Ein kleines Wort zum Nahostkonflikt und Antisemitsmus
Zum ersten Mal seit meiner Tumblr Mitgliedschaft möchte ich mich zu einem politischen Thema Ă€uĂern. Schockierende NaivitĂ€t in der Ăffentlichkeit und v.a. in meinem Freundeskreis sind ein Grund fĂŒr diesen Eintrag. Nun, ich befasse mich gerne Politik und habe grundlegende Kenntnisse ĂŒber den so genannten interstaatlichen Raum, gleichzeitig muss ich zugeben, dass weder der Nahostkonflikt speziell, noch irgendeine Form von Religion Spezialgebiete von mir sind. Ich bin Atheist, in einer christlich geprĂ€gten Leitkultur aufgewachsen, wie man sagen wĂŒrde, weswegen ich religiöse Argumentationen nur unter erschwerten Bedingungen gelten lasse. Dieser kleine Beitrag ist ein NĂ€herungsversuch an einen schwierigen, komplexen Konflikt.Â
Um einen Konflikt zu verstehen, beginne ich immer mit seiner Vergangenheit. 1948 grĂŒndete sich der Staat Israel. Das Territorium war britisches Mandatsgebiet nach dem ersten Weltkrieg dem Empire zugeschrieben. UrsprĂŒnglich aufgestellte PlĂ€ne sahen vor dort jĂŒdische Siedler ansiedeln zu dĂŒrfen, ohne das irgendjemandem seine religiösen Rechte streitig gemacht werden sollten. Die bereits dort ansĂ€ssigen Araber lehnten diesen Plan von vornherein ab. Die Siedlungspolitik die Israel seit dieser Zeit aber tatsĂ€chlich an den Tag legt, darf man sehr wohl als aggressiv bezeichnen. Trotzdem ist Israel ein souverĂ€nes Land, wie jedes andere auch. Und ist deswegen auch so zu behandeln. Ein Staat, der bewohnbares Land fĂŒr seine Bevölkerung schaffen will. Ein Staat der zeitgleich die Interessen einer Minderheit in seinem Staatsgebiet nicht achtet und kein Wohngebiet fĂŒr die in weiten Teilen Ă€rmere muslimische Bevölkerung baut.
Die PalĂ€stinensische Bevölkerung teilt sich seit der GrĂŒndung Israels in zwei Gebiete auf. Dem von Israel auf Land- und Wasserwegen blockierten im Westen gelegenen Gazastreifen und dem im Osten Israels gelegenen Westjordanland. Die palĂ€stinensische Bevölkerung ist im ĂŒberwiegenden Teil muslimisch. In diesen Gebieten haben sich im Grunde zwei Parteien gegrĂŒndet. Die Hamas und die Fatah (gesprochen: Fattach), beide Parteien wollen eine Emanzipation der palĂ€stinensischen Bevölkerung. Sie wollen dies mit unterschiedlichen Mitteln. Die Fatah gilt als gemĂ€Ăigt. Sie ist ein politische Partei, die vor allen Dingen im Westjordanland ansĂ€ssig ist. Sie wĂŒrde eine Zweistaaten Lösung zwischen Israel und PalĂ€stina akzeptieren. Wie bei jeder Partei ĂŒblich gibt aus in der Fatah linke und rechte FlĂŒgel. Auch hier gibt es garantiert Leute die kriegerische und extreme Lösungen, wie die Vernichtung der vermeintlichen Besatzungsmacht Israels, wollen. In weiten Teilen kann diese allerdings als gemĂ€Ăigt betrachtet werden. Es gibt von nicht wenigen westlichen Staaten lose diplomatische Beziehungen die man als VerhandlungskanĂ€le nicht versacken lassen möchte.
