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Vestingism soleil levant
Wenn die Kritiker nicht vorbeikommen, um mal nachzufragen, ob es stimmt, was Thomas Vesting in seiner Enttäuschung und seinem Unvermögen, der Imagination und Innovation einer zerstreuten Kulturtechnikforschung folgen zu können, über Kulturtechnikforschung auf den Frankfurter Fluren herum erzählt, dann laden wir die Kritiker einfach mal ans Institut ein, damit sie sich selber ein Bild von Kulturtechnikforschung machen können.
Der Kulturtechnikforschung ist an der Kulturtechnikforschung nicht nur das Was interessant, sondern auch das Wie. Was sie schreiben, ist publiziert und bekannt. Wie sie es tun, das liegt noch in den Archiven oder unterhalb der Schwelle des BewuĂźtseins, unterhalb der Schwelle des Expliziten. Wie sieht Kulturtechnikforschung in der Praxis aus? Dazu kann man noch was sagen, da gibt es wohl LĂĽcken im Wissen, oder aber verkorkte (sic!), das sind verstopfte, Passagen.
Hat Vismann, die immer wieder das Begehren ins Zentrum gerückt hat, sich von irgendeinem Dispositiv diktieren lassen, was sie schreibt? Hat sie sich zum Beispiel Sätze ihrer Dissertation von ihrem Doktorvater Stolleis oder Frankenberg oder einem anderen mächtigen Apparat diktieren lassen? Hat sie sich einer Maschine unterworfen und hat sie einmal selbst gemacht, was Vesting machte, also zum Beispiel geklagt, sie könne nicht tun, was sie wolle, weil es da überall Zwänge gäbe? Hat Vismann ihre Lektüre von Autoren von den Wünschen der Verfassungsrichter abhängig gemacht? Nein! Wie hat sie nochmal ihren persönlichen Umgang mit dem Schreibzeug, etwa mit ihrem Füller beschrieben? Da gibt es doch Archivmaterial, sogar Filmmaterial, sogar öffentlich auf meinem Tumblr. Passt das zu der Lesart, die Vesting pflegt und mit der wohl jetzt auch in Frankfurt Schule macht? Wenn man schon mit Literatur arbeitet und mit Autorinnen, vor allem mit der Praxis der Wissenschaft, dann richtig.
Und was ist mit Steinhauer, das ist deutsche Kulturtechnikforschung, oder? Hat er sich seine Dissertation Bildregeln vom mächtigen Bildapparat diktieren lassen? Was ist mit Claudia Blümle oder Monika Domman? Was ist mit forensic architecture? Was ist mit den Autoren im Archiv für Mediengeschichte (Susanne Lepsius zum Beispiel!) oder den Autoren in der ZMK? Was ist mit den Autoren der Schriftenreihe zu den Kulturtechniken, also zum Beispiel Sibylle Krämer und Horst Bredekamp? Das ist alles deutsche Kulturtechnikforschung. Oder nicht? Markus Krajewski ist deutsche Kulturtechnikforschung. Schimchen behauptet, der sei Kulturwissenschaftler, meiner These nach ist der auch Rechtswissenschaftler, sogar der Baseler Krajewski. Der ist Mitgründer der Geschichte-und-Theorie-WG, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass der auch Rechtswissenschaftler ist, weil der nämlich mit Wissenschaftlichen Mitteln etwas zum Code und zur Codierung erfahren hat und erfahren lässt. Das Bild, das Vesting von der Kulturtechnikforschung und von denen zeichnet, die bei ihm habilitiert haben, ist grotesk und absurd. Zu den veröffentlichten Behauptungen kommt noch der Flurfunk, er erzählt was über Kittlerkreis, Weimar und Kulturtechnikforschung, und nach oft erstaunlich kurzen Zeiträumen erreicht mich dann der Bericht, im besten Falle mit der Frage, was wenn denn da vorgefallen wäre. Manche Kollegen, die nie in Weimar waren und vermutlich die Forschung nicht kennen, berichten mir manchmal mit einer Wortwahl, die derjenigen von Vesting ähnlich