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Miss Vismann, und: Missbrauch von deutschem HeerengerÀt
Wenn GerĂ€te ihre Gebrauchsweise vorgeben, kann man sie dann missbrauchen? Kann man zum Beispiel die Bilderlisten des römischen Verwaltungsrechts dafĂŒr verwenden, Tropenrecht und amazonische Verwaltung zu erklĂ€ren? Cornelia Vismann konnte Texte und Bilder und sogar HeerengerĂ€t Kittler missbrauchen. Sie kann es, also geht es auch. Kann der Pflug zu etwas verleiten und verfĂŒhren? Er kann, also geht es auch. Kann man Texte doof lesen? Die Leute können es, also geht es auch. Kann man nitverstan? Die Leute können es, also geht es auch. Kann man Texte verkĂŒrzen? Die Leute tun es, also geht es auch. Kann man Texte klug lesen oder sogar verlĂ€ngern? Die Leute tun es, sie können es, also geht es auch. Am Ende geht alles, paene omnia decent. Man kann darum die Frage nach dem Begehren und nach der WiĂbegier noch einmal und immer wieder in den Blick nehmen. Muss man nicht, kann man aber. Die 'deutsche Kulturtechnikforschung' kann das, also geht es auch.
Kann man mit einer Espressomaschine Auto fahren? Das geht! Ist manchmal schwer, etwa wenn man die Maschine zum Auto umbauen will, aber auch das geht, man brÀuchte allerdings zusÀtzliche Mittel. Leicht ist es, wenn man die Maschine ins Auto einbaut.
Kann man mit einem Pflug Pommes produzieren, aber auch Rom grĂŒnden? Um solche Fragen zu stellen und zu beantworten, kann man zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken forschen. Im Wintersemester sogar wieder am Fachbereich der Goethe-Uni. Kann ich Miss Vismanns Arbeiten missbrauchen? Ricardo Spindola schlĂ€gt es nicht nur vor, er tut es auch, groĂartig mit seiner Ăbersetzung von Vismanns Aktenbuch ins Portugiesische. Er ĂŒbersetzt Akten mit Autos, das ist Anthropofagie. Wenn der Vismann missbraucht, weil er es kann, dann geht es auch. Können einem da die Haare zu Berge stehen? Sie tun es ja, also können sie es auch, also geht es. Paene omnia decent. Das decorum stellt sich immer ein. Rechtswissenschaft ist nicht nur eine Wissenschaft des Passenden, sie ist auch eine Wissenschaft des Passierenden. Es gibt eine normative Kraft des Kontrafaktischen, weil es Kontrafakturen gibt - und die kreuzen, auch so wie Schiffe es tun. Wenn es stimmt, dass das Recht mit kontrafaktischer Stabilisierung zu tun hat, dann hat es mit faktischer UnbestĂ€ndigkeit zu tun.
Kann man den Vestingismus Ă€ndern? Klar geht das, muss man aber dann operativ machen. Ich erklĂ€re mich hiermit als einzig wahren Nachfolger von Thomas Vesting. Gute Kunst muss verbessert werden. Der Vestingismus muss vor seiner Verachtung, vor den Subjekten und Objekten seiner Verachtung dringend geschĂŒtzt werden. Das ist: Vestingism soleil levant. Je aurora desto voran.
Die Praxis 'deutscher Kulturtechnikforschung'
1.
Wenn man wiĂbegierig ist und etwas von Praxis wissen will, dann schaut man sich Praxis an.
Wenn man wiĂbegrierig ist und etwas von Kulturtechnikforschung wissen will, dann schaut man sich Kulturtechnikforschung an.
Will man etwas ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Praxis und Kulturtechnikforschung wissen, dann schaut man sich Kulturtechnikforschung in der Praxis an.
Man kann das im Moment in der Schirn machen, wir machen darum im Juli eine kleine Exkursion in die Schirn. Exkursion ist exzessive Rekursion. Die Ausstellung wurde von Antonio Somaini kuratiert. Der ist zwar nicht unbedingt Deutscher, aber sobald seine Texte auf deutsch geschrieben sind, zĂ€hlen wir ihn groĂzĂŒgig zur 'deutschen Kulturtechnikforschung'. Seine Forschung hat teilweise in Deutschland an einem der Zentren der Kulturtechnikforschung stattgefunden, auch darum sind wir mal ganz groĂzĂŒgig und zĂ€hlen ihn zur deutschen Kulturtechnikforschung. Antonio Somaini arbeitet mit Texten deutscher Kulturtechnikforschung, noch so'n Grund, seine Wissenschaft einmal als Teil 'deutscher Kulturtechnikforschung' zu betrachten.
Somaini war Fellow am IKKM in Weimar, das war wohl 2015 gewesen, kurz nachdem ich dort vier Jahre lang zur Geschichte und Theorie der Kulturtechniken gelehrt und geforscht habe, aber immer noch auftauchte, auch wegen PrĂŒfungen, Kooperationen und wegen der Freundschaften, die sich gebildet hatten . Ein paar mal habe ich Somaini dort gesehen, und wir haben immer sehr angeregt uns unterhalten. Ich hatte damals dort Unterricht, auch zu Aby Warburg und zum Atlas gemacht, er forscht und lehrt auch zu dem. Ăber das VerhĂ€ltnis Benjamin und Warburg haben wir geredet, also auch ĂŒber magische und mantische Praxis (Divination), also auch ĂŒber Wolfgang Kemp, der die Warburg-Renaissance von 1975 mit einem kleinen Text ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen Warburg und Benjamin initiiert hatte. Ăber Cornelia Zumbuschs Arbeit haben wir gesprochen. Ăber den irren, den fantastischen, den sprudelnden und nie versiegenden SchĂŒttpelz haben wir gesprochen - und ĂŒber Georges Didi-Huberman, der auch in Weimar, neben Berlin dem zweiten Zentrum der Kulturtechnikforschung, Fellow gewesen war und dort eine sensationelle PrĂ€sentation seiner Ăberlegung zum Atlas vorgefĂŒhrt hatte. Diese GesprĂ€che waren kurz und wie alles Schöne und LiebeswĂŒrdige viel zu kurz, das war wie Quartettspielen in Grundschulpausen. Et in Weimar ego, fantastische Zeit dort. HeiĂt nur nix, denn selbst et in arcadia ego ('auch der Tod kommt nach Arkadien'). Man kann sich auf Diagnosen nicht ausruhen, auf schönen Zeiten auch nicht. Man geht ja sowieso vorĂŒber, aber vorsorglich sei mit Nietzsche gesagt: daran soll man vorĂŒbergehen, ohne Nietzsche ergĂ€nzt: unabhĂ€ngig davon, ob man es lieben kann oder aber nicht . Man soll passieren. Man ist, auch was Kulturtechnikforschung und Recht angeht, ohnehin Passant und Passagier, also soll man auch passieren.
