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Ich stand vor ein paar Tagen im Buchladen und habe mich durch das neue Buch zu Axel Prahls Leben geblättert (Knut Elstermann, Axel Prahl: Axel Prahl: »Was man liebt, braucht Zeit«. Eine Collage, 2025). Und wie so häufig, wenn ich lese, was außerhalb unseres Fandoms zum Tatort Münster und seinen Figuren gesagt wird, musste ich mehrfach mit dem Kopf schütteln. Versteht mich nicht falsch – vieles von dem, was Knut Elstermann zum Tatort geschrieben hat, liest sich durchaus wertschätzend. Und doch ...
Mal ganz ehrlich: Können die deutschen Durchschnittszuschauer*innen des Tatort Münsters die Sympathie der Figuren füreinander tatsächlich nicht sehen oder wollen sie es schlichtweg nicht? Oder leben wir, und damit meine ich das Fandom, einfach in einer illusorischen Blase, in der wir zwischenmenschliche Nähe und Facettenreichtum der Figuren sehen, wo eigentlich keine sind?
ARRGH, ich werde diesen Post hauptsächlich dazu nutzen, mich aufzuregen, also feel free to ignore everything under the cut (wenig Diplomatie, dafür doppelt so viel Denglisch. Have fun)
Knut Elstermann führt in den Tatort Münster und die Figuren von Thiel und Boerne wie folgt ein:
Schnell stellt sich heraus, dass Boerne nicht nur der Nachbar, sondern auch Thiels Vermieter ist. Das soziale und kulturelle Gefälle zwischen den beiden wird in den ersten Filmminuten gesetzt [...]. Es wird in den kommenden zwanzig Jahren immer wieder kleine Annäherungen zwischen den beiden geben bis hin zu leisen Bekundungen der Sympathie, aber im Kern bleibt das ursprüngliche Gefüge erhalten. Hier der zupackende, nüchterne, Leute anblaffende Thiel, da der extrovertierte, narzisstische Boerne, der sich selbst einfach nur großartig findet. Er betrachtet sich als Teil des Münsteraner Establishments und tritt auch so auf, ein Vertreter der besitzenden Klasse. In Thiel sieht er die Verkörperung des Mittelmaßes, über das dieser wohl nie hinauskommen wird (S. 185f.).
Listen. Ich weiß, dass Boerne gerne als narzisstisch bezeichnet wird. Und wahrscheinlich ist da – inzwischen, leider – auch etwas dran. Zumindest fallen mir aus den letzten Jahren mehr Beispiele ein, die diese Zuschreibung unterstützen würden, als aus den ersten Tatort-Münster-Folgen. Und das ist für mich schon die erste Crux an der Sache: Der Boerne, den wir 2002 kennengelernt haben, ist sicherlich extrovertiert, bestimmt auch selbstbezogen, aber narzisstisch? I'm sorry, but I don't see it. Und der Boerne von 2002 ist auch keiner, der "sich selbst einfach nur großartig findet". Können wir uns an dieser Stelle bitte alle an die Szene erinnern, in der Boerne in Der dunkle Fleck (2002) beinahe durchdreht, weil er ein Fernsehinterview geben soll? Oder denken wir an seine Selbstzweifel, die er in Dreimal schwarzer Kater (2003) aufgrund seiner Beziehung zu Katharina hat, oder seine spürbare Überforderung mit Betty in Der Frauenflüsterer (2005), oder seine offensichtliche Kränkung über die Vorwürfe, die Thiel ihm in Höllenfahrt (2009) macht, als sie beide durch den Wald stapfen.
I don't know who of the Tatort team needs to hear this but: PRETENDING to be untouchable is NOT the same thing as ACTUALLY BEING untouchable. Und Thiel war auch nicht die "Verkörperung des Mittelmaßes" für Boerne – seriously, what the fuuuccckkk!! Erstens würde Boerne überhaupt nicht so an Thiels Fersen kleben, wenn er ihn nicht auf menschlicher und beruflicher Ebene respektieren würde (dafür wäre er sich nun wirklich zu schade) und zweitens spricht diese Beschreibung Boerne literally jede Form von emotionaler Intelligenz ab. Genauso wie hier:
Tote sind für Boerne nur zu untersuchende Gegenstände, an denen er seinen Scharfsinn demonstriert. […] Axel Prahl zeigt als Thiel bei den Gesprächen am Seziertisch deutlich sein Unbehagen, auch nach vielen Jahren im Beruf, denn bei ihm steht fast immer die Empathie für die Opfer im Vordergrund. Für Boerne, dem Thiels Gefühle völlig gleichgültig sind, ist der Tod lediglich ein Arbeitsbeschaffer (S. 206).
