17. bis 29. November 2024
Man muss durch viele brennende Reifen springen, um weniger Werbung zu sehen
Ich wĂŒrde gern meiner Mutter auf ihrem iPad einen besseren Werbeblocker verschaffen. Irgendwas habe ich da zwar schon mal eingerichtet, aber die Apps, die sie viel benutzt, sind immer noch voll mit Werbung. Abends, wenn wir Radio hören (ĂŒber eine App und ein Bluetooth-Dings, so muss die Mutter nicht aufstehen, um das Programm zu Ă€ndern), brĂŒllt oft Werbung aus ihrer RommĂ©-App dazwischen. Auch wĂŒnscht sich die Mutter in letzter Zeit immer wieder, dass ich ihr irgendwelche betrĂŒgerischen Neuropathie-Spezialschuhe bestelle, die sie in Spiele-Apps beworben sieht. Selbst bestellen kann sie sie nicht, weil sie dem Bezahlen im Internet misstraut und deshalb keine internettauglichen Bezahlverfahren eingerichtet hat. Ich bin sehr froh, dass das so ist, nicht nur wegen der betrĂŒgerischen Neuropathieschuhe. Bezahlen im Internet ist schon fehleranfĂ€llig genug, wenn man es tĂ€glich macht und Routine im Umgang mit den Verwirrungen, Bugs und Sicherheitsverfahren hat. Es ist nichts fĂŒr Leute, die es nur zweimal jĂ€hrlich nutzen wollen.
Ich frage im Redaktionschat, ob jemand was empfehlen kann. Esther hat ein Pi-Hole im Haushalt, weist aber darauf hin, dass das bei Websuchen verwirrend sein kann: Die "Sponsored"-Ergebnisse von Google werden in der Trefferliste angezeigt, aber dann beim Anklicken nicht geladen, weil sie als Werbung blockiert sind. Das kommt mir zunÀchst wie ein Argument gegen ein Pi-Hole vor, aber dann denke ich, dass meine Mutter sowieso sehr wenig sucht und das vielleicht gar nicht merken wird.
Ich lasse mich von ChatGPT beraten:
"Can you talk me through setting up a Pi-Hole, starting with what kind of Raspberry Pi I need to buy?"
Je nachdem, was ich von ChatGPT will, rede ich manchmal Englisch und manchmal Deutsch mit ihm. Ich weiĂ noch nicht, ob das aberglĂ€ubisches Verhalten ist oder ob intern sowieso alles ĂŒbersetzt wird. (ErgĂ€nzung von der Kaltmamsell: Laut dem Vortrag eines Fraunhofer-Wissenschaftlers spricht ChatGPT nur Englisch, alles andere wird ĂŒbersetzt. Das europĂ€ische Konkurrenzprodukt OpenGPT-X soll sich durch Mehrsprachigkeit auszeichnen. Das europĂ€ische Nicht-wirklich-Konkurrenz-Produkt, weil auf nur einem lĂ€cherlichen Bruchteil der Finanzierung und RechenkapazitĂ€t basierend.)
Meine Folgefragen, nachdem der bestellte Raspberry Pi angekommen ist, gebe ich hier auf Deutsch wieder. Man muss zuerst ein Ding namens "Raspberry Pi Imager" auf einem anderen GerÀt installieren und damit das Betriebssystem auf die SD-Karte des Pi schreiben.
"Ich habe den Raspberry Pi Imager auf einem alten Windowsrechner installiert," (weil der einen SD-Karten-Leser eingebaut hat) "aber jetzt kann ich das Ding nirgends finden, das ich laufen lassen soll. Wo könnte es sein?"
(Ich habe alles vergessen, was ich bis 2008 mal ĂŒber Windows wusste.)
"Ok, jetzt habe ich den Raspberry Pi Imager in der Liste der installierten Programme gefunden. Aber ihm fehlt irgendwas, ein rp_imager.exe oder so Àhnlich."
Hier ist ChatGPT keine Hilfe, denn es ahnt nicht, dass auf dem Rechner im Mutterhaushalt eine mindestens 20 Jahre alte Windowsversion lĂ€uft, mit der es einfach nicht funktioniert. Raspberries gibt es erst seit 2012, schon da war diese Windowsversion wahrscheinlich so veraltet, dass man nicht mehr mit ihr rechnen musste. Nachdem ich das durch mĂŒhsame Recherche in irgendwelchen Raspberryforen herausgefunden habe, geht es weiter:
"Meine Windowsversion ist offenbar zu alt, aber ich habe woanders keinen SD-Kartenleser. Kann ich das Pi-Image irgendwie auf den Pi selbst runterladen? Oder kann ich vielleicht den Pi als externen SD-Kartenleser mit meinem Laptop verwenden?"
