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stermann und grissemann schlechte nachricht..
"es ist, wie es ist. und es ist fĂŒrchterlich." (thomas bernhard) sms ist keine erfindung von hannes jagerhofer und botschaften via handy mĂŒssen sich nicht auf coole kommentare zum letzten beach-volleyball-turnier beschrĂ€nken. was kann wien der welt der telefonischen kurzmitteilungen geben?
die resignation. die schlechte nachricht. die lust an der komik der tragödie. stermann und grissemann rufen auf, nachrichten des scheiterns zu senden. aufgabe: verfassen sie einen sms-text, der gleichermassen schockierend, wie komisch ist. (max. 120 zeichen) beispiele:
Fette Katzen - Arbeit&Wirtschaft
Das Magazin fĂŒr Wirtschaft-, Sozial- und Gesellschaftspolitik.
2009 wirde in GroĂbritanien zum ersten Mal der âFat Cat Dayâ ausgerufen. Seither wird unter diesem Titel erhoben, an welchem Tag des Jahres ein Vorstandschef â also eine âfette Katzeâ â so viel verdient hat wie eine durchschnittliche vollzeitbeschĂ€ftigte Person im Jahr.
Wer hat, dem wird noch mehr gegeben: Dieses PhĂ€nomen ist aus der Bibel als MatthĂ€us-Effekt bekannt. Dazu gehört auch: Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Aber zurĂŒck zu denen, die haben â und warum ausgerechnet sie etwas mit einer fetten Katze zu tun haben. Angefangen hat die Geschichte im weniger biblischen Jahr 2009 in GroĂbritannien. Dort nĂ€mlich hat man damals den âFat Cat Dayâ ausgerufen. Seither wird unter diesem Titel erhoben, an welchem Tag des Jahres ein Vorstandschef â also eine âfette Katzeâ â so viel verdient hat wie eine durchschnittliche vollzeitbeschĂ€ftigte Person im Jahr.
Fast zehn Jahre spĂ€ter, nĂ€mlich im Jahr 2018, hat die Arbeiterkammer erstmals auch hierzulande einen âFat Cat Dayâ ausgerufen. Wie schon in den Studien ĂŒber ManagergehĂ€lter, die die AK schon lĂ€nger macht, wurden die GehĂ€lter der Chefs jener Unternehmen untersucht, die im österreichischen Börsenleitindex ATX notiert sind. Basis waren die GeschĂ€ftsberichte fĂŒr 2016 â die zu diesem Zeitpunkt aktuellsten verfĂŒgbaren Daten. Angenommen wurde dabei, dass Vorstandschefs 12 Stunden am Tag arbeiten, sich nur an einem von vier Wochenenden freinehmen und mit zehn Tagen Urlaub auskommen.
Auf Basis dieser Zahlen war der österreichische âFat Cat Dayâ der 8. JĂ€nner. Die ATX-Chefs haben somit bereits nach sechs Arbeitstagen (der 1. und der 6. JĂ€nner sind Feiertage) rund 33.000 Euro verdient â und damit so viel wie eine durchschnittliche vollzeitbeschĂ€ftigte Person in einem ganzen Jahr. Insgesamt verdienen 76 VorstĂ€nde der ATX-Unternehmen laut dieser Auswertung im Schnitt 1,5 Millionen Euro pro Jahr.
Wird die Menschheit immer klĂŒger? Das ist zu bezweifeln.
 Die vielen Gesichter der Dummheit
Wird die Menschheit immer klĂŒger? Das ist zu bezweifeln. Dennoch interessiert sich kaum jemand fĂŒr die Geschichte der Dummheit. Zeit fĂŒr eine Spurensuche.
  Lea Haller       09.04.2021, 05.55 Uhr    Â
      Ab dem SpĂ€tmittelalter stand der Narr fĂŒr die Gottlosigkeit und den Tod.
Im FrĂŒhsommer 1919 steht der amerikanische Automobil-Tycoon Henry Ford vor Gericht. Nicht etwa um sein berĂŒhmtes Auto geht es, das Ford Model T, sondern um ein Editorial, das in der Chicago Tribune erschienen ist. Als «ignoranten Idealisten» und als «anarchistischen Feind der Nation» hat die Redaktion Ford bezeichnet. Ford hat die Zeitung darauf wegen Verleumdung verklagt. Die Aufgabe ihres Verteidigers: zu beweisen, dass Ford tatsĂ€chlich ein ignoranter Idealist ist, man also nicht von ĂŒbler Nachrede sprechen könne. Die Sache ist leichter als gedacht.
Ford legt wĂ€hrend der Befragung Zeugnis ab von einer ĂŒberwĂ€ltigenden Unwissenheit. Er kann weder sagen, wann die amerikanische Revolution stattgefunden hat, noch, was Chili con Carne ist, und ist offensichtlich mit den einfachsten Grundprinzipien des amerikanischen Staatswesens nicht vertraut. «Ich gebe zu, dass ich ĂŒber die meisten Dinge nichts weiss», meint er schliesslich. Ob er einverstanden wĂ€re, einen kleinen Auszug aus einem Buch vorzulesen, fragt ihn der Verteidiger der Chicago Tribune, oder ob er es vorziehe, hier den Eindruck zu Âhinterlassen, dass er möglicherweise Analphabet sei? «Ja, Sie können das so stehen lassen», meint Ford. Er sei kein schneller Leser und wĂŒrde es vermasseln.
War Henry Ford, aus dessen Fabrik eine der grössten technologischen Neuerungen der Moderne kam, dumm? Oder war er einfach nur unglaublich ungebildet? DarĂŒber streiten sich seine Biografen bis heute.
Der Geschichtsschreibung kann das grundsĂ€tzlich egal sein. Die fordistische Massenproduktion setzte sich durch, Dummheit hin oder her. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig wir uns mit der Dummheit beschĂ€ftigen. Akademisch gebildete Historikerinnen und Historiker machen einen grossen Bogen um sie, aus gutem Grund: Ăber die Dummheit anderer zu urteilen, ist ein anmassendes Unterfangen, und ein normatives dazu. Woher nĂ€hmen wir denn den Massstab? Aber auch die populĂ€re Geschichtsschreibung hĂ€lt sich lieber an die AnstrengÂungen, die die Menschheit unternahm, um materiell und geistig voranzukommen.
Wenn der Mensch seine Geschichte schreibe, meint der Physiker Emil Kowalski in seinem Buch Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte, «so ist es eine ErÂzĂ€hlung vom wachsenden Wissensschatz, von der Zunahme seiner Kenntnisse und Erfahrungen, seiner kognitiven FĂ€higkeiten, der von ihm gefundenen Problemlösungen. Er betet seine Genies an, die Geistesgiganten der Kunst, der Wissenschaft, die Heroen der Politik» â Geschichte als Erbauungsliteratur. Der Gedanke, dass der Lauf der Dinge, ja dass alles, was uns lieb und wichtig ist, von den Entscheidungen von Dummen abhĂ€ngen könnte, ist den meisten unertrĂ€glich. SĂ€mtliche Institutionen unserer modernen Gesellschaften basieren auf der Idee der Vernunft.
In modernen Demokratien stimmen vernĂŒnftige WĂ€hler ĂŒber vernĂŒnftige Vorlagen ab, das zumindest ist die Theorie. VernĂŒnftige Individuen treffen vernĂŒnftige Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen und halten so die vernunftbasierteste aller Wirtschaftsformen am Laufen: den sich selbst regulierenden Kapitalismus. Es gibt eine allgemeine Schulpflicht, Fördermassnahmen fĂŒr Hochbegabte und StĂŒtzunterricht fĂŒr Minderbegabte. Medien leisten AufklĂ€rungsarbeit. Im Strafrecht ist die ZurechnungsfĂ€higkeit massgebend fĂŒr die SchuldfĂ€higkeit.
Und fĂŒr die pathologischen AusprĂ€gungen der Dummheit â die realen kognitiven BeeintrĂ€chtigungen und den Wahnsinn â sind je eigene professionelle Einrichtungen zustĂ€ndig. Wir haben, so scheint es, das Dummheitsrisiko mit Vollkasko abgesichert. Ja, wir halten uns gern fĂŒr so ĂŒberaus vernĂŒnftig, dass wir ĂŒber unsere Vorfahren lachen, die noch nicht so gescheit waren wie wir. Die bei ihren Flugversuchen mit HolzflĂŒgeln von KirchtĂŒrmen sprangen, der Schwerkraft folgend direkt in den Tod. Die mit schlechter AusrĂŒstung in hoffnungslose Kriege zogen. Die Amerika fĂŒr Indien hielten. Heute wissen wir alles besser.
Ein Konzept im Wandel der Zeit
Schaut man auf die lange Geschichte der Dummheit, muss jedoch die Unschuldsvermutung gelten: Insgesamt hat die Dummheit ĂŒber die Jahrhunderte, so unsere Hypothese, weder zu- noch abgenommen. VerĂ€ndert haben sich lediglich die Begriffe, mit denen sie bezeichnet wird, die Orte, an denen sie vermutet wird, die Massnahmen, die gegen sie ergriffen wurden. Wer die Geschichte der Dummheit schreiben will, muss also jede Arroganz fallen lassen. Nicht die Dummen der Vergangenheit gilt es ausfindig zu machen und zu beschreiben, sondern den Umgang frĂŒherer Gesellschaften mit der Dummheit: Mit welchen Begriffen, Verfahren und Techniken hat man sie benannt, beurteilt und bekĂ€mpft? Wann wurde sie zu einem Problem, wann hielt man sie fĂŒr besiegt, und wo tauchte sie unerwartet wieder auf?
