Arbeitsmigration in RumĂ€nien: Dorf ohne MĂŒtter
by CRINA BOROĆ, Investigate Europe | Taz, 18 November 2017Â
Viele RumĂ€ninnen mĂŒssen im Ausland arbeiten, um ĂŒber die Runden zu kommen. Darunter haben sie enorm zu leiden â und noch mehr ihre Kinder.
Photo: Vasilica pflĂŒckt seit Jahren im SĂŒdwesten Spaniens Erdbeeren, DPA
LITENI taz | Die Fahrt in das Dorf, dem die MĂŒtter abhanden gekommen sind, ist kurvenreich. Von der Stadt Lasi aus, ganz im Nordosten RumĂ€niens gelegen, geht es vorbei an Sonnenblumenfeldern, auf denen Bauern mit Traktoren arbeiten. Auf einer Brache auĂerhalb des Dorfes steht ein tief gebrĂ€unter SchĂ€fer mit seinem Hirtenstab und ruft nach seiner Herde. Die Schafe laufen an einem Teich vorbei, der gerade neu mit Karpfen bestĂŒckt wurde und nun zum Angeln freigegeben ist.
Wir fahren ĂŒber eine enge BrĂŒcke in das Dorf, auf staubigen StraĂen entlang der HĂ€user, alte und neue. Viele von ihnen wurden nicht fertig gebaut. Die DĂ€cher sind ungedeckt, Stapel an Steinen neben den HĂ€usern, BaugerĂ€t. Wir folgen der StraĂe bis zum Dorfkern, begleitet werden wir von George Moga, dem Direktor der Schule am Ort. Er zeigt auf die einzelnen HĂ€user: âDas da wurde mit Geld aus Griechenland gebautâ, sagt er, âund das mit EinkĂŒnften aus Italien.â
Moga bringt uns zu einem kleinen Gehöft, in dem Schweine und HĂŒhner gezĂŒchtet werden. Er stellt uns die Besitzer vor, eine Familie, deren Vorstand Costel Butnaru ist, der Vater. âKommen Sie mal zur Erdbeer-Saison hier ins Dorf, sie werden nicht den Schatten einer Frau findenâ, sagt er. Costels Frau Vasilica, 44, ist schon seit acht Jahren unterwegs, um zu arbeiten. Von RumĂ€nien aus fĂ€hrt sie nach Almonte in SĂŒdwestspanien, wo sie sich mit fĂŒnf anderen Frauen ein Zimmer teilt. Von MĂ€rz bis in den Hochsommer pflĂŒcken sie Erdbeeren und im September bereiten sie die Pflanzen fĂŒr die kommende Saison vor.
âMich haben sie hier gelassen, damit ich mich um die Kinder kĂŒmmereâ, sagt Costel Butnaru. âIch habe ihnen das Schreiben beigebracht. Ich habe mein Bestes getan, um fĂŒr sie da zu sein, damit sie alles haben, was sie brauchen.â Vasilica war Hausfrau und Costel hat âgutes Geldâ verdient als Bauarbeiter in Bukarest. Doch seit der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte er keine feste Anstellung mehr finden.
Mindestlohn plus Essensgutscheine
Manchmal gibt es Arbeit in den nahe gelegenen Weinbergen. Mehr als 35 Kilometer entfernt steht eine Fabrik fĂŒr Autopolster, in Letcani, aber dort wird nur der Mindestlohn gezahlt, plus Essensgutscheine. Costel wĂŒrde dorthin pendeln mĂŒssen, auch nachts und bei jedem Wetter â es kann hier minus 20 Grad kalt werden. âMag sein, dass es in der Fremde hart ist, aber zurĂŒckgelassen werden ist schlimmerâ, sagt Costel.
RumĂ€nien ist Spitzenreiter: In keinem anderen Land sind so viele BĂŒrgerinnen und BĂŒrger im europĂ€ischen Ausland. Viele von ihnen kommen aus lĂ€ndlichen Gegenden wie Liteni. Die Dorfbewohner sind ins Ausland gegangen, um auf Baustellen, bei der Obsternte, als ReinigungskrĂ€fte oder in der Pflege zu arbeiten â in Italien, Spanien, Deutschland und Zypern.
