# Da braucht man erstmal einen Kaffee…
Es gibt Dokumente, die versprechen den großen Aufbruch. Und dann gibt es Dokumente, bei denen man nach Seite drei kontrolliert, ob man versehentlich den Beipackzettel eines Blutdruckmittels liest. Das „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. 34 Maßnahmen sollen Deutschland wieder auf Kurs bringen. Nach der Lektüre fragt man sich allerdings eher, ob vorher überhaupt jemand nachgesehen hat, ob der Kurs noch stimmt.
Natürlich stehen vernünftige Dinge darin. Steuerentlastungen für Familien. Weniger Bürokratie. Mehr Digitalisierung. Das sind Punkte, bei denen vermutlich selbst der größte Pessimist kurz nickt und sagt: „Ja, könnte man machen.“
Doch dann biegt dieses Papier in eine Richtung ab, bei der man unweigerlich nach einem zweiten Kaffee sucht. Oder nach einem Schnaps.
Denn irgendwann muss im Kanzleramt oder in irgendeinem Ministerium jemand aufgestanden sein und gesagt haben: „Ich hab's! Wir schaffen die telefonische Krankschreibung ab!“ Und alle anderen haben offenbar genickt. Anders ist das kaum zu erklären.
Ausgerechnet die SPD macht dabei mit. Die Partei, die sich seit über 160 Jahren als Schutzmacht der Arbeitnehmer versteht. Die Partei, die von Respekt, Solidarität und guter Arbeit spricht. Heute scheint sie ihren Beschäftigten vor allem eines sagen zu wollen:
„Vertrauen ist gut. Aber beweisen Sie bitte erst einmal, dass Sie wirklich krank sind.“
Man stelle sich das einmal vor. Du liegst mit 39 Grad Fieber im Bett. Der Kopf hämmert. Der Hals fühlt sich an, als hättest du eine Käsereibe verschluckt, und dein Kreislauf diskutiert bereits mit dem Fußboden über eine engere Zusammenarbeit.
Die Antwort der Politik lautet:
„Kommen Sie bitte persönlich vorbei.“
Falls du unterwegs noch das halbe Wartezimmer ansteckst – nun ja. Gemeinschaftserlebnisse verbinden schließlich.
Und weil ein schlechter Vorschlag selten allein kommt, soll die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig gleich ab dem ersten Krankheitstag vorliegen.
Nicht weil jeder Arbeitnehmer schummelt.
Sondern weil offenbar jeder Arbeitnehmer zunächst einmal unter Verdacht steht.
Respekt sieht irgendwie anders aus.
Früher wollte die SPD den Malocher vor ungerechten Arbeitgebern schützen. Heute schützt sie offenbar die Krankenkassen vor erkälteten Arbeitnehmern.
Das muss man auch erst einmal hinbekommen.
Überhaupt wirkt dieses Programm an vielen Stellen so, als hätte man jede Idee, die irgendwo auf einem Flipchart stand, einfach übernommen.
Mehr Kontrolle. Mehr Datenaustausch. Mehr Vorschriften.
Und gleichzeitig weniger Bürokratie.
Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Restaurant, das mit der größten Salatkarte der Stadt wirbt und einem anschließend eine Tiefkühlpizza serviert.
Deutschland hat ohnehin ein bemerkenswertes Talent entwickelt.
Taucht irgendwo ein Problem auf, wird keine Lösung gesucht.
Es wird ein Formular entworfen.
Hilft das Formular nicht, entwickelt man ein zweites Formular, das bestätigt, dass das erste korrekt ausgefüllt wurde.
Anschließend gründet man eine Arbeitsgruppe, die untersucht, warum beide Formulare niemand versteht.
Nach zwei Jahren erscheint dann eine Evaluation mit dem Ergebnis:
„Es braucht ein drittes Formular.“
Und irgendwo klatscht bestimmt ein Referatsleiter.
Natürlich fehlen auch die großen Schlagworte nicht.
Künstliche Intelligenz.
Smart Meter.
Datenplattformen.
Autonomes Fahren.
Das klingt alles beeindruckend.
Nur fragt sich der Handwerker, warum er für einen Bauantrag noch immer länger warten muss als auf einen Termin beim Orthopäden.
Die Pflegekraft fragt sich, warum sie ständig neue Dokumentationspflichten erfüllen soll, obwohl angeblich Bürokratie abgebaut wird.
Und der Fernfahrer interessiert sich herzlich wenig für den intelligenten Stromzähler, solange die nächste Brücke wieder nur einspurig befahrbar ist.
Das eigentliche Problem dieses Programms ist aber ein anderes.
Es denkt in Maßnahmen.
Nicht in Menschen.
Es produziert Überschriften.
Keine Zuversicht.
Die meisten Menschen wollen gar keine Revolution. Sie möchten morgens zur Arbeit fahren, ihren Job machen, pünktlich bezahlt werden und abends ihre Ruhe haben. Sie möchten nicht ständig das Gefühl bekommen, sich gegenüber dem Staat rechtfertigen zu müssen, weil sie krank sind, bauen wollen oder einfach nur einen Antrag ausfüllen.
Am Ende bleibt dieses Papier wie ein Besuch in einer Kantine.
Auf der Speisekarte liest sich alles hervorragend.
„Aufschwung.“
„Beschäftigung.“
„Entlastung.“
„Modernisierung.“
Dann kommt der Teller.
Die Kartoffeln sind lauwarm.
Die Soße hat die Konsistenz von Regenwasser.
Und der Koch erklärt mit ernster Miene, genau so müsse das sein.
Man verlässt das Lokal nicht unbedingt satt.
Aber mit der Gewissheit, dass man beim nächsten Mal lieber selbst kocht.
Vielleicht ist genau das die treffendste Beschreibung dieses Programms.
Es verkauft Hoffnung.
Geliefert wird Verwaltung.
Und irgendwo zwischen Seite eins und Seite zwölf fragt man sich unweigerlich, ob in Berlin eigentlich noch jemand weiß, wie sich das echte Leben außerhalb eines Ministeriums anfühlt.
✍🏼 Anja