Die alten Griechen hatten fĂŒr das, was wir als «dumm» bezeichnen, kein Wort. Sie kannten die Kulturlosigkeit der Bildungsfernen (apaideusia) und die Unvernunft im Sinne eines fehlenden Urteilsvermögens (aphronesis). Naive und unwissende Leute waren «unmĂŒndig», «kindlich» (nepios). Beim Dichter Aristophanes taucht die Figur des Schwachsinnigen auf (moros) und bei Aristoteles ein ungehobelter, sturer LĂŒmmel mit einem Hang zum Exzess: der agroikos. Er lebte auf dem Land, wie der heutige agriculteur, da, wo die feinen Manieren der StĂ€dter nie angekommen sind. Auf all diese Figuren schaute der Athener herab, aber «dumm» in unserem modernen VerstĂ€ndnis waren sie nicht.
Und dann kannten die Griechen noch den idiotes â den Idioten. Nicht etwa ein Schwachkopf war er, diese Bedeutung bekam der Begriff erst im 19.âŻJahrhundert. Er lĂ€sst sich am ehesten mit «Privatperson» ĂŒbersetzen. Der idiotes war von den öffentlich-politischen Angelegenheiten des Stadtstaats ausgeschlossen und nahm keine Ămter wahr. Er lebte und wirtschaftete fĂŒr sich selbst. Im MilitĂ€r war er ein einfacher Soldat ohne Befehlsgewalt, im Handwerk ein Laie. Der Begriff an sich war ursprĂŒnglich nicht wertend. FĂŒr den griechischen Schriftsteller Plutarch aber bedeutete ein Leben als idiotes gesellschaftliche und politische Minderwertigkeit: Der Idiot war das Gegenteil des BĂŒrgers (polites), und der war in der attischen Demokratie das Mass aller Dinge. Unterhalb des Idioten gab es nur noch die Frauen und die Sklaven.
Auch im christlichen Mittelalter war die Dummheit nicht im heutigen Sinn einer mangelnden intellektuellen Begabung relevant. Die entscheidende Frage war nicht eine Frage von Intelligenz und Dummheit, sondern von Tugend und Laster. Gott war das Mass aller Dinge, seine Werke waren unergrĂŒndlich, aber immer weise. Dumm war, wer nicht nach Gottes Gebot lebte. «Seht, die Furcht vor dem Herrn, das ist Weisheit, das Meiden des Bösen ist Einsicht», heisst es im Alten Testament. Der Kluge war folgsam und gottesfĂŒrchtig, der Dumme war ein SĂŒnder. Wobei nicht alle die gleichen Startbedingungen hatten: Als sĂŒndig sah man im frĂŒhen Christentum vorab die Reichen und Gelehrten an. Sie hĂ€tten sich vom einfachen, urtĂŒmlichen Leben entfernt â und damit auch von Gott.
So wurde der idiotes, auf den die Griechen herabgeschaut hatten, im Mittelalter zum Idealtypus des guten GlĂ€ubigen. Der schlichte, wenig gebildete Mensch und der Laie im kirchenrechtlichen Sinn â sie waren von Natur aus rechtschaffen, ihnen fiel der Glaube leicht. Nicht zufĂ€llig stammte Jesus aus einer Handwerkerfamilie. Seine ersten SchĂŒler rekrutierte er aus Fischern und Zöllnern, sie lebten mit dem einfachen Volk, unter Armen und Kranken.
Das Narrenfest nach Pieter Bruegel dem Ălteren, gestochen von Pieter van der Heyden, nach 1570.
Wissen, Macht, Reichtum, SĂŒnde und Dummheit gingen im christlichen Mittelalter also eine enge Beziehung ein. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Persiflage: Im SpĂ€tmittelalter wurde die Dummheit zum Fest. Der niedere Klerus hielt Narrenmessen und Narrenfeste ab, frivole Parodien auf die heilige Messe der Kirche. Das heidnische Spiel wurde zur ritualisierten Flucht vor den Pflichten des bĂ€uerlichen und klösterlichen Alltags.
Durch Rollentausch wurden die Hierarchien umgekehrt: Einfache Subdiakone und Messdiener ĂŒbernahmen den Part von Bischöfen und Priestern, wendeten die Riten ins Absurde, trieben Schabernack mit dem Weihwasser und parodierten die Heilige Schrift. Jeweils Mitte Januar fand die Eselsmesse statt. Seit dem Altertum stand der Esel fĂŒr den Phallus und die Fruchtbarkeit, die Eselsmessen waren eine Art Karneval mit erotischen Elementen, bei dem die Geistlichen TierkostĂŒme trugen und dem Segen des Narrenbischofs mit Tierlauten antworteten.
«Die Kirche hat diese Unsitte nie gutgeheissen, im Gegenteil, sobald man erkannte, dass sie Unordnung stiftete, taten die Bischöfe ihr Möglichstes, um sie zu unterbinden», schrieb der französische Gelehrte Jean Baptiste Lucotte Du Tillot 1741 in seiner Geschichte des Narrenfests (MĂ©moires pour servir Ă lâhistoire de la fĂȘte des foux). Mit KonzilsbeschlĂŒssen, mit dem Verbot von GauklerauffĂŒhrungen und profanen TĂ€nzen habe man versucht, dem Treiben beizukommen; vergeblich.
Erst im Zuge von Reformation und Gegenreformation verschwand diese Welt zusehends, aus der der Dichter Rabelais im frĂŒhen 16. Jahrhundert noch seine Figuren geformt hatte â mit Ironie und Doppelbödigkeit, mit satirischen Seitenhieben und burlesken Anekdoten, immer im BemĂŒhen, in einer Zeit zunehmender konfessioneller Polarisierung Zensur und Bestrafung zu entgehen. In der FrĂŒhen Neuzeit begannen sich die Dinge zu wandeln. Dummheit war nun nicht mehr durchwegs identisch mit Gottlosigkeit. Und die frei herumlaufenden «Narren» wurden zum Problem.
Aufs Narrenschiff und an den Königshof
In Europa wurden vagabundierende Irre aus den StĂ€dten vertrieben, unter anderem, indem man sie auf Schiffe setzte und flussabwĂ€rts schickte. Man entwickelte ein «kritisches Bewusstsein des Wahnsinns», wie Michel Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft schreibt, man drĂ€ngte die «tragischen Gestalten» aus der Gesellschaft zurĂŒck, ohne sie auszulöschen. Gleichzeitig wurde die Dummheit neu codiert. Der ElsĂ€sser Jurist und Schriftsteller Sebastian Brant ist typisch fĂŒr diesen Ăbergang.
Sein 1494 veröffentlichtes Werk Das Narrenschiff stand einerseits noch in der christlichen Tradition der Dummheit als Laster: Die Gelehrten sind bei ihm ĂŒberhebliche Narren, die zuletzt zu «Lucifer jnns hellenloch» stĂŒrzen werden. Auch die Ketzer, Heiden, GotteslĂ€sterer und Mörder sind unrettbar verloren. Gleichzeitig greift Brandt das Motiv der Schiffsreise als Lebensreise auf; seit der Antike eine Metapher fĂŒr die Selbsterfahrung des Dichters. Der Weg zur Weisheit fĂŒhrt bei ihm nicht mehr ĂŒber die Frömmigkeit, sondern ĂŒber seinen «frĂŒnd Vergilium», den römischen Dichter Vergil â das heisst ĂŒber die Vernunft.
Der Mensch nimmt ĂŒber seine Sinne die Welt wahr (unterster Kreis), bildet sich daraus Vorstellungen (mittlerer Kreis) und erkennt so Gott. Illustration in Robert Fludd: Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia, 1617. (Nachstich, vermutlich von MatthĂ€us Merian d.âĂ.)
In dem Moment, als die menschliche Vernunft als erstrebenswertes Gut am Horizont auftauchte, verĂ€nderte sich fĂŒr die Dummheit alles. Im 16. Jahrhundert entstand eine neue Form des skeptischen Denkens, das ein geradezu freundschaftliches VerhĂ€ltnis zur Dummheit entwickelte. Eröffneten sich unter ihrem Deckmantel nicht Möglichkeiten subversiver Autonomie?
1511 publizierte Erasmus von Rotterdam sein Lob der Torheit. Er lĂ€sst die Dummheit selbst zu Wort kommen: «Was auch immer der grosse Haufen von mir sagt», meint sie, «ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können.» Es gebe ein Recht auf Dummheit, ja in vielen Lebenslagen sei sie wĂŒnschenswert und angebracht. «Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft? SchĂ€tzt man nicht gerade den Mangel an Verstand am meisten an jenem Alter? Hasst und verabscheut nicht jeder ein frĂŒhreifes Kind wie eine Missgeburt?» Keine Ehe ohne Unbesonnenheit, keine nochmalige Geburt mit ihren Schmerzen ohne Vergesslichkeit, keine neue Erkenntnis ohne Leidenschaft.
Wer von sich behauptet, in allen Dingen weise zu handeln, ist als Dummer bereits entlarvt, er ist nach dem Humanisten ein morosophos, ein «Töricht-Weiser». Das Einzige, was man erlangen könne, sei ein gewisser Grad an Selbsteinsicht. So sah es auch Michel de Montaigne: «Die Dummheit ist eine böse Eigenschaft», schrieb er in seinen Essais. «Aber sie nicht ertragen können, sich darĂŒber aufregen und Ă€rgern, ist eine Krankheit anderer Art, die der Dummheit nichts nachgibt und die gerade so unleidlich ist.»
Der kluge Narr und der einfĂ€ltige Weise â sie wurden im Zeitalter des Humanismus und der AufklĂ€rung zu einem wiederkehrenden Motiv. Ob in Miguel de Cervantes Don Quijote (1605â1615), Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) oder Denis Diderots Jacques le fataliste et son maĂźtre (1776): Der Ungebildete und der Naturmensch können zu höherer Einsicht gelangen, wĂ€hrend die selbstgewisse Herrschaft mangels Selbstkritik ihre eigene Unwissenheit nicht erkennt.
Am Hof wurden seit lĂ€ngerem Hofnarren gehalten, die keineswegs dumm waren, sondern den adligen Damen und Herren mit Scharfsinn und Witz einen Spiegel vorhielten. Die Monarchen konnten sich die intelligenten Narren leisten, weil ihre AutoritĂ€t durch die stĂ€ndische Ordnung gesichert war. Nur wer die eigene Macht nicht fĂŒr unumstösslich hĂ€lt, muss Kritiker fernhalten.
