulĂ€ssig.
Das Wasser wird mit einem Hauswasserwerk zu den Verbrauchsstellen befördert. Ein Schaltautomat ĂŒberwacht Druck und Durchfluss in den Rohrleitungen und schaltet die Pumpe nach Bedarf ein und aus. Ist nicht genĂŒgend Regenwasser da, wird automatisch Trinkwasser nachgespeist. Weil Regenwasserleitungen und öffentliche Leitungen getrennt bleiben mĂŒssen, hat das Wasserwerk einen Zwischenspeicher von etwa fĂŒnf Litern. Dort lĂ€uft das Wasser ĂŒber einen freien Auslauf hinein, so dass ein RĂŒckschlagen in die Trinkwasserleitung unmöglich ist.
Nach fĂŒnf Jahren beginnt das Hauswasserwerk herumzuzicken. Die Pumpe funktioniert einwandfrei, aber an der Steuerung ist etwas nicht in Ordnung. Das passiert natĂŒrlich vorzugsweise, wenn GĂ€ste im Haus sind. Wenn der verlegene Ruf âdie KlospĂŒlung geht nicht, was soll ich tun?â ertönt, laufe ich in den Keller und drĂŒcke die Störungsmeldung weg. Dann geht die SpĂŒlung wieder. Als sich die Störungen im Laufe der nĂ€chsten beiden Jahre hĂ€ufen, versuche ich den Installateur zu erreichen, aber der hat die Telefonnummer gewechselt und ist auch sonst abgetaucht. Eine unbekannte SanitĂ€rfirma fĂŒr die Lösung des Problems zu begeistern versuche ich gar nicht erst. Im Jahr 2017 können sich Handwerker in Frankfurt am Main aussuchen, wen sie als Kunden nehmen möchten und sie sind wĂ€hlerisch. Mit meiner unerquicklichen Reparatur brauche ich mich da gar nicht erst bewerben. Der italienische Hersteller des Hauswasserwerks reagiert nicht auf E-Mails. Per Telefon versuche ich es nicht, weil ich kein Italienisch spreche. Irgendwann bin ich bereit, fĂŒr knappe 2.000 Euro ein neues Wasserwerk installieren zu lassen, nur damit das Problem gelöst ist. Dieses Mal bestehe ich auf einem deutschen Fabrikat, damit ich wenigstens Kontakt aufnehmen kann, falls es nötig ist. An die SanitĂ€rfirma komme ich auf Empfehlung eines anderen Handwerkers.
Das deutsche Wasserwerk tut klaglos seinen Dienst. Als schöner Nebeneffekt verschwinden die Schmutzringe in den Toiletten auf Höhe des Wasserspiegels. Das war also gar kein Dreck aus dem Regenwasser, den wir da jahrelang weggeschrubbt haben, sondern Rost aus der korrodierten italienischen Pumpe.
Nach einem Jahr macht die Pumpe grĂ€ssliche GerĂ€usche. Ich rufe den Kundendienst an, der umgehend einen freundlichen Techniker schickt. Der diagnostiziert einen defekten FĂŒllstandsmesser im Wasserspeicher und tauscht ihn kostenlos aus.
2020, zwei Jahre nach der ersten Reparatur, macht die Pumpe wieder grĂ€ssliche GerĂ€usche. Der Kundendienst schickt einen Techniker, es ist derselbe wie beim letzten Mal und auch das Problem ist das gleiche. Der FĂŒllstandsmesser wird wieder kostenlos ausgetauscht. Sollte er erneut kaputtgehen, bekĂ€me ich ein Upgrade auf das nĂ€chstbessere Modell, verspricht der Techniker.
Im FrĂŒhling 2021 hoffe ich ein ganz kleines bisschen, dass der Sensor wieder schwĂ€chelt; ich hĂ€tte sehr gerne einen Premium-FĂŒllstandsmesser.
Wenn es regnet, dann stelle ich mir vor, dass statt der Wassertropfen GeldstĂŒcke in die Wassertanks flieĂen. Sehr kleine GeldstĂŒcke, denn die Gesamtkosten fĂŒr Tanks, Wasserleitungen, Installationsarbeiten und zwei Hauswasserwerke summieren sich auf mehrere Tausend Euro. DafĂŒr kann man in Frankfurt am Main bei einem Wasserpreis von ca. 3,50 Euro pro Kubikmeter sehr viel Wasser kaufen. Wie viel Regenwasser wir sammeln, wird nicht gemessen. Deshalb kann ich nicht ausrechnen, wie lange es dauert, bis sich die Regenwassernutzung amortisiert; vermutlich sehr lange. Das GefĂŒhl, kein Trinkwasser zu verschwenden, ist aber unbezahlbar.
Wenn die Folgen des Klimawandels weiter spĂŒrbar werden, wird aber auch der Preis fĂŒr Wasser irgendwann steigen. Dann werde ich reich mit dem Geld, das ich bei jeder Maschine WĂ€sche spare!
(Marlene Etschmann)
13. Juli 2019
Samstag der Dreizehnte oder vermutlich wird man mich demnĂ€chst öfter Pakete in die Packstation einlegen sehen und diese E-Tretroller sind auch ĂŒberbewertet
Die Kinder sind im Bett und ich möchte noch schnell eben zwei Pakete wegbringen und mir auf dem RĂŒckweg einen Burger samt Pommes kaufen. Am Samstagabend Pakete wegbringen geht deswegen, weil einer der DHL Paketshops in unserer Umgebung ein SpĂ€tkauf ist, der lĂ€nger auf hat, als ich dieser Tage wach bin. Vom Sofa flachst die Gattin "dann kannst Du ja auf dem RĂŒckweg einen der lustigen E-Scooter ausprobieren."
Eigentlich keine schlechte Idee. WĂ€hrend ich fĂŒr das eine Paket â eine BĂŒchersendung an Momox â noch das Etikett ausdrucke, google ich mal eben, was der RollerspaĂ bei den verschiedenen Anbietern so kostet. Es gibt aktuell vier in Berlin â Lime, circ, VOI und TIER. Die Preise sind offenbar gleich: ⏠1 GrundgebĂŒhr pro Ausleihe und dann 15 Cent pro Minute.
Lime und VOI haben in Berlin je ca. 1.000 Roller, die anderen etwas weniger. Meine Entscheidung fĂ€llt daher zwischen den beiden. Die Lime-App lĂ€sst sich gleich erstmal bestĂ€tigen, dass ich keinesfalls ohne Helm fahren werde. Das macht mich insofern stutzig, dass ich noch niemanden diese Roller mit Helm habe nutzen sehen. Das Servicegebiet von VOI schlieĂt zwar SpĂ€tkauf und Burgerladen ein, nicht aber unsere Wohnung. Klarer Punkt fĂŒr Lime. Weiterer Pluspunkt ist, dass ich per Apple Pay ein Guthaben anlegen kann, sprich mit einem Tippen auf den Fingerabdrucksensor sind ⏠5 transferiert, was fĂŒr die paar Hundert Meter mehr als genug sein sollte.
Lime-App: Aufwendiges Regelwerk aber einfaches Bezahlen
Ich schultere also die Tasche mit den zwei Paketen (mit der ich ungern Roller fahren möchte) und trabe los. Beim Betreten des SpĂ€tkaufs fĂ€llt mir gleich auf, dass sich an der Einrichtung etwas geĂ€ndert hat â der Paketschalter ist verschwunden. "Nee, DHL machen wir nicht mehr." "Das ist aber schade." "FĂŒr Euch schon.â *grins*.
Hrm, dann also vielleicht doch mit der Tasche auf der Schulter einen Roller chartern und damit bis zum nĂ€chsten PaketspĂ€ti in ca. 1 km Entfernung fahren? An der nĂ€chsten Ecke stehen â wie von der App angekĂŒndigt â zwei Lime-Scooter. Und davor ein asiatisch aussehender Mann, der sie interessiert betrachtet, aber gleich beiseite tritt, als ich mich mit gezĂŒcktem Smartphone nĂ€here.
Rasch mit der Lime-App den QR-Code am Lenker gescannt, und die App schaltet auch sofort auf den "Wie fahre ich los?"-Screen um. Ich rolle das GerĂ€t vom BĂŒrgersteig auf die StraĂe, ĂŒberlege noch kurz â Standbein, Spielbein â und hole Schwung. Nichts passiert. Oder vielmehr: Der Roller rollt sehr trĂ€ge, Gasgeben ergibt null Beschleunigung, stattdessen ertönt ein empörtes Pingen in ansteigender LautstĂ€rke, das unschwer als "hallo, ich werde hier gerade geklaut!" zu verstehen ist. Das erregt am Samstagabend in Berlin natĂŒrlich keine groĂe Aufmerksamkeit, aber etwas Beschleunigung hĂ€tte ich fĂŒr meinen Euro dann doch gern gehabt.
Auch das Display am Lenker zeigt nach dem Ausleihversuch weiterhin den die Anweisung "Scan to unlock." Ich scanne den Barcode des Rollers erneut, dann den des zweiten Zweirads, stets mit demselben Ergebnis. Ich erhalte keinerlei Hinweis, aber Lime wĂ€re nicht die erste App, deren Entwickler dem Diktum unbedingter Einfachheit auch gleich alle Fehlermeldungen geopfert hĂ€tten. Unter "Fahrtverlauf" findet sich in der App auch kein Eintrag, was mir immerhin Zuversicht gibt, das fĂŒr meine Fehlversuche jetzt nicht auch noch Mietkosten anfallen.
Weiterhin die Tasche mit den Paketen auf der Schulter trotte ich zurĂŒck. Immerhin hat sich die Schlange im Burgerladen aufgelöst, die ich auf dem Hinweg sah, und ich kann fĂŒr den Rest des RĂŒckwegs ein Mobike chartern und damit nach Hause radeln. Das Rad hat den bei Mobikes hĂ€ufig auftretenden Defekt, dass der höhenverstellbare Sattel unter der Belastung durch den Fahrer â ich habe ein durchschnittliches Gewicht â stĂŒckweise hinabsinkt. Das ist mir aber jetzt egal â ich will nur noch meine Burgerbeute vor dem nahenden Sommerregen nach Hause schaffen.
(Virtualista)
Nachtrag: Etwas spĂ€ter lerne ich, dass man fĂŒr eine erfolgreiche Ausleihe bei Lime alle Screens der Anleitung durchscrollen und am Ende noch einmal bestĂ€tigen muss, dass man sich an die Regeln halten wird.