bis identisch ist, von dieser Forschung, und die wissen dann in einzelnen Fällen nicht einmal, dass ich das dort vier Jahre Kulturtechnikforschung gemacht habe, sie berichten es aber so, als wären sie persönlich dort und vor allen anderen Orten der Kulturtechnikforschung gewesen. Einer der Frankfurter hat mal, peinlich bei so einem Bluff erwischt, ad hoc einen Informanten erfunden, den Bericht und seine Wortwahl also einem in die Schuhe geschoben, damit ich nicht darauf komme, wer tatsächlich mal da war und die Erzählung sich so zurechtgelegt haben muss. Er hat einfach behauptet, Friedrich Balke hätte ihm erzählt, wie mittelmäßig Kulturtechnikforschung sei. Gut, dass Balke und ich kooperieren und uns gut kennen, ich war durchaus irritiert, aber ein Gespräch mit Balke hat in Sekunden das Vertrauen restituiertDas war durchschaubar bis in die hintersten Ecken des Darms. Einfach mal Carlo Ginzburg lesen, der erklärt gut, wie Spurensuche funktioniert. Gut, dass der Kollege sich später ernsthaft bei mir entschuldigt und seine Reue deutlich gemacht hat. Jetzt ist er mir wieder einer der Besten. Aber dem Frankfurter Fachbereich und den Kollegen traue ich alles zu. Im Wintersemester werde ich dort wieder unterrichten, man muss nämlich in der Höhle des Löwen ansetzen.
Das ist Unirrsinn, das ist Alltag. Ich bin kein Opfer, weil das erstens Tausende erleben und ich auch tatvoll zurückschlagen kann. Das habe ich schon bei Bazon Brock gelernt. Ich könnte die Energie besser verwenden, aber: Wenn man nicht zurückschlägt,dann ändert sich nie was.
Praktisch stellt die Kulturtechnikforschung die Techniken nicht über die Praxis. Nicht einmal theoretisch tut sie das. Vismanns Aussagen in 'Kulturtechnik und Souveränität' sollte man auslegen, mit allen Widersprüchen und Ambiguitäten, mit dem praktischen Kalkül eines Schreibens. Mit dem Finger auf Sätze zeigen reicht nicht. Man soll die Sätze sorgfältig lesen. Das alles, ich räume das ein, funktioniert aber nur, wenn man eine Fragestellung hat, also wenn man wißbegierig ist. Will man nichts von Praxis und Technik wissen, ist man insoweit gar nicht wißbegierig, hilft die größte Sorgfalt nicht. Darum stellt Vismann das Begehren vor die Macht. Das Subjekt und das Objekt, sie verkehren. Das ist so etwas wie Geschlechtsverkehr, wenn auch mit S und O (so fasst Warburg das auf dem Zettel von 1896, den ich so oft hier veröffentliche, weil es trotzdem Leute gibt, die in Bezug auf Praxis und Technik wißbegierig sind).
Philip Schimchen ist jetzt noch einer derer, die mit Vestings Worten und vom Fachbereich aus die komplexen und zerstreuten Arbeiten der Kulturtechnikforschung frech und forsch verkĂĽrzen. Schimchen ist nicht nur frech und forsch, er ist auch mutig und hat unsere Einladung ans Institut angenommen. Wir werden seine Buch zum Recht als Praxis diskutieren. Wir werden ihm vorfĂĽhren, dass man Vesting nicht auf den Leim gehen darf. Don't trust Vesting. Was in ihn gefahren ist, das wird er selbst am besten wissen.
Niklas Luhmann hat einmal in einer Randbemerkung scharfe Worte gegen die Frankfurter Universität gefunden und von einem Frankfurter Stil gesprochen, das kann ich mir mit Nachdruck zu eigen machen. This does not stand: Sheep, sleeping in their own secrets.
Wir danken Schimchen schon einmal, dass er die Geduld und Mut aufbringt, jetzt mit denen zu disktutieren, ĂĽber die er bisher geschrieben hat. Wir werden charmante und groĂźzĂĽgige, aber ebenso mutige, freche und forsche Gastgeber und strikt praxisorientiert sein.