Der Hofnarr: Stich nach einem GemÀlde von Albert-Anatole-Martin-Ernest Lambron des PiltiÚres, 1875.
Mit dem Aufstieg des BĂŒrgertums geriet diese Ordnung ins Wanken. Neben die FĂŒrsten traten neureiche BĂŒrger â Herren allein kraft ihres Geldes. Ihnen wurde der Narr gefĂ€hrlich: Eine AutoritĂ€t, die sich nur auf ReichtĂŒmer und erworbenes Wissen stĂŒtzt, ist angreifbar. Gleichzeitig rĂŒttelten Philosophen im 18.âŻJahrhundert wie nie zuvor am Dogma göttlicher Weisheit und Allmacht.
Nicht mehr die Atheisten waren fĂŒr sie die grössten SĂŒnder und Dummen, denn sie hatten in der Regel eine Ethik; fĂŒr wirklich dumm hielten sie die Devoten und blind GottesfĂŒrchtigen, die sich das eigene Denken versagten. Der katholische Priester Jean Meslier, der in den 1720er Jahren im Geheimen an seinen tausendseitigen MĂ©moires schrieb, erklĂ€rte die Religionen und ĂŒberhaupt alles, «was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird», als «Irrtum, TĂ€uschung, Einbildung und Betrug». Damit geriet auch die durch Gottes Gnaden legitimierte Macht von König und Klerus unter Beschuss.
Paul-Henri Thiry dâHolbach schrieb in seinem 1766 unter Pseudonym erschienenen Werk Le christianisme dĂ©voilĂ© (Das entschleierte Christentum): «Keine gute Regierung kann sich auf einen despotischen Gott grĂŒnden; sie wird ihre ReprĂ€sentanten stets zu Tyrannen machen.»
Der Gemeinwille soll es richten
Gerade die Dummheit wurde fĂŒr die AufÂklĂ€rer aber zum Problem. Sie griffen zwar die despotischen MĂ€chtigen an, aber kamen in ein Dilemma, wenn es um die Frage ging, auf wen deren Macht denn ĂŒbertragen werden sollte. Wie war ein republikanischer Staat zu organisieren, wenn man davon ausgehen musste, dass ein Grossteil der BĂŒrger unwissend, ja vielleicht sogar dumm war?
Gerade Holbach war skeptisch. «Um Menschen, um tugendhafte StaatsbĂŒrger zu bilden», schrieb er, «muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernĂŒnftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.» Das konnte Jahrhunderte dauern. Voltaire war noch skeptischer. Er hielt die Religion nach wie vor fĂŒr wichtig, als Opium fĂŒrs Volk. Regieren solle eine Elite von AufgeklĂ€rten.
Ăberhaupt, wer garantierte, dass Bildung gegen die Dummheit half und sie nicht im Gegenteil erst förderte? «Der Mensch wird unwissend geboren: Er kommt aber nicht dumm auf die Welt und wird es auch nicht ohne Anstrengung», schrieb Claude-Adrien HelvĂ©tius in seinem Buch Vom Menschen, seinen geistigen FĂ€higkeiten und seiner Erziehung (erschienen 1774, vier Jahre nach seinem Tod). Um dumm zu werden, um so weit zu kommen, dass auch noch der natĂŒrliche Verstand erstickt werde, seien «Kunst und Methode» nötig: «Der Unterricht muss in uns IrrtĂŒmer ĂŒber IrrtĂŒmer aufgehĂ€uft haben; und durch vielfĂ€ltige LektĂŒre mĂŒssen wir erst unsere Vorurteile vervielfĂ€ltigt haben.»
HelvĂ©tius liess keinen Zweifel daran, dass er diese Erziehungsform im vorrevolutionĂ€ren Frankreich an der Tagesordnung sah. «Das gute Buch ist fast ĂŒberall das verbotene Buch. Geist und Vernunft regen seine Veröffentlichung an, aber die Bigotterie wehrt sich; sie will das Universum beherrschen, also ist sie an der Ausbreitung der Dummheit interessiert.» Besser also, unwissend zu bleiben, als von den MĂ€chtigen zur Dummheit erzogen zu werden!
Mit der Französischen Revolution wurden solche Zweifel hinweggefegt. Ziel der Jakobiner um Maximilien Robespierre, die nach 1793 den Ton angaben, war es, die Dummheit notfalls mit der Guillotine auszurotten. Sie beriefen sich auf Jean-Jacques Rousseau, gemĂ€ss dem der Gemeinwille â die volontĂ© gĂ©nĂ©rale â unfehlbar war und absolut galt. Nicht nur Royalisten und Aristokraten wurden wĂ€hrend der Schreckensherrschaft ohne Zaudern hingerichtet, auch die Ă€ltere Generation skeptischer Philosophen und Staatsrechtler sowie ehemalige WeggefĂ€hrten, die mit dem politischen Stil nicht mehr einverstanden waren, wurden vertrieben oder getötet.
Erstmals zeigte sich damals mit aller Deutlichkeit, dass das Ausrotten der Dummheit im Namen höherer Ideale ein schrecklicher Gewaltakt sein kann. Rousseaus Contrat social hatte stark transzendentale ZĂŒge: Keine Ambivalenz gab es in diesem Werk, kein Zaudern, keinen Platz fĂŒr Kritik. Rousseau berief sich auf eine letztgĂŒltige «natĂŒrliche Ordnung», die zur politischen Ordnung werden sollte.
Alles Individuelle wurde bei ihm ausgelöscht. Persönliche Interessen, die den Interessen des neuen SouverÀns widersprachen, waren nicht nur unnötig, sondern eine Gefahr: Der Gesellschaftsvertrag forderte «die völlige EntÀusserung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes». Im Zweifelsfall sollten die einzelnen Mitglieder von der Gemeinschaft zum Gemeinwillen gezwungen werden.
Was auf den ersten Blick radikal demokratisch und integrierend daherkam, war in Tat und Wahrheit auf den weissen Mann als staatstragenden BĂŒrger zugeschnitten. Von Natur aus gebe es zwar keine Hierarchie zwischen den Menschen, jeder Mensch sei gleich frei und dem gleichen Recht unterworfen, so Rousseau, der sich dezidiert gegen die Sklaverei aussprach. Hingegen gebe es natĂŒrliche AutoritĂ€ten, die Menschen aus GrĂŒnden des Selbsterhalts traditionell anerkennen wĂŒrden.
So gehorchten Kinder ihrem Vater, der als Familienoberhaupt kraft seiner Liebe zu ihrem Besten entscheide. Auch fĂŒr die Frau sah Rousseau den natĂŒrlichen Platz nicht in der Politik. Sie solle sich weder mit Staatsangelegenheiten noch mit Wissenschaft beschĂ€ftigen, nur leichte LektĂŒre konsumieren und sich ganz den hĂ€uslichen Dingen zuwenden.
Bereits Erasmus von Rotterdam hatte in seinem Lob der Torheit festgehalten, der Mann habe ein «Quentchen mehr an Vernunft» abbekommen, weil er «fĂŒr staatliche Aufgaben bestimmt» sei. Ganz sicher war er sich der Sache aber nicht. Dem Abt in seiner Satire Der Abt und die gelehrte Frau (1526) legte er die Worte in den Mund: «Gebildet zu sein ist unweiblich.»
BĂŒcher wĂŒrden den Frauen «viel von ihrem Verstand» rauben und sie hĂ€tten «ohnehin zu wenig». Darauf die Frau: «Wieviel ihr MĂ€nner habt, weiss ich nicht. Ich möchte jedenfalls das wenige, das ich habe, lieber fĂŒr ordentliche Studien verwenden als fĂŒr das sinnlose Hersagen von Gebeten (.â.â.) und das Leeren riesiger Humpen.» Die «Weltszene» verĂ€ndere sich, es werde noch so weit kommen, «dass wir in den theologischen Schulen den Vorsitz fĂŒhren und in den Kirchen predigen».
Die Weltszene machte allerdings noch lĂ€nger keine Anstalten, sich zu verĂ€ndern. Denis Diderot wandte sich noch ĂŒber zweihundert Jahre spĂ€ter vergeblich gegen jene, denen «Phantasie und MitgefĂŒhl» fehlten fĂŒr das Schicksal der Frauen. «In fast allen LĂ€ndern», schrieb er 1772, «hat die Grausamkeit der bĂŒrgerlichen Gesetze sich mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbĂŒndet. Sie werden behandelt wie schwachsinnige Kinder.» TatsĂ€chlich empfahl Rousseau, die MĂ€dchen bei der Erziehung ausschliesslich auf ihre Funktion fĂŒr die Vervollkommnung des Mannes vorzubereiten.
Bildung fĂŒr alle
Im 19.âŻJahrhundert, dem bĂŒrgerlichen Zeitalter, wurde Bildung zu einem hochgelobten Wert. Sie wurde allerdings massgeschneidert Âangeboten: MĂ€dchen wurden vornehmlich als angehende MĂŒtter und Hausfrauen erzogen, wĂ€hrend man Buben aus bĂŒrgerlichen Familien auf ihre wirtschaftlichen, staatspolitischen und militĂ€rischen Aufgaben vorbereitete und die niederen gesellschaftlichen Schichten zu Anstand, Fleiss und GenĂŒgsamkeit erzog. An der allgemeinen Stossrichtung Ă€nderte das nichts: Nur die Bildung der Massen bringe die Gesellschaft voran, so lautete nun der Tenor.
In der Schweiz wurde das Bildungsangebot wĂ€hrend der Regenerationszeit (1830â1848) ausgebaut. In vielen Kantonen entstanden damals Sekundar-, Bezirks- oder Realschulen fĂŒr den weiterfĂŒhrenden Unterricht. Es wurden Armenschulen und Volksbibliotheken eingerichtet, und man verstĂ€rkte den Druck auf die Eltern, die ÂKinder zur Schule zu schicken, statt fĂŒr die Heimarbeit einzusetzen.