2.
Antonio Somaini hat in den deutschen Zeitschriften zur Kulturtechnikforschung AufsĂ€tze publiziert. Ich kenne seine Arbeiten, nicht nur die Texte, auch das, was er jenseits der Textproduktion macht, eben auch die fantastische Austellung in der Schirn. Das ist schlieĂlich meine Aufgabe, dafĂŒr werde ich als Rechts- und Bildwissenschaftler und als Forscher und Lehrer zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken am MPI bezahlt. Es wĂ€re seltsam, wenn ich meine Aufgabe nicht ernst nehmen wĂŒrde.
Sobald etwas publiziert ist, kann es zur Theorie gerinnen, muss aber nicht sein. Es kĂ€me aus Theorie, es ginge in Theorie. Es kĂ€me aus der Praxis, es ginge in Praxis. Somainis Schreiben hat eine Praxis - und Kulturtechnikforscher mĂŒssten schon seltsam denken, wenn sie glauben wĂŒrden, Kulturtechnik sei keine Praxis und habe auch keine Praxis, Praxis sei keine Kulturtechnik und habe keine Kulturtechnik. Seltsam wĂ€re es, wenn sie sagen wĂŒrden, Kulturtechnikforschung stĂŒnde ĂŒber der Praxis. Seltsam wĂ€re es wenn, sie glauben wĂŒrde, dass sie nicht selber kulturtechnisch operieren oder wenn sie glauben wĂŒrden, sie operierten zwar kulturtechnisch, aber so seien weder Experimente noch Innovation möglich. Seltsam wĂ€re es, wenn Kulturtechnikforscher Autoren wĂ€ren, die glauben, sie seien in Wirklichkeit keine Autoren und in Wirklichkeit wĂŒrden höhere oder niedere Wesen ihnen befehlen oder sie dazu zwingen, zu schreiben, was sie schreiben. Seltsam wĂ€re es, wenn sie ihren Subjektstatus und den als Person fĂŒr Schwachsinn oder LĂŒge, fĂŒr den Trick böser MĂ€chte und nichts als einen Trick böser MĂ€chte halten wĂŒrden. Aber man kann natĂŒrlich nicht ausschlieĂen, dass die ziemlich doof sind, diese Kulturtechnikforscher, besonders die Deutschen.
Glaubt jemand, Cornelia Vismann hĂ€tte nicht in ErwĂ€gung gezogen, dass sie eine originelle Autorin ist? Kennt man die Geschichte mit den Zetteln, die sie dem Merve Verlag zugesteckt hat, damit Kittler nicht behaupten kann, er hĂ€tte ihre Texte geschrieben? WeiĂ jemand, dass Kittler behauptet hat, Vismann hĂ€tte das aus Bescheidenheit getan? Ich kann einiges nicht wissen. Ich kannitverstan, diese Technik habe ich insbesondere wĂ€hrend meines Jurastudiums und in Praxis einer Moskauer GroĂkanzlei, aber auch in kleinen Kanzleien gelernt. Ich kann also durchaus etwas weder wissen noch verstehen. Ich kann aber im Falle von Kittlers These ĂŒber Vismann 'mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit' ausschlieĂen, dass Madame de Lansaque aka Bianca Lanz aka Cornelia Vismann auch nur ein Fitzelchen ihrer Aktionen aus Bescheidenheit heraus getan hĂ€tte. Man begrĂŒndet seine Liebe nicht. Tolle Eigenschaften von geliebten Leuten gibt es immer gratis dazu, immer oben drauf. Man gibt dem Tod keine GrĂŒnde, man gibt der Liebe keine (es sei denn, man ist doof oder zwar schlau, will aber auch noch die FamilienrechtsanwĂ€lte fĂŒttern). Bei Cornelia Vismann war eine dieser Zugaben ihre unbedingte Unbescheidenheit. Nicht erst die Kulturtechnikforschung hat die Innovation entwickelt, SĂ€tze dadurch auszulegen, dass man mehr tut als mit den Fingern auf diese SĂ€tze zu zeigen und dann anzumerken: sehr ihr, da steht es doch!
Ich kenne nicht nur die Praxis der deutschen Kulturtechnikforschung, ich betreibe diese Praxis auch selkbst, professionell und implizit seit 1996, also seit dem ersten Staatsexamen, dem Rferendariat und der Arbeit fĂŒr Bazon Brock, explizit seit 2010, und zwar Tag und Nacht mit Stiften, Zetteln, BĂŒchern, Filmen, Theaterarbeit, Fotos und Tafeln. Gute wissenschaftliche Praxis, aber nicht nur das, sondern auch der Versich, etwas an deutscher Rechtswissenschaft zu verĂ€ndern. Ich weiĂ wohl: das geht nur durch das Exempel, nur indem man etwas vorfĂŒhrt. Wissenschaft ist in der Frankfurter Schule, Abteilung Benjamin, Ă€sthetische Praxis. Neben Alexander Kluge ist mir insoweit Bazon Brock der Vermittler der Frankfurter Schule. Wissenschaft ist auch Ă€sthetische Praxis, meine Forschung und Lehre ist ohne VorfĂŒhrung nicht denkbar. Ich schĂ€tze und ehre Kollegen, die wiĂbegierig sind und sich fair mit deutscher Kulturtechnikforschung auseinandersetzen. Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurĂŒck.