Die Hamas dagegen ist eine Art Schwesterpartei der Fatah. Von weiten Teilen der westlichen Welt wird sie als terroristische Organisation betrachtet und entsprechend behandelt. Es gibt keine diplomatischen Beziehungen und demnach auch keinen Raum fĂŒr irgendwelche Verhandlungen. Der militante FlĂŒgel der Hamas sind die so genannten Quassam-Brigaden (gesprochen: Kassam). Sie sind Teil der Hamas und fĂŒr militĂ€rische/terroristische Angriffe verantwortlich. Die Hamas hat stark antisemitische ZĂŒge. Sie sieht die Vernichtung aller Juden auf ihrem Staatsgebiet, sowie die ZurĂŒckeroberung PalĂ€stinas durch die Muslime vor. Die Hamas hat dabei starke Parallelen zu Hetzschriften der NSDAP. In offiziellen Dokumenten der Hamas soll die Rede davon sein, dass der Holocaust eine Erfindung der "Zionisten" sei, damit so die Flucht jĂŒdischer Siedler ins palĂ€stinensische Staatsgebiet gerechtfertigt sei. Juden hĂ€tten angeblich die Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg in ihrem Unterfangen zu diesem Zwecke unterstĂŒtzt. Die Hamas ist vor allem im Gazastreifen anzusiedeln.
In diesem Text ist die Rolle der Hamas entscheidender, weswegen ich im weiteren nur von dieser Partei sprechen werde. Der Gegenspieler der Hamas ist selbstredend der Staat Israel. Ins Fadenkreuz der Hamas ist er gerĂŒckt, weil er sich nach ihrer Auffassung einfach in fremden, ihrem eigenen Territorium niedergelassen hat. Dazu kommt eine fragwĂŒrdige, weil aggressive Siedlungspolitik Israels. Israels Politik ist seit jeher, um es sensibel auszudrĂŒcken, bestimmt. Nicht wenige wĂŒrden sagen aggressiv. Hier muss man eine Sache nachvollziehen. Ein Interview eines israelischen Ex-MilitĂ€rs in einer Dokumentation zu einer FlugzeugentfĂŒhrung durch Extremisten hat mir das bewusst gemacht. Israels Politik ist maĂgeblich vom Horror des Holocaust beeinflusst. Eine Maxime des Staates ist es, nie wieder Angehörige des Staates Israels aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Staat zu verlieren. Diese Maxime hat sich unter dem Eindruck zahlreicher FlugzeugentfĂŒhrungen und dem Attentat bei den MĂŒnchener Sommerspielen von 1974 verstĂ€rkt. Vor diesem Hintergrund muss man jede Politik Israels interpretieren. Israel ist nur deswegen so bestimmt in seine Reaktionen.Â
Die zwei FederfĂŒhrenden Akteure in diesem Konflikt sind also Hamas und Israel. Die Hamas kĂ€mpft mit ihrem militĂ€rischen Arm, den Quassam Brigaden, Israel dagegen greift auf seine Armee zurĂŒck. Der nĂ€chste Schritt sind eindeutig die Motive der Akteure. Ich beginne mit Israel.
Israel ist ein souverĂ€ner und demokratischer Staat. Die richtigen BĂŒndnisse und eine florierende Wirtschaft machen Israel zu einem Wirtschaftsriesen in der Region. Da der Staat praktisch seit seiner GrĂŒndung von Feinden umgeben ist, war er immer darin bestrebt ein fĂ€higes MilitĂ€r aufzubauen. Das hat Israel getan. Das israelische Heer gilt als am besten ausgebildet, teuersten ausgerĂŒstet und gröĂtes der Region. MilitĂ€risch betrachtet, kann niemand Israel das Wasser reichen. Zumal es in Israel ein Wehrpflicht fĂŒr jeden BĂŒrger gibt. Was könnten die Motive Israels fĂŒr einen Angriff auf PalĂ€stinenser sein?