Viele Kantone erliessen Schulgesetze, schufen Lehrerseminare, druckten Lehrmittel und legten Lernziele fest. Mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 wurde schliesslich der obligatorische, unentgeltliche und konfessionsunabhĂ€ngige Unterricht auf Primarstufe fĂŒr alle Kantone verbindlich. Mit dem Fabrikgesetz von 1877 wurde Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten. Auch in lĂ€ndlichen Kantonen ohne gefestigte staatliche Strukturen wie dem Tessin mussten Buben und MĂ€dchen fortan in die Schule statt mit den Geissen auf die Alp, und im frĂŒhen 20.âŻJahrhundert wurde diese Schulpflicht mit Druck aus Bern auch zunehmend durchgesetzt.
Hilft Bildung gegen die Dummheit? Grosser Lesesaal der Zentralbibliothek ZĂŒrich, 31. Januar 1979.
Das neue bĂŒrgerliche Ideal der Vernunft Âverfestigte ein Paradox. Einerseits wurde die Dummheit zum selbstverschuldeten Zustand. Jeder bekam die Chance, gegen sie anzukĂ€mpfen und einen Beitrag zum Fortkommen der Menschheit zu leisten â ein Fortkommen, das man nun als «Fortschritt» bezeichnete und linear in die Zukunft extrapolierte. Gleichzeitig gab es jene, die sich selbst immer schon fĂŒr ein bisschen klĂŒger hielten als die anderen und diesen anderen den Weg aus der Unvernunft wiesen.
«Madame, câest la guerre!», schrieb Heinrich Heine 1827 in Das Buch Le Grand. «Ich will Ihnen jetzt das ganze RĂ€thsel lösen: Ich selbst bin zwar keiner von den VernĂŒnftigen, aber ich habe mich zu dieser Parthey geschlagen, und seit 5588 Jahren fĂŒhren wir Krieg mit den Narren.»
Was der Literat mit Humor formulierte, wurde von anderen mit bitterem Ernst angegangen: Um 1800 etablierten sich neue Techniken der Dummheitserkennung. Der Schweizer Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater entwarf mit seiner Physiognomik eine Art Universalsprache der Natur â ein «göttliches Alphabet», wie er es nannte â und schloss von den GesichtszĂŒgen auf die inneren Eigenschaften eines Menschen. Kritiker machten sich zwar ĂŒber die Sache lustig: «Ich frage alle Physiognomen, ob sie nicht einmal aus den Gesichtern auf Vornamen geschlossen haben», spottete Georg Christoph Lichtenberg â allein, es half wenig, Lavaters Lehre blieb populĂ€r.
Der deutsche Anatom Franz Joseph Gall prĂ€sentierte wenig spĂ€ter eine SchĂ€dellehre, die Âeinzelnen Hirnarealen bestimmte Geistesgaben und Charaktereigenschaften zuordnete. Der Charakter, das GemĂŒt und die Intelligenz eines Menschen ergaben sich fĂŒr Gall aus dem Zusammenspiel lokalisierbarer «Organe» im Gehirn, wobei sich â so die Theorie â Anhaltspunkte fĂŒr ihre jeweilige AusprĂ€gung aus der Ă€usseren Form des SchĂ€dels gewinnen liessen.
Gall war ein eifriger SchĂ€delsammler. Bereits 1798 schrieb er im Teutschen Merkur, dass er sich wĂŒnsche, dass «jede Art von Genie» ihm seinen Kopf vererbe. Von Schillers SchĂ€del konnte er sich eine Totenmaske beschaffen, und wegen Goethe wandte er sich 1827 an den mit der Familie befreundeten Franz Brentano: «So beschwöre ich Sie, alle Umgebungen des einzigen Genies zu bestechen, dass wo möglich der Kopf in Natura der Welt aufbewahrt bleibe.»
Höher- und minderwertigeres Leben
Die Obsession mit dem Genie spiegelte sich in der Obsession mit der Dummheit. Von 1853 bis 1854 erschien das vierbĂ€ndige Monumentalwerk Essai sur lâinĂ©galitĂ© des races humaines (Versuch ĂŒber die Ungleichheit der Menschenrassen) des französischen Diplomaten und Schriftstellers Arthur de Gobineau, dessen Einfluss auf die Vorstellungen von höher- und minderwertigerem Leben kaum ĂŒberschĂ€tzt werden kann.
Die allgemeine Verweichlichung, eine Verrohung der Sitten und fehlende religiöse Ăberzeugungen fĂŒhrten laut Gobineau zum Zerfall der Nationen. Grund dafĂŒr sei eine Vermischung der «Rassen», die Degeneration und Entartung mit sich bringe. An unterster Stelle stand fĂŒr ihn die «schwarze Rasse»; sie gleiche den Tieren. Die «gelbe Rasse» tendiere zur MittelmĂ€ssigkeit. Nur die «weisse Rasse» zeichne sich durch eine «immens ĂŒberlegene Intelligenz» aus. Sie stand fĂŒr Gobineau an der Spitze der Hierarchie, ihren Erhalt galt es zu sichern.
Bruno Beger, deutscher Anthropologe und SS-HauptsturmfĂŒhrer, bei SchĂ€delvermessungen in Tibet, 1938.
Im Zeitalter des europÀischen Kolonialismus war denn auch immer klar, wer bereits wusste, wie man alles organisieren musste, und wer noch in der Dummheit verharrte. «Die Behauptung des Kolonialismus, die vorkoloniale Periode sei von Menschheitsnacht befallen gewesen, betrifft die Gesamtheit des afrikanischen Kontinents», hielt Frantz Fanon 1961 in Die Verdammten dieser Erde fest. Dabei wurde im Akt der Unterwerfung diese behauptete «Menschheitsnacht» erst hergestellt: An Völkerschauen in Europas Metropolen zeigte man Schwarze als «vormoderne» Subjekte, derweil Ethnologen, Privatreisende und Kunstmuseen Sammlungen mit «primitiver Kunst» anhÀuften.
Wie die Rassenlehre propagierte auch die Kriminologie im 19.âŻJahrhundert eine biologisÂtische Dummheitsskala. Der italienische Arzt und Gerichtsmediziner Cesare Lombroso schloss aufgrund bestimmter Körpermerkmale auf kognitive und moralische Defizite und teilte die Menschen verschiedenen «Entwicklungsstufen» zu. Die «niederen Entwicklungsstufen» neigten laut Lombroso zur Delinquenz. So wie Gall die SchĂ€del von Genies vermessen hatte, vermass er die SchĂ€del von hingerichteten Verbrechern. Den praktischen Wert seiner Lehre sah er darin, dass man die zivilisatorisch rĂŒckstĂ€ndigen «Verbrechertypen» erkennen könne, bevor sie ein Verbrechen begingen. Lombroso war ĂŒberzeugt: Der Verbrecher wird als Verbrecher geboren.
Mit der Rassen- und der VerbrechertypenÂlehre im GepĂ€ck machte man sich um 1900 daran, den Gesellschaftskörper zu optimieren. Verschiedene LĂ€nder erliessen fĂŒr bestimmte soziale Gruppen Fortpflanzungsverbote und fĂŒhrten Zwangssterilisationen durch. Die Eugenik â die Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbguts â wurde zu einer aufstrebenden Wissenschaft. Niemand wandte sie so entschieden an wie die Nationalsozialisten: Zwischen 1934 und 1945 verurteilten eigens dafĂŒr geschaffene Erbgesundheitsgerichte im «Dritten Reich» rund 400âŻ000 Menschen wegen körperlicher oder Âpsychischer BeeintrĂ€chtigungen, vererbbarer Krankheiten, falschen Lebenswandels oder Alkoholismus zur Zwangssterilisation.
War der Mythos einer stetig zunehmenden menschlichen Vernunft danach noch zu retten? Nach zwei Weltkriegen und der Vernichtung von sechs Millionen Juden war er zumindest angeschlagen. Kaum waren die TrĂŒmmer weggerĂ€umt, bemĂŒhte man sich aber, das Undenkbare als Unfall der Geschichte darzustellen und die Verantwortung dafĂŒr auf ein paar Dumme abzuwĂ€lzen. Die meisten TĂ€ter wollten nur Befehle ausgefĂŒhrt haben, und die einfachen BĂŒrger beriefen sich auf ihren guten Glauben an die politische Notwendigkeit der Dinge â oder sie schwiegen ĂŒber das Geschehene. Etwas aber blieb in der Erinnerung haften: die Macht der Propaganda auf die Mobilisierung der Massen.
Die Dummheit der Massen
Bereits im 19. Jahrhundert waren die Massen als BrutstĂ€tten kollektiver Dummheit identifiziert worden. Als Erfinder der Massenpsychologie gilt der französische Arzt Gustave Le Bon. In seinem 1895 erschienen Werk Psychologie der Massen (Psychologie des foules) heisst es: «In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das GefĂŒhl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergĂ€nglichen, aber ungeheuren Kraft.» Der Psychoanalytiker Sigmund Freud sprach 1921 von einer «kollektiven Intelligenzhemmung».
Die Masse sei empfĂ€nglich fĂŒr die hypnotischen VerfĂŒhrungen charismatischer FĂŒhrerpersönlichkeiten und neige zu irrationalem und gewalttĂ€tigem Verhalten. Populismus und Propaganda im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs schienen das exemplarisch zu bestĂ€tigen. Und so trieb das PhĂ€nomen den Schriftsteller Elias Canetti noch 1960 um: Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspiele, schrieb er in Masse und Macht, sei die «Entladung»: «Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fĂŒhlen.»
Nicht nur von politischer Propaganda liessen sich die Massen beeinflussen, sondern auch von kommerzieller Propaganda â von den «geheimen VerfĂŒhrern», wie der Publizist Vance Packard die Werber 1957 nannte. Neben dem potenziell dummen Massenmenschen tauchte im 20.âŻJahrhundert, Ă€hnlich wie bereits im Mittelalter, das Motiv des dummen «Ăbergelehrten» wieder auf: Der zerstreute Professor und der Fachidiot wurden zu unentbehrlichen Figuren der PopulĂ€rkultur. Auch der Schriftsteller Robert Musil hielt 1937 in einem Vortrag fest: Dummheit sei nicht ein Fehlen von Intelligenz, sondern das Ergebnis von Sinnverweigerung.
Es gebe auch die Dummheit der eigentlich Intelligenten, und sie sei weitaus gefÀhrlicher als jene der grundsÀtzlich Dummen. Bereits 1866 hatte der Philosoph Johann Eduard Erdmann festgehalten, der Dumme sehe die Welt wie durch ein Guckloch, er erkenne die Sachen nur aus einem einzigen Blickwinkel. Wenn aber der «Umkreis der Ideen mit ihrem Zentrum zusammenfÀllt», der Gesichtsradius also so sehr eingeschrÀnkt ist, dass eine zusÀtzliche EinschrÀnkung nicht mehr möglich ist, dann habe man die «Kerngestalt der Dummheit» vor sich: das eigene Ich.
Dieses Ich galt es in der Nachkriegszeit dann hinreichend flexibel zu halten. Mit dem Niedergang der Industriearbeit und dem Wachstum des Dienstleistungssektors schwor man die BeschĂ€ftigten auf ein «lifelong learning» ein. Die Anforderungen an das Intelligenzprofil von Mitarbeitern verĂ€nderten sich. Der IQ-Test, 1904 von Alfred Binet und ThĂ©odore Simon in einer ersten Form entwickelt, wurde durch ausgefeilte psychodiagnostische Verfahren abgelöst, in denen man die verschiedenen Arten von Intelligenz zu erfassen versuchte â die kognitive, die emotionale, die praktische, die soziale. ZunĂ€chst in der deutschen Reichswehr erprobt, fĂŒr die Selektion von Offizieren nach dem Ersten Weltkrieg, boomten professionelle BegutachtungsbĂŒros â sogenannte Assessment Centers â in den 1960er und 1970er Jahren: Sie durchleuchteten im Auftrag von Firmen Kandidaten fĂŒr Kaderstellen und stellten sicher, dass die EntscheidungstrĂ€ger nicht aus Versehen einen Dummen einstellten.
Dummköpfe: Denken anders als man selbst
Etwas hat sich ĂŒber all die Jahrhunderte nicht verĂ€ndert: Auch im 21.âŻJahrhundert sind die Dummen in der Regel die anderen. Oder wie Gustave Flaubert bereits in den 1870er Jahren notierte (als er an seinem Roman Bouvard und PĂ©cuchet arbeitete und eine Phrasensammlung anlegte, die 1911 als Wörterbuch der GemeinplĂ€tze publiziert wurde): «Dummköpfe: Denken anders als man selbst.» Solange wir also nicht gleichgeschaltet sind, bleibt die Dummheit beunruhigend. Sie kann an allen Ecken auftauchen, gar im wichtigsten PrĂ€sidialamt der Welt.
Die Dummheit sei ein gefĂ€hrlicherer Feind des Guten als Bosheit, schrieb der Theologe und WiderstandskĂ€mpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 im GefĂ€ngnis. Gegen das Böse lasse sich protestieren: «Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.» Auch der Ăkonom Carlo Cipolla hielt 1976 in seinem nur halb ernst gemeinten und doch so treffsicheren BĂŒchlein The Basic Laws of Human Stupidity fest, die Nichtdummen unterschĂ€tzten notorisch die zerstörerische Macht der Dummen. Nicht der Bandit, der anderen schade, um selbst etwas zu gewinnen, sei der gefĂ€hrlichste Typus des Menschen, sondern der Dumme: Er richte nur Schaden an, ohne jeglichen Gewinn. Diese Dummen fĂ€nden sich ĂŒberall im gleichen Prozentsatz â in allen Schichten und allen Berufen, in den StĂ€dten und auf dem Land, unter Bauern ebenso wie unter Professoren und NobelpreistrĂ€gern.
Und also auch unter Autoherstellern. Dass man die seriellen ArbeitsgÀnge, mit denen in den Schlachthöfen Chicagos Tierkadaver zerlegt wurden, auch auf die Montage von Werkteilen anwenden könnte, darauf musste man zwar erst einmal kommen. Wahrscheinlich haben sich die Dinge in der Automobilherstellung aber nicht wegen Henry Fords Intelligenz, sondern trotz seiner Dummheit produktiv entwickelt.
Ein guter Teil des Erfolgs der Ford Motor Company dĂŒrfte auf seinen GeschĂ€ftspartner und Generaldirektor James Couzens zurĂŒckgehen. 1915 trat Couzens von seinem Posten zurĂŒck, 1919 zahlte Ford ihn aus, und ab sofort verzeichnete die Firma keine wesentliche Innovation mehr, im Gegenteil: Ford verspekulierte sich mit bizarren Projekten, von denen die Urwaldstadt Fordlandia in Amazonien, die er zur Gummigewinnung anlegen liess, nur das spektakulĂ€rste war.
Es könnte also sein, dass technologischer Fortschritt und die allgemeine Hebung des Wohlstands nicht auf der kontinuierlichen Abnahme der Dummheit beruhte, sondern andere Ursachen hĂ€tte â organisatorische, systemische, eine bestimmte PfadabhĂ€ngigkeit, bei der einmal getroffene Entscheidungen die Richtung vorgaben, in der weitere Entscheidungen getroffen wurden, plus etwas glĂŒckliche FĂŒgung. Dass Ford nicht ein genialer Erfinder war, sondern bloss der Name hinter einem Projekt, zu dem er seinen Wahnsinn und sein Geld besteuerte.
In der Konsequenz heisst das, dass alles immer auch schiefgehen kann. Es gilt, Institutionen zu bauen und eine gesellschaftliche Kultur zu pflegen, die das nie vollstĂ€ndig verÂsicherte Dummheitsrisiko nicht zum russischen Roulette werden lassen.
Dieser Artikel erschien in «NZZ Geschichte» Nr. 33 (1. April 2021).
Lea Haller ist Redaktionsleiterin von «NZZ Geschichte».
WeiterfĂŒhrende Literatur
Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit, in: Ders.: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. MĂŒnchen 1951, S. 17â20.
Matthijs van Boxsel: Die EnzyklopĂ€die der Dummheit. Frankfurt a.âM. 2001.
Carlo M. Cipolla: The Basic Laws of Human Stupidity. London 2019.
Johann Eduard Erdmann: Ăber Dummheit. Vortrag im wissenschaftlichen Verein zu Berlin, gehalten am 24. MĂ€rz 1866. Berlin 1866.
Gustave Flaubert: Wörterbuch der GemeinplĂ€tze.  Mit einem Nachwort von Julian Barnes. MĂŒnchen 2000 (1911).
Achim GeisenhanslĂŒke: Dummheit und Witz. Poetologie des Nichtwissens. MĂŒnchen 2011.
Emil Kowalski: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte. Stuttgart 2017.
Robert Musil: Ăber die Dummheit. Stuttgart 2014 (1937).
Avital Ronell: Stupidity. Urbana und Chicago 2002.
Zoran Terzic: Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten. Diaphanes 2020.
Werner van Treeck: Dummheit. Eine unendliche Geschichte. Stuttgart 2015.
Stefan Watts: The Peopleâs Tycoon. Henry Ford and the American Century. New York 2006.
Die Katze tut, was sie will.
Wenn sie von der BĂŒhne geht, hĂ€lt sie niemand zurĂŒck.
Aus: Peter Handke, Das MĂŒndel will Vormund sein. 1969.
Zum StĂŒck: https://handkeonline.onb.ac.at/node/1873

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Allein aufs Klo in Graz
"SanitÀranlage - Zutritt nur eine Person"
Dez. 2020 Grazer Innenstadt
âNot leaving anyone behind đđżâÂ
(via)
From the album "Strange New Flesh" (1976).
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Photos by ParĂłquia SĂŁo SebastiĂŁo - Atibaia/SPÂ
âLadies and Gentlemen: The saddest and funniest testament to American bigotry we've ever seen in our data.â

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The story of Exodus, describing the Israelitesâ escape from slavery in Egypt, is missing. The editors left out entire books and large portions of others; their selections stressed obedience, submission, and acceptance. This isnât any different than how many white evangelical churches operate today. They may not physically remove passages but they cherrypick to promote particular views. They use the Bible to support white supremacy and silence POC.
POC = â Person of color, positiv konnotierter Begriff fĂŒr nicht-weiĂe Menschenâ auf Wikipedia
NatĂŒrlich ist âdohochâ ein deutsches Wort und ein valides Argument in jeder Diskussion.
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Rantanplan - der Hund
der dĂŒmmer ist
als sein Schatten
Judas-Kuss
als Ăberschreitung
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Das identitÀr-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche
Das identitĂ€r-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-RechercheÂ
Versucht Robert Menasse in seinem Roman Die Hauptstadt (2017), fĂŒr die Idee einer supranationalen EuropĂ€ischen Union zu werben, so schildert er doch vor allem, dass die meisten EU-Beamten selbst nur wenig davon halten, nach und nach mehr Entscheidungen von den nationalen Regierungen an eine europĂ€ische Regierung zu ĂŒbertragen. Schon eine Kampagne, die nur das Image der EU-Kommission verbessern soll, ĂŒberfordert die BrĂŒsseler BĂŒrokraten: Sie finden keine plausible â motivierende und verbindende â ErzĂ€hlung fĂŒr die Entwicklung und Zukunft der EU. Daher lĂ€sst sich Menasses Roman auch als Hilferuf lesen.