2.
Es kursiert die These, deutsche Kulturtechnikforschung wĂŒrde in Sachen Recht die Kulturtechnik ĂŒber die Praxis stellen. Diese These wird mit einem Text von Cornelia Vismann assoziiert, den ich gemeinsam mit Markus Krajewski ein zweites mal herausgegeben habe, nĂ€mlich auch in einer Auswahl ihrer Texte, die unter dem Titel das Recht und seine Mittel im Fischer Verlag erschien. Eine englische Ăbersetzung und Auswahl, die auf dieser Publikation beruht, erscheint im September ĂŒber Stanford University Press. Anthony Enns hat das besorgt. Dort hat man andere Thesen zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken als am Frankfurter Fachbereich. In Stanford meint man, was wir tĂ€ten, sei experimentell und innovativ. Und man liest unsere Texte mit allen AmbiguitĂ€ten, Spannungen und WidersprĂŒchen. Man achtet dort auch auf die Praxis der Theorie. Man ist dort wiĂbegierig.
Diese These, Kulturtechnikforschung stelle die Technik ĂŒber die Praxis und habe eine verkĂŒrzte Sicht auf Medien, Kultur und Technik wird nur am Frankfurter Fachbereich von meinen Kollegen vertreten, da aber gleich von mehreren Personen. GlĂŒcklicherweise interessieren sich deutsche juristische Fachbereiche eher wenig fĂŒr unsere Arbeit. So bleibt und nĂ€mlich mehr Zeit, diese Forschung zu betreiben. Aber der Frankfurt Fachbereich, das ist ja auch meiner, der interessiert sich dafĂŒr - und von dort kommen die erstaunlichsten Thesen ĂŒber meine Arbeit und die von Cornelia Vismann. Kritisiere ich die Kritiker, sagen mir Kollegen, ich so froh sein, dass ĂŒberhaupt jemand Vismann und Steinhauer liest. Es ist schon auch lustig, aber nicht nur lustig.
Mein Verdacht lautet, dass einige gar nicht wissen, dass ich dort vier Jahre lang das fortgefĂŒhrt habe, was Vismann dort zwei Jahre gemacht hat. Erstaunlicher Weise wird die These von der VerkĂŒrzung auch auf die Lesart eines Kollegen gestĂŒtzt, der seine Lesart selber als VerkĂŒrzung bezeichnet - und der nicht erklĂ€rt, warum er die Wissenschaft so verkĂŒrzt, obschon er es doch besser weiĂ. Meine These wĂ€re simple: Kollegen sollen gekĂŒrzt werden, damit man lĂ€nger scheint. Manche glauben, sie stĂŒnden dann schlauer da, ist aber ein Fehlschluss. Manche wundern sich, warum ich mich darĂŒber Ă€rgere, dass die Frankfurter Kollegen mit der Arbeit, die ich seit 2010 mache und die mir gröĂte Herzensangelegenheit ist, so umgehen. Schwamm drĂŒber? Schlusstrich? Ich schaue deswegen so sicher und zuversichtlich nach vorne, weil ich einen RĂŒckspiegel besitze und mich so versichere, dass da nicht wieder was kurz und klein gemacht wird. Sollen die Kritiker froh sein, dass wenigstens ich sie lese. Die Zukunft kann man nicht Ă€ndern, denn besitzt noch keine Version, die zu Ă€ndern wĂ€re. die Gegenwart ist ein GerĂŒcht, also Ămmerhin normatives Material. Die Vergangenheit lĂ€sst sich Ă€ndern - die Theorie ist geschichtet, sie umzuschichten ist Praxis. Selbst unter den engen Kollegen und Freunden gibt es welche, die nicht verstehen, warum ich mich, meine Arbeit und die von Cornelia Vismann so passioniert und inbrĂŒnstig verteidige. Das ist aber doch völlig eindeutig: Das ist meine Beruf, das ist meine Herzensangelegenheit. Ich habe auch anderes zu tun als mein Werk zu verteidigen, tue es ja auch den lieben langen Tag. Aber ich gebe garantiert nicht auf, auch mein Werk und das von Vismann zu verteidigen.
'Die deutsche Kulturtechnikforschung' schaut sich die Praxis von These ĂŒber Kulturtechnikforschung und ihrer Zirkulation an: Wie sind SĂ€tze geschrieben worden, die so behaupten, dass die Kulturtechnikforschung die Kulturtechnik ĂŒber die Praxis stellen wĂŒrde? Was assozieren die Autoren mit einer solchen These, was trennen sie damit, welche Wechsel oder welche Austauschmanöver nehmen sie damit vor? Was sind ihre Interessen? Wie setzen sie ihre Praxis der Thesenbildung technisch um? Welche Rolle spielen dabei Insitutionen und welche Rolle die Praxis, die Vismann und ich Instituieren nennen.
Solche Thesen versteht ich kulturtechnisch als Operationen. Solche Thesen können experimentell und innovativ sein. Es kann sein, dass diejenigen, die solche Thesen aufstellen, sie ins Blaue hinein aufstellen, ohne sich die Praxis oder die Theorie der deutschen Kulturtechnikforschung anzuschauen und ohne mit einem deutschen Kulturtechnikforscher auch nur einmal geredet zu haben. Es gibt Leute, die halten so etwas dann zwar nicht fĂŒr gute Rechtswissenschaft, ich gehöre aber nicht dazu. Ich wĂŒrde sagen: Gerade solche Behauptungen ins Blaue hinein, solche geballten Thesen, so ein vagues und bolisches Schreiben kann Ă€uĂerst innovativ und experimentell sein. Rechtswissenschaft ist eben nicht nur Wissenschaft, in der Autoren AutoritĂ€ten zitieren und die Kette der Zitate korrekt bis zu den Quellen zurĂŒckverfolgt werden kann.
