Wie macht ihr das eigentlich bei Ingress?
Alexander Stielau, Ingress-Spieler, ausgefragt von Kathrin Passig, Pokémon-Go-Spielerin. Das Gespräch fand schriftlich in Dropbox Paper statt.
Kathrin: Ingress ist ja ein älteres Spiel von derselben Firma wie Pokémon Go. Pokémon-Go-Spieler, die auch Ingress kennen, sagen manchmal, sie vermissen den bei Ingress eingebauten Chat. Bei Pokémon Go gibt es keinen, da findet die Kommunikation vollständig außerhalb der App statt, in WhatsApp-Gruppen und anderen Messengern. Wie funktioniert das bei Ingress, ist das ein einziger Chat für alle Millionen Nutzer oder wie? Und wofür wird er genutzt?
Alexander: Bei Ingress gibt es einen dreigeteilten InGame Chat, einmal *Alle*, dieser enthält viele Statusmeldungen ‘Agentname captured Portal (Adresse)’ und sowas, hier ist eine Kommunikation zu allen Spielern (die in Ingress Agenten heißen), möglich – einmal ganz allgemein, indem man in den Chat schreibt, dann in @agentname Schreibweise, dann bekommt der Angechattete eine Benachrichtigung, trotzdem ist das für alle lesbar.
Der zweite Tab im Chat ist der *Factionchat*, dort kann nur die eigene Mannschaft lesen und schreiben. der dritte Tab enthält Nachrichten, z.B. die Benachrichtigung, wenn man angechattet wird, Portale, die man aktuell hält, angegriffen werden und sowas. Damit man nicht komplett an Reizüberflutung eingeht, haben alle drei Chats eine Reichweitenbegrenzung, die man beliebig konfigurieren kann. In städtischen Umgebungen ist man schon mit einem 5km Radius um den eigenen Standort gut bedient.
Kathrin: Was ist, wenn jemand am Rande meines 5-km-Radius mit Leuten redet, die in seiner Nähe sind, aber außerhalb meines Radius? Sehe ich dann nur einen Teil des Gesprächs und der Rest fehlt? Stelle ich mir verwirrend vor.
Alexander: Anscheinend ist das so, wie du es beschreibst – mir ist das allerdings nie aufgefallen: Einerseits ist da immer viel los und man bekommt nicht alles mit, andererseits gibt es dort keine längeren Dialoge, sondern es werden vor allem neue Spieler gekobert und dann gibt es auch viele Beschimpfungen des Gegners. Der Chat nervt eh, ich nutzte den fast gar nicht.
Kathrin: Was heißt Beschimpfungen des Gegners? Ist das eher freundschaftliches Dissen oder ernsthaft problematisch, also so, dass Leute danach rufen, dass die Betreiberfirma eingreifen muss?
Alexander: Sowohl als auch, das geht vom Necken bis zu leider justiziablen Sachen. Wie gesagt, der Ingame-Chat nervt, ich benutze den auch aus diesen Gründen nicht, nicht mal zum Lesen, was gerade so im Umfeld passiert. Andere tun das allerdings.
Es besteht die Möglichkeit, einen anderen Agentennamen zu klicken, damit wird dieser (öffentlich) angesprochen. Das generelle Problem mit dem Ingame-Chat ist, dass man sehr leicht die Tabs ALLE und FACTION verwechseln kann, gerade, wenn man jemand konkret anspricht. Die Gefahr, taktische Informationen (also Absprachen über gemeinsames Vorgehen) an den Gegner leaken, ist sehr hoch – auch, weil es Spieler gibt, die Accounts in beiden Factions haben, um an genau diese Infos zu kommen. Das ist zwar verboten, Niantic (die Spielleitung) interessiert sich aber nicht so richtig dafür, das zu unterbinden, was technisch gar nicht so schwierig wäre, Telefone sind ja eineindeutig zu identifizieren.
