Wir drucken das Techniktagebuch aus und lesen alles vor
Die re:publica liegt vor uns. Das Motto ist in diesem Jahr „tl;dr“, too long, didn‘t read. Das wäre ja wohl noch schöner, dass etwas nicht gelesen wird, weil es zu lang ist. Da „zu lang“ noch längst nicht „lang genug“ bedeutet, fällt der Entschluss, das Techniktagebuch im Rahmen der re:publica vorzulesen. Komplett. Vom Jahr 1933, aus dem der derzeit älteste Beitrag stammt, bis zum heutigen Tag.
Man könnte natürlich einfach ein Tablet in die Hand nehmen und einen Beitrag nach dem anderen aufrufen und vorlesen. Aber Kathrin Passig hat einen Traum. Dieser Traum hat mit Margaret Hamilton zu tun, einer der federführenden Programmiererinnen für die Berechnung des Apollo 11-Mondfluges im Jahr 1969. Es gibt ein Foto von Frau Hamilton, auf dem sie neben einem frauhohen Stapel Endlospapier steht. So stellt Kathrin sich das auch mit dem Techniktagebuch vor, neben dem Anne Schüßler als Margaret Hamilton stehen soll.
Nun führt der Weg von leerem Endlospapier zu bebuchstabtem Endlospapier durch einen Drucker, genauer gesagt durch einen Nadeldrucker, denn nur diese verfügen über die genoppten Transportwalzen für die abtrennbaren gelochten Papierstreifen am Rand. Niemand hat mehr so einen Drucker, nur das Internet. Es wird abgewägt, einen gebrauchten bei eBay zu erwerben, oder einen neuen zu kaufen. Ein neuer ist zwar teurer, aber es wäre dann auch Garantie drauf, falls er durch den Dauereinsatz frühzeitig von uns gehen sollte. Außerdem muss es ein Gerät sein, für das es noch problemlos Farbband-Nachschub gibt. Die Wahl fällt auf einen Epson LQ-350, der zusammen mit einigen Kartons Papier und erst mal fünf Ersatzfarbbändern nach kurzer Zeit bei Kathrin eintrifft.
Erste Druckversuche werden gestartet, denn es wird rasch auch ein kleiner Rechner identifiziert, auf dem noch Windows XP läuft, weil wir Treiberprobleme befürchten, nämlich, dass es für modernere Betriebssysteme keinen Treiber für das alte Druckergerät mehr geben könnte. Virtualista kann einen EeePC aus der inzwischen kaum mehr bekannten „Netbook-Familie“ zur Verfügung stellen. Auf einer netzpolitischen Demonstration übergibt Virtualista das Netbook an Kathrin. Wie könnte es stilechter sein?
Kathrin druckt ein paar Seiten, aber es fehlen noch Druckdateien, mit denen der Drucker und der kleine Rechner zurechtkommen. Man könnte natürlich die PDF-Datei nehmen, aber es bestehen ernsthafte Bedenken, dass der kleine Rechner dann in einer Rauchwolke vergeht. Also fertigt Virtualista nicht nur Druckdateien als HTML-Code an, sondern er bringt es auch noch fertig, die Abbildungen in zeitgemäße ASCII-Art umzusetzen. Dummerweise läuft Kathrin die Zeit weg, da sie plötzlich deutlich früher als ursprünglich gedacht Berlin verlassen muss, und in ihrer Reisetasche Drucker, Papier und Farbbänder keinen Platz mehr finden.
Ich biete mich an, den Drucker in Pflege zu nehmen und während der Arbeitszeit hin und wieder eine Druckdatei zu öffnen und auszudrucken. Was soll daran schon so schwierig sein? Der Serverraum in der Firma ist inzwischen zur NAS-Zelle degradiert worden (Anmerkung: Diesen Gag wollte ich längst schon gemacht haben!). Platz ist da, die Tür lässt sich ob der zu erwartenden Geräuschemission schließen, was soll schon schiefgehen?
Das Drucken beginnt. Es stellt sich heraus, dass die Druckdateien zu klein sind. Zu oft muss ich in die NAS-Zelle, um eine neue Datei zu öffnen und in die Druck-Warteschlange zu stopfen, denn es stellt sich heraus, dass man keineswegs zu viele Dateien in einem Rutsch nacheinander drucken darf, weil sich der Rechner dann aufhängt. Aber es ergibt sich noch ein weiteres Problem, das mich in den nächsten zwei Wochen auf Trab hält: Das Papier faltet sich nicht sauber im Karton mit den fertigen Drucken auf. Es bildet sich immer wieder ein großes Papiergewölle, das entwirrt und in den Karton gelegt werden will.
Um das Problem einigermaßen rechtzeitig kommen zu sehen, installiere ich auf meinem alten MacBook Air eine Webcam-Software, die alle paar Sekunden ein Foto mit der eingebauten iSight-Kamera aufnimmt und ins Netz hochlädt. Dort liegt von ähnlichen Versuchen von vor fast 10 Jahren noch alter Code herum, so dass ich das nicht neu ergooglen muss. Praktisch! Damit die Kamera im MacBook den Drucker gut sehen kann, muss es weit aufgeklappt mit der vorderen Kante auf dem Gehäuse einer an der Wand angebrachten Telefonanlage stehen.
