Von 1998 bis zum 16. Juni 2017
CDs ohne Namen, Fans ohne Abspielgeräte
1998 teilte ich mir ein Kellerbüro mit Freunden, weil so der Internetzugang billiger war als zu Hause. Die Vormieter, ein Plattenlabel, hatten beim Auszug einen Schuhkarton voll hüllenloser CDs zurückgelassen. Die meisten davon konnte man nicht öfter als einmal hören, manche immerhin dann, wenn man betrunken war, aber eine war darunter, die hörten wir ständig. Es war eine grau gemusterte ohne aufschlussreiche Beschriftung, und sie lief etwa ein Jahr lang den ganzen Tag. Die Musikrichtung ließ sich noch am ehesten mit "wenn ich auf diese Taste drück, spielt er ein kleines Musikstück" umschreiben, jedenfalls von mir, da ich Musikrichtungen nur mit Müh und Not unterscheiden kann, und auch nicht gerade viele. Wir spielten sie auf einer klapprigen, sehr kleinen und sehr billigen Kompaktanlage ab.
Zwei oder drei Jahre später war ich in einem Club, in dem zu meiner Überraschung unsere Büro-CD gespielt wurde. Als ich nachsehen ging, handelte es sich sogar um Live-Musik, die von einem kleinen Mann und seinem Keyboard hervorgebracht wurde. Da der Musiker außerordentlich harmlos aussah, sprach ich ihn später an der Bar an, berichtete von der namenlosen CD und dass sie uns viel Freude bereitet habe in unserem dunklen, feuchten Keller. Er heiße, sagte der harmlose und gütige Mann, Jim Avignon, und habe gerade eine zweite CD angefertigt. Die wolle er mir zuschicken, damit wir etwas Abwechslung hätten.
Ab und zu gehe ich bis heute auf Jim-Avignon-Konzerte. Beim letzten, im Mai 2017, war ich der erste Gast und wurde deshalb gleich gefragt, ob ich die neue CD wolle. Ich sagte, ich hätte leider schon seit 2012 nichts mehr, womit man CDs abspielen könne. Ob es vielleicht noch andere Möglichkeiten gebe? USB-Sticks oder so? (Was weiß ich, ich bin nie auf Releasepartys.) Nein, sagte der Musiker, das mit den USB-Sticks habe er schon vor Jahren versucht, schön gestaltet seien sie sogar gewesen, aber die Leute auf seinen Konzerten wollten auf dem Rückweg im Auto eine CD hören, vor allem auf dem Land. Aber ich könne mir ja dann die Musik bei Bandcamp runterladen. Bandcamp, den Namen hatte ich zumindest schon mal gehört.
Heute kam Jim Avignons Newsletter per Mail. Darin sind die Verteilformate der Musik noch einmal genauer erklärt:
Wer bis hierhin gelesen hat, kann eigentlich gar nicht anders, als mir sofort eine Mail zu schicken und Highway to hello fuer 6€ plus Porto zu bestellen. Wer moechte, bekommt auch eine persoenliche Widmung ins Booklet geschrieben und alle, die mir nach meinem letzten Newsletter geschrieben haben, sind sowieso mit Namen im Booklet gegruesst.
wer schon mal vorhoeren will :
http://www.neoangin.info/index.php?id=4&aid=24
und wer gar keinen CD-Player mehr hat:
https://neoangin.bandcamp.com/releases
und wer auf die vollmundig angekuendigte Vinylversion wartet: diese
Heinis von duophonic sind wirklich Schnarchnasen. Auf der Testpressung
fehlte ein Stueck, dafuer war ein anderes doppelt drauf und das ganze
klang, als haette die Platte eine Woche in der Sonne gelegen und auf
die neue Testpressung musste ich dann einen weiteren Monat
warten, denn alle wollen im Moment nur Vinyl und die Prioritaeten der
Presswerke liegen im Moment wohl nicht bei 1mannbands ohne Label.
Alle wollen im Moment nur Vinyl, das überrascht mich immer wieder, obwohl es jetzt schon seit Jahren so zu sein scheint und in meiner Nachbarschaft sogar mehrere Plattenläden eröffnet haben. Die Umlaute in der Mail fehlen, weil es diesen Newsletter schon so lange gibt, dass Umlaute in Mails anfangs noch nicht zuverlässig bei den Empfängern ankamen.
(Kathrin Passig, der Anfang wurde für einen Beitrag im “Höfliche Paparazzi”-Forum geschrieben)