"Wir möchten eine Plattform bieten für Menschen mit Behinderungen." sagt die junge Frau, die durchs "Otto Bock Science Center" führt.
"Menschen mit Behinderungen" - diese Formulierung wird oft in den 80, 90 Minuten gebraucht. Hier geht es dabei ausschließlich um die Menschen mit physischen Behinderungen, mit unmittelbar sichtbaren Behinderungen wie einem Beinstumpf, einer Beinprothese.
Und ich stelle fest, dass ich Berührungsprobleme mit physischen Behinderungen habe, ich, die ich psychisch behindert bin, wobei Behinderung nicht zwingend Schwerbehinderung bedeuten muss, wie ich kürzlich lernte.
Für dieses unwohle Gefühl, wenn ich mir einen Bein- oder Armstumpf vorstelle, schäme ich mich. Doch es ist da. Und das Erleben meiner Berührungsangst mit physischen Behinderungen in diesem Ausstellungshaus lässt mich ein Stück weit milder nachvollziehen, warum Erna, Ronny und Mareike sich von mir abwendeten, als ich, genau so plötzlich wie nach einem Unfall, psychisch, mental, in Auftreten, Handeln, Sprechen, Gestik, Mimik stark verändert war Ende der Nullerjahre. Ich hatte eine schwere und dann mittelgradige depressive Episode und für die, die mich gut kannten, war ich mit dieser psychischen Erkrankung merklich anders. Die waren in ihrem Umfeld bisher keinem begegnet, "der sowas hat", das war befremdlich für drei meiner engsten Freunde, vielleicht Angst einflößend, vielleicht anstrengend.
Wenn auf der Beziehungsanbahnungsinternetseite die Frage existierte "Würdest du jemanden mit einer Beinprothese treffen?", hätte ich wohl "Nein" ankreuzen müssen, obwohl ich weiß, dass das diskriminierend und politisch höchst unkorrekt ist. Genau so diskriminierend empfinde ich als psychisch Behinderte jedoch die tatsächlich existierende Frage "Würdest du jemanden treffen, der Antidepressiva nimmt." Auch nicht nett: "Würdest du jemanden treffen, der übergewichtig ist."
Trotz Berührungsproblemen mit Körperteilamputationen fasse ich die zwei Prothesen an, die herumgegeben werden und ekele mich dabei viel mehr vor den Händen, die das Hilfsmittel vor mir hielten.
Ich bin psychisch behindert, immer noch, schon fast zehn Jahre lang, mal mehr mal weniger, und ob das vom Alkoholkonsum kommt oder sich durch den Alkoholkonsum verschlimmert und, oder manifestiert hat, wird schlussendlich nicht ergründet werden können. Hier, bei so einer Führung, stoße ich sehr schnell an psychische Grenzen. Mir fällt es schwer, all die vielen, vielen Informationen zu verarbeiten. Im abgedunkelten Raum mit leuchtenden Displays und blinkenden Lichtern halte ich es nicht aus. Auf dem Rollstuhl, der simuliert, wie sich das Fahren auf verschiedenstem Bodenbelag anfühlt, wird mir direkt schwindelig.
Ich finde gut, dass es diese Plattform gibt, dieses Haus, in das die Anwender regelmäßig eingeladen werden, "weil wir von denen lernen" wie die junge Frau sagt, "für die Weiterentwicklung". Und ich frage mich, ob Pharmaunternehmen, ob die Verfasser vom Therapeutenmanual zum Skillstraining, ob all die Hersteller und Entwickler von Hilfsmitteln für psychisch Behinderte diese auch regelmäßig einladen, um deren Erfahrungen in die Weiterentwicklung mit einzubeziehen.
Und dass der Herr Näder, Firmeninhaber von Otto Bock, auf dem Gelände der Bötzow Brauerei eine gläserne Rollstuhlmanufaktur errichtet und die Kreativabteilung dort ansiedeln will, verschafft dem Thema "Leben mit physischen Behinderungen" noch mehr Präsenz. Doch, klar, stört mich dabei der Standort, ein ehemaliges Brauereigelände, stört mich die Anmerkung der jungen Frau "Die Cocktailbar ist ja schon da.", stört mich, dass bei all den im Science Center vorgestellten physischen Behinderungen und ihren Ursachen, Alkohol als Unfallursache gar nicht, Alkohol als Ursache für die Schädigung vieler Nerven bei Polyneuropathie nur kurz als eine von diversen auf einem interaktiven Schaukasten Erwähnung findet.
Der zweite lange Rehatag diese Woche. Zweiter Anlauf, die Maßnahme vollzeit zu absolvieren, nachdem ich aus psychischen Gründen mit Attest zwischenzeitlich wieder verkürzt da war.
Ich bin durch. Ich brauche Dopamindoping bei McDonalds. Ich brauche ein Big Mac Menü. Eins meiner vielen Hilfsmittel, die mir die Abstinenz erhalten (Tag 222), den Umgang mit bleibenden psychischen Behinderungen erleichtern.
Und am Alex entdecke ich einen neuen Laden. Flying Tiger. (https://de.flyingtiger.com) Da gibt es ganz viele Sachen, die ich für mich als Skill nutzen kann. Ausmalbücher, Bastelsets, Kopfmassagestäbe, Stoffe, Schachteln etc.
Mir hilft nicht die eine Seelenprothese - und dann ist alles gut. Mit meiner Behinderung muss ich immer wieder Neues probieren, mit anderen und alleine an mir arbeiten.
Und ich denke, man könnte auch in einem Museum, Ausstellungsort, Wissenschaftszentrum in Deutschland multimedial und, oder interaktiv simulieren
wie eine Depression die Bewegung des Körpers, des Geistes, der Sinne behindert,
wie sich Herzrasen, Druck auf der Brust, Zittern bei einer Panikattacke anfühlen,
wie Stimmenwirrwarr, Reizüberflutung, Sinnestäuschungen bei psychotischen Zuständen sind.