opfernationalismus ist, wie jie-hyun lim hier ausführt, eine spielart des nationalismus, der sich nicht auf heldengeschichten und glorreiche ereignisse bezieht, sondern auf den kollektiven status der nation als opfer anderer mächte - dieser status als opfer wird nach lim als legitimation der nation und ihrer unschuld perpetuiert und auch konstruiert. hyun geht dabei besonders auf die nationen israel, polen, deutschland, korea und japan ein - auf täter und opfer. er untersucht in seinem text, inwiefern holocaust, stalinistische gewaltherrschaft und kolonialismus vergleichbar seien, er untersucht, wie sich nationen bewusst die rolle des opfers überstülpen um sich dadurch einerseits vorteile zu verschaffen und andererseits von eigener schuld und eigener täterschaft abzulenken. er geht sehr intensiv auf polen ein, ein land, welches oft opfer der nachbarmächte wurde, gleichzeitig jedoch deutschland bei der verfolgung der juden unterstützte - dieser teil der geschichte wird allerdings im polnischen selbstverständnis ausgeblendet, so lim - ein erfolg des Umschreibens der geschichte in die exklusive rolle des opfers. ebenso geht er bei japan vor, welches im zweiten weltkrieg große teile ostasiens unterworfen hat und unglaubliche kriegsgräuel beging - traumata unter denen die damals unterworfenen nationen noch heute leiden und hier mit fug und recht einen opferstatus beanspruchen können. doch nachdem die atombomben auf japan fielen, das land kapitulieren musste und die menschen "erwachten", konnten die geschichtsschreiber japans herangehen und erfolgreich aus dem täter das opfer konstruieren und die eigenen taten ausblenden. ein interessanter aspekt, den lim umfassend betrachtet, ist das gegeneinander ausspielen des erlittenen... wer hat mehr gelitten - kann man wirklich dahergehen und den holocaust mit stalins gewaltherrschaft oder dem kolonialismus vergleichen?
nun... es ist ein sehr interessantes und aufschlussreiches buch, manchmal etwas trocken und tatsächlich kann man über einiges auch sehr verwundert sein und vieles ist zu hinterfragen - es gelingt ihm allerdings gut, wie es von ihm beabsichtigt ist, von der eurozentristischen blickweise wegzukommen