Tag 1096 / Morgens das dritte Meeting in weniger als 24 Stunden
Im Museum ist es gestattet, zu sitzen und nichts zu tun. Starr in eine Richtung zu blicken. Sitzen. Denken. Spüren.
Ich spüre, dass nicht nur mein Rücken, sondern auch meine Beine schmerzen. Dieses schwere-dicke-Beine-Bekommen ist eine Alterserscheinung. Genau wie die schnellere Erschöpfbarkeit. Das größere Schlafbedürfnis. Wortfindungsstörungen vielleicht noch nicht unbedingt.
Das mit den Beinen würde ich mal ziemlich eindeutig nicht dem Alkoholismus zuordnen. Eher die Tatsache, dass ich mich selbst ins Museum zerre. Todmüde, hungrig, Schmerzen, aber ins Museum "müssen".
Und wieder realisieren: Der wird hier ausgestellt. Ich nicht. Nicht meine Werke. Ich wollte das schon immer so sehr. Bildende Künstlerin sein. Eine Zeitlang mit Schwerpunkt Fotografie. Heute wieder mit Schwerpunkt Malerei.
Und im übertragenen Sinn steht diese Sehnsucht ja eben dafür, jemand anders sein zu wollen, anerkannt, geachtet, berühmt, jemand, der viel mit den Händen schafft, der Ideen hat, diese umsetzt.
Und während ich das schreibe, stelle ich fest, dass ich gerade erst gepostet hatte, dass meine Vorhabenumsetzungsrate hoch ist, dass ich in Abstinenz inspirierbar bin und auch hier merke ich, Werk XYZ bringt mich auf die Idee, "sowas" auch mal in Bezug auf Abstinenz zu machen.
Einen Comic.
Oder einen Altar.
Oder einfach mal wieder zu malen.
Zu beobachten, wie Farben ineinanderlaufen, zu überlegen, ob sie harmonieren. Abstrakt zu malen. Malen um des Malens willen. Nicht mit der MoMA Ausstellung als Ziel.
Eisprung in drei Tagen.
Ist das nicht ein negativer Verstärker, diese Zyklus-App? Beeinflusst das nicht zu sehr mein Denken, Agieren, jetzt unbedingt einen Mann treffen zu wollen?
Vor einer Woche habe ich es noch als Zeichen "geistiger Genesung" