Wir leben in einem geteilten Land. So wie früher durch eine buchstäbliche Mauer, sind wir heute durch unterschiedliche Wertvorstellungen getrennt.
Ein Teil der Menschen passt sich an. Aus psychologischer Sicht im Hinblick auf die durchschnittliche Erziehung ("gezogen werden") absolut logisch. Wer schon frühzeitig artig und angepasst sein muss, nur auf diese Weise Zuwendung und Anerkennung bekommt, baut die Anpassung, den Gehorsam, als Glaubenssatz in seine Persönlichkeit ein. Sich davon lösen kann man nur durch Selbstreflexion und die Bereitschaft, den Schmerz von damals darüber, nicht als Subjekt und eigenständige Persönlichkeit respektiert zu werden, noch einmal zu fühlen. Und mit der Tatsache auseinander zu setzen, sich selbst nicht wirklich zu kennen.
Wie bin ich? Wer bin ich? Was kann ich gut? Wie möchte ich leben? Was ist mir wichtig? Was kann ich tun, um meine Prioritäten zu leben? Was bin ich bereit, dafür aufzugeben?
Diese Fragen werden oft mit allerlei "Aber...", "Das geht doch nicht." und "Was sollen denn die anderen denken?", beantwortet. Auf diese Art sind die "Angepassten" auch häufig "Jammerer". Sie erkennen schlichtweg nicht, dass sie sich selbst im Weg stehen und suchen stattdessen die Gründe für ihr Unglück lieber im Außen. Jemand oder etwas wird schon für das Problem verantwortlich sein. Hauptsache, dem eigenen Schmerz nicht über den Weg laufen.
Mit diesen Überlegungen scheint es nicht mehr verwunderlich, mit welcher Wut auf persönliche Äußerungen und Erzählungen reagiert wird. In Wirklichkeit richtet sie sich nicht auf den Sprecher, sondern auf die eigene Unfähigkeit, sich mit seinen Dämonen zu befassen und sie zu bezwingen. Der Ärger ist ein Schutzmechanismus. Gleichzeitig sehen sie vor sich jemanden, der sich selbst schon gefunden hat, den optimalen Feind des jahrzehntelang gefütterten Glaubenssatzes.
Vielleicht hilft uns das. Wir sollten versuchen, zu verstehen, was einen Menschen zu seinen Taten bewegt, unabhängig vom Einverständnis. Und beim nächsten Mal, wenn uns unverhältnismäßig erscheinende Wut begegnet, nachfragen. "Was macht dich so wütend?", "Wie fühlst du dich gerade?", "Wie kann ich tun, damit du dich besser fühlst?".
Selten werden wir darauf eine Antwort, erst recht keine authentische, bekommen.
Doch wenn wir nur einen Gedanken daran, dass das Problem, und damit auch die Lösung, in jedem selbst liegt, gesät haben, haben wir schon Großes erreicht.