Schon wieder ein Jahr vergangen, schon wieder ist der Winter fast vorbei, während Mara nach Ewigkeiten wieder in ihrer Fensternische saß. Endlich kritzelte sie wieder in ihrem Skizzenblock rum. Es ist schon länger her, wo sie wirklich was gezeichnet, gemalt oder gebastelt hat. Sie dachte schon, dass ihre Begabung mit ihrem Vater zusammen damals vor fast einem Jahr begraben wurde. Sie dachte, dass sie nie wieder einen Pinsel, ein Stück Kohle oder einen Stift in die Hand nehmen würde. Sie hatte eigentlich die Hoffnung aufgegeben, je wieder was zu malen oder zu zeichnen.
Doch an diesem Tag war alles irgendwie anders als sonst.
Irgendwie hat etwas in ihr sie dazu verleitet, den Skizzenblock und einen Stift in die Hände zu nehmen, sich in die Fensternische zu setzen und drauflos zu zeichnen.
Solange sie zeichnete, lief ihre LieblingsLo-Fiplayliste. Nebenbei lauschte sie der Musik, wippte etwas mit und kräuselte ihr Haar beim Nachdenken. Der Stadt Alltag, die Autos, Fahrradfahrer und Busse zogen an ihr vorbei.
Ein Lied nach dem Nächsten spielte ab.
Nach und nach entsteht aus der schwammigen Vorstellung in ihrem Kopf ein immer mehr erkennbares Bild. Ein junger Mann, vielleicht grade mal zwanzig. Erschrocken und überrascht schaut sie auf den Skizzenblock, sie kannte diesen jungen Mann nicht und dennoch kam er ihr so vertraut vor. Ein Gefühl von Vertrautheit, Wärme, Freude und Neugier breitet sich in ihr aus, während sie das Bild betrachtete.
Ein junger Mann so um die zwanzig oder älter. Das Bild zeigte, wie er an einem runden Terrassentisch saß und einen Kaffee trank. In der rechten Hand den Kaffee, in der linken eine Zeitung. Flauschig weich wirkende Locken hingen leicht in sein Gesicht. Sein Gesichtsausdruck war ernst, aber dennoch entspannt. Ein Bein war angewinkelt auf dem Stuhl und das andere stand locker mit gekipptem Fuß auf dem Boden.
Er sah sehr gebildet und intelligent aus, lag es an der Brille, die er trug oder einfach an der Zeitung, auch beides könnte eine Rolle gespielt haben. Eins stand fest, Mara wollte wissen, wer er war.
Sie fing an, im Internet nach ihm zu suchen, doch wo fängt man an, so ganz ohne Namen? Sie ging auf Facebook, Instagram und weitere Plattformen. Sie durchsuchte ihre Follower, die denen sie folgte und nach einer weile schien die Suche sinnlos zu sein. Es war wie als ob sie nach einem Menschen suchte, der nie existierte. Die Nadel im Heuhaufen suchen genau so und noch schlimmer.