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Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich für Chlorhühner oder für Freudenhäuser schreiben soll, im Grunde ist es das selbe. Im Grunde sind alle dagegen, weil man eben dagegen ist, gegen Freudenhäuser, gegen Prostitution, gegen Nutten und gegen Chlor verseuchtes Essen. Beide scheinen moralisch so eindeutig verwerflich zu sein, dass sich das Kollektiv gar nicht mehr überlegen muss, weshalb. Es reicht, der Tugendhaftigkeit und Moral die Ehre zu geben und sich der Masse der Schwarmwisser anzuschließen und sich gut zu fühlen.
Es ist im Grunde genommen ja nicht schlecht, gegen etwas zu sein – sich gegen Missstände und Politik, die uns in Gefahr zu bringen scheint, zu wehren. Es ist aber auch klar, dass wir uns am meisten vor den Dingen fürchten, von denen die geringste reale Gefahr ausgeht.
So ist es im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts doch immer noch erstaunlich, dass wir größere Angst vor nicht existierenden Giftschlangen haben, als vor Autos und Straßenverkehr, dem täglich mehrere Menschen zum Opfer fallen.
Wir haben ein Bedürfnis nach Sicherheit und Beschützt-werden vor Dingen und Zuständen, die gar keine oder eine nur sehr geringe Bedrohung für uns darstellen. Mit diesem Bedürfnis spielen genau jene, die uns Sicherheit versprechen und vor denen wir uns am meisten fürchten sollten.
Nein, liebes Volk, es sind nicht die Chlorhühner die unser Leben bedrohen und unsere Gesundheit gefährden, schön wär’s. Es sind die, die uns das Chlorhuhn zur Ablenkung auftischen, vor denen wir davon laufen sollten. Die Diktatur der Dauerablenkung macht uns zu geistig „vergatschtem“ manipulierbarem Massenbrei der heute noch gegen TTIP marschiert und morgen schon gegen Menschen und Menschlichkeit.
Es schreit doch zum Himmel, wie in der Diskussion um TTIP ausgerechnet das Chlorhuhn seinen Weg in die Köpfe und Herzen der Gegner geschafft hat. Und da wir uns nur allzu gut an den ekeligen Geschmack der Hallenbad Besuche unserer Kindheit erinnern, an den Moment, an dem der Kopf erstmals unfreiwillig unter Wasser ging und sich der Ekelgeschmack von Chlor durch Mund- und Rachenraum in unsere Nebenhöhlen verteilte und wir dann noch auf die Frage, weshalb das viele Chlor in unseren Schwimmbecken schwimmt, „damit wir weiterhin ungeniert ins Becken pissen können, ohne uns gröbere Krankheiten zuzuziehen“ als Antwort bekommen, sehen und fühlen wir uns bedroht, real bedroht davon, dass wir ein Huhn essen müssen, dass in Chlor gebadet wurde, um Keime zu töten.
Dass das gebadete Huhn bis in die letzten Poren mit Antibiotika voll gestopft ist, scheint in der Diskussion zur Nebensache zu verkommen. Hauptsache mein Huhn kommt nicht aus den USA und Hauptsache, es wurde nicht in Chlor gebadet. Chlor ist Pisse, Chlor sind getötete Erreger.
Interessanterweise frisst das Volk (egal welches, nennen wir es das österreichische Volk) schon seit Jahrzehnten Fleisch, das so weit entfernt von einer artgerechten Haltung ist, das so verseucht ist mit Stress- und Angsthormonen und Antibiotika, dass wir uns wünschen sollten, es wäre nur in Chlor gebadet, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Darum ist das Chlorhuhn das Beste, das uns passieren konnte. Denn endlich macht sich zumindest ein kleiner Teil der Bevölkerung wieder einmal einen kleinen Gedanken darüber, was in unsere Regale kommt und welchen Einfluss es auf unseren Körper, unsere Gesundheit haben könnte. Statt gegen das Huhn zu sein, sollten wir dafür sein, denn ohne das Chlorhuhn gäbe es keine Diskussion – aber die gibt es eigentlich ohnehin nicht, denn wir sind pauschal dagegen, sehr zum Vorteil derer, die uns klein und dumm halten wollen, in den großen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung. Lassen wir das Volk mit Plakaten bewaffnet durch die Straßen ziehen und dagegen sein, dagegen, dass Hühner in unsere Regale kommen, die niemand von uns gezwungen ist zu essen.
Gegen Handelsabkommen, die noch gar nicht zu Ende verhandelt wurden, nur weil darin der Kompromiss regiert und eben nicht die Brechreiz auslösende „Wohlfühldiktatur des Common–Sense“ (Zeit) – eine Diktatur, in der jeder redet und keiner was sagt. Denn wir wollen ja schließlich im Sinne unserer Nachkommenschaft nur Biohühner die sich bald keiner mehr leisten kann, weil auf der ganzen Welt die Macht des Stärkeren regiert, mit oder ohne Freihandelsabkommen – und diese Macht regiert uns so geschickt, dass sich die breite Schicht der Bevölkerung bald wünschen wird, sie würde ein Chlorhuhn auf den Teller bekommen und sie hätte damals nicht gegen TTIP sondern für eine gerechtere Verteilung der Mittel, eine Wirtschaft der Inklusion und nicht der Ausschließung gekämpft.
Die Macht des Stärkeren lacht sich ins Fäustchen, dass sie das kollektive und nachhaltige Bewusstsein quasi ausgeschaltet hat. Dass jeder nur noch um seine eigene, private, persönliche Sicherheit besorgt ist und geduldig auf die Not derer blickt, die von der gegen Chlorhühner kämpfenden Gesellschaft zu überflüssigen Menschen degradiert werden, weil sie keinen Nutzen bringen und nur Laster bedeuten und zudem noch billige Chlorhühner fressen, weil sie froh sind, dass sie überhaupt was zu fressen haben/ bekommen.
Wenn wir keine Chlorhühner wollen, reicht es nicht einfach nur dagegen zu sein – dann müssen wir dafür sein, aktiv dafür sein, für eine alternative gerechte Wirtschaft und Gesellschaft. Dann dürfen wir uns nicht als die privilegierten Biohuhn-Konsumenten sehen, die herablassend auf die blicken, die sich diesen Überlegungen aufgrund geistiger oder finanzieller Minderbemittelung nicht anschließen.
Dann ist es unsere menschliche Pflicht, aktiv so zu handeln, dass die Empathie zum zentralen Thema unseres Handels wird und nicht der Konsum. Dann muss es um unsere persönliche Bereitschaft zum Verzicht gehen und nicht darum, welche Art von Huhn ich auf den Teller bekomme.
Dann dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, wir wären als kleinstaatliche Einzelgänger weniger von Großkonzernen erpressbar, denn als mitsprechender, mitverhandelnder Teil einer globalisierten Welt.
Dann müssen wir uns überlegen und auch durchsetzten, an welchen gesellschaftspolitischen Maßnahmen wir uns aktiv beteiligen, damit möglichst viele in unserem persönlichen Umfeld (denn die Welt vermögen wir nicht als Ganzes zu retten), in unserer Nachbarschaft oder Gemeinde, die Möglichkeit bekommen, das Chlorhuhn einfach im Regal liegen zu lassen, so lange, bis es trotz des entkeimenden Bades verfault, und kein neues mehr nachbestellt wird.
Und so schließe ich dieses Pamphlet im Sinne von Thomas Bernhard: „Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst, das Denken genau vor dem tödlichen Augenblick abzubrechen.“