So Leute, jetzt mal Klartext hier.
Der Bluttest ist nicht das Problem.
Das wahre Problem ist, dass in Deutschland bei medizinischer Indikation von Behinderung ein Schwangerschaftsabbruch bis kurz vor der Geburt straffrei ist, weil ein Kind mit Behinderung grundsĂ€tzlich als nicht-zumutbare psychische Belastung fĂŒr die Mutter eingestuft wird.Â
Alle werdende Eltern haben ein Recht auf Information - und ĂŒbrigens auch ein Recht auf Nicht-Wissen - und frĂŒhzeitig zu erfahren, ob man (wahrscheinlich - kein Test liefert 100%ige Gewissheit) ein Kind mit Behinderung erwartet ist durchaus sinnvoll und kann Sicherheit geben.
Problematisch wird das ganze nur dadurch, dass durch die aktuelle Rechtslage dieser Bluttest zum Selektionswerkzeug werden kann und wird.Â
Der Bluttest ist aus medizinischer Sicht einer Amniozentese (invasive Fruchtwasseruntersuchung) vorzuziehen, sowohl fĂŒr die werdende Mutter als auch fĂŒr den Fötus ist ein Bluttest sicherer. Aber: Wenn die Krankenkasse diesen Test bezahlt, könnte er immer mehr zum Standard werden und werdende Eltern vermehrt in eine unmögliche Situation bringen; konfrontiert mit einem Testergebnis sich fĂŒr oder, machen wir uns nichts vor, in den meisten FĂ€llen gegen ein Kind zu entscheiden.Â
Man mag von SchwangerschaftsabbrĂŒchen halten was man möchte, es geht hier nicht um eine Grundsatzdiskussion. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass in Deutschland derartige Unterschiede zwischen dem Lebensrecht von ungeborenem Leben mit und ohne Behinderung existieren.
Zu suggerieren, dass man ein Kind mit bspw. Trisomie 21Â âverhindernâ sollte, zeigt nur einmal mehr, dass wir aus den Euthanasie-Verbrechen im dritten Reich absolut gar nichts gelernt haben.Â
Unsere Verfassung sichert Menschen mit und ohne Behinderung dieselben unverĂ€uĂerlichen Grundrechte zu (Artikel 3 des GG), also warum findet bis heute diese ganz klare Wertung von Leben statt?
Ein Kind mit Behinderung ist keine unzumutbare Belastung, sondern ein Mensch, fĂŒr den und dessen Leben es in unserer Gesellschaft einen Platz geben muss.Â
Denn es ist nicht genug, Kinder mit Behinderung auf die Welt kommen zu lassen. Vor, wĂ€hrend und nach der Geburt mĂŒssen Angebote der Begleitung und UnterstĂŒtzung von werdenden Eltern zugĂ€nglich sein. Unsere Gesellschaft muss generell inklusiver gestaltet werden, zu lange schon wird die Randgruppenexistenz von Menschen mit Behinderung toleriert und sogar gefördert.Â
Menschen mit Behinderung sind keine Belastung, sondern eine Bereicherung, genau wie jeder andere haben sie die Chance verdient, sich einzubringen und ihr Leben zu gestalten.
Noch gibt es viel zu wenig alltĂ€gliche BerĂŒhrungspunkte zwischen Kindern, Erwachsenen und Senioren mit und ohne Behinderung. Noch kultivieren wir zu sehr das Bild zweier Welten, als solche unvereinbar und völlig verschieden. Wann hast du das letzte Mal ein GesprĂ€ch mit einer Person mit Behinderung gefĂŒhrt? Oder ĂŒberhaupt die Gelegenheit dazu gehabt?
Der Zugang zu einem medizinischen FrĂŒherkennungstest ist nicht das Problem, aber er weist uns ganz klar auf das eigentliche Ăbel hin: Der gefĂ€hrliche Hang zur Wertung von Leben und viel grundlegender, unsere separierte Gesellschaft.
Sobald ein werdendes Kind mit Behinderung den gleichen Schutz und die gleichen Rechte hat, wie ein werdendes Kind ohne Behinderung, ist die Problematik des Bluttests gleich sehr viel weniger weitreichend.Â
Diese Debatte setzt nur am falschen Punkt an.