In dem, was wir meinen, kommt und niemand zur Hilfe. In dem, was wie Begehren, da kommen die Helferlein.
FĂĽr RĂĽckfragen stehen wir zur VerfĂĽgung.
Sie ist gerichtet! Ist gerettet!
Sie (30) erpresst ihn (63) mit Bordellfotos: so stellt Bild an anderer Stelle, hinter den Fotos aller Beteiligten, den Fall nach. Faust auf's Auge.
Wenn, wie Adorno behauptet, das Recht des Bildes in der treuen DurchfĂĽhrung seines Verbotes gerettet ist, dann ist dieses Recht im Bild, von mir aus auch in der Bild, gerichtet. Wenn dann noch dialektisch zu geht, dann machen es die Laster versiert und verkehrt.
Desasterrecht: Ausbildung in alltäglich professioneller Meldungs- und Gemäldelektüre, incl. Presse- und Bewegtbildikonographie. Der Alltag ist ikonographisch gut informiert, er ist schon ein ikonographisches Protokoll. Desasterrecht: Ausbildung zur Forschung und Lehre, die forsch und gelehrt, dabei auch graphisch ist.
Wozu Augustgast sein?
Im letzten August war Bruno, mein Cicerone von Recife, mein Augustgast am Institut. Der Forschungsaufenthalt galt der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Was wissen wir vom Mord? Das war im letzten Sommer unsere gemeinsame Forschungsfrage. Mit den Ergebnissen hat er jetzt eine größeres Forschungsprojekt über Capes und die Humboldt-Stiftung eingeworben. Wir kooperieren. Bruno behauptet nicht, dass die Rechtswissenschaft nichts von der Aussenwelt, nichts von Ökonomie, Kultur, Medien, Technik oder Bildern wüsste. Er behauptet, und zeigt es plausibel, dass seine Disziplinen, die Psychologie und die Journalistik, keine Nachbarwissenschaften, sondern historische Rechtswissenschaften sind. Luiz Gama, das hat Bruno Lima gezeigt, ist kein Nachbar der Rechtswissenschaft, der ist historischer Rechtswissenschaftler. Aby Warburg ist kein Nachbar der Rechtswissenschaft, er ist historischer Rechtswissenschaftler. Das Wissen um's Recht ist ohnehin limitiert, dieses Wissen muss ohnehin bestritten, also auch aufgebracht und unterhalten werden. Da macht es den Kohl nicht fett, wie man seine Rechtswissenschaft nationalisiert und dafür sorgt, dass das Wissen eingebürgert wird. Man kann die Qualität eines Rechtswissenschaftlern am Staatsexamen aufhängen, und anders geht es auch. Man kann das provinziell angehen, man kann es kosmopolitisch angehen. Am Ende geht alles, denn wo, wenn nicht am Ende, ist's ausdifferenziert.
Bruno Vieira geht wie ich davon aus, dass die Klage über die Grenzen der Rechtswissenschaft zur Geschichte der Melancholie zu zählen ist. Die Klage, bislang wüßten Juristen und ihre Rechtswissenschaft' über bestimmte Themen nichts, zumindest nicht richtiges, ist nicht nur melancholisch. Ihr kommt ein Gedächtnis zur Hilfe, das stolz oder kurz ist. Die bedingte Universität liefert für so eine Klage ein günstiges Biotop. Der Staat, also meine schlimmste Zeitschrift aller Zeiten, veröffentlicht mindestens einmal im Jahr den Aufsatz von Kollegen, die dann auch einmal behaupten dürfen, zu ihrem Thema gäb es bisher nichts, bisher habe kein Jurist über den Körper, die Seele, die Affekte, die Emotionen, die Pflanzen, die Tiere, die Städte, die Bücher, die Bilder, die Wirtschaft oder das All nachgedacht. Bin ich der einzige den das zum Hals heraus hängt und dann unter Palmen treibt? Law Bar unter Palmen, wenn es das nicht gäbe!
Ludwig Binswanger hat in seinem Buch zur Melancholie und Manie am Fall David Bürge die These entwickelt, dass das Thema der Melancholie vollständig und leicht auswechselbar sei. Man hat immer was, was einem fehlt.