Bei diesem Absatz ist mir wirklich die Kinnlade runtergefallen. Natürlich hat Boerne eine andere Distanz zu den Leichen als Thiel, das will ich auch gar nicht abstreiten. Aber sie „nur zu untersuchende Gegenstände“ zu nennen und den Tod „lediglich ein[en] Arbeitsbeschaffer“? WAS ZUM FICK. Es ist nicht so, als könnte Boerne die Tragweite eines gewaltvoll beendeten Menschenlebens nicht anerkennen, nur weil er zusätzlich ein wissenschaftliches Interesse an der Aufklärung dieser Gewalttat hat.
Boerne hat in den frühen Folgen ein hohes Maß an Gerechtigkeitssinn, wenn es um die Mordfälle geht, gerade weil er ein Maß an Verantwortung für sie empfindet, das über das eines bloßen Jobs hinausgeht. Boerne glaubt immer schon an die Notwendigkeit und Tugendhaftigkeit seiner Arbeit. Man denke nur an Fakten, Fakten (2002), eine Folge, in der Boerne wiederholt unterstellt wird, er würde seine Arbeit zugunsten seines alten Freundes Prof. Dreiden auslegen, um diesen zu schützen – bis sich schließlich herausstellt, dass er die ganze Zeit recht mit seinen Erkenntnissen gehabt hat. Mehrfach betont Boerne derweil die Gefahr, die vom noch freilaufenden Täter ausgeht. Und warum? Weil es ihm eben nicht reicht, den eigenen Scharfsinn zu demonstrieren. Weil es hier um mehr geht. Um echte Menschenleben eben.
Und ja, Boerne misst der Wahrheitsfindung einen derart großen Stellenwert bei, dass er dabei persönliche Befindlichkeiten hintanstellt, auch die von Thiel. Aber das heißt nicht, dass ihm „Thiels Gefühle völlig gleichgültig sind“ (seriously, Knut??) und vor allem heißt es nicht, dass er seiner Arbeit allein aus Geltungsdrang nachgeht.
Traut denn wirklich keiner Boerne die aufrichtigen Absichten zu, die er zu Beginn der Serie bereits unter Beweis gestellt hat? Versteht denn niemand, dass Boerne nicht Gerichtsmediziner geworden ist, weil er kein Mitgefühl für seine Mitmenschen empfindet, sondern gerade deswegen? Kann denn keiner sehen, dass Boerne in Bezug auf seine Arbeit nur deshalb so selbstsicher auftreten kann, weil er tatsächlich verdammt gut darin ist? BOERNE WAS ALWAYS SUPPOSED TO BE DEEPER THAN WHAT HE’S BECOME PLEASE CAN SOMEBODY HEAR ME OUT THERE!!!!
Und wenn ihr mich fragt (okay, niemand fragt mich, aber STILL), ist alles Gegenteilige eine Entwicklung, die seine Figur erst in der zweiten Hälfte der Münster-Ära durchgemacht hat – und den Grund dafür sehe ich ehrlich gesagt nicht in Boerne selbst, sondern in allmählich schlechter werdenden Drehbüchern, die sich nicht mehr die Mühe machen, ihren Figuren irgendeine Form von Dreidimensionalität zuzugestehen. Stattdessen reduzieren sie sie auf ihre oberflächlichen Attribute: Thiel = schlecht gelaunt, Boerne = narzisstisch. Und selbst diese Entwicklung ist nicht stringent (denn nicht einmal schlechte Charakterisierungen schafft der Tatort Münster einheitlich zu halten).
Und ja, ich sehe schon ein, dass das ein Teufelskreis ist: Die Figuren werden auf gewisse Stereotype reduziert, dementsprechend verändert sich die Wahrnehmung der Figuren, was dann wiederum Einfluss auf zukünftige Drehbücher nimmt und so weiter und so fort. Ich weiß, dass Boerne in manchen neueren Folgen genau so ist, wie er von Knut beschrieben wird. Aber das ist doch nicht die Essenz von Boerne. Oder? Ich dachte, wir wären uns alle einig, dass das die schlechten Drehbücher sind, quasi ein verzerrtes Bild von Boerne, eine Karikatur eben, aber doch nicht die Figur, die wir am Anfang der Serie kennen- und ja auch lieben gelernt haben.
