Juli 2024
Das Hemd wird nach der Pandemie nicht mehr gebraucht
Der Verwandte erscheint zum Essen in einem Hemd und wird dafür bewundert. Er arbeitet in der Softwareentwicklung, und ich sage: In deiner Branche brauchst du das Hemd wahrscheinlich eh nie, oder? Er sagt, doch, vor der Pandemie hätte er oft zu Kundenterminen gemusst. Weil man ja was verkaufen wollte und quasi als Bittsteller auftrat, musste man dazu im Anzug erscheinen. Und dann sei während der Pandemie alles auf Videomeetings umgestellt worden, "jetzt sitz ich da im T-Shirt, hinter mir ein Plakat". Es sei ja schon lange vorher idiotisch gewesen, das mit den Anzügen und dem Hinfahren, da habe nur ein Anlass zur Abschaffung gefehlt. "Wie oft bin ich da ein paar Stunden lang hingefahren, und dann war der im Urlaub, mit dem ich den Termin hatte."
Aber vor der Pandemie seien alle Versuche, Kundentermine auf Video umzustellen, gescheitert: "'Des hamma noch nie gmacht! Zoom, des kenn i gar net!' Jetzt kennen sie halt alles." Auch intern werden viele Besprechungen jetzt als Videokonferenz gemacht. "Ich weiß nicht, wie Microsoft das geschafft hat. Vor Corona hatte niemand Teams, jetzt haben alle Teams."
"Es ist ein Riesenunterschied zu vorher. Ich hab so viele Kunden, die hab ich noch nie getroffen. Und das ist okay. Vieles ist einfacher geworden. Ich kann jetzt auch so einen Larifari-Termin machen, der kostet mich halt ein, zwei Stunden. Sonst hat mich das einen Tag gekostet. Jetzt kommt eine Anfrage aus Kleinbärenweiler, keine Ahnung, wo das liegt. Dann macht man halt einen Termin. Das hat man früher nicht gemacht, wegen so was bin ich doch nicht nach Kleinbärenweiler gefahren. Und das werden dann auch Kunden."
(Alan Smithee, aufgeschrieben von Kathrin Passig)















