Oktober 2021
Das E-Bike ist ein Wegwerfprodukt (derzeit jedenfalls)
Ich bin in Schottland auf der Suche nach einem gebrauchten E-Bike. Ich kann hier aus VersicherungsgrĂŒnden nicht Auto fahren und in den Bussen tragen viele â trotz weiterhin sehr hoher Inzidenzen â keine Maske. Gebraucht soll das Rad deshalb sein, weil es neu nur die Wahl zwischen âum die 500 Euro und Bewertungen zufolge schnell kaputtgehendâ und 2000 Euro aufwĂ€rts gibt. Da mir Unzerkratztheit und Ausstattung mit frisch erfundenen Features egal sind, kommt mir ein gebrauchtes, robustes E-Bike wie die passende Lösung vor.
Wochenlang betrachte ich eBay, Gumtree und Facebook Marketplace. Es kommen nicht sehr viele gebrauchte E-Bikes auf den Markt. Fahrradfahren ist hier keine beliebte TĂ€tigkeit, und die meisten auftauchenden GebrauchtrĂ€der sind Mountainbikes. Ich möchte etwas mit Licht und Schutzblechen. Das ist hier auf dem Land selten, solche RĂ€der werden vor allem in gröĂeren StĂ€dten angeboten, wo man mit dem Rad zur Arbeit fĂ€hrt.
Wie in Deutschland vermutlich auch stammen die meisten E-Bikes von kleinen Inlandsfirmen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, wie da die Ersatzteilversorgung gewĂ€hrleistet sein wird. Mein unelektrisches Fahrrad in Berlin ist fĂŒnfzehn Jahre alt, alle ein bis zwei Jahre bringe ich es in die Werkstatt und lasse VerschleiĂteile austauschen, und wenn es nicht gestohlen wird, plane ich mit ihm alt zu werden. Also mit seinem Rahmen jedenfalls.
Ersatzteilsorgen macht mir insbesondere der Akku, denn die Akkus werden selbst bei guter Pflege von Jahr zu Jahr schlechter, einfach nur durchs Existieren. Beim Gebrauchtradkauf, lese ich, soll man sich generell nicht auf die âwie neu!â-AuskĂŒnfte der Verkaufenden verlassen, sondern davon ausgehen, dass man den Akku bald nach dem Kauf ersetzen mĂŒssen wird.
Ich fange an zu recherchieren, und was ich dabei herausfinde, ist nicht schön, Vielleicht ist Herausfinden auch das falsche Wort, denn eigentlich kann man vor allem aus dem, was die Fahrradfirmen nicht in ihr Verkaufsmaterial schreiben, herauslesen, dass eine Ersatzteilversorgung gar nicht so richtig vorgesehen ist. Der Markt entwickelt sich insbesondere bei den Batterien, aber auch bei den Antrieben immer noch schnell, die Unternehmen mĂŒssten viele veraltete Teile auf Lager halten. An den wenigen Stellen, an denen sich jemand dazu Ă€uĂert, ist von Lebenszyklen die Rede, die mich unangenehm ĂŒberraschen:
âĂblicherweise geht man in der Fahrradbranche Âdavon aus, dass der Lebenszyklus eines Rades nach sechs bis sieben Jahren endet. âSelbst wenn der Zeitraum von sechs bis sieben Jahren ĂŒberschritten ist, versuchen wir noch die Versorgung mit Batterien sicherzustellenâ, erklĂ€rt etwa Arne Sudhoff, PresseÂsprecher bei Derby Cycle, die Âeigenen AnsprĂŒche.â (Quelle)
Sechs bis sieben Jahre, das finde ich sehr kurz, insbesondere wenn durch Gebrauchtkauf schon fĂŒnf davon verstrichen sind, wenn das Rad in meinen Besitz gelangt. Es ist auch blöd fĂŒr die, die ein gebrauchtes E-Bike verkaufen wollen. In nicht wenigen FĂ€llen geht es dabei offenbar um RĂ€der, die jemand geschenkt bekommen und dann nicht benutzt hat. Das Rad ist dann nur 50 Meilen gefahren worden und die Verkaufenden stellen sich einen Preis nahe am Neupreis vor. Aber auch ein ganz unbenutztes Rad ist nach wenigen Jahren wegen des alten Akkus und der fehlenden Ersatzteilversorgung nicht mehr viel wert. Selbst wenn es den Akku noch neu zu kaufen gibt, kostet er zwischen 300 und 500 Euro, ein gebraucht gekauftes Rad verteuert sich also entweder nachtrĂ€glich um diesen Preis oder mĂŒsste entsprechend billiger angeboten werden, was selten der Fall ist.