Die (Kontra-)Signatur ist eine Bindung von Personen and Schreib- und Bildakte. Das ist jene Operation, die Bruno Latour 'zittrig' nennt und die zitierbar macht. Sie bindet nicht nur. Sie ist auch eine Scheidekunst, sie ist von einer Trennung durchzogen, die man im Kontext des Autopen und eines Streites um den Patriot Act als Fleck und Kerbe bezeichnet. Schon die (Kontra-)Signatur, die Vismann zu den Akten zĂ€hlt und mit amazonischen Wellenlinien, den Bilderlisten römischen Rechts, mit Kafkas TĂŒrhĂŒterliteratur und mit Kafkas Saum, mit dem Ideogramm der Kanzleien, mit Albertis Schleier und velum und schlieĂlich mit dem Entzug von Phrynes Tracht assoziiert, ist eine kulturtechnische Operation, die auch dann noch experimentell und innovativ sein kann, wenn ein Autor einen Satz abschreibt und dann unterschreibt und in dem Moment nur limitiert wissen kann, was er da gerade tut, wenn er etwas unterschreiben kann.
Kulturtechnikforschung interessiert sich nicht nur fĂŒr das 'Was', sondern auch fĂŒr das 'Wie'. Was Leute sagen oder schreiben, das ist interessant, wie sie es tun, das ist auch interessant. Bildregeln, das ist eine Studie zum juristischen Bilderstreit, ist eine Untersuchung zu juridischen Kulturtechniken. Was beschreibe ich dort: Bildgebung und Bildrhetorik vor Gericht, vor dem Parlament und in moderner deutscher Rechtswissenschaft. Wie mache ich das? Wie funktioniert das Schreiben dort praktisch? Rekursiv, also einchlieĂlich Bildgebung und Rhetorik. Das technische Vokabular der aktuellen Kulturtechnikforschung kommt dort nicht vor, weil der Text noch vor den vier Jahren geschrieben wurde, als ich dort geforscht und gelehrt habe und dort auch wegen dieses Buches (und wegen des Buches ĂŒber Gerechtigkeit als Zufall) dorthin eingeladen wurde, die Professur fĂŒr die Geschichte und Theorie der Kulturtechniken zu vertreten. Wenn mir heute Frankfurter Kollegen erklĂ€ren, was deutsche Kulturtechnikforschung sei, weiĂ ich immer, dass in den vier Jahren zu den vielen eEnladungen nur ein einziger Frankfurter Kollege kam. Der vertritt seit dem Ă€uĂerst mutige Thesen zur deutschen Kulturtechnikforschung - öffentlich höflich und im Ton des Objektiven und der NeutralitĂ€t- und jenseits davon durch den berĂŒhmt-berĂŒchtigten Flurfunk, der mich immer wieder ĂŒber gröĂere und kleiner Umwegen erreicht.
This does not stand: sheep sleeping in their own secrets. Ich schlage immer zurĂŒck, jedes mal auf's neue. Innovation und Experimente haben sonst keinerlei Effekte und Folgen. Irgendwann mĂŒssen sich Thesen auch praktisch bewĂ€hren. Im Wintersemester werde ich am Fachbereich unterrichten - in der Höhle des Löwen. Es wird um Bilder und Kulturtechniken gehen, um was sonst?
In der 'deutschen Kulkturtechnikforschung' gibt es den Begriff der Ăhnlichkeitsunruhe und den der UnĂ€hnlichkeitstruhe. Das sind, sagen wir es so, experimentelle und innovate Begriffsbildungen. In einer Studie zu Regel und Fiktion, vor allem zur normativen Kraft des Kontrafaktischen, habe ich von Vorahmung gesprochen, das war auch eine innovative und experimentelle Begriffsbildung. Es wĂ€re seltsam, wenn ich irgendwann einmal Kulturtechnikforschung ohne Experimente und ohne Imagination und Innovation versuchen wĂŒrde. Das kommt aus einer UnbestĂ€ndigkeit und einer Unruhe, die mir so etwas wie eine Lebensfrage ist. How to reign the rain? Das ist eine Unruhe, die mit einer Enge und einer Fröhlichkeit assoziert werden kann (also mit dem, was Didi-Huberman als Element eines Atlas und einer 'anxious gay science' oder unruhigen fröhlichen Wissenschaft ausmacht. Diese Unruhe hĂ€ngt an der Dynamik von AffinitĂ€ten und Verwandtschaften. Sie geht mit der UnbestĂ€ndigkeit, auch der UnbestĂ€ndigkeit der AffinitĂ€ten und Verwandtschaften einher
Der erste Begriff, also derjenige der Ăhnlichkeitsunruhe, taucht in einem Text zu Giorgio Agamben und dort in bezug auf rhetorische Ensemble und rhetorische Institutionen, auf. Er wird dort mit dem Begriff decorum assoziiert. Decorum kann man als nomen actionis lesen, dann meint der Begriff die Praxis und Kulturtechnik einer Musterung, auch solcher Musterung, die Ăhnlichkeiten und UnĂ€hnlichkeiten registrieren soll. Agamben hat einmal Texte geschrieben, die Bilder verkehrten. Er operiert an einer Unterscheidung, die Luhmann (nicht ich) als aufkommende Leitdifferenz in Verdacht hatte, nĂ€mlich derjenigen von Inklusion und Exklusion. Im Bild sollte erscheinen, was auĂerhalb des Bildes bleiben sollte. Agamben entwarf mit der Figur des Homo Sacer ein Vexierbild, das ist dem vexillum verwandt. Die Unruhe seines Projektes, das zu sĂ€umigen Zeiten auf- und abtauchte, ist Teil einer Entwicklung, zu der u.a. Sylvia Sasse ein Buch ĂŒber das Verkehren geschrieben hat. Agamben wird von 'deutschen Kulturtechnikforschern', zumindest von mir, insofern nicht nur als Rechtstheoretiker, sondern auch als Gestalttheoretiker, vor allem aber auch Praktiker der Form, nĂ€mlich unter anderem als Mime, Actor oder Filmschauspieler gelesen. Agamben hat in Pasolinis Verfilmung des Evangeliums nach MathĂ€us mitgespielt.
