Ich muss Abbitte leisten, denn unser Staubsaugerroboter hat sich schnell als sehr charmant und sehr gute Investition herausgestellt
Die ersten Modelle von Staubsaugerrobotern waren vor einigen Jahren in einer undankbaren Position gefangen: Technisch noch sehr unausgereift fuhren sie einfach zufĂ€llig und ziellos durch den Raum, bis sie irgendwo anstieĂen, um sich dann in eine andere Richtung zu drehen und dort entlangzufahren, bis sie auf das nĂ€chste Hindernis treffen. Das war unerquicklich anzusehen und nicht besonders effizient und viele Modelle waren dabei unangenehm laut und auch noch teuer. Zudem gab es ganz andere Erwartungshaltungen als heute, weil es sich um ein ganz neues Produkt handelte, das gar nicht imstande war und ist, manuelles Saugen mittels eines ausgewachsenen Staubsaugers direkt zu ersetzen. Inzwischen weiĂ man, was man von solchen GerĂ€ten erwarten kann und was nicht, weil die meisten Leute Leute kennen, die einen oder gleich mehrere besitzen und einschlĂ€gige Erfahrungen haben.
Ich hatte noch immer diese EnttĂ€uschungen der ersten Generationen im Hinterkopf und daher hatte ich die Anschaffung eines solchen GerĂ€ts stets abgelehnt. Andere Menschen haben uns durchaus davon vorgeschwĂ€rmt, was fĂŒr eine Arbeitserleichterung sie sich damit ins Haus geholt haben, aber aus meiner Sicht waren deren Situationen mit unserer Situation nicht direkt vergleichbar, weil bei uns traditionell gewisse Unordnungen auf den Böden herrschen und das stĂ€ndige Beseitigen dieser Unordnungen mir eher wenig Aussicht auf nennenswerte Arbeitserleichterungen versprach. Ich bin recht schnell mit dem Durchsaugen und unsere beiden Handsauger sind immer griffbereit, um die KrĂŒmel der Kinder nach dem Essen flott zu beseitigen. Wozu also ein halb schlaues GerĂ€t anschaffen, das auch noch StellflĂ€che belegt, die bei uns Ă€uĂerst knapp bemessen ist?
Ein weiterer fĂŒr mich sehr abschreckender Aspekt ist, dass ich nur ungerne ein GerĂ€t anschaffe, das Informationen ĂŒber meine Lebenssituation in irgendeine Cloud zur Auswertung ausleitet. Konkret: Geschosskarten mit Lasersensoren erfassen und nach China schicken ist eine Sache, andere GerĂ€te haben aber Mikrofone und mitunter auch Kameras zur Hinderniserkennung und beide möchte ich nicht im Haus haben, wenn sie eine unkontrollierbare direkte Anbindung an die Clouds irgendwelcher Firmen haben und schon gar nicht, wenn diese Firmen auch noch im Nicht-EU-Ausland sitzen. Ich weiĂ, dass man die Cloudanbindung einiger Modelle kapern und durch eine freie Lösung ersetzen kann (man möge sich hierzu mal das Projekt Valetudo ansehen, aber ich möchte nicht zu Fummeleien gezwungen sein.
Anfang 2022 setzt sich meine Frau dennoch durch und wĂŒnscht sich einen solchen Sauger zum Geburtstag, das Risiko in Kauf nehmend, dass ich ihr mein eventuelles told you so eine Weile aufs Brot schmieren wĂŒrde, wĂ€hrend ich weiter mit dem groĂen Sauger sauge. Ich muss mich also fĂŒgen, wobei die Anzahl der wĂ€rmsten Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis inzwischen ohnehin erdrĂŒckend ist. Nun gut, dann bin ich mal nicht so.
Inzwischen sind Modelle, die sich mittels Laserscanner aktiv eine Karte ihrer Umgebung aufbauen, um dann planvoll die zu reinigende FlĂ€che abzufahren, recht bezahlbar geworden. Das ist faszinierend und aus der Perspektive von vor 20 Jahren komplett unglaublich, erscheint mir aber eine Mindestvoraussetzung zu sein, um nicht völlig durchzudrehen, auch wenn man dann keine lustigen Tier-sitzt-auf-Saugroboter-Videos machen kann. Ich entscheide mich fĂŒr ein Modell eines mir unbekannten chinesischen Herstellers mit europĂ€ischer Niederlassung, der in meinem bevorzugten SchnĂ€ppchenportal fĂŒr einen angemessen erscheinenden Preis bei einem HĂ€ndler in der EU auftaucht und in den Kommentaren einige FĂŒrsprecher*innen hat. Noch immer bin ich in der festen Erwartung, dass es sich wahrscheinlich um zu versenkende Kosten handeln wird, daher erscheinen mir die rund 200 Euro als angemessen, bessere GerĂ€te liegen schnell bei 500 bis 1000 Euro und mehr.