Bruno geht dem nicht auf den Leim. GlĂĽckwunsch dem Bruno! GroĂźer Erfolg! Kulturtechnikforschung strikes back! This does not stand: sheep, sleeping in their own secrets.
Bin gespannt, wer in Zukunft Augustgast sein und auch kooperieren will. Herzlich willkommen im Luxus!
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Begehren bilden, oder: TĂĽrhĂĽternews!
1.
In ihrem Buch zu den Akten beschreibt Cornelia Vismann das Begehren als dasjenige, was von Tor zu Tor, von TĂĽr zu TĂĽr oder von Fenster zu Fenster gehe. Sie spricht dem Begehren nicht seine Natur ab, sie nimmt aber seine Bildung in Betracht, damit auch sein Artifizielles, Technisches und KĂĽnstliches. Das Begehren, zumal das, was informiert ist, ist dezent. Das Begehren, so arbeitet Warburg es heraus, ist die Betrachtung. Wer begehrt, trachtet nach etwas, und sei es, dass er Bildern nachtrottet.
Wo sich Formel staffeln, entweder stapeln oder häufen, und wo dann Bilder in Bildern oder Bilder auf Bilder folgen, da wird die Betrachtung nicht nur rekursiv, sie wird protokolliert dann nicht nur diplomatisch (wird also selbst nicht nur ein diplomatisches Protokoll). Die Betrachtung wird dann auch kommentarförmig. Wolfgang Kemp spricht in solchen Fällen von Glossen (das sind Kommentare) besonderer Art, nämlich von Heteroglossen. Auch wenn Bilder in Bilder erscheinen oder sich etwas staffelt, stapelt und häuft, formiert sich ein Begehren, das verkehrt. Es homogenisiert sich nicht unbedingt. Ob es sich unbedingt heterogenisiert? Der Vermehrungsdiskurs ist mein Ding nicht. Das Begehren kreuzt. Es geht von Tor zu Tor, von Tür zu Tür, von Fenster zu Fenster. Das Tor, die Tür, das Fenster: klamme Stellen, knappe Passagen, an denen das Begehren deutlich wird, sogar deutlich ausschlägt, weil's klamm und knapp wird.
2.
Das Begehren wird gebildet, innerhalb der erste fünf Jahre etwa in surrealer Hochausbildung, dann geht's ab in die Schule. Man könnte eigentlich, bei allen Nachteilen des Stolzes, stolz darauf sein, dass das Begehren gebildet ist und das ausschlagende Wesen durch Instituierung selbst so kleine Institutionen werden. Aber liest man, wie manche Leute Friedrich Nietzsche lesen und sich dann darüber ärgern, wie er von Bildung spricht und wie sie dann sich beeilen zu sagen, sie würden ihre Kinder nicht fabrizieren, nicht erziehen, nicht abrichten, sondern natürlich wuchern und frei ausrichten lassen, dann wird deutlich, dass die Leute auch einmal nicht Stolz auf ihre Bildung, dafür dann umso stolzer auf ihre Natur sein können.
Visman bezieht die Bildung des Begehrens auch auf den optischen Apparat, den Alberti velum (Schleier) und Fenster nennt. Das ist ein bekanntes Motiv, Dürer hat dazu eine sehr berühmte, aber auch subtile Zeichnung in einem seiner Lehrbücher platziert. Welches Bild meine ich? You will know it, when you see ist. Das ist nämlich Pornographie, Dürer zeichnet einen Zeichner, der durch das Raster eine Frau befriedigend zeichnet. Alles sehr gebildet und doch subtil (unter dem Schirm, unter dem Gesetz etc., nur eben nicht in edler Einfalt und stiller Größe.