Aus diesem Grund werden in der Regel andere Chats verwendet, vor allem Hangouts, weil das in das gut in das Gesamtsetup passt: Hangouts ist eben auch von Google, genauso wie die Foren (Google Plus), die Nach- und Vorbearbeitung (in Google Docs / Google Drive) und es wird die gleiche Authentifizierung verwendet wie auch im Spiel – das ermöglicht eine leichte Zuordnung / Wiedererkennung. Aber auch Slack, Zello und andere werden benutzt. WhatsApp spielt bei Ingress keine Rolle. Ich glaube, das liegt an der fehlenden Authentifizierung über Google (was Slack kann), und WhatsApp geht nur mit Schmerzen auf dem Desktop. Das wird aber zum Leiten von größeren Aktionen, die von einem Operator irgendwo an einem Rechner koordiniert werden, gebraucht. (Beispiel für eine größere Aktion, Beispiel für eine kleinere ohne Remote OPs.) WhatsApp ist auch unkomfortabel, wenn man in mehreren Chats parallel aktiv ist, die Namen der Chatpartner sind nicht überall gleich, sondern hängen von deinem eigenen Adressbuch ab – kurz: WhatsApp ist dafür unbrauchbar.
Kathrin: Aber bei Pokémon Go loggt man sich ja auch via Google ein (jedenfalls ist das eine von zwei Möglichkeiten), und trotzdem hab ich noch nie davon gehört, dass da jemand was unter Zuhilfenahme von Google Hangouts oder Google Plus organisiert. Ist das vielleicht eher historisch bedingt? Weil Ingress von 2012 ist und Hangouts (2013) und Google Plus (2011) ungefähr aus derselben Zeit stammen?
Alexander: Ich glaube, dass Pokémon Go einfach kein Spiel ist, das taktisches Vorgehen, Absprachen mit anderen Spielern und Organisation über die nächsten 10 Minuten hinaus und/oder überregionales Handeln erfordert – damit braucht man auch kein Instrument, Communities zu organisieren, andere Spieler zu leveln und die Kommunikation dafür zu ermöglichen. Zum Start von Ingress haben wir auch nicht Hangouts, sondern irgendwas Jabberbasiertes benutzt, das Problem ist dann aber eben, dass man die Personen, die mitmachen wollen, noch mal extra identifizieren muss – das ist innerhalb des Google-Universums automatisch gegeben.
Die Chats außerhalb des Spiels sind auch stärker thematisch unterteilt, so gibt es Chats, die regional ausgerichtet sind und welche, die auf bestimmte Aktionen abzielen oder auch der nationalen / internationalen Kommunikation dienen. Je wichtiger ein Thema ist, desto schwieriger ist es, von diesem Chat zu erfahren und dann daran teilzunehmen – man will sich natürlich vor Spionen des Gegners schützen. An Chats mit höherer Sicherheitsstufe kommt man eigentlich nur durch Empfehlungen anderer, hochleveliger Spieler, die man mindestens mal persönlich kennengelernt hat. Eine aktive Community wertet die Logs des Spiels (das ist der oben beschriebene öffentliche Chat) aktiv aus, durch Mitlesen und Gucken, was so auf der Map passiert, aber auch automatisiert. D.h., aktive Spieler kennen sich zumindest von der Map, und lernen sich darüber kennen.
Die Intel Map von Ingress, hier mit einer Javascript-Erweiterung (IITC), die die im Log/Chat auflaufenden Daten besser auswertet als die Original Karte. Nach Nutzungsregeln von Niantic verboten, allerdings ist ohne diese Erweiterung die Planung von größere Aktionen nicht sinnvoll möglich und sie verwendet keine anderen Daten als die Original Map, bereitet diese nur besser auf. Aus diesem Grund ist die Nutzung auf Spielerseite Konsens. Die gestrichelten Linen stellen Bewegungen von Spielern von einem Portal zum nächsten dar.
Nachwuchsförderung und Community sind ein ziemlich wichtiges Thema, wenn man das gut macht, ist es möglich, auch gegen eine starke lokale Übermacht anzukämpfen und die Oberhand zu gewinnen – einfach, weil das gemeinsame Spiel ziemlich begeistert. Ich habe durch Ingress viele neue Freunde gewonnen, zu denen ich auch jetzt noch regelmäßig Kontakt habe.