Doch dann kommt alles ganz anders
Das GerĂ€t kommt an und irgendwann finde ich auch etwas Motivation, mich damit zu beschĂ€ftigen. Die Einrichtung und Benutzung gibt keine RĂ€tsel auf und letztlich reduziert sich die Bedienung im Alltag auf einen Druck auf die Starttaste und ggf. auf die Taste fĂŒr die RĂŒckkehr zur Ladestation, wenn das automatisch nicht geklappt hat. Und das war es schon, erstaunlich unspannend. Bei den ersten Fahrten sehe ich gebannt dabei zu, wie sich das GerĂ€t auf fĂŒr mich als Softwareentwickler komplett nachvollziehbare Weise bewegt, sich mit dem Raum vertraut macht, in der zugehörigen App grafisch nachvollziehbar nach und nach eine Karte aufbaut und dann einfach seine Arbeit erledigt. Wir identifizieren sehr bald die wenigen kritischen Stellen, an denen der Roboter stets hĂ€ngenbleibt, und finden eine Positionierung der Möbel, die sich binnen 30 Sekunden leicht zurechtrĂŒcken lĂ€sst, damit der Roboter ungestört fahren kann und an alle nötigen Stellen herankommt. Nur unter den KĂŒchenmöbeln muss ich noch eine Kordel zwischen zwei MöbelfĂŒĂe aufspannen, weil der Roboter da exakt hineinpasst und daher bei jeder dritten Fahrt dort klemmen bleibt. Aber er fĂ€llt dank zuverlĂ€ssiger Bodenerkennung nicht die Treppen herunter und wenn man keine losen Kabel und SchnĂŒrsenkel herumhĂ€ngen hat, fĂ€hrt er sich auch dort nicht fest und macht einfach seinen Job unaufgeregt und beflissen.
Ich schlieĂe ihn sofort als neues Familienmitglied ins Herz, wie ein Haustier, weil er sich so putzig im Raum bewegt. Fast meditativ ist es, ihm bei der Arbeit zuzusehen und da er auch nicht besonders laut ist, kann man sich auch ohne BelĂ€stigung im gleichen Raum aufhalten. Dann muss man nur etwas aufpassen, dass er einen nicht erschreckt, indem er einem vorsichtig tastend an die FĂŒĂe fĂ€hrt. Wir taufen ihn âKleiner Sportsfreundâ in Anlehnung an das Zitat âDas war Dein falsche Entscheidung, Du kleiner Sportsfreundâ von Teddy Teclebrhan und freuen uns auch noch nach mehreren Monaten ĂŒber seine Anwesenheit. Wenn er mal irgendwo hĂ€ngen bleibt, stört das ĂŒbrigens gar nicht sonderlich: Jemand bemerkt das, zieht ihn da raus, befreit ihn bei Bedarf vom Grund fĂŒr die Verklemmung und lĂ€sst ihn einfach weiterfahren.
Aber spart er uns wirklich Arbeit?
Kurzfassung: Ja, sehr viel sogar. An Wartung fĂ€llt im Alltag nicht viel an: Nach jeder spĂ€testens zweiten Fahrt muss man den AuffangbehĂ€lter mit einem Handgriff herausnehmen, in den MĂŒlleimer entleeren und mit dem dort griffbereit eingesteckten BĂŒrstchen ausfegen. Nach jeder ungefĂ€hr zehnten Fahrt gehe ich raus und puste den Feinstaubfilter zusĂ€tzlich kurz aus. Und dann muss man je nach gereinigtem Raum verschieden hĂ€ufig auch noch die BĂŒrstenwalze unter dem GerĂ€t herausnehmen und von aufgewickelten Haaren befreien, das dauert etwa ein bis zwei Minuten und geht ebenfalls leicht von der Hand. Manchmal muss man auch die Haare von den rotierenden Kehrbesen abfummeln, die sich dort aufgewickelt haben. Das war es bereits an Wartung. Nur das Sprechen haben wir ihm abgewöhnt, das war kaum zu verstehen, unangenehm ĂŒberraschend und laut und wenig nĂŒtzlich.