Nun, naturgemÀà ist Israel sehr daran gelegen jeglichen kriegerischen Akt als VerteidigungsmaĂnahme darzustellen. Ein normales Vorgehen in jedem Konflikt, der irgendwann von irgendwem angefangen wurde. In diesem Fall muss man sich allerdings fragen, warum sollte Israel seine eigene Bevölkerung mit Raketen beschieĂen? Als Vorwand fĂŒr einen Einmarsch in den Gazastreifen? Ich denke unwahrscheinlich. Ich denke, dass das was Israel als Angriffe auf sein Land darstellt, tatsĂ€chlich Angriffe auf Israel sind. Weiter hat Israel als souverĂ€ne Nation nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht seiner eigenen Bevölkerung gegenĂŒber, diese Angriffe zurĂŒckzuschlagen. Von wem die Angriffe kommen ist klar, bekennt sich die Hamas doch zu den RaketenbeschĂŒssen auf Israel. Das Raketenabwehrsystem Israels, Iron Dome, hĂ€lt jedoch gröĂeren Schaden von der Zivilbevölkerung fern. So ist zu erklĂ€ren, dass die Opferzahlen auf israelischer Seite recht gering sind. Die Argumentation fĂŒr eine Bodenoffensive im Gazastreifen funktioniert dabei wie folgt: Die Hamas bedroht seit lĂ€ngerer Zeit durch Angriffe auf die Zivilbevölkerung die Sicherheit Israels. Die KĂ€mpfer der Hamas kommen durch Tunnel nach Israel, genauso die Waffen und Bomben. Ziel einer Bodenoffensive von israelischer Seite wĂ€re es dementsprechend diese Tunnel zu zerstören und gleichzeitig Waffenlager und natĂŒrlich KĂ€mpfer der Hamas zu beseitigen. Ein wesentlicher Teil im politischen Apparat Israels glaubt, dass dies der einzige Weg zu Frieden sei.
Wenn die israelischen Angriffe nur der Hamas und ihren Waffenlagern gilt, warum ist die Zahl der zivilen Opfer im Gazastreifen so hoch? Die nĂŒchterne Antwort ist leider tragisch und doch sehr simpel. Der Gazastreifen ist ein kleines Gebiet, von Israel hermetisch abgeschottet von der AuĂenwelt. Er gilt als eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt und hat ein extrem gesunde Demographie. Wenn Israel also, wie immer vor massiven Angriffen, per Flugblatt Warnungen an die Bevölkerung ausgibt, dass sie fliehen soll, dann ist das nutzlos. Das Gebiet ist so dicht besiedelt, dass es keinen Zufluchtsort gibt. So muss die israelische Armee zwangslĂ€ufig zivile Opfer in Kauf nehmen.Â
Diese zivilen Opfer sind aus zwei GrĂŒnden gut fĂŒr die Hamas. Die Hamas hat keine Chance auf einen Sieg in diesem Konflikt. Es geht ihr nur um Deutungshoheit. Wie Israel, proklamiert sie die Opferrolle fĂŒr sich. Das Motiv der Hamas, einen militĂ€risch ĂŒberlegenen Gegner anzugreifen, scheint eindeutiger. Durch die Angriffe auf Israel provoziert man es dazu seine Bevölkerung zu schĂŒtzen. Das geschieht durch militĂ€rische Aktionen, also RaketenbeschĂŒsse von Waffenlagern, Tunnelanlagen und Hauptquartieren. Die Hamas, genauso wie ihr militĂ€rische Arm die Quassam Brigaden, tritt dabei nicht als offener Feind an, sondern versteckt sich hinter der Zivilbevölkerung. Ihre Waffenlager sind hĂ€ufig neben Schulen und KrankenhĂ€usern. Will Israel seine Bevölkerung verteidigen, muss es diese Ziele angreifen. Das bedeutet zivile Opfer. Die Hamas sorgt damit fĂŒr wachsenden internationalen Druck auf Israel. Der soll dazu fĂŒhren, dass Israel seine Angriffe stoppt und im besten Fall vielleicht sogar Israel als Aggressor gilt und bestraft werden muss. Dazu kommt, dass viele Tote unter Zivilen dafĂŒr sorgen, dass viele Hinterbliebene und Angehörige sich mit der Hamas solidarisieren. Sie solidarisierenden sich dabei nicht mit den moderaten KrĂ€ften, sondern mit den Radikalen und Militanten. Eine offene militĂ€rische Auseinandersetzung mit Israel wĂŒrde fĂŒr die Hamas einem Todesurteil gleichkommen.