Ja, sagt ChatGPT, klar kannst du das! Du musst nur vorher das Betriebssystem auf den Raspberry Pi bringen, und dann ... Aber genau dafĂŒr brauche ich ja erst mal den SD-Kartenleser. Ich besitze zwar mehrere aus alten Digitalkamerazeiten, aber die sind alle nicht da, wo ich bin. Ich bestelle einen bei Ebay und warte ein paar Tage. Dann:
"Ich habe den Raspberry Pi Imager auf meinen Laptop runtergeladen, auf dem Ubuntu lÀuft. Was muss ich denn jetzt damit machen?"
Das ist wieder so eine Sache, die nicht auf der Raspberry-Anleitungsseite steht, weil es offenbar alle auĂer mir wissen. Oder vielleicht steht es da irgendwo, aber nicht in akzeptabler NĂ€he zu dem Download-Link, den ich verwendet habe. ChatGPT erklĂ€rt es mir und ich kann den Raspberry Pi Imager starten.
"Der Imager fragt 'Would you like to apply OS customisation settings?' Will ich das?"
(Es hÀtte nichts gekostet, an dieser Stelle einen erklÀrenden Satz im Setup-Prozess anzubringen, denke ich, aber was weià ich. Vielleicht ja doch.)
Jetzt dauert es etwa eine halbe Stunde, in der langwierige Download- und Installationsdinge passieren, dann ist das Betriebssystem auf der SD-Karte und die SD-Karte ist im Raspberry Pi.
"Kann ich irgendwie mit dem Setup weitermachen, ohne ein Display via HDMI an den Pi anzuschlieĂen? (Ich habe keinen HDMI-Adapter.)"
Und zwar gar keinen, also weder einen normalen noch den Mini-HDMI-Adapter, den ich fĂŒr den Raspberry brĂ€uchte. Aber ich brauche auch keinen, sagt ChatGPT, ich muss nur beim Setup die WLAN-Zugangsdaten schon mal eingeben und SSH einrichten. Beides kann man in diesen OS customisation settings machen, nach deren Zweck ich vorhin gefragt habe. Aber ich habe es natĂŒrlich nicht gemacht, weil ich noch nicht wusste, wozu es gut sein könnte. Ich mache alles noch mal von vorn. Langwierige Download- und Installationsdinge passieren.
Dann muss ich die IP-Adresse des Raspberry Pi rausfinden. Das geht im Admin-Interface der Fritzbox. Aber:
"Ich glaube nicht, dass sich der Pi mit dem WLAN verbindet. Ich sehe mehrere namenlose GerÀte im Router-Admin-Interface, aber wenn ich den Pi aus- und wieder einstecke, Àndert sich daran nichts."
(Letztlich stellt sich raus, dass man wohl nach dem Einschalten nur viel lÀnger warten muss, als ich dachte, bis der Pi sichtbar wird.)
"Ich kann mich via SSH mit dem Pi verbinden. Aber ich habe beim Setup ein Passwort vergeben und jetzt wird das Passwort nicht akzeptiert. Was kann ich machen?"
Nachdem ich den langwierigen Download- und Installationsprozess noch ein drittes und vielleicht auch ein viertes Mal durchlaufen habe, merke ich, dass ich nur die Anleitung von ChatGPT falsch verstanden habe. Darin stand:
Wenn das GerĂ€t aber nicht pi heiĂt, weil man es im Installationsprozess anders genannt hat, dann muss da dieser andere Name stehen. JETZT weiĂ ich das auch.
"Das Pi-Hole ist im MenĂŒ des WLAN-Routers nicht sichtbar. Ich habe es aber schon mal da gesehen, es muss also gehen. Wieso wird es jetzt nicht mehr angezeigt?"
Erst hier verstehe ich das, was oben schon steht: Dass man einfach ĂŒberraschend lang warten muss, bis es auftaucht. Ich habe den Raspberry unterschĂ€tzt, weil er so winzig ist.
Aber er ist ein richtiger Computer, und da dauert das Booten halt ein bisschen.
Jetzt kann ich endlich sehen, was im Raspberry passiert, obwohl ich ihn nicht an einen Monitor anschlieĂen konnte.
Links das Geschehen im Raspberry, rechts die Anleitung von ChatGPT
"Der Setup-Wizard sagt, ich soll dem Pi eine statische IP-Adresse geben. Wie geht das?"
ChatGPT erklÀrt es mir.
"Was ist ein empfehlenswerter DNS-Server?"
ChatGPT macht VorschlÀge und kommentiert sie.
"Ich habe versucht, die Netzwerkverbindung auf dem Pi neu zu starten, und folgende Fehlermeldung bekommen: 'Failed to restart dhcpcd.service: Unit dhcpcd.service not found.'"