Doch seitdem der Bauboom in SĂŒdeuropa durch die Finanzkrise kollabierte, ist der Bedarf an ArbeitskrĂ€ften gewachsen, deren Anforderungsprofil eher mit Frauen assoziiert wird â was in RumĂ€nien ein völlig neues PhĂ€nomen hervorgerufen hat: Dörfer mit wenigen â oder gar keinen â Frauen im arbeitsfĂ€higen Alter und einer groĂen Anzahl von Kindern, die ohne Mutter aufwachsen.
Die 13 Jahre alte Gabi Butnaru hat gerade die sechste Klasse beendet. âMama hat mir immer beim Lesenlernen geholfenâ, sagt sie. Doch ihre Mutter ist zum Arbeiten im Ausland, seitdem ihre Tochter im Kindergarten ist. In diesem Jahr ist sie am 9. MĂ€rz nach Lucena in Spanien gereist, um dort Erdbeeren und Himbeeren zu pflĂŒcken.
Gabis Leben hat sich verĂ€ndert. Wenn ihr Vater drauĂen war auf dem Feld, musste sie lernen Kartoffeln zu braten, Suppe zu kochen, sauber zu machen, die Schweine, HĂŒhner und KĂŒhe zu fĂŒttern. Dann erst konnte sie ihre Hausaufgaben machen. âEs war hartâ, sagt Gabi, und ihre Augen fĂŒllen sich mit TrĂ€nen. âDanach noch die Kraft zu finden, um zu lernen und alles richtig zu machen.â
Ihr Mutter Mihaela, 33, ist nun zurĂŒck in RumĂ€nien. Es war hart auch fĂŒr sie, weg von zu Hause zu sein, allein unter Fremden, und fĂŒr einen Chef zu arbeiten, dessen Anforderungen hoch waren. Und dessen Sprache sie nicht sprach.
Auf der Farm teilte sie sich ein Zimmer mit vier anderen Frauen. Eine Monatsmiete fĂŒr eine Unterkunft in der nahe gelegenen spanischen Stadt hĂ€tte 250 Euro im Monat gekostet â doch die Frauen brauchten das Geld fĂŒr zu Hause. Mihaela hat bis zur Erschöpfung gearbeitet. âWir hatten keinen freien Sonntag, wir haben sogar an Ostern gearbeitetâ, sagt sie.
Erdbeeren pflĂŒcken ist eine anstrengende, auch schmerzhafte Arbeit. Die PflĂŒckerinnen mĂŒssen sich sieben Tage die Woche bĂŒcken, und das bis zu acht Stunden am Tag, plus Ăberstunden. Und sie werden zur Eile angetrieben, kaum Pausen. Eine Folge: heftige RĂŒckenschmerzen.
Ihr Mann Petre liest aus der Liste der Medikamente vor, die seine Frau mit nach Spanien nimmt: Das Schmerzmittel Ketonal fĂŒr die RĂŒckenschmerzen, Paracetamol fĂŒr Zahnschmerzen, Baldrian gegen den Stress und Asprin, um die Durchblutung zu verbessern. âWir haben keine Wahl, wir brauchen das Geldâ, sagt Mihaela.
Ihr Ehemann hat sich vor zwölf Jahren das linke Bein gebrochen, nun ist es steif. Seitdem kann er nur noch Hilfsarbeiten machen. Mal beschlĂ€gt er Pferdehufe, mal ĂŒbernimmt er SchweiĂarbeiten oder hilft beim PflĂŒgen. âEr verdient genug, um Brot und eine Flasche Speiseöl zu kaufenâ, sagt Mihaela. âAber mit diesen EinkĂŒnften, dem bisschen Kindergeld und UnterstĂŒtzung von der kommunalen Verwaltung kann man keine groĂen SprĂŒnge machen.â
Schon manches Mal ist die Familie im Minus gelandet, dass sie dann zurĂŒckzahlen musste. Was stets bedeutet, dass sie das Land fĂŒr lĂ€ngere Zeit verlassen muss, um zu arbeiten, wĂ€hrend ihr versehrter Mann zu Hause bleibt, um sich um die Kinder zu kĂŒmmern.