Alberti platziert den optischen Apparat wiederum innerhalb der Raster und Muster einer Stadt. Das Fenster, dass ein Bild öffnen soll, wiederholt dabei, nicht wie im Echo, sondern als bildökonomische Wiederholung, das römische Stadttor (denn das Bild erscheint in der Stadt) - und jene Linie des pomerium, die Mommsen vorgeschoben nannte, wenn es denn eine römische Stadt sein soll. Das Begehren läuft durch Stationen, das sind seine Stellen, die nicht nur in modernen Literaturen als Stellen der Öffnung und Schließung betrachten werden. An allen diesen Stationen stellen sich dann auch schon jene römischen Fragen, die von der Notitia Dignitatum ebenso listenförmig wie die Bilder geliefert werden und die seit dem FAQs der Verwaltung bilden: Was ist der Mensch? Was ist ein Brief? Was ist Rom? Was ist ein Bild? etc. Die Stellen des Begehrens sind Stellen des Wißbegierigen, Stellen dessen, was definitiv und auch so definiert sein soll, wenn man's denn wissen will.
2.
Vismann bezieht die Bildung des Begehrens (ein Begehren, das nicht aus dem Mangel, aber aus der Fülle kommt) auf Kafkas Geschichte vom Türhüter - und auf den Saum, also den graphischen Zug, der im Erstdruck der Geschichte diese Geschichte vom Rest des Heftes unterschieden hat. Vismann hat damit nicht nur den Gang des Begehrens am konkreten historischen Material verfolgt. Sie hat auch den Begriff des Saums und der Versäumung, der im Werk von Hans-Jörg Rheinberger eher abstrakt auf konkretes Schreiben und Lesen bezogen. Das greift Augsberg reformatorisch noch einmal auf - und verfolgt, was daran Text, Lesbarkeit und Kassiber sein soll. Vismann hat den Gang des Begehrens am Ideogramm der Kanzleien, also an Vorzeichen der (Kontra-)Signatur festgemacht. Sie hat ihn am Entzug von Phrynes Tracht und an Gewandfalten festgemacht. Vismanns Geschichte und Theorie der Verwaltung ist im Ansatz die Geschichte und Theorie von Türhütern.
3.
In einem jüngeren Aufsatz der Zeitschrift für Ideengeschichte bezeichnet eine Autorin den Türhüter an einer Stelle als eine Metapher. Ob sie Vismanns Arbeiten kennt? Kann ich nicht sagen, Hinweise dafür nehme ich gerne an. Muss ja auch nicht sein, denn Vismanns Ausführung zur Bildung des Begehrens haben zwar mit Imagination und Innovation zu tun. Sie sind imaginär reich und äußerst innovativ. Um 2000 herum, das ist 26 Jahre her, hat sie daraus eine Dissertation zur Verwaltung und antiken Algorithmen gemacht. Also: imaginär reich und hoch innovativ, aber Visman hat sich nichts ausgedacht oder erfunden. Ihr Begehren war gebildet, einfach ziemlich gebildet. Man braucht darum Vismann gar nicht zu kennen, man kann ruhig nochmal neu ansetzen. Die Bildung des Begehrens ist common good, darf sich jeder aneignen.
Manche Autoren bezeichnet den Türhüter als Metapher. So eine Bezeichung als Metapher könnte apotropäisch gemeint sein, vielleicht so, dass man den Türhüter lieber nicht begreifen, nichts als Begriff haben, dafür aber im Status eines Bildes halten will, das (zumindest aus reformierter Sicht) doch Bild, nur Bild und nichts als Bild sei, Metapher und nur Metapher sei. Es könnte sein, dass manche Leute ihre Texte zum Türhüter ikonophobisch schreiben. Die Phobie ist aber nicht die Angst, sie ist die Klamm, eine Enge, ein Wirken von KürZungen. Literatur über Türhüter ist rekursiv Türhüterliteratur.
In der Welt der Bildung sind Bilder zwar Bilder, aber nicht nur Bilder. Auch Metaphern sind insofern Metaphern, aber nicht nur Metaphern. Solche Metaphern sind zum Beispiel kleine bis kleinste Formen im Tropenrecht.
3.