Der gröĂte und fĂŒr mich ĂŒberraschendste Vorteil des GerĂ€ts ist aber die Akzeptanz innerhalb der Familie, was das Freihalten des Bodens angeht. Allen ist ganz intuitiv klar, dass der Roboter nicht gut mit im Weg liegenden Spielsachen, Malereien, Bastelsachen oder KleidungsstĂŒcken umgehen kann (= diese im Zweifel kaputt macht) und deswegen hat das Freihalten des Bodens seitdem einfach geklappt, wo es zuvor noch ein Kampf gegen WindmĂŒhlen war. Meine Angst, dass man mehr Zeit mit dem LeerrĂ€umen des Bodens verbringt als mit dem manuellen Saugen, war also nicht nur unbegrĂŒndet, sondern im Gegenteil sorgt die Anwesenheit des Roboters dafĂŒr, dass das plötzlich einfach so klappt und der Boden gar nicht mehr so vollmĂŒllt.
Und was schafft er so weg?
Hier bin ich am meisten beeindruckt: Das GerĂ€t fĂ€hrt mehr oder weniger tĂ€glich im Erdgeschoss und sammelt dabei so viel Staub und Dreck auf, dass ich mich frage, wie wir zuvor nur einmal wöchentlich saugen konnten (und zwischendurch die groben KrĂŒmel mit dem Handstaubsauger, das tun wir aber immer noch)? Mit dem groĂen Sauger arbeiten wir nur noch selten, wozu auch? Der Boden ist nicht mehr stĂ€ndig mit Sand und KrĂŒmeln voll und durch die rechts und links rotierenden Kehrbesen landet fast alles zuverlĂ€ssig im Roboter. Bei nĂ€herer Betrachtung ist das ĂŒbrigens weniger ein Staubsauger als eine Kehrmaschine, die mich von der Konstruktion her frappierend an die mechanische Teppichkehrmaschine erinnert, die meine Eltern aus den 1970er-Jahren besaĂen, die aber mangels Absaugung den zusammengekehrten Dreck nur eher sporadisch einsammeln konnte. Hier reicht das schwache GeblĂ€se des Roboters völlig aus, die Kehrbesen rechts und links und die BĂŒrstenwalze auf der Unterseite funktionieren aber im Prinzip exakt so wie die alte Teppichkehrmaschine.
Wischen kann der Roboter ĂŒbrigens auch, aber das ist bei dem Modell so rudimentĂ€r implementiert, dass wir das praktisch nie machen. Letztlich klemmt man ein Mikrofasertuch unter den Sauger und fĂŒllt ein paar Tropfen Wasser in einen Tank, das dann so vor sich hin in den Lappen hinein tröpfelt. Praktisch findet absolut keine Steuerung der Feuchtigkeit statt und auch keine mechanische Wischbewegung auĂer der Fahrerei.
FrĂŒher oder spĂ€ter werden wir fĂŒrs erste Obergeschoss einen weiteren Roboter anschaffen bzw. eigentlich den kleinen Sportsfreund dorthin verfrachten und fĂŒrs Endgeschoss ein GerĂ€t mit Absaugstation und besserer Wischfunktion anschaffen. Die Absaugstation leert den AuffangbehĂ€lter selbsttĂ€tig und bessere Wischfunktionen verwenden Vibrationen oder Rotationen der Lappen und eine gezielte Feuchtigkeitssteuerung. Es wĂ€re auch schön, wenn die App etwas besser bedienbar wĂ€re, denn eigentlich mĂŒsste man den Roboter auch gezielt irgendwo hinschicken können und No-Go-Areas definieren, aber ich konnte bislang nicht herausfinden, wie man das anstellen soll. Das ist wohl bei anderen Herstellern besser gelöst. In der Praxis bei uns ist das egal, weil wir die App nur dazu benutzen, zu sehen, wie weit der Roboter schon ist bzw. um einen der sehr seltenen rot blinkenden und nicht offensichtlichen (SchnĂŒrsenkel/Kabel) FehlerzustĂ€nde abzulesen. Unsere 30s-FreirĂ€umroutine bringt das Erdgeschoss bereits in einen Zustand, dass wir keine No-Go-Areas definieren mĂŒssen.
Ich hĂ€tte es nicht gedacht, aber ich bin ein glĂŒhender Fan von Saugrobotern geworden und wer weiĂ, vielleicht gebe ich sogar mein Unbehagen gegenĂŒber RasenmĂ€hrobotern auf. Wobei, da bin ich noch immer nicht: Rotierende Messer an einem autonom fahrenden und mittelschlau agierenden Roboter gehen mir einen Schritt zu weit. Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an die illustre RasenmĂ€herszene aus Braindead?