Sommer 2025
Berlin, Berlin, ich wohne in Berlin
Letzten Sommer ist mein Fahrrad (ordnungsgemäß mit schwerer Kette an Fahrradbügel gesichert) geklaut worden. Ich habe mir kein neues gekauft, weil ich eher selten hier bin und erst mal ausprobieren will, ob Leihfahrräder für meinen Bedarf auch reichen.
Ich war ja mal bei allen Leihfahrradunternehmen in Berlin angemeldet. Die sind aber inzwischen pleite gegangen, fusioniert oder haben Berlin verlassen, und meine Apps funktionieren nicht mehr. Die einzige meiner Apps, die noch funktioniert und zu der es auch an jeder Ecke Fahrzeuge (Trottinetts und E-Bikes) gibt, ist die von Lime. Außer Lime sehe ich derzeit noch Trottinetts von dott (vormals bolt, der Name ist nur überklebt worden und die Farbe ist gleich geblieben), einige wenige von voi, und ganz selten mal ein Callabike. Callabike behauptet, mich als Kundin nicht mehr zu kennen, undankbar, dabei war ich seit 2002 dabei. Auf jede Sichtung eines anderen Leihfahrzeugs kommen gefühlt zehn von Lime.
Typischer Anblick in meiner Nachbarschaft: sehr viele Lime-Fahrzeuge
Ein paar Mal habe ich die Roller ausprobiert. Aber damit fühle ich mich nicht wie eine seriöse Straßenverkehrsteilnehmerin, außerdem war es sensationell teuer (27 Euro für einmal Neukölln-Wedding und zurück).
Dann bin ich Anfang des Sommers ein paar Mal mit einem Lime-E-Bike gefahren. Es sind andere Räder als die ersten Lime-E-Bikes, die ich 2018 schon mal ausprobiert habe. So sehen sie jetzt aus:
Ich vermute, es sind umlackierte Uber-Räder oder Weiterentwicklungen davon, hier ist ein Zwischenstadium von 2021 zu sehen. (Nachtrag: Die aktuellen Lime-Räder gibt es offenbar seit 2021.) Anders als viele der inzwischen wieder ausgestorbenen Leihfahrräder haben sie Luftbereifung, fahren sich einigermaßen bequem und sind – vielleicht durch den sowieso täglich nötigen Akkuwechsel – auch fast immer in einem guten Zustand.
Meine ersten Fahrten im Juni sind immer noch teurer als die U-Bahn, zwischen 3,70 und 6,40 Euro pro Fahrt: 1 Euro "Starting fee" und dann 27 Cent pro Minute. Erst im Juli finde ich heraus, dass man Minuten im Voraus kaufen kann. Für 13,99 bekomme ich 180 Minuten, es kostet also nur noch knapp 8 Cent pro Minute. Wenn ich die U-Bahn nehme, fahre ich typischerweise unter 30 Minuten und zahle dafür 2,90, das heißt, es kostet ab 9 Cent pro Minute. Genauer Vergleich ist schwierig, weil ich mit dem einen Verkehrsmittel nach Minuten bezahle und mit dem anderen für einen Pauschalpreis maximal zwei Stunden in eine Richtung fahren darf. Aber das Leihfahrrad ist jedenfalls konkurrenzfähig.
Seitdem bin ich alle Strecken mit so einem vorausbezahlten E-Bike gefahren. Ich muss selten weiter als bis zur nächsten Straßenecke gehen, um eins zu finden. Man darf sie fast überall abstellen (und wenn man es nicht darf, bekommt man gezeigt, wo der nächste zulässige Parkplatz ist). Zum Losfahren scanne ich mit der App einen QR-Code am Lenker, zum Abstellen drücke ich in der App auf "End ride" und muss dann noch die Kamera aufs geparkte Fahrrad richten, bis ein grünes Häkchen erscheint. Offenbar wird die Parksituation gleich analysiert, ich habe aber noch nicht herausgefunden, was auf dem Bild zu sehen sein muss oder nicht sein darf, damit die App zufrieden ist.
Vorher habe ich Strecken bis etwa 5 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt und alles, was darüber hinausging, mit der U-Bahn. Durch die Elektrounterstützung hat sich meine Fahrradreichweite auf ganz Berlin erweitert. Es dauert auch nicht länger als mit der U-Bahn, ist aber angenehmer und ich muss nicht über meine wieder ungehemmt in die Gegend hustenden und niesenden Mitfahrgäste nachdenken.
Als ich 2019 zum zweiten Mal in Berlin ein E-Bike (damals von "Uber Jump") ausgeliehen habe, konnte ich noch gar nicht so schnell damit fahren, wie es technisch möglich gewesen wäre, weil die Radwege zu schmal zum Überholen waren. Berlin hat seitdem auf vielen Strecken bessere, breitere, zum Teil sogar baulich abgegrenzte Fahrradspuren bekommen. (Der Radwegeausbau in Berlin ist zwar insgesamt ein Trauerspiel, aber so um die 25 Kilometer pro Jahr werden halt doch gebaut, und da die Situation vorher noch viel trauriger war, spürt man den Unterschied deutlich.)
Außerdem fahre ich jetzt angenehmere Routen, denn seit ich gemerkt habe, dass die Räder eine Handyhalterung haben, benutze ich für die Navigation in unbekannten Gegenden die Openstreetmap-App (OsmAnd mit der Fahrradnavigation von Brouter). Durch den erweiterten Radius und die neu vorgeschlagenen Strecken sehe ich mehr von Berlin und habe viel öfter Gelegenheit, mich darüber zu freuen, dass ich hier wohne.
(Kathrin Passig)