âEin Kind leidet darunterâ, sagt sie. âSie macht die ganze Hausarbeit und ist doch noch ein Kind. Sie sollte nicht so ausgebeutet werden, sie ist noch so jung. Sie musste schon so vieles aushalten, schon in so zartem Alter.â Mihaelas Stimme wird leiser, TrĂ€nen schimmern: âIch kann es nicht erÂtragen, von den Kindern getrennt zu sein.â
Gabi nickt mit dem Kopf. Oft hat sie ihre Mutter am Telefon angefleht, doch zurĂŒckzukommen. Wird sie ihre Mutter wieder gehen lassen? âNeinâ, sagt Gabi und wischt ihr Gesicht trocken. âAlles, was ich will, ist, dass wir vereint zu Hause sind, eine glĂŒckliche Familie.â
Die Mutter der 13-jĂ€hrigen Lavinia ist in diesem Jahr zum ersten Mal nach Spanien gefahren, um Obst zu ernten. Lavinia musste einige der Pflichten ihrer Mutter ĂŒbernehmen. Das war belastend, denn Lavinia ist gerne vorbereitet, wenn sie in die Schule geht, die von 8 Uhr morgens bis 14 Uhr geht. âIch muss dann saubermachen, kochen, Hausaufgaben machen, schlafen.â
Sie ist in einer Klasse, in der 13 von 28 MitschĂŒlerInnen Eltern haben, die im Ausland arbeiten. In vielen FĂ€llen hat das die Ehen zerstört, die Eltern haben sich scheiden lassen.
âDie Kinder sind nicht mehr, wie sie warenâ, sagt Lavinia. âSie sind distanzierter, reservierter, weniger kindlich. Bei einigen werden die Zensuren schlechter. Alles, woran sie denken können, ist die Scheidung ihrer Eltern.â Hunderttausende Kinder in RumĂ€nien wachsen mit Eltern auf, die im Ausland arbeiten. GeschĂ€tzt handelt es sich um zehn Prozent aller im Lande lebenden Kinder.
An der Grund- und Mittelschule in Liteni haben 115 von 350 SchĂŒlerInnen mindestens ein Elternteil, das im Ausland arbeitet. Der Schuldirektor, George Moga, sagt, dass die ökonomisch bedingte Migration die zurĂŒckbleibenden Kinder verĂ€ngstigt. âWir haben hier FĂ€lle von Kinder-Burn-outâ, sagt er.
âDie Eltern, die im Ausland arbeiten, sagen den Kindern, dass sie das fĂŒr sie tun. Im Gegenzug ist es dann die Pflicht der Kinder, hart zu lernen. Und Kinder, die gezwungen sind, ohne die UnterstĂŒtzung ihrer Eltern zurechtzukommen, stĂŒrzen sich dann in Lernerei und Hausarbeit, bis sie nicht mehr in der Lage sind zu lĂ€cheln.â
Crina BorosÌŠ(Text) und Johnny Green (Fotos) arbeiten fĂŒr das Recherche-Netzwerk âInvestigate Europeâ. Ăbersetzung aus dem Englischen: Martin Reichert
Investigate Europe ist ein panÂeuropĂ€isches Pilotprojekt: ein Team mit neun Journalisten aus acht LĂ€ndern, das europaweit relevante Themen recherchiert, gemeinsam Thesen erarbeitet und alle Ergebnisse teilt. UnterstĂŒtzt wird das Projekt von der Hans-Böckler-Stiftung, der norwegischen Fritt Ord Foundation, der Stiftung HĂŒbner und Kennedy, der Rudolf Augstein Stiftung und der Open Society Initiative for Europe.
Das Team arbeitet mit den NGOs Journalismfund und N-Ost zusammen. Die Recherchen zum "EuropĂ€ischen Prekariat" werden in ganz Europa veröffentlicht. Zu den Medienpartnern gehören neben der taz unter anderem Newsweek Polska, PĂșblico, Aftenbladet, Tagesspiegel, Corriere della Sera und De Standaard. Mehr zum Projekt unter: investigate-europe.eu
ORIGINAL PUBLICATION: TAZ, GERMANY -Â http://www.taz.de/!5460076/