Türhüter sollen diskutiert werden, machen wir, am MPI. Die Entwicklung der generativen Modelle künstlicher Intelligens geben der Diskussion neuen Schub. Bilder sind in die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion involviert. Bilder kooperieren bei der Unterscheidung zwischen Personen und Dingen. Sie kooperieren bei der Unterscheidung zwischen Akt und Passion. Sie kooperieren bei der Unterscheidung zwischen denen, die ins Geschäft kommen und jenen, die nicht ins Geschäft kommen. Sie kooperieren da, wo Kredit gegeben oder aber nicht gegeben wird. Bilder sind künstlich - und seitdem die Neandertaler träumen, gibt es gut erhaltene Objekte, an denen man so auch die Künstlichkeit der Bildung verfolgen kann.
4.
Im Moment scheint es Schub dafür zu geben, einmal die Erklärungen für die Trennung zwischen Mensch und Tier etwas herunterzufahren und dafür die Erklärungen für die Trennung zwischen Menschen und Maschinen hochzufahren. Mir nicht, aber ich bin im Moment ohnehin gut finanziert - und mache Forschung zur Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechniken. Ich gehe also prinzipiell von ausschlagenden Wesen aus, die von Natur aus auf Kultur, Technik und Künstlichkeit ausgerichtet sind, weil sie erstens aufsitzen, zweitens mit Illusionen eine Zukunft haben und drittens (wie gesagt) ausschlagen. Solche Wesen sind nicht unbedingt Menschen, es können auch Dackel, Maschinen, Affen oder Modelle sein. Mit juridischen Kulturtechniken operieren alle diese Wesen, nicht nur die, die dann auch mit Hilfe solcher Techniken als Menschen registriert werden.
Form, durch die Regen geht
Die Form, durch die Regen geht ist ein graphischer Zug. Der graphische Zug ist die Einheit der Differenz von Kontraktion und Distraktion. Der graphische Zug trahiert und traktiert, er trägt und trachtet. Er ist trainierbar. Der graphische Zug ist kalkulierbar, es gibt ein Kalkül der Formen. Der graphische Zug zählt oder kreuzt, zum Beispiel. Der graphische Zug ist performativ, informativ, afformative. Strich/ Streich/ Streik: alles graphische Züge.
Der graphische Zug ist dezent, er geht.
Juristen fabrizieren/ Digmaschscheu
In Pierre Legendres und Gerard Caillats Film zu Fabrikation des abendländlichen Menschen, der ein Film zur Fabrikation von Juristen ist, wird folgendes nahegelegt: Man trage alle Gesetze in seiner Brust und ein Schildzeichen oder Digma (das ist ein Bild in Nachfolge der Bilderlisten aus der Notitia Dignitatum) auf der Brust. Mit diesem Digma meinen Legendre und Caillat unter anderem Trikotagen und ihre Montagen, die ausweisen, mit wem sich der Träger der Trikotage assoziiert. Sie meinen die T-Shirts, in denen die Leute durch die Stadt laufen und sich so ausweisen, dass es milder erscheint, als wenn man gleich seinen Personalausweis zückt oder sich sein Augen scannen lässt.
Es ist allerdings so, wie wenn man Autoren ins Seminar einlädt und sie sich zuerst für ihre Texte entschuldigen. Es heißt dann auffällig oft, das es schon sehr lang her sei, dass man diesen Text geschrieben hätte. Oder es wird gesagt, man habe damals nicht die Zeit und den Raum gehabt, sich mit dem Thema richtig zu befassen. Manche gehen so weit, erst etwas zu schreiben, schon bei der Einladung leicht nervös zu wirken, auf jeden Fall dann zu sagen, sie würden sich eigentlich mit dem Thema nur am Rande befasst haben, sie würde sich ja eigentlich für ganz andere Dinge interessieren und könnten dazu gar nicht soviel sagen.