Die fĂŒr jene Kampagne ZustĂ€ndigen glauben, es genĂŒge, sich auf Auschwitz zu berufen, um einen gesamteuropĂ€ischen Geist zu stĂ€rken. Immerhin gelte: âNichts in der Geschichte hat die verschiedenen IdentitĂ€ten, MentalitĂ€ten und Kulturen Europas, die Religionen, die verschiedenen so genannten Rassen und ehemals verfeindete Weltanschauungen so verbunden, nichts hat eine so fundamentale Gemeinsamkeit aller Menschen geschaffen wie die Erfahrung von Auschwitz.â In den KZs der Nazis sei es zur âĂberwindung des NationalgefĂŒhlsâ gekommen, und damit sei ĂŒberhaupt erst die Idee entstanden, als deren âHĂŒterâ sich die EU nun zu begreifen habe. Sie habe die âSicherheit eines Lebens in WĂŒrdeâ zu gewĂ€hren, die in den Lagern der Nazis so grauenhaft missachtet worden sei.[1] Das âNarrativ der EuropĂ€ischen Kommissionâ besage demnach, dass diese âals Antwort auf den Holocaustâ gegrĂŒndet wurde, der sich ânie mehr wiederholenâ solle, denn âwir garantieren Frieden und Rechtzustandâ.[2]
In einem Thinktank wird sogar die Idee vorgestellt, in Auschwitz als dem âFundament, auf dem das EuropĂ€ische Einigungswerk errichtet wurdeâ, die neue Hauptstadt Europas zu bauen.[3] Der Vorschlag kommt in Menasses Roman von einem emeritierten Wirtschaftsprofessor, also von einem Vertreter einer Generation, deren Herkunft und Jugend noch wesentlich von der NS-Herrschaft geprĂ€gt wurde. Doch was fĂŒr die eine Generation eine unvergessliche Lebenserfahrung ist, ist schon fĂŒr die nĂ€chste und ĂŒbernĂ€chste ziemlich abstrakt: nichts, woraus sich ein besonderes SinnbedĂŒrfnis ergeben könnte. Kaum etwas aber beschĂ€ftigt Menasse mehr, als dass diejenigen, die das Holocaust-Narrativ stark gemacht haben, mittlerweile alt, oft sogar schon tot sind. In seinem Roman geht es auch darum, wie mĂŒhsam ist es, ĂŒberhaupt noch Auschwitz-Ăberlebende zu finden, die sich als Zeitzeugen fĂŒr jene Kampagne einsetzen lieĂen. Umso dringender brĂ€uchte es somit ein neues, anderes Narrativ; doch fĂ€llt den Beamten der EU in ihrer Hilflosigkeit nichts Besseres ein, als den alten Plot auf die Spitze zu treiben, was dessen GlaubwĂŒrdigkeit nur weiter schmĂ€lert.
Am Ende des Romans werden die Hauptprotagonisten Opfer eines Terroranschlags in der BrĂŒsseler Metro. Ohne dass es ausdrĂŒcklich gesagt werden mĂŒsste, ist klar, dass es sich dabei um ein islamistisches Selbstmordattentat handelt. Und damit steht plötzlich auch vor Augen, welches ganz andere Narrativ dazu geeignet sein könnte, ein europĂ€isches Wir-GefĂŒhl zu stĂ€rken: Die Angst vor Terror und Islamisierung, letztlich also ein gemeinsamer Feind, bringt die BĂŒrger der LĂ€nder der EU enger zusammen und lĂ€sst etwas Gemeinsames jenseits bloĂ nationaler Zugehörigkeiten spĂŒrbar werden. Zugleich aber steht auĂer Frage, dass ein solches Narrativ nicht das der EuropĂ€ischen Kommission sein könnte. Immerhin mĂŒsste man dann ja den Feind immer wieder eigens als solchen zur Geltung zu bringen, damit also von einer Politik des Friedens und des Pluralismus Abschied nehmen. Statt sich weiterhin, als Lehre von Auschwitz, den Menschenrechten und einer (mehr oder weniger) humanitĂ€ren Politik verpflichtet zu fĂŒhlen, hĂ€tte man aus einem offenen Staatengebilde die Festung Europa zu machen.
TatsĂ€chlich wird diese auch gefordert â und werden Terroristen und FlĂŒchtlinge gleichermaĂen zu Feinden erklĂ€rt, die es unter allen UmstĂ€nden abzuwehren gelte. Die dabei treibenden KrĂ€fte sind vornehmlich rechtsgerichtete und populistische Parteien, die in fast allen LĂ€ndern Europas bei Wahlen mittlerweile deutlich zweistellige Prozentzahlen erzielen und die immer hĂ€ufiger sogar an die Macht gelangen. Dass sie so stark werden, liegt nicht zuletzt daran, dass sich in ihrem Narrativ viele Menschen besser erkennen können als in dem, das in den ersten Jahrzehnten der EuropĂ€ischen Union noch zuverlĂ€ssig Orientierung gab. Und da weder die Offiziellen der EU noch ein so engagierter Schriftsteller wie Robert Menasse ein neues Narrativ im Angebot haben, fĂ€llt es denen, die die Festung Europa gegen die EU ausspielen, umso leichter, mit ihrer ErzĂ€hlung durchzukommen.
Da die neuen Fronten nicht zwischen einzelnen LĂ€ndern, sondern innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verlaufen, befĂŒrchten einige sogar bereits einen âneuen BĂŒrgerkriegâ. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike GuĂ©rot diagnostiziert, dass âdas klassische politische Rechts-links-Schemaâ abgelöst werde âdurch die AnhĂ€nger einer Ăffnungsagenda und die Adepten einer Abschottung Europasâ. Letztere sind nicht einfach nur Nationalisten alten Stils, sondern genauso europaweit organisiert wie die EU-BefĂŒrworter; dank des zugkrĂ€ftigen Plots erzeugen sie aktuell vielleicht sogar eine stĂ€rkere europĂ€ische Dynamik als diejenigen, die sich fĂŒr den Fortbestand und weiteren Ausbau der EU einsetzen. GuĂ©rot spricht von âder dialektischen Pointe, dass die heutigen Vertreter des europĂ€ischen Ungeistes als europĂ€ische Bewegung daherkommenâ.[4]
Das aber ist in der öffentlichen Diskussion noch nicht deutlich genug â vor allem bleibt unscharf, was fĂŒr eine Gefahr von einer solchen EU-feindlichen Besetzung des Europa-Begriffs ausgeht. Dabei ist diese Besetzung â wie die im folgenden dokumentierte Recherche belegen soll â bereits ziemlich weit gediehen; sie manifestiert sich nicht nur in Reden und Texten, sondern beinhaltet auch zahlreiche Ikonografien sowie ein umfassendes Programm der Bildpropaganda. Letzteres lĂ€sst sich insbesondere in den Sozialen Medien antreffen â und dabei wohl nirgendwo sonst so vielfĂ€ltig und professionell wie auf Blogs und Accounts von rechtsradikalen Strömungen wie der IdentitĂ€ren Bewegung (IB).
Diese war es auch, die im Sommer 2017 die bisher spektakulĂ€rste Aktion startete, als sie unter dem Titel âDefend Europeâ ein Schiff charterte, um im Mittelmeer die privaten Seenotretter und NGOs zu observieren und daran zu hindern, FlĂŒchtlinge nach Europa zu bringen. Zu der international zusammengesetzten Crew von âDefend Europeâ gehörten sogar US-Amerikaner, was dazu passt, dass eine Gruppe der Alt-Right-Bewegung âIdentity Evropaâ heiĂt und sich, innerhalb einer âWhite Supremacyâ-Ideologie, auf die eigenen europĂ€ischen Wurzeln beruft. âDefend Europeâ meint also vor allem die Verteidigung der als ĂŒberlegen empfundenen weiĂen Rasse, und wie diese Aktion folgt auch fast jede andere AktivitĂ€t der IB dem Bestreben, jenes Narrativ von der Festung Europa noch dichter, noch emotionaler, noch suggestiver zu inszenieren. So besteht, nochmals in den Worten GuĂ©rots, kein Zweifel: âDie IdentitĂ€ren wollen Europa.â[5]
Zum Beleg dafĂŒr und zur Einstimmung auf einige der identitĂ€r-europĂ€ischen Bildmuster sei zuerst jedoch (ungekĂŒrzt) zitiert, was unter dem Lemma âEuropaâ in dem Band Kontrakultur (2017) zu finden ist, in dem Mario Alexander MĂŒller, IdentitĂ€rer aus Halle und ebenfalls bei âDefend Europeâ mit an Bord, SchlĂŒsselbegriffe der rechtsextremen Szene versammelt hat:
âEuropa ist das Geheimnis, dem wir uns verschrieben haben. Es funkelt in den Augen unserer Kinder, peitscht vom Meer her durch unsere WĂ€lder und flĂŒstert in der Stille unserer Kathedralen. Es ist ĂŒber die Jahrtausende bei uns geblieben, in Liedern, groĂen ErzĂ€hlungen, in der Art, wie wir uns lieben oder wie wir sterben. Europa ist nicht der Westen. Was sich in den letzten 200 Jahren aus dem intellektuellen Abfall der UniversitĂ€ten, dem Machtstreben der UnwĂŒrdigen und dem teuflischen Geist des Geldes entwickelt hat, was heute als falsches Zauberwort von der Menschheit die Völker der Welt verneint, ist das Anti-Europa in seiner reinsten Form. Europa ist das Land der EuropĂ€er. Wie unsere Ahnen sind auch wir mit den Landschaften unserer Heimat verwachsen. Ihre WĂ€lder rauschen in unserer Sprache, ihre Gebirge ragen in unsere Architektur, ihre Gezeiten spiegeln sich auf unserer Haut. Wir sind in Europa zu Hause und Europa lebt durch uns. Europa ist unser Schicksal. Wir sind nicht ohne Grund in der norddeutschen Tiefebene, in den PyrenĂ€en oder in den heiĂen Gassen Roms auf die Welt gekommen. Unsere Heimat ist uns Erbe und Auftrag zugleich. Und wenn es andere in die Welt zieht: Wir bleiben hier und sehen dem Schicksal entgegen.â[6]
Schon der erste Satz gibt den Ton vor: Europa als Geheimnis zu deklarieren, heiĂt, ihm eine Bedeutsamkeit zuzusprechen, die umso mehr Sinn und Schwere verheiĂt, als sie ĂŒblicherweise verborgen bleibt. Nur wenige sind offenbar in der Lage, durch die ProfanitĂ€t des AlltĂ€glichen hindurch jenes Geheimnis zu erfassen und zu ertragen. So ĂŒbersetzen die IdentitĂ€ren das alte, von einem starken antizivilisatorischen Affekt gespeiste Motiv eines âgeheimen Deutschlandâ in das Motiv eines âgeheimen Europaâ (vielleicht in Anspielung auf einen gleichlautenden Text von Franz Marc aus dem Jahr 1915). Sie beschwören eine Eigentlichkeit, die jenseits von Institutionen und politischem Pragmatismus â und am weitesten entfernt von BrĂŒsseler BĂŒrokratie â gesucht wird. Eng miteinander verbunden bergen die Natur und groĂe gemeinschaftliche Werke des Menschen, von antiken Mythen bis zu mittelalterlichen Kathedralen, das Geheimnis, wĂ€hrend die Moderne keinen Sinn mehr dafĂŒr hat, es gar zerstört. AufklĂ€rung, Emanzipationsbewegungen, Menschenrechte und Kapitalismus werden innerhalb dieses kulturpessimistischen Dispositivs gleichermaĂen als falsch, ja als anti-europĂ€isch gebrandmarkt. Allem Modernen will man sich daher widersetzen, egal um welchen Preis. Die wiederholte Nennung des Schicksals adelt die Verteidiger des wahren Europa zu opferbereiten Helden; mit viel Pathos erklĂ€rt MĂŒller Heimatverbundenheit zum Merkmal einer coolen Subkultur.