Kathrin: Man will den Chat ja auch während des Spielens am Handy sehen, nicht nur zu Hause am Desktop beim Planen. Ich nutze deshalb bei PG gern den Facebook Messenger, weil man den über das Spiel legen kann, mit diesen Talking Heads.
Ich stehe in Pokémon Go herum, rechts im Bild der schnelle Zugang zum Techniktagebuch-Chat.
Man muss dann nicht ständig zwischen Spiel und Chat wechseln, was auf meinem vorigen Handy, beim Nexus 5X, auch rein technisch gar nicht ging, PG hat sich dabei immer beendet. Wie macht ihr das?
Alexander: Früher ging das mit Hangouts sehr gut (also einfach wechseln, wenn was Interessantes durch die Titelleiste scrollte), aktuell scheint Niantic da ein Problem zu haben, wenn man eine andere Software, die GPS benutzt, in den Vordergrund holt (meine Theorie), muss man Ingress und PG langwierig neu starten – das ist leider ein relativ neues Problem. Lösung: Man nimmt einfach ein zweites Gerät zur Kommunikation, das ist meist kein Problem, da man in Teams spielt. Einer macht dann eben den Kommunikator – man muss also nicht zwei Geräte in den Händen halten.
Bei größeren Aktionen, die von einem Operator am Rechner koordiniert werden, geht viel über Sprachchat, also in unserem Falle meist Zello – das hat einen frei konfigurierbaren PTT/Sprechknopf und stört Ingress nicht. Zello funktioniert ziemlich genau wie CB-Funk, nur über IP. Es gibt offene und private Kanäle, in die man eingeladen wird. Im Gegensatz zu CB-Funk gibt es Moderatoren, die andere z.B. stummschalten können, wenn sie nerven. Aber es kann immer nur einer gleichzeitig sprechen. Da man darüber aber z.B. keine Zielportal-Links oder andere URLs tauschen kann, wird in der Regel ein Textchat (Hangouts) und ein Sprechchat (Zello) parallel verwendet.
Bei Aktionen gibt es für die unterschiedlichen Aufgaben (cleanen, linken, Gegner in Schach halten, Gesamtorga bei großen Feldern) eigene Channels sowohl in Zello als auch in Hangouts, weil es sonst zu unübersichtlich wird. Es hat sich bewährt, die Operators der unterschiedlichen Aufgaben zusammen in einen Raum zu stopfen (wenn die Aktion dafür regional begrenzt genug ist). Hier ein sehr frühes Beispiel:
Schlumpf-Operationszentrale während des ersten von der Spielleitung ausgerufenen Events 'Voynich', 2013-07-13. An der Wand: Das Spielfeld (IITC/Map), auf dem großen Monitor die GPS-Positionen unserer Teamleads via Glympse, auf dem kleineren Monitor die Teamchats, auf dem Laptop gplus.
Kathrin: Bist du auch schon mal Spielern begegnet, die alles ganz anders gelöst haben? Oder würdest du sagen, das hier Beschriebene ist Standard?
Alexander: Ich kann nur für die Resistance (blau) sprechen, und da auch nur für Europa. Dort war das oben beschriebene Setup zu meinen Ingressspielerzeiten (2012 bis 2015) zumindest üblich. Da wir auch europaweite Aktionen gespielt haben, hat es auch Sinn gemacht, überall die gleiche Software zur Kommunikation zu verwenden. Zello z.B. kommt wohl eher aus der spanischen Ecke, das war hier unbekannt – Zello und Hangouts wurden von den Hamburger Fröschen (grün, Enlightened) auch benutzt, ob das aktuell noch so ist, weiß ich nicht. Anscheinend benutzen die Hamburger Frösche aktuell vor allem Telegram.
Es gibt darüber hinaus eh noch andere Software, die zur Koordination eingesetzt wird, früher haben wir z.B. Glympse genutzt, um zu sehen, wo die anderen Spieler stecken (diese tauchen erst bei einer Aktion auf der Map auf - als Teilnehmer und besonders als Operator möchte man das aber natürlich vorher wissen), inzwischen haben die Fraktionen da eigene Tools für, die besser mit den Daten, die Ingress im Chatlog liefert, zusammenarbeiten.
(Alexander Stielau / Kathrin Passig)