Unter dem Symptom der deutlich ausgespielten Autorenscheu leiden auffällig oft diejenigen, deren Disziplin zu allem etwas zu sagen hat und der man darum an Universitäten ganze Fakultäten und Fachbereiche einrichtet. Da gibt es doch Wissenschaften, die bilden den Menschen, zumindest haben sie den Anspruch, das Menschenbild gleich so zu verfassen, dass es für den Staat, die Gesellschaft und das Subjekt, gleich für die Personen, Dinge und Handlungen gültig, effektiv und beschirmend, vom Schutz bis zur Gewährleistung reicht. Da kann einem als Autor schon einfallen, sich für einen Text mit dem Argument zu rechtfertigen, man sei damals jung gewesen und habe das Geld dringend gebraucht. Oder: Ja, das sei ein Text über die Menschenwürde, aber man interessiere sich nur für die juristische Seite des Themas und die finde man in Karlsruhe und seinen wohl behüteten deutschen, nationalen Textgärtchen. Da stünde schon so viel, dass es einem genug sei. Das verstehe ich gut. Der Begriff des Rechts und der Begriff des Reichens, Reichenden oder Reiches sind schließlich affin bis verwandt, Recht reicht also eigentlich immer, egal wie groß der Garten ist.
Ich habe den Träger auf das T-Shirt angesprochen. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich heute noch wüßte, wo ich stand (nämlich vor dem Klassenraum für den Physikunterricht), als mir M. mitteilte, The Smiths habe sich aufgelöst). Too much, too soon. Da zeigt zeigt er mit dem emblematisch ausgestalten Digma eine deutlich ausgespielte Digmascheu. Ach, der Sänger sei ziemlich bekloppt und alle anderen Shirts seien in der Wäsche gewesen. Ob's ein Jurist war? Auf jeden Fall: keine Innerlichkeit ohne Äußerlichkeit, aber auch keine Exkarnation ohne Inkarnation.

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Sind's deiner Seufzer Wehen?
Sind's Deiner Seufzer Wehen, die mir die Segel blähen?
Carlo Ginzburg
1.
Bald, ach so bald, ist Midsommernacht. Bald, ach so bald, ist São João. Bald, ach so bald, ist die Zeit, an der die Formeln, Formate und Formationen so wild ausschlagen wie sonst nie im Kalender. Bald, ach so bald, werden die Grenzen zwischen dem Himmel und der Erde, den Tieren und den Menschen, den Frauen und den Männern, dem Leben und dem Tod, dem Organischen und dem Anorganischen, dem Käse und den Würmern nicht poröser, als sie sowieso schon sind.
Aber bald, ach so bald, schlagen die Kanzeln, die Schleier, die Raster, die Stäbe und die Bälle, die Lanzen und die Furchen, das Sonnenlicht und die Schatten, bald schlagen die Kanäle und Vorhänge wieder so deutlich aus, dass es sich nicht ignorieren lässt. Dann werde ich mit Carlo Ginzburg tanzen.
2.
Man sagt, er sei heute, also gerade, innerhalb der letzten 24 Stunden gestorben. Das sagen die Leute so, man soll es ihnen nicht zu übel nehmen. Um 15.50 nennt Patrick Bahners den Ginzburg einen Hexenmeister und Erzrationalist. Ich lese das ein paar Minuten später auf meinem Handy und werde von jetzt an wissen, wo ich saß, als ich das las. Ginzburg war Magier und Archrationalist, Kardinal- und Fleischrationalist, der war Scharnier- und Klapptechniker. Jede seiner Fallstudien sei eine Gegenprobe auf gesellschaftliche Normalität gewesen. So soll es sein.
Solange ich lebe und den Ginzburg liebe, tanze ich mit dem, wild ausschlagend an solistice, den Rest des Jahres sowieso. Dichtungsschmatzer auf die Stirn, Carlo! Deine Augenbrauen, Ginzburg! Dein(e) Locken, Schreiber! Deine Wahrnehmung, Forscher! Danke.
Carlo, du fĂĽhrst schon wieder! Logisch!

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Wie bestreitet man Bilder? (Liste)
Kreisend
Ă–konomisch
Ă–kologisch
Wiederhallend (echoing)
Wiederholend
Händelnd
Orientierend
Aktiv
Passioniert
G+7 = 14
Bilder rechnen, denn sie sind berechnet und sollen darum auch berechnet werden. Die Betrachtung ist eine Kultur- und Körpertechnik, die nicht im Sehen oder Schauen aufgeht, auch nicht in der Beschreibung, also etwa den Techniken, die man Ekphrasis oder Prompten nennt und die die Verwandlung von Wort in Bild und Bild in Wort händeln sollen.