Wenn man den Akku nicht neu nachkaufen kann, ist man zwar noch nicht ganz verloren, weil es sowohl in GroĂbritannien als auch in Deutschland Anbieter gibt, die das vorhandene AkkugehĂ€use öffnen und neue Batteriezellen einbauen. Man weiĂ aber vorher nicht genau, ob das gehen wird, denn insbesondere neuere Akkus enthalten auch viel proprietĂ€re Ladeelektronik. Und man ist dann darauf angewiesen, dass diesem einen, nicht mehr erhĂ€ltlichen AkkugehĂ€use nichts zustöĂt. Eine langfristige Lösung ist das auch nicht.
Das Problem ist auch nicht auf GroĂbritannien beschrĂ€nkt (wie ich anfangs dachte, weil schon normale FahrrĂ€der hier Nischenprodukte sind). Bei bosch-ebike.com heiĂt es auf die Frage âWird es fĂŒr mein bestehendes eBike weiterhin Ersatzteile sowie Support und Softwareupdates geben?â ominös âErsatzteile und Support fĂŒr das aktuelle Bosch eBike-System sind nach wie vor sichergestellt.â Die Bosch-RĂ€der sind mir sowieso zu teuer, aber wenn ich eines kaufen wollte, dann wĂŒsste ich gern, wie es mit Ersatzteilen und Support fĂŒr die nicht mehr aktuellen Bosch eBike-Systeme aussieht. Die englischsprachige Version der Seite ist etwas auskunftsfreudiger:
âAre spare parts also available beyond the product life cycle?â âBosch eBike Systems aims in principle to provide spare parts availability for at least six years after the products were last delivered to the eBike manufacturer. In individual cases, however, we may not be able to meet this target if, for example, our suppliers are no longer able to provide individual components. If necessary, we will propose alternative components, e.g. upgrades. We are currently still supplying spare parts for our 2011 generation of products.â
âIm Moment sind es (zumindest bei manchen, nicht bei allen Teilen) zehn Jahre, aber garantieren können wir noch nicht mal sechsâ, scheint mir das zu heiĂen. Und jetzt weiĂ ich auch nicht. Muss ich mich einfach damit abfinden, dass selbst die teuersten E-Bikes Wegwerfprodukte sind? Versuche ich zu Unrecht, meine Vorstellung, dass ein Fahrrad (erst recht eins fĂŒr einen vierstelligen Betrag) im Prinzip eine Anschaffung fĂŒrs Leben ist, vom traditionellen Rad auf ein völlig anderes, nur so Ă€hnlich aussehendes Produkt zu ĂŒbertragen? Oder muss ich mich nur noch ein paar Jahre mit dem Kauf gedulden, bis entweder Standardisierung einsetzt oder sich wenigstens fĂŒr die RĂ€der groĂer Marken ein verlĂ€ssliches Reparatur-Ăkosystem mit Drittanbieter-Ersatzteilen entwickelt? Oder ist ein E-Bike einfach kein Besitz-Produkt, sondern eines, das man besser nur mietet, und ich muss abwarten, bis das auch in schottischen Dörfern möglich wird? Kann ja höchstens noch zwanzig Jahre dauern.
(Kathrin Passig)