ChatGPT sagt mir Schritt fĂŒr Schritt, wie ich herausfinde, ob ich das, was ich da neu starten soll, ĂŒberhaupt habe, und wie ich es installiere, weil ich es nĂ€mlich nicht habe.
Und dann scheint es zu gehen. Ich habe leider versÀumt, vorher eine Seite zu suchen, auf der ich trotz meiner Werbeblockereinrichtungen am Laptop Werbung sehe, so dass ich es nicht richtig testen kann.
Am nĂ€chsten Tag sagt meine Mutter, dass sie von weniger Werbung noch nichts merkt. Ich sehe im Dashboard des Pi-Hole in einer Liste der geblockten und durchgelassenen Seiten, dass mein Laptop zwar sofort angefangen hat, das Pi-Hole zu verwenden, aber das iPad der Mutter und mein Handy es nicht tun. Nach langem Rumprobieren merke ich, dass man offenbar im Dashboard des Pi-Hole einstellen muss, dass es auch der DHCP-Server fĂŒr alles sein soll. Jetzt sehe ich auch die Anfragen von iPad und Handy. Ich habe im Verlauf dieses Rumprobierens viele Runden "FreeCell" auf dem iPad meiner Mutter gespielt und oft die RommĂ©-App gestartet, weil das zwei besonders werbeverseuchte Apps sind, mit denen man die Fortschritte gut diagnostizieren kann. Am Ende habe ich den Eindruck, dass ich jetzt wirklich mindestens weniger, vielleicht auch gar keine Werbung sehe.
(Update ein paar Tage spÀter: Ich musste noch eine Fritzbox-spezifische Pi-Hole-Anleitung suchen, dieser Anleitung folgend noch mehr Einstellungen der Fritzbox Àndern, dann weitere Einstellungen der Fritzbox Àndern, die mit IPv6 zu tun haben und in dieser Anleitung nicht erwÀhnt werden, und von Hand die Werbung der FreeCell- und der Rommé-App in den Blocklisten ergÀnzen. Aber seitdem ist wirklich alles werbefrei auf allen GerÀten.)
(Update: Eine Woche spĂ€ter zerfiel alles, weil die statische IP-Adresse des Pi-Hole irgendwie doch nicht statisch genug war. Daraufhin kamen diverse GerĂ€te nicht mehr ins Internet. Ich musste erst mal durch mĂŒhsames Rumprobieren rausfinden, was eigentlich das Problem war, aber dann konnte ich mir die Lösung durch ChatGPT erklĂ€ren lassen. Sie bestand darin, dem Pi-Hole nicht in sich selbst drin, sondern im Router-Interface eine statische IP zu geben. Das funktionierte dann auch. Aber es gibt schon unĂŒbersichtlich viele Dinge, die man an unĂŒbersichtlich vielen Stellen Ă€ndern muss, und irgendwie keine Installationsanleitung mit einfachen Schritten zum Abhaken.)
Es klingt so aufgeschrieben schon verworren genug, aber in Wirklichkeit war es noch viel verworrener. Ohne ChatGPT wĂ€re es ĂŒberhaupt nicht gegangen, und mit war es noch schwer genug. Kann sein, dass es keine gute Idee war, so ein unverstandenes Ding an einer wichtigen Stelle im Haushalt einzubauen. Bei meiner Mutter bin ich froh, dass sie gar nicht erst versucht, im Internet Geld auszugeben, weil dadurch auch nichts schiefgehen kann und niemand von uns die daraus resultierenden Fragen beantworten und Probleme lösen muss. Aber vielleicht wĂ€re es ja aus ganz Ă€hnlichen GrĂŒnden gut, wenn ich die Finger vom Pi-Hole gelassen hĂ€tte? Es ist nicht leicht, zu erkennen, wo man sich sinnvoll selbstermĂ€chtigen kann und wo man es bleiben lassen sollte, weil man dadurch neue, gröĂere Probleme erzeugt. Im Zusammenhang mit Elektrik gibt es dafĂŒr angenehm klare Regeln wie "Unter Putz hat der Mieter nichts verloren." Vielleicht habe ich unter Putz gearbeitet, wo ich nichts verloren hatte. Aber dann dĂŒrfte ich mit dem gleichen Argument auch keinen Linux-Laptop haben, und das scheint mir von niemandem gefordert zu werden, im Gegenteil.
Beim zweiten Mal ginge es schneller, weil ich jetzt schon ungefĂ€hr weiĂ, was zu tun ist. Insgesamt glaube ich aber, es wĂ€re besser gewesen, von Anfang an auf diese viel einfacher wirkende Lösung zu setzen.
(Kathrin Passig)