In den Sozialen Netzwerken gibt es unzĂ€hlige Bilder, die diese Motive illustrieren und atmosphĂ€risch weiter aufladen. Vor allem auf Tumblr lebt sich die identitĂ€re â und weitergehend die gesamte rechtsextreme â Szene aus, was das Image des Subkulturellen befördert, nicht nur weil dort, anders als bei Instagram oder Facebook, fast nichts zensiert wird, sondern auch weil die User ĂŒblicherweise nicht mit Klarnamen auftreten, sie also umso ungehemmter â ohne Sorge um ihre bĂŒrgerliche Existenz â agieren können. Da ebenso verborgen bleibt, wie viele Follower einzelne Accounts haben, eignet sich Tumblr ohnehin nicht als Medium vergleichender Selbstdarstellung. Befördert Instagram eine Fortsetzung und Steigerung des jeweiligen statusbewussten Lifestyles, mit dem man sich als Einzelner profilieren kann, lĂ€sst sich Tumblr vielmehr als groĂe Tauschbörse verstehen: Man lĂ€dt Bilder aller Art hoch, die man irgendwo gefunden oder selbst gemacht hat und von denen man glaubt, sie seien so aufregend, ungewöhnlich, geil und krass, dass andere sie rebloggen, zumindest aber liken.
Bereits die Namen vieler identitĂ€rer und rechtsextremer Tumblr-Blogs verweisen auf das Europa-Motiv, das dort insgesamt auch das prĂ€senteste Thema sein dĂŒrfte. Sie heiĂen etwa Defend Europe, Reconquista Europe, Europe Identity, Ultimate Europe, Phalanx Europa, Europatria, The Spirit of Europa, Angry European, Imperium Europaeum, Empire EuropĂ©en, FĂŒr Europa oder Indigenes Europa. Entsprechend oft findet man auf ihnen Bilder, die mit europaspezifischen Slogans wie âDefend European Beautyâ, âMake Europe white againâ oder âMake Europe great againâ unterlegt sind, wobei das fast durchgĂ€ngig verwendete Englisch nicht erkennen lĂ€sst, aus welchem Land der Urheber des jeweiligen Motivs stammt. â Ein Beispiel:
In nostalgischer Sepiatönung ist eine antike Tempelruine zu sehen, hinterlegt von einem weiĂen Sonnenrad des Typs, den die Nazis zuerst auf der Wewelsburg installierten und der, als dreifaches Hakenkreuz, heute ein weit verbreitetes rechtsradikales Symbol darstellt. Im selben WeiĂ ist âEuropeâ geschrieben, so als sei das Sonnenrad das Piktogramm fĂŒr den Kontinent. Zugleich ist dies als Hinweis auf die vermeintliche Ăberlegenheit â und sonnengleiche Ewigkeit â der weiĂen Rasse zu verstehen. Die Ruine soll an eine groĂe Vergangenheit erinnern, zugleich geht von ihr der Imperativ aus, diese in der Zukunft wiederherzustellen. Sie ist, in den Worten MĂŒllers, âErbe und Auftragâ.
Generell gehört kaum etwas so untrennbar zum Europa-Narrativ der Rechtsextremen wie das Motiv der Wiederherstellung und RĂŒckeroberung. Ăberall trifft man auf das PrĂ€fix âre-â, die Rede ist von âReconquistaâ, âRemigrationâ (der FlĂŒchtlinge), âRe-Generationâ, Recall oder âRevengeâ. Am liebsten wĂ€re es den KĂ€mpfern fĂŒr die Festung Europa, sie könnten die Zeit einfach zurĂŒckspulen wie ein Tonband:
Die Beschriftung einer RĂŒckspultaste wird ĂŒber eine antike BĂŒste gelegt, im Hintergrund ist auf der einen Seite eine brennende Stadt zu erkennen, auf der anderen â dort, wohin die RĂŒckspulpfeile verweisen â herrscht Idylle. Beschriftet ist das Bild mit einem bei Rechtsextremen und IdentitĂ€ren beliebten Satz: âThe last virtues of a dying society are tolerance and apathy.â Richtet sich diese Aussage gegen die BefĂŒrworter einer pluralen, multikulturellen Gesellschaft, denen unterstellt wird, fĂŒr Chaos und Staatsversagen verantwortlich zu sein, so ist sie zugleich ein Appell zu Wehrhaftigkeit. Schönheit und Reinheit sind nur möglich, wenn das Eigene kompromisslos verteidigt wird.
Hier wie bei vielen anderen Bildern bedient man sich einer Ăsthetik, die in den letzten Jahren gerade auf Tumblr unter dem Begriff âVaporwaveâ groĂe Beliebtheit erlangt hat. Sie stellt die aktuellste Version einer RuinenĂ€sthetik dar, besteht sie doch einerseits aus Relikten von BenutzeroberflĂ€chen, Symbolen und Grafiken des frĂŒhen Computerzeitalters sowie aus antiken Skulpturen, andererseits aus Glitch-Effekten, die â mit ZeilensprĂŒngen, Farbverschiebungen oder Flimmern â den Eindruck einer gestörten BildĂŒbertragung erwecken.[7] Gerade dieser nostalgische Ruinencharakter macht Vaporwave auch fĂŒr rechtsradikale Aktivisten attraktiv, die sich in einer kaputten Gegenwart wĂ€hnen und die Zukunft am liebsten als Restitution einer Vergangenheit denken. Vor allem eine jĂŒngere Generation lĂ€sst sich mit Vaporwave besser erreichen als mit romantischen RuinengemĂ€lden, wobei auf den rechtsextremen Accounts durchaus auch alte Kunst und alte ComputerĂ€sthetik miteinander verbunden und das mit Slogans aus dem eigenen Narrativ gesampelt wird:
Einer der (in diesem Fall aus Polen stammenden) Urheber dieser seit 2017 weit verbreiteten Ăsthetik, die mittlerweile unter dem Terminus âFashwaveâ[8] firmiert, betreibt den Tumblr-Account neonreconquista, auf dem er im September 2017 ein Manifest veröffentlichte, aus dem klar hervorgeht, wie wichtig es den IdentitĂ€ren ist, gerade Jugendliche â die nĂ€chste Generation â anzusprechen. Er wolle, so heiĂt es darin, dazu beitragen, âdass Faschismus sexy seiâ (âthat fash is sexyâ). Solange man jedoch nur MĂŒll und Kitsch zu bieten habe, mache man sich bei Jugendlichen lĂ€cherlich und trage dazu bei, dass sie sich lieber linken Gruppierungen anschlössen (âtrash or kitsch shit made nationalist movement in Poland look like joke for youngsters, and because of that, many young people are turning leftâ).[9]
Doch ist es nicht nur die Adaption einer beliebten Ăsthetik, sondern letztlich noch mehr die Mischung an Bildern, womit neue AnhĂ€nger zu rekrutieren sind und das eigene Europa-Narrativ ebenso aufregend wie emotional gefĂŒttert wird. Werden Tumblr-Blogs von Usern oft durchgescrollt, so entsteht dabei, Ă€hnlich wie beim Hören von Musik, eine Stimmung. Verbindungen zwischen einzelnen Bildmotiven und Stilmitteln, Kontraste, Interferenzen, Assoziationen â das alles ergibt eine jeweils eigene Klangfarbe. Sie ist bei vielen der rechtsradikalen Accounts durch martialische SentimentalitĂ€t gekennzeichnet: Bilder, die auf Krieg, Heldentum, Opfer einschwören sollen, wechseln sich mit Bildern ab, die von Idylle, Harmonie, Ewigkeit trĂ€umen lassen. Jugendlicher Weltschmerz wird damit ebenso bedient wie die Ăberzeugung, es irgendwann einmal allen zu zeigen, die einen nicht verstehen und ausgrenzen.
Aber damit nicht genug. Die Motivation, immer weiter zu scrollen, wird nicht zuletzt durch Bilder gesteigert, die erotisch stimulieren. Auf fast allen Accounts, die wiederum fast alle von MĂ€nnern stammen und an MĂ€nner adressiert sind, gibt es zwischen Sujets aus Geschichte, MilitĂ€r, Hochkultur und Mythologie immer wieder Darstellungen leicht bekleideter oder nackter Frauen. Mit ihnen soll nicht nur einmal mehr die weiĂe Rasse gefeiert werden; vielmehr geht es, wenig ĂŒberraschend, ebenso darum, Frauen als lasziv und passiv, dem Mann untergeordnet und ergeben zu prĂ€sentieren. Sie winken den tapferen Verteidigern der Festung Europa als Belohnung, und um sie â ihre Reinheit â zu schĂŒtzen, ist der Kampf gegen alles Fremde â und Bedrohliche â ĂŒberhaupt nur nötig.