Die These war damals, dass Agamben an und in einer Unruhe operiert, die mit der Unterscheidung zwischen Ăhnlichkeit und UnĂ€hnlichkeit zu tun hat. Vielleicht ist Agamben fĂŒr so eine Unruhe ein zwar sehr bekanntes, aber doch auch, bei aller Wirksamkeit und öffentlichen Praxis von Agamben, doch eher theoretisches Beispiel. Die Art und Weise, wie Algorithmen heute Texte und Bilder generieren, ist auch ein Beispiel fĂŒr das, was ich Ăhnlichkeitsunruhe nenne. Wo die bemerkt wird, gibt es UnĂ€hnlichkeitstruhen: Man packt was ein, damit es nicht zu unruhig wird. Wie komme ich jetzt drauf? Gute Frage. Gute Frage verdienen gute Antworten. Im Begriff 'deutsche Kulturtechnikforschung' und im Begriff 'Frankfurter Kollegen' könnte gerade eine gewisse Ăhnlichkeitsunruhe mitlaufen. Ist aber nur eine These, nur ein Experiment. Wenn Leute von Texten gemeint sein wollen und sich doch nicht wiedererkennen können, dann könnte diese Unruhe im Raum sein. Wie innovativ dieses Experiment sein wird, das wird die Zukunft zeigen. Vielleicht Ă€ndert sich ja doch mal was unter den Frankfurtkollegen, vielleicht bewegt sich deutsche Kulturtechnikforschung doch mal einen Zentimeter den Frankfurter Kollegen entgehen. Immerhin gibt es noch Einladungen und Gastgeber. Vielleicht kommen die Frankfurter Kollegen der 'deutschen Kulturtechnikforschung' doch mal einen Zentimeter entgegen, um sie sich einmal aus der NĂ€he, Live und in Farbe anzuschauen.
Vestingism soleil levant
Sie ist gerichtet! Ist gerettet!
Sie (30) erpresst ihn (63) mit Bordellfotos: so stellt Bild an anderer Stelle, hinter den Fotos aller Beteiligten, den Fall nach. Faust auf's Auge.
Wenn, wie Adorno behauptet, das Recht des Bildes in der treuen DurchfĂŒhrung seines Verbotes gerettet ist, dann ist dieses Recht im Bild, von mir aus auch in der Bild, gerichtet. Wenn dann noch dialektisch zu geht, dann machen es die Laster versiert und verkehrt.
Desasterrecht: Ausbildung in alltĂ€glich professioneller Meldungs- und GemĂ€ldelektĂŒre, incl. Presse- und Bewegtbildikonographie. Der Alltag ist ikonographisch gut informiert, er ist schon ein ikonographisches Protokoll. Desasterrecht: Ausbildung zur Forschung und Lehre, die forsch und gelehrt, dabei auch graphisch ist.

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Wozu Augustgast sein?
Im letzten August war Bruno, mein Cicerone von Recife, mein Augustgast am Institut. Der Forschungsaufenthalt galt der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Was wissen wir vom Mord? Das war im letzten Sommer unsere gemeinsame Forschungsfrage. Mit den Ergebnissen hat er jetzt eine gröĂeres Forschungsprojekt ĂŒber Capes und die Humboldt-Stiftung eingeworben. Wir kooperieren. Bruno behauptet nicht, dass die Rechtswissenschaft nichts von der Aussenwelt, nichts von Ăkonomie, Kultur, Medien, Technik oder Bildern wĂŒsste. Er behauptet, und zeigt es plausibel, dass seine Disziplinen, die Psychologie und die Journalistik, keine Nachbarwissenschaften, sondern historische Rechtswissenschaften sind. Luiz Gama, das hat Bruno Lima gezeigt, ist kein Nachbar der Rechtswissenschaft, der ist historischer Rechtswissenschaftler. Aby Warburg ist kein Nachbar der Rechtswissenschaft, er ist historischer Rechtswissenschaftler. Das Wissen um's Recht ist ohnehin limitiert, dieses Wissen muss ohnehin bestritten, also auch aufgebracht und unterhalten werden. Da macht es den Kohl nicht fett, wie man seine Rechtswissenschaft nationalisiert und dafĂŒr sorgt, dass das Wissen eingebĂŒrgert wird. Man kann die QualitĂ€t eines Rechtswissenschaftlern am Staatsexamen aufhĂ€ngen, und anders geht es auch. Man kann das provinziell angehen, man kann es kosmopolitisch angehen. Am Ende geht alles, denn wo, wenn nicht am Ende, ist's ausdifferenziert.
Bruno Vieira geht wie ich davon aus, dass die Klage ĂŒber die Grenzen der Rechtswissenschaft zur Geschichte der Melancholie zu zĂ€hlen ist. Die Klage, bislang wĂŒĂten Juristen und ihre Rechtswissenschaft' ĂŒber bestimmte Themen nichts, zumindest nicht richtiges, ist nicht nur melancholisch. Ihr kommt ein GedĂ€chtnis zur Hilfe, das stolz oder kurz ist. Die bedingte UniversitĂ€t liefert fĂŒr so eine Klage ein gĂŒnstiges Biotop. Der Staat, also meine schlimmste Zeitschrift aller Zeiten, veröffentlicht mindestens einmal im Jahr den Aufsatz von Kollegen, die dann auch einmal behaupten dĂŒrfen, zu ihrem Thema gĂ€b es bisher nichts, bisher habe kein Jurist ĂŒber den Körper, die Seele, die Affekte, die Emotionen, die Pflanzen, die Tiere, die StĂ€dte, die BĂŒcher, die Bilder, die Wirtschaft oder das All nachgedacht. Bin ich der einzige den das zum Hals heraus hĂ€ngt und dann unter Palmen treibt? Law Bar unter Palmen, wenn es das nicht gĂ€be!
Ludwig Binswanger hat in seinem Buch zur Melancholie und Manie am Fall David BĂŒrge die These entwickelt, dass das Thema der Melancholie vollstĂ€ndig und leicht auswechselbar sei. Man hat immer was, was einem fehlt.