Nun läuft auf meinem Bürorechner ein weiteres Browserfenster, das alle paar Sekunden ein neues Foto aus der NAS-Zelle zeigt. Leider viel zu oft sehe ich sich auftürmende Papierberge. Das Papier wird mal hin, mal her gewendet, höher gestellt, nach hinten geschoben. Egal: Irgendwann geht es immer wieder schief. Wieder die eigentliche Arbeit für ein paar Minuten unterbrechen!
In der Zwischenzeit stellen wir fest, dass Druckdateien mit rund 100 Seiten eine ganz gute Größe haben, so dass Virtualista die restlichen Dateien alle noch einmal umformatiert. Erste Hochrechnungen anhand der Größe der Druckdateien in kB ergeben, dass wir rund fünf Kästen Papier und 15 Farbbänder brauchen werden. Anscheinend haben wir die schnell verfügbaren Farbbänder bereits aufgekauft, so dass nun uns bislang unbekannte Onlineshops für historisches Büroverbrauchsmaterial konsultiert werden. Wir bekommen genug Farbbänder. Uff!
Das Drucken läuft nun tagein, tagaus, mal gut, mal schlecht. Ein Kollege von mir hat Urlaub. Der Drucker zieht um, sodass ich nicht so weit wie zuvor bis zur NAS-Zelle laufen muss. Inzwischen steht der Drucker hochkant, weil das Papier dann am besten fällt. Ostern steht vor der Tür, und damit einige freie Tage. Ich nehme den Drucker an Gründonnerstag mit nach Hause, so dass er über die Feiertage die Zeit nutzen kann. Nun zieht der Drucker tatsächlich in eine Nasszelle um, nämlich in die Duschkabine im Gäste-WC. Später dann, aus Lautstärkegründen, in den Kofferraum des in der Garage geparkten Fiat 500 Kombi.
Irgendwann, nach rund 12 Tagen, ist das Jahr 2018 komplett ausgedruckt. 2019 wollen wir live auf der re:publica drucken. Es sind noch fast zwei Kartons Papier und vier Farbbänder übrig. Evtl. haben wir uns irgendwo verrechnet, oder das Ausrechnen der Seitenanzahlen über die Dateigröße ist vielleicht doch nicht so präzise wie wir dachten. Aus dem html-Code haben wir es jedenfalls nicht geschafft, auf die Seitenanzahl zu schließen, weil die Seiten quasi erst mit dem am Drucker gewählten Zeichensatz („Draft“) gebildet werden, nicht etwa, wie man das heutzutage kennt, schon am Bildschirm erkennbar ist, wie viele Seiten es sind.
Inzwischen steht auch so einigermaßen fest, wo wir auf dem re:publica-Gelände lesen werden. Irgendwo ganz hinten in der Halle mit der großen Glasfront, da, wo es immer so laut ist. Erst heißt es, sie bauen uns eine Hollywood-Schaukel auf. Dann wird aus der Hollywood-Schaukel ein Sessel. Kathrin unkt, dass der Sessel wohl bald zu einem Schemel schrumpfen wird. Aber es wird dann doch ein Sofa. Wir sind glücklich.
Kummer macht mir die zu erwartende Akustik. Denn erfahrungsgemäß ist in der Halle niemand weiter als etwa anderthalb Meter zu verstehen. Eine PA muss her. Auf die Idee, den Veranstalter direkt darauf anzusprechen, kommen wir nicht so richtig. Anscheinend befürchtet jeder, dass der Wunsch abgelehnt wird, weil es in der Halle eh schon laut genug ist. Also muss eine Lösung her, gegen die niemand etwas haben kann. Mit einem unauffälligen Mikrofon, so eine beigefarbene Warze an der Backe (Ich nenne sie ab jetzt „Peter“ ...), die man mit Drahtbügeln an den Ohren einhängt und einem kleinen Lautsprecher sollte eine brauchbare Guerilla-Verstärkung möglich sein. Ein altes Küchenradio von Aldi hat einen Aux-Eingang. Zwischen Mikrofon und Radio kommt noch ein Behringer Shark DSP-110 zur Verringerung der Rückkopplungen sowie ein Mikrofonvorverstärker mit regelbarem Ausgangssignal.
Als letztes muss das Transportproblem geklärt werden. Niemand hat Lust, das ganze Geraffel erst hin und dann immer wieder mit nach Hause zu nehmen und morgens wieder mitzubringen und so weiter. Allein die etwa nun 6500 Seiten Endlospapier machen das praktisch unmöglich. Ich besorge zwei Quadratmeter billigstes Sperrholz, werfe die Kreissäge an, und wenig später steht eine rollbare Kiste parat, in der sich alles, was gebraucht wird, tetrismäßig verstauen lässt.
Zwar brechen zwischenzeitlich noch ein paar Führungsbretter ab, die die Lenkung der alten Skateboard-Achse blockieren sollen, damit die Kiste nicht zu sehr schlingert, aber eigentlich bewährt sich alles, und am Ende wird Kathrin ein neues Möbelstück für ihre Wohnung haben. Dafür hat es sich doch gelohnt!