Neben dem Beharren auf einer klaren Geschlechterordnung, in der fĂŒr Schwule und Queere so wenig Platz ist wie fĂŒr eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, vermitteln die Bildprogramme noch weitere rechtsextreme Werte. Durch stete Wiederholung immer wieder Ă€hnlicher Motive werden Krieg, eine antidemokratische Adelsgesellschaft sowie eine nietzscheanische Herrenmoral propagiert, es geht um Heldenverehrung und Denkmalskult, um Okkultes und um alte BĂŒcher. Vor allem aber tauchen auf zahlreichen Bildern Sujets des Nationalsozialismus sowie des Faschismus auf; beharrlicher als mit jeder anderen historischen Referenz brĂŒstet man sich mit Hitler und der SS, Kunst aus der NS-Zeit und Nazi-Symbolen, zumindest aber mit Mussolini und Mosley. Die beliebte Aussage von IdentitĂ€ren und vielen anderen Rechtsextremen, sie hĂ€tten nichts (mehr) mit dem Faschismus zu tun, entpuppt sich auf nahezu allen Tumblr-Accounts (wo man sich weniger beobachtet wĂ€hnt als sonst) als ebenso falsch wie die Ă€hnlich oft geĂ€uĂerte Behauptung, man lehne Gewalt ab.
Dabei wĂ€re es gut möglich, das identitĂ€r-rechtsextreme Europa-Narrativ ganz ohne Bezugnahme auf die faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu gestalten. Man könnte den Wald und die Kathedralen, die schönen weiĂen Frauen und die heldenhaften MĂ€nner, das vormoderne Landleben und eine hipsterfreie Zukunft feiern, um fĂŒr die Festung Europa und die Verteidigung des Eigenen zu werben. Doch scheint das nicht zu genĂŒgen. FĂŒr das Feeling als Subkultur braucht es hĂ€rteren Stoff: Sujets, die provozieren und die vielerorts als Tabubruch empfunden werden. Dann hat man es, da man Widerspruch oder auch Sanktionen erfĂ€hrt, leichter, sich als Opfer, als MĂ€rtyrer zu fĂŒhlen, sich aber auch als verschworene Gemeinde zu stilisieren, die nicht nur gegen den Mainstream, sondern im Verborgenen agiert und ihre Ziele zum Geheimnis erklĂ€ren kann.
So wenig die EU-BefĂŒrworter von Auschwitz und damit von den Opfern loskommen, so wenig kommen die Rechtsextremen also von den TĂ€tern des Nationalsozialismus und Faschismus los. Doch sind ihre Heroisierungen, sind Fashwave und andere Ăsthetisierungen höchst aktuell; hier sind, anders als bei historischen BegrĂŒndungen fĂŒr die EU, Vergessen und Abstrakt-Werden ganz und gar kein Thema. Plötzlich hat man sogar die bedrĂŒckende Vision, dass die TĂ€ter ein viel lĂ€ngeres Nachleben haben könnten als die Opfer. Diese drohen, gerade weil es viel zu viele sind, als dass man sie als Individuen festhalten könnte, in der AnonymitĂ€t zu verschwinden, wĂ€hrend die TĂ€ter, gerade weil sie so Unvorstellbares getan haben, immer weiter faszinieren und provozieren. LĂ€sst sich mit Menasse und anderen mutmaĂen, dass die Zeiten bald vorbei sein werden, in denen die Opfer als Mahnung, als Wegweiser fĂŒr eine menschlichere Politik in einem einigen Europa wirken konnten, so könnte die Zeit, in der aus TĂ€tern Helden werden, schlimmstenfalls gerade erst beginnen â und endlos lange dauern.
Solche MutmaĂungen bekommen weiter Nahrung, wenn man auf Versuche blickt, BĂŒrger und gerade die junge Generation dazu zu motivieren, sich fĂŒr Fortbestand und Weiterentwicklung der EU zu engagieren. So hat die 2017 gestartete Kampagne âPulse of Europeâ mit Kundgebungen und Aktionen in zahlreichen europĂ€ischen StĂ€dten nicht die erhoffte virale Dynamik erlangt und scheint bereits fast wieder eingeschlafen zu sein. Andere Projekte bleiben auf das ziemlich enge Milieu von Kunst und Wissenschaft beschrĂ€nkt, und selbst wenn ihre Formate auf die Sozialen Medien hin angelegt sind, zĂŒnden sie dort nicht richtig.
Besonders aktiv ist etwa der Fotograf Wolfgang Tillmans, der im Mai/Juni 2018 â zusammen mit dem Architekten Rem Koolhaas und anderen â ein âEurolabâ in Amsterdam veranstaltete, auf dem diskutiert werden sollte, was an der EU-Kommunikation schiefgelaufen ist und wie sich ein Neustart bewerkstelligen lieĂe (âwhat has gone wrong in the communication of, and about the EU and how to make a new and powerful beginningâ).[10] Und schon 2017 entwickelte Tillmans eine Plakatkampagne unter dem Titel âProtect the European Unionâ: fĂŒnf Motive, in 23 Sprachen ĂŒbersetzt.
Die Texte, die sich ausdrĂŒcklich âgegen Nationalismusâ richten, wollen auf VorzĂŒge der EU aufmerksam machen, etwa auf das Prinzip der FreizĂŒgigkeit, wonach man studieren und leben kann, wo man will. Doch ist der Hinweis auf eine komfortable Lebenssituation noch lange kein Narrativ; dazu mĂŒsste man die gegenwĂ€rtigen VerhĂ€ltnisse etwa ausdrĂŒcklich denen von frĂŒher gegenĂŒberstellen, als benachbarte europĂ€ische LĂ€nder blutige Kriege gegeneinander fĂŒhrten und als schon jede Reise aufgrund zahlreicher Landes- und WĂ€hrungsgrenzen mĂŒhsam war.
Wer erwartet, einer der berĂŒhmtesten Fotografen der Welt habe aber zumindest Bilder zu bieten, die fĂŒr den Geist der EU einnehmen, wird von seiner Plakatkampagne noch mehr enttĂ€uscht. So begleiten die Texte jeweils einfach nur Fotos mit Himmel von oberhalb der Wolken. Dort, so die Botschaft, gibt es keine Grenzen, alles ist vielmehr offen und frei. Doch wirken die fast einfarbigen Motive ziemlich abstrakt und sehr unverbindlich, eher als Platzhalter denn als emotionalisierende Sujets. Ist Menasses Buch immerhin noch ein virtuoser, höchst unterhaltsam geschriebener Hilferuf, so fĂ€llt es leider schwer, in den Plakaten von Tillmans mehr als ein Zeugnis purer Ohnmacht zu erblicken.
Ihm selbst ist diese Problematik aber durchaus bewusst. In einem Interview mit der ZEIT im Juli 2018 bekennt er, es sei ânicht ganz leichtâ, angesichts des Schwindens der SelbstverstĂ€ndlichkeit des Europa-Narrativs der Nachkriegsgeneration âmit einer emotionalen Kampagne vorzugehenâ. Mit starken Emotionen wĂŒrden auĂerdem schon die Rechten agieren und âKampagnen der Angst, des Ressentimentsâ betreiben, ja âdie stĂ€ndige Krise, den stĂ€ndigen Ausnahmezustand [âŠ] simulierenâ. Dagegen, so seine These, bleibe âgar nichts anderes ĂŒbrig, als die Debatte auf eine rationale Grundlage zurĂŒckzuholenâ.[11] Seine eigene Kampagne ist also offenbar ganz gezielt nĂŒchtern statt emotional. Aber ob sich auf Dauer Wahlen ohne eigenes Narrativ gewinnen lassen? Im Mai 2019 steht die nĂ€chste Europawahl an, und schon jetzt braucht es nicht viel Phantasie, um zu prognostizieren, dass es die relevanteste und auch umkĂ€mpfteste Wahl seit Bestehen der EU werden wird. Die vereinten Rechten werden ihr Anti-EU-Narrativ erstmals voll ausspielen. Vieles von dem, was im Moment noch auf Accounts von Tumblr entwickelt wird, dĂŒrfte dann in den Wahlkampf eingespeist werden. Es wird nicht ĂŒber ein Europa, sondern ĂŒber zwei extrem gegensĂ€tzliche Europas abgestimmt werden.
Wolfgang Ullrich ist freier Autor.
Anmerkungen
[1] Robert Menasse: Die Hauptstadt, Berlin 2017, S. 184f.
[2] Ebd., S. 242.
[3] Ebd., S. 394.
[4] Ulrike GuĂ©rot: Der neue BĂŒrgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde, Berlin 2017, S. 21, 42.
[5] https://www.republik.ch/2018/07/10/wir-brauchen-ein-souveraenes-europa
[6] Mario Alexander MĂŒller: Kontrakultur, Schnellroda 2017, S. 80.
[7] Vgl. Annekathrin Kohout: âDiscover Tumblr 1 | Vaporwaveâ (2016), auf: https://sofrischsogut.com/2016/02/28/discover-tumblr-vaporwave
[8] Vgl. Jack Smith IV: âThis is fashwave, the suicidal retro-futurist art of the alt-rightâ (2018), auf: https://mic.com/articles/187379/this-is-fashwave-the-suicidal-retro-futurist-art-of-the-alt-right
[9] https://neonreconquista.tumblr.com/post/165792509316
[10] http://www.betweenbridges.net/open-call-eurolab-new-ideas-to-communicate-the-eu.php
[11] https://www.zeit.de/amp/kultur/2018-06/wolfgang-tillmans-europa-kommunikation-verteidigung-europawahl