Früher musste man uns zum Schweigen bringen. Der Mitteilungsbedarf war immens, ein lautes, ungestümes Drängen, meist zur unpassendsten Zeit. Doch das Leben lehrt, dass das Alter keine Weisheit bringt, sondern nur die Ermüdung der Stimme. Man lernte, zu schweigen, und komprimierte die einstigen Dialoge auf das absolute Minimum, auf den kleinsten, kühlsten Nenner.
​Heute suche ich verzweifelt nach Worten. Nach Worten, die das ausdrücken könnten, was ich angeblich denke und fühle. Doch es ist längst nicht mehr leicht, in dieser faden Buchstabensuppe die einzelnen Zeichen fein säuberlich auf dem Tellerrand zu platzieren, um daraus noch so etwas wie Sinn oder gar Amüsement zu formen. Die Buchstaben bleiben kalt.
​Früher wurde mit Worten jongliert, heute wirft man nur noch mit den Trümmern von Buchstaben um sich, in der vagen, fast naiven Hoffnung, sie könnten beim Aufprall irgendwie verstanden werden. Irgendwann fraß sich ein feiner Riss in die Illusion unserer Kommunikationsfreudigkeit. Er dehnte sich lautlos aus, bis Worte zu unüberwindbaren Hürden wurden und Sätze zu tiefen, schwarzen Schluchten, über die kein Ruf mehr hallt.
​Egal, was man auch versucht. Die passenden Wörter existieren nicht mehr. Vielleicht haben sie es nie. Das Schweigen hat die Regie übernommen. Wir bleiben zu oft unverstanden, missverstanden, falsch verstanden, weil die Sprache, die uns retten müsste, schlichtweg noch nicht geboren ist. Oder bereits tot.
​Das Schweigen fordert seine Opfer. Viele mussten gehen, verschwanden ungesehen in den digitalen Friedhöfen aus tausenden ungelesener und unbeantworteter Nachrichten. Sie ertranken im Schatten der großen Stille. Dieses Schweigen ist kein Defekt, es ist ein selbsterlernter Selbstschutz. Ein krampfhafter Versuch, nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen und die ungeborenen Worte nicht in reine, ohnmächtige Aggression umzuwandeln. Weil man am Ende ohnehin allein bleibt.
​Diese erzwungene Ruhe ist ein seltsames Gift, zum einen Balsam, zum anderen die bittere Erkenntnis, die Brücken hinter sich selbst in Brand gesteckt zu haben. Man bleibt inmitten der Asche zurück. Trifft man heute auf alte Gesichter, ist die Interaktion von einer frostigen Effizienz. Die mechanische Frage nach dem „Wie geht es dir?“ beschert einem sofort einen Puls von 180, nicht aus Freude, sondern aus Panik vor der Leere des Rituals. Es folgt ein mimikloses, emotionsloses „Gut“. Die Gegenfrage „Und dir?“ wird nur noch aus reinem Anstand herausgewürgt, obgleich beide Seiten wissen, dass der Dialog damit bereits abgewickelt ist. Ein hässlicher Schuss ins eigene Knie. Hätte die Fratze der Vergangenheit doch nur geschwiegen und wäre im Nebel verschwunden.
​So beginnt man in der totalen Isolation zu schreiben. Irgendwie müssen die Fragmente der Gedanken aufs Papier, als könnte man die Einsamkeit durch richtige Wortplatzierung bezwingen. Weder die verstreichende Zeit noch die schwindenden Ladezyklen des Handys spielen eine Rolle. Es regiert nur noch der verzweifelte Wille, die Zeichen an der exakt richtigen Stelle zu verankern, damit das Ganze wenigstens die Illusion von Sinn ergibt.
​Man sitzt da wie ein moderner, tragischer Konrad Duden, der krampfhaft versucht, eine neue Sprache für ein privates Universum zu erschaffen. Ein Duden nur für sich selbst, den niemand sonst lesen wird.
​Doch egal, wie oft und wie tief man in dieser Buchstabensuppe wühlt. Am Ende ist die Suppe leer. Und die Buchstaben bleiben doch immer dieselben..... kalte, starre Glyphen, die immer und immer wieder dieselben unverstandenen, bedeutungslosen Textzeilen in die Dunkelheit schreiben.