Secondo Pia, sein Name klingt wie ausgedacht, ist er ja auch. Er war Rechtsanwalt sowie Fotograf und hat dementsprechend das heiligste, echteste und wahrste Foto aufgenommen. Im Mai 1898, dem Jahr, in dem auch Bismarck starb und ein Foto des toten Fürsten zum Streitgegenstand deutscher Gerichte wurde, nahm Pia während einer Ausstellung im Dom, mit aufwendigem Beleuchtungspapparat, das Turiner Grabtuch auf. Das soll selbst wiederum das Bild eines Leichnams zeigen, manche wie Jesaja und Hölderlin sagen: eines (Friedens-)Fürsten. Der Osservatore Romano greift die Story im Juni 1898 auf, so wird die Aufnahme noch zu einem Coup.
In die Geschichte echter, wahrer und heiliger Bilder sind verdächtig häufig Juristen verstrickt, nicht nur durch die Bescheinigungen, für die sie als Profis für alles Gesetzliche und Gerechte (und seit der Enteignung der Wahrsager auch alles Wahre) zuständig sein sollen, sondern schon in der Produktion des Scheins. Um 1900 gibt es eine Hochphase magischer Bildproduktion, in dieser Zeit ist (das wurde häufig kommentiert) Mediengeschichte auch Geistergeschichte. Die Augen sollen selbst belichtet haben, man berichtet und begutachten inProzessen vor Gericht, dass die Augen der Opfer ihre Mörder aufnahmen und dies als Beweismittel zu nutzen sei. Das sind moderne Zeiten in denen echte Bilder auftauchen, aber zu anderen Zeiten tauchen sie auch auf.
In diese Geschichte echter, wahrer und heiliger Biler sind ebenso auffällig oft Bilder von Toten verstrickt. Das ist vielleicht ein bildrhetorischer Reflex, das liegt eventuell daran, dass das bildrhetorische Regime (das Bildrecht auch ist) die Übertragung, die Reproduktion schützt. Schutzobjekt ist die Reproduktion in einem 'hohen Sinne', auch die Reproduktion des Rechts, in der der Körper ein Medium der Reproduktion des Rechts und aller Normativität ist. In toten Körpern scheint diese Reproduktion besonders prekär, da droht die Kette zu zerreissen, allein schon, weil da die Verwesung und der Streit um das Erbe einsetzt.
Leichname sind neuralgische Stellen, ein bisschen wie übersäuerte Muskeln oder wie etwas, an dem man gerade deswegen hängen bleibt, weil man es vermeiden will, ein bisschen vielleicht wie Kants Lampe. Zumindest reagieren Juristen und andere Leute, die Recht haben wollen, sensibel auf die Bildern von Toten, da drehen sie irgendwie fast alle auf. Da wird der Stil schnell pathetisch, da rücken Pathosformeln ins Bild, da wird für das ganze Bild Pathos gefordert, da wird auch das Recht energisch.
Pia reproduziert zwar nur das Turiner Grabtuch, als Urheber des Bildes geht er im strengen Sinne nicht durch. Aber auch das Turiner Grabtuch hat keinen Autor, es ist ein acheiropoieton, eine ohne Hand gemaltes Bild, so wie das Foto ein ohne Hand gemaltes, ein sogar gänzlich ungemaltes, in dem Sinne urheberloses Bild und gerade darum besonders echtes, wahres und dem Heiligen nahes, wenn nicht sogar selbst heiliges Bild sein soll.
Weil das Foto des Grabtuches sogar noch viel mehr von Christus zeigen soll, als das Original, soll die katholische Kirche das Fotos als Teil der devotionablen Objekte anerkannt haben, was dieses Foto eben zum untechnisch gesprochen 'heiligsten' Fotos aller Zeiten machen würde. Untechnisch? Die Besonderheit katholischer (überhaupt christlicher) Medialität bestünde in einer Kombination aus Hierarchie und Fürbitte, heißt es bei Leslie Brubacker. Vielleicht ist das das Erfolgrezept, die Götter in einen völlig abstrakten und damit nicht wirklich anrufbaren Gott verwandelt und damit den Bedarf nach Intermediären nicht nur gesteigert zu haben, sondern die Intermediäre noch stärker verweltlicht und in alle Nachbarschaften verlegt zu haben. Zuständig für alles, aber dem Volk dadurch auch zuständig für nichts, das könnte der monotheistische Gott sein, her mit den Heiligen, besser noch: her mit ihren Körperteilen, die wären nämlich noch feiner unter- und verteilbar. Der Kontakt zum Göttlichen wird im Christentum nicht nur außerordentlich raffiniert und exakt skalierbar, er wird auch 'franchisierbar', in breiter Angebotspalette vertreibbar. No intercession without concession. Das darf man nicht unterschätzen, indem man es für ein bloß ökonomisches Gesetz hält. Die Geburt des Bildes aus dem Geist der Reliquie bzw. aus den Körperteilen Heiliger, aus den Überresten und Stücken dessen, was uns lieb und teuer sein soll oder was wenigstens das Liebe und Teure bewahren soll, das ist eine alte Geschicht', nur für alle und alles gilt sie nicht ( etwa für Warburgs Polobjekte würde sie nicht gelten).
Ist es schon Zeit für einen neuen Anwalt, der die heiligste Photoshopbearbeitung des Fotos von Secondo Pia erstellt oder der den heiligen Alghorithmus, den heiligsten Bildsensor zur Aufnahme des Grabtuches entwickelt? Wer, wenn nicht ich?