Bruno geht dem nicht auf den Leim. GlĂŒckwunsch dem Bruno! GroĂer Erfolg! Kulturtechnikforschung strikes back! This does not stand: sheep, sleeping in their own secrets.
Bin gespannt, wer in Zukunft Augustgast sein und auch kooperieren will. Herzlich willkommen im Luxus!
THE ART OF THE DEAL
Begehren bilden, oder: TĂŒrhĂŒternews!
1.
In ihrem Buch zu den Akten beschreibt Cornelia Vismann das Begehren als dasjenige, was von Tor zu Tor, von TĂŒr zu TĂŒr oder von Fenster zu Fenster gehe. Sie spricht dem Begehren nicht seine Natur ab, sie nimmt aber seine Bildung in Betracht, damit auch sein Artifizielles, Technisches und KĂŒnstliches. Das Begehren, zumal dasjenige, das informiert ist, ist dezent. Das Begehren, so arbeitet Warburg es heraus, ist die Betrachtung. Wer begehrt, trachtet nach etwas, und sei es, dass er Bildern nachtrottet.
Wo sich Formel staffeln, entweder stapeln oder hĂ€ufen, und wo dann Bilder in Bildern oder Bilder auf Bilder folgen, da wird die Betrachtung nicht nur rekursiv, sie wird protokolliert dann nicht nur diplomatisch (wird also selbst nicht nur ein diplomatisches Protokoll). Die Betrachtung wird dann auch kommentarförmig. Wolfgang Kemp spricht in solchen FĂ€llen von Glossen (das sind Kommentare) besonderer Art, nĂ€mlich von Heteroglossen. Auch wenn Bilder in Bilder erscheinen oder sich etwas staffelt, stapelt und hĂ€uft, formiert sich ein Begehren, das verkehrt. Es homogenisiert sich nicht unbedingt. Ob es sich unbedingt heterogenisiert? Der Vermehrungsdiskurs ist mein Ding nicht. Das Begehren kreuzt. Es geht von Tor zu Tor, von TĂŒr zu TĂŒr, von Fenster zu Fenster. Das Tor, die TĂŒr, das Fenster: klamme Stellen, knappe Passagen, an denen das Begehren deutlich wird, sogar deutlich ausschlĂ€gt, weil's klamm und knapp wird.
2.
Das Begehren wird gebildet, innerhalb der erste fĂŒnf Jahre etwa in surrealer Hochausbildung, dann geht's ab in die Schule. Man könnte eigentlich, bei allen Nachteilen des Stolzes, stolz darauf sein, dass das Begehren gebildet ist und das ausschlagende Wesen durch Instituierung selbst so kleine Institutionen werden. Aber liest man, wie manche Leute Friedrich Nietzsche lesen und sich dann darĂŒber Ă€rgern, wie er von Bildung spricht und wie sie dann sich beeilen zu sagen, sie wĂŒrden ihre Kinder nicht fabrizieren, nicht erziehen, nicht abrichten, sondern natĂŒrlich wuchern und frei ausrichten lassen, dann wird deutlich, dass die Leute auch einmal nicht Stolz auf ihre Bildung, dafĂŒr dann umso stolzer auf ihre Natur sein können.
Visman bezieht die Bildung des Begehrens auch auf den optischen Apparat, den Alberti velum (Schleier) und Fenster nennt. Das ist ein bekanntes Motiv, DĂŒrer hat dazu eine sehr berĂŒhmte, aber auch subtile Zeichnung in einem seiner LehrbĂŒcher platziert. Welches Bild meine ich? You will know it, when you see ist. Das ist nĂ€mlich Pornographie, DĂŒrer zeichnet einen Zeichner, der durch das Raster eine Frau befriedigend zeichnet. Alles sehr gebildet und doch subtil (unter dem Schirm, unter dem Gesetz etc., nur eben nicht in edler Einfalt und stiller GröĂe.
Alberti platziert den optischen Apparat wiederum innerhalb der Raster und Muster einer Stadt. Das Fenster, dass ein Bild öffnen soll, wiederholt dabei, nicht wie im Echo, sondern als bildökonomische Wiederholung, das römische Stadttor (denn das Bild erscheint in der Stadt) - und jene Linie des pomerium, die Mommsen vorgeschoben nannte, wenn es denn eine römische Stadt sein soll. Das Begehren lĂ€uft durch Stationen, das sind seine Stellen, die nicht nur in modernen Literaturen als Stellen der Ăffnung und SchlieĂung betrachten werden. An allen diesen Stationen stellen sich dann auch schon jene römischen Fragen, die von der Notitia Dignitatum ebenso listenförmig wie die Bilder geliefert werden und die seit dem FAQs der Verwaltung bilden: Was ist der Mensch? Was ist ein Brief? Was ist Rom? Was ist ein Bild? etc. Die Stellen des Begehrens sind Stellen des WiĂbegierigen, Stellen dessen, was definitiv und auch so definiert sein soll, wenn man's denn wissen will.
2.
Vismann bezieht die Bildung des Begehrens (ein Begehren, das nicht aus dem Mangel, aber aus der FĂŒlle kommt) auf Kafkas Geschichte vom TĂŒrhĂŒter - und auf den Saum, also den graphischen Zug, der im Erstdruck der Geschichte diese Geschichte vom Rest des Heftes unterschieden hat. Vismann hat damit nicht nur den Gang des Begehrens am konkreten historischen Material verfolgt. Sie hat auch den Begriff des Saums und der VersĂ€umung, der im Werk von Hans-Jörg Rheinberger eher abstrakt auf konkretes Schreiben und Lesen bezogen. Das greift Augsberg reformatorisch noch einmal auf - und verfolgt, was daran Text, Lesbarkeit und Kassiber sein soll. Vismann hat den Gang des Begehrens am Ideogramm der Kanzleien, also an Vorzeichen der (Kontra-)Signatur festgemacht. Sie hat ihn am Entzug von Phrynes Tracht und an Gewandfalten festgemacht. Vismanns Geschichte und Theorie der Verwaltung ist im Ansatz die Geschichte und Theorie von TĂŒrhĂŒtern.
3.