Die Betrachtung geht damit einher, zählen, rechnen, messen, skalieren, mustern, stratifzieren und mit Formen kalkulieren zu können. Zum Formenkalkül, einer Technik und Kunst der Wiederholung, zählt nach Spencer-Brown und Dirk Baecker das Zählen und das Kreuzen. Abstrakt gesprochen ist die Betrachtung die Technik graphischer Züge. Zwei Standardwerke zu diesem Thema stammen von Michael Baxandall, der am Beispiel der Stadt Florenz ein Buch zum rhetorischen Ensemble, also zur Bildrhetorik als artifizieller Bildung, und ein Buch zur Berechnung der Bilder geschrieben hat. Dieses zweite Buch heißt auf deutsch 'Die Wirklichkeit der Bilder', das Buch, das ich während des Studiums in Passau nahezu vollständig markiert und zerfleddert habe. Das Buch hat auf mich eine Wirkung, wie eine Madeleine auf Marcel Proust wirkt. Nehme ich das Objekt in die Hand, dann ist mir so, als würde die Luft mit einem mal so feucht und erst so warm, wie im Passauer Stadtraum, dann so feucht und so kalt, wie im Gemäuer der Pellianum, dem Gebäude, in dem damals der Lehrstuhl für Kunstgeschichte und christliche Archäologie seinen Sitz hatte . Da war die Diathek, das kunsthistorische Bildarchiv. Da muss ich wohl das Buch markiert und zerfleddert haben, zumindest irgendwo in Passauer Innen- und Außenräumen, es muss Sommer gewesen sein, diese Luft erkenne ich sofort wieder. Mir ist auch ein bisschen, als sei ich plötzlich in Brüssel, im Musee des Beaux-Art, wo ich das Buch mit hatte um mir die Bilder von Roger van der Weyden auf die Ökonomie der Farben hin studierte. In Tagebüchern und Zettelkasten finde ich gar keine Notizen dazu, aber ich muss mit dem Buch in Brüssel gewesen sein, die Bilder tauchen ja auf.
Der deutsche Titel dieses Buches ist fantastisch (die Suhrkamp Ausgabe war seltsam schwer und doch geleimt, brach also auch schnell auseinander). Supertitel, denn die Wirklichkeit ist, wie die Natur, technisch durchsetzt. Die Technik ist wirklich durchsetzt. Die Biographie ist gebildet, noch das Leben eine Abfolge graphischer Züge. Baxandall wird auch einer der wichtigen Autoren für Niklas Luhmann, der im Buch über die Kunst der Gesellschaft wiederholt auf Baxandall zurückgreift. Florenz, das soll auch eine der Geburtstätten der Ausdifferenzierung gewesen sein, so liest das Luhmann. Wenn es denn so war, dann hätte die Moderne nicht unbedingt in den Hafenstädten des transatlantischen Seehandels und nicht nördlich der Alpen begonnen. Über Anfänge lässt sich streiten.
Man kann das Verhältnis von Recht, Technik, Wissenschaft und Kunst als Ausdifferenzierung beschreiben. Die Leute tun es ja, sie können es, also geht es auch. Man kann das Verhältnis auch als Entdifferenzierung beschreiben, die Leute tun es, sie können es, dann geht es auch. Aber eine Frage ist, was man begehrt und welchen Bedarf man hat. Mir ist wohl klar, warum man technischen Möglichkeiten als Geschichte deutet und sagt, erst habe die Geschichte sich so, dann anders entwickelt, erst aus- dann entdifferenzierend. Die Leute wollen wohl Weber sein, entweder Max Weber oder die Weber des 21. Jahrhunderts oder, noch besser, gleich beides auf einmal. Auf jeden Fall haben manche Leute wohl einen Bedarf nach altem Gewinn und neuem Verlust. Das ist auch melancholischer Diskurs. Der Bedarf kommt aus dem Mangel, das Begehren aus der Fülle.
Wenn G+7 = 14 ist, was ist dann G?