Und dann gibt es in dem Buch auch noch ein Interview mit Mechthild Großmann zum Tatort, wo sie Folgendes sagt:
Mechthild: […] Thiel ist auch mit Boerne nicht befreundet, der Professor ist ebenso ein Gegenpart wie ich. […]
Knut: Aber ist da nicht doch manchmal eine geheime Sympathie zwischen dem Polizisten und der Staatsanwältin?
Mechthild: So weit würde ich nicht gehen, aber sie sind zumindest keine Feinde. Ich bin, was man oft nicht wahrnimmt, eben die Vorgesetzte (S. 198).
EXCUSE ME HAVEN’T WE BEEN OVER THIS A HUNDRED TIMES ALREADY I SWEAR TO GOD I’M GONNA START PUNCHING PEOPLE!! Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Schauspieler*innen aus dem Tatort Münster ihre Figuren überhaupt verstehen. Das Team hat so viel zusammen durchgemacht, so viele Erlebnisse miteinander geteilt, und nicht alle davon vor einem beruflichen Hintergrund. Ihr wollt mir erzählen, dass die Figuren miteinander essen gehen (Dreimal schwarzer Kater, 2003; Der doppelte Lott, 2005; Limbus, 2020 etc.) und den Weihnachtsmarkt besuchen (Väterchen Frost, 2019), aber sich NICHT EINMAL SYMPATHISCH FINDEN? HABT IHR DENN ALLE LACK GESOFFEN WAS IST DENN DAS!?
Und ich glaube, ich muss an dieser Stelle nicht aufzählen, wie viele Gründe dafür sprechen, dass Thiel und Boerne mindestens befreundet sind. Mindestens.
Und dann kommt Axel Prahl um die Ecke, der sagt:
Man hat ja auch eine Verpflichtung der Figur gegenüber, man ist ihr Anwalt (S. 192).
Ich finde das einen so wertvollen Satz und ich möchte Axel Prahl auch gar nicht absprechen, dass er sich mit genau dieser Einstellung für Thiel einsetzt. Aber was bringt uns das, wenn anscheinend alle Beteiligten dieser Serie eine zuweilen verquere Wahrnehmung ihrer Figuren haben?
Und ich will mich nicht mal hinstellen und sagen, dass ich die Wahrheit für mich gepachtet habe. Jede Person, die in einem Fandom aktiv ist, weiß ganz genau, wie viele unterschiedliche Lesarten es zu den Charakteren einer fiktiven Welt geben kann. Aber bei mir hört’s langsam einfach auf, wenn alles, was Boernes Figur einmal so interessant und vielschichtig gemacht hat, zu einer unsympathischen Karikatur verkommt. Oder wenn uns die Schauspieler*innen einreden wollen, es gäbe keine emotionale Nähe zwischen den Figuren. Hä?
Ich verstehe das alles nicht mehr. Mögen die ihre Figuren überhaupt noch? Und damit meine ich nicht: Macht es ihnen Spaß, die Figuren zu spielen? Nein, ich meine: Mögen sie die Figuren noch? Erkennen sie das Menschliche und Liebenswerte in ihren Figuren und auch in ihrem Miteinander?
Und wenn nicht – was machen sie hier alle dann überhaupt noch?
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Die jungen Leute, die beim Außendreh für die Absperrungen zuständig sind, bitten die Passanten freundlich, einen kleinen Umweg zu gehen, was diese, ohne zu murren, tun. Auch Axel wurde gerade von einem jungen Mann gebeten, nicht übers Set zu radeln, aber Axel weist ihn entspannt auf die unbedingte Notwendigkeit seiner Anwesenheit hin - das Missverständnis löst sich auf, und der Dreh geht los. Axel kommt mit dem Fahrrad ins Bild.
– Axel Prahl: »Was man liebt, braucht Zeit«. Eine Collage (Knut Elstermann, Axel Prahl), 2025
Wenn du jemanden gefunden hast der dich zum Lachen bringt, wenn dein Herz weinen möchte, dann halt ihn fest. Dieser Mensch wird es sein, der dein Leben für immer zum Besseren wandelt.
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