Die Hamas ist eine Terrororganisation. Sie verĂŒbt Sprengstoffattentate auf die Zivilbevölkerung. Sie beruft sich dabei auf die Wehrpflicht in Israel, nach der jeder Israeli ein Angehöriger des MilitĂ€rs sei und demnach ein legitimes Ziel. Ihre Finanzierung funktioniert ĂŒber semi-llegae KanĂ€le und dient vor allen Dingen der Propaganda und Waffenbeschaffung. Sie versteckt sich aus klar ersichtlichen Motiven hinter der Bevölkerung Gazas, um Israel dazu zwingen dort anzugreifen.
Die Lage scheint klar, aber trotzdem gibt es Leute die aus verschiedensten Motiven nicht erkennen, um was es in diesem Konflikt geht. Deutungshoheit! Die Frage wer ist Opfer? Wer ist TĂ€ter? Die Antwort ist leicht und schwer zu gleich. Alle sind von allem ein bisschen. Israel ist TĂ€ter, weil es die Mittel eines ĂŒberlegenen MilitĂ€rs ausreizt und nicht das nötigste tut, um mehr zivile Opfer zu verhindern und Israel ist Opfer, weil seine Bevölkerung angegriffen und terrorisiert wird. Die Hamas ist TĂ€ter, weil sie Angriffe auf Israel startet und die Zivilbevölkerung, die sie als Partei vertritt, als Schutzschild benutzt. Sie ist gleichzeitig Opfer, weil sie durch die Gegenangriffe Israels viele Opfer zu beklagen hat. Viele Kinder und junge Erwachsene fallen diesen zum Opfer.Â
Der Konflikt um die Deutungshoheit ist auch in Europa zu beobachten. In Frankreich sind viele Anti-Israel Demos aufgelöst wurden, weil sie Synagogen angegriffen haben und auch in Deutschland waren Ă€hnliche Reaktionen zu beobachten. Es ist aber falsch zu einer Synagoge zu ziehen. Es geht um Politik, nicht um Religion. Wenn eine Demo also irgendwo vorbei ziehen muss, dann an einer Botschaft. Friedfertige Demos gegen die Politik und das Vorgehen Israels sind in einer Demokratie gerechtfertigt. Molotowcocktails und Morddrohungen sind es nicht! Das Vorgehen Israels ist kritikwĂŒrdig, aber Israel ist ein Staat und keine Religionsgemeinschaft. Hier sollten entsprechende Stellen schleunigst differenzieren. Sonst beraubt sich eine Bewegung, die das Recht auf Protest gegen Israles Politik hat, jeder GlaubwĂŒrdigkeit. Denn wer diesen Unterschied nicht versteht, der kann niemals die KomplexitĂ€t dieses Konflikts verstanden haben. Antisemitismus ist eine Krankheit, gleichzusetzen mit Rassismus. Wenn irgendjemand gedacht hat, dass dieser Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus jemals vorbei sein wĂŒrde, der hat das Wesen von beidem nicht verstanden.Â
Ich hoffe, dass ich einen groben Ăberblick verschaffen konnte. Ihr solltet diesen Eintrag allerdings nicht als verlĂ€ssliche Quelle verstehen. Es ist nur eine grobe Darstellung von Szenarien und Motiven. Der Konflikt schwelt stetig und die Gemengelagen Ă€ndern sich schnell und regelmĂ€Ăig. Wer hier, auf politische Ebene, Opfer ist und wer TĂ€ter ist nicht klar zu verstehen. Opfer ist in jedem Fall jeder einzelne Tote auf beiden Seiten und die Angehörigen. Wie jeder Krieg wird auch dieser keine Gewinner kennen, sondern nur Verlierer.Â