In einem jĂŒngeren Aufsatz der Zeitschrift fĂŒr Ideengeschichte bezeichnet eine Autorin den TĂŒrhĂŒter an einer Stelle als eine Metapher. Ob sie Vismanns Arbeiten kennt? Kann ich nicht sagen, Hinweise dafĂŒr nehme ich gerne an. Muss ja auch nicht sein, denn Vismanns AusfĂŒhrung zur Bildung des Begehrens haben zwar mit Imagination und Innovation zu tun. Sie sind imaginĂ€r reich und Ă€uĂerst innovativ. Um 2000 herum, das ist 26 Jahre her, hat sie daraus eine Dissertation zur Verwaltung und antiken Algorithmen gemacht. Also: imaginĂ€r reich und hoch innovativ, aber Visman hat sich nichts ausgedacht oder erfunden. Ihr Begehren war gebildet, einfach ziemlich gebildet. Man braucht darum Vismann gar nicht zu kennen, man kann ruhig nochmal neu ansetzen. Die Bildung des Begehrens ist common good, darf sich jeder aneignen.
Manche Autoren bezeichnet den TĂŒrhĂŒter als Metapher. So eine Bezeichung als Metapher könnte apotropĂ€isch gemeint sein, vielleicht so, dass man den TĂŒrhĂŒter lieber nicht begreifen, nichts als Begriff haben, dafĂŒr aber im Status eines Bildes halten will, das (zumindest aus reformierter Sicht) doch Bild, nur Bild und nichts als Bild sei, Metapher und nur Metapher sei. Es könnte sein, dass manche Leute ihre Texte zum TĂŒrhĂŒter ikonophobisch schreiben. Die Phobie ist aber nicht die Angst, sie ist die Klamm, eine Enge, ein Wirken von KĂŒrZungen. Literatur ĂŒber TĂŒrhĂŒter ist rekursiv TĂŒrhĂŒterliteratur.
In der Welt der Bildung sind Bilder zwar Bilder, aber nicht nur Bilder. Auch Metaphern sind insofern Metaphern, aber nicht nur Metaphern. Solche Metaphern sind zum Beispiel kleine bis kleinste Formen im Tropenrecht.
3.
TĂŒrhĂŒter sollen diskutiert werden, machen wir, am MPI. Die Entwicklung der generativen Modelle kĂŒnstlicher Intelligens geben der Diskussion neuen Schub. Bilder sind in die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion involviert. Bilder kooperieren bei der Unterscheidung zwischen Personen und Dingen. Sie kooperieren bei der Unterscheidung zwischen Akt und Passion. Sie kooperieren bei der Unterscheidung zwischen denen, die ins GeschĂ€ft kommen und jenen, die nicht ins GeschĂ€ft kommen. Sie kooperieren da, wo Kredit gegeben oder aber nicht gegeben wird. Bilder sind kĂŒnstlich - und seitdem die Neandertaler trĂ€umen, gibt es gut erhaltene Objekte, an denen man so auch die KĂŒnstlichkeit der Bildung verfolgen kann.
4.
Im Moment scheint es Schub dafĂŒr zu geben, einmal die ErklĂ€rungen fĂŒr die Trennung zwischen Mensch und Tier etwas herunterzufahren und dafĂŒr die ErklĂ€rungen fĂŒr die Trennung zwischen Menschen und Maschinen hochzufahren. Mir nicht, aber ich bin im Moment ohnehin gut finanziert - und mache Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Ich gehe also prinzipiell von ausschlagenden Wesen aus, die von Natur aus auf Kultur, Technik und KĂŒnstlichkeit ausgerichtet sind, weil sie erstens aufsitzen, zweitens mit Illusionen eine Zukunft haben und drittens (wie gesagt) ausschlagen. Solche Wesen sind nicht unbedingt Menschen, es können auch Dackel, Maschinen, Affen oder Modelle sein. Mit juridischen Kulturtechniken operieren alle diese Wesen, nicht nur die, die dann auch mit Hilfe solcher Techniken als Menschen registriert werden.
Form, durch die Regen geht
Die Form, durch die Regen geht ist ein graphischer Zug. Der graphische Zug ist die Einheit der Differenz von Kontraktion und Distraktion. Der graphische Zug trahiert und traktiert, er trĂ€gt und trachtet. Er ist trainierbar. Der graphische Zug ist kalkulierbar, es gibt ein KalkĂŒl der Formen. Der graphische Zug zĂ€hlt oder kreuzt, zum Beispiel. Der graphische Zug ist performativ, informativ, afformative. Strich/ Streich/ Streik: alles graphische ZĂŒge.
Der graphische Zug ist dezent, er geht.

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Juristen fabrizieren/ Digmaschscheu
In Pierre Legendres und Gerard Caillats Film zu Fabrikation des abendlĂ€ndlichen Menschen, der ein Film zur Fabrikation von Juristen ist, wird folgendes nahegelegt: Man trage alle Gesetze in seiner Brust und ein Schildzeichen oder Digma (das ist ein Bild in Nachfolge der Bilderlisten aus der Notitia Dignitatum) auf der Brust. Mit diesem Digma meinen Legendre und Caillat unter anderem Trikotagen und ihre Montagen, die ausweisen, mit wem sich der TrĂ€ger der Trikotage assoziiert. Sie meinen die T-Shirts, in denen die Leute durch die Stadt laufen und sich so ausweisen. Manche scannen ihre Augen und ihr Gesicht mit den Handy, der kleinen Tafel, und lassen sich von Unternehmen hiilfreich identifizieren, damit sie ihr TĂ€felchen nutzen können, aber das nur wenige. Sich mit einem Schild auf der Brust ausweisen, zeigen: das ist in der Stadt eher ĂŒblich. Das Schild oben hat drei Felder. Wie ein Emblem hat es eine Ăberschrift, dann ein Bildfeld, hier besteht es aus einer Bilderliste, die ein Bild noch zwei mal wiederholt. Auch das entspricht einem Muster der Notitia Dignitatum. Dann folgt, wie beim Emblemen ĂŒblich, kleiner: ein Schriftfeld, hier ist auch eine Liste mit Zeit- und Ortsangaben. Auch solche Listen mit Orten oder Zeitangaben kennt man den Bilderlisten römischen Recht, also von der Notitia Dignitatum und vom Chronographen 354. In den Graphien, den stĂ€dtischen, emblematischen Trikotagemontagen lebt Antike nach. Aufsitzende und Ausschlagende Wesen weisen sich aus, sie fĂŒhren ihre Tracht als Visa, Pass und mit einem Schuss Wasserzeichen ihrer Persönlichkeit mit sich. Sie nutzen das diplomatische Protokoll vogue, manche von ihnen machen es experimentell, manche innovativ, manche tragen immer dasselbe, andere immer anderes.
Es ist allerdings so, wie wenn man Autoren ins Seminar einlĂ€dt und sie sich zuerst fĂŒr ihre Texte entschuldigen. Es heiĂt dann auffĂ€llig oft, das es schon sehr lang her sei, dass man diesen Text geschrieben hĂ€tte. Oder es wird gesagt, man habe damals nicht die Zeit und den Raum gehabt, sich mit dem Thema richtig zu befassen. Manche gehen so weit, erst etwas zu schreiben, schon bei der Einladung zu einer PrĂ€sentation ihres Textes aber leicht nervös zu wirken, auf jeden Fall dann zu sagen, sie wĂŒrden sich eigentlich mit dem Thema nur am Rande befasst haben, sie wĂŒrde sich ja eigentlich fĂŒr ganz andere Dinge interessieren und könnten dazu gar nicht soviel sagen.
Unter dem Symptom so einer deutlich ausgespielten Autorenscheu und eines unbestĂ€ndigen Distanzierungswunsches leiden auffĂ€llig oft diejenigen, deren Disziplin zu allem etwas zu sagen hat und der man darum an UniversitĂ€ten ganze FakultĂ€ten und Fachbereiche einrichtet. Da gibt es dann Wissenschaften, die bilden den Menschen, zumindest haben sie den Anspruch, das Menschenbild gleich so zu verfassen, dass es fĂŒr den Staat, die Gesellschaft und das Subjekt, gleich fĂŒr die Personen, Dinge und Handlungen gĂŒltig, effektiv und beschirmend, vom Schutz bis zur GewĂ€hrleistung reicht. Da kann einem als Autor schon einfallen, sich fĂŒr einen Text ĂŒber das Rechtsubjekt mit dem Argument zu rechtfertigen, man sei damals jung gewesen und habe das Geld dringend gebraucht. Oder: Ja, das sei ein Text ĂŒber die MenschenwĂŒrde, aber man interessiere sich nur fĂŒr die juristische Seite des Themas und die finde man in Karlsruhe und seinen wohl behĂŒteten deutschen, nationalen TextgĂ€rtchen. Da stĂŒnde schon so viel, dass es einem genug sei. Das verstehe ich. Der Begriff des Rechts und der Begriff des Reichens, Reichenden oder Reiches sind schlieĂlich affin bis verwandt, Recht reicht also immer, es ist ja auch ein Reich, egal wie groĂ das GĂ€rtchen ist.
Ich habe den TrĂ€ger auf das T-Shirt angesprochen. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich heute noch wĂŒĂte, wo ich stand (nĂ€mlich vor dem Klassenraum fĂŒr den Physikunterricht), als mir M. mitteilte, The Smiths habe sich aufgelöst). Too much, too soon. Da zeigt zeigt er mit dem emblematisch ausgestalten Digma eine deutlich ausgespielte Digmascheu. Ach, der SĂ€nger sei ziemlich bekloppt und alle anderen Shirts seien in der WĂ€sche gewesen. Ob's ein Jurist war? Auf jeden Fall: keine Innerlichkeit ohne ĂuĂerlichkeit, aber auch keine Exkarnation ohne Inkarnation.
Sind's deiner Seufzer Wehen?
Sind's Deiner Seufzer Wehen, die mir die Segel blÀhen?

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Carlo Ginzburg
1.
Bald, ach so bald, ist Midsommernacht. Bald, ach so bald, ist SĂŁo JoĂŁo. Bald, ach so bald, ist die Zeit, an der die Formeln, Formate und Formationen so wild ausschlagen wie sonst nie im Kalender. Bald, ach so bald, werden die Grenzen zwischen dem Himmel und der Erde, den Tieren und den Menschen, den Frauen und den MĂ€nnern, dem Leben und dem Tod, dem Organischen und dem Anorganischen, dem KĂ€se und den WĂŒrmern nicht poröser, als sie sowieso schon sind.
Aber bald, ach so bald, schlagen die Kanzeln, die Schleier, die Raster, die StÀbe und die BÀlle, die Lanzen und die Furchen, das Sonnenlicht und die Schatten, bald schlagen die KanÀle und VorhÀnge wieder so deutlich aus, dass es sich nicht ignorieren lÀsst. Dann werde ich mit Carlo Ginzburg tanzen.
2.
Man sagt, er sei heute, also gerade, innerhalb der letzten 24 Stunden gestorben. Das sagen die Leute so, man soll es ihnen nicht zu ĂŒbel nehmen. Um 15.50 nennt Patrick Bahners den Ginzburg einen Hexenmeister und Erzrationalist. Ich lese das ein paar Minuten spĂ€ter auf meinem Handy und werde von jetzt an wissen, wo ich saĂ, als ich das las. Ginzburg war Magier und Archrationalist, Kardinal- und Fleischrationalist, der war Scharnier- und Klapptechniker. Jede seiner Fallstudien sei eine Gegenprobe auf gesellschaftliche NormalitĂ€t gewesen. So soll es sein.
Solange ich lebe und den Ginzburg liebe, tanze ich mit dem, wild ausschlagend an solistice, den Rest des Jahres sowieso. Dichtungsschmatzer auf die Stirn, Carlo! Deine Augenbrauen, Ginzburg! Dein(e) Locken, Schreiber! Deine Wahrnehmung, Forscher! Danke.
Carlo, du fĂŒhrst schon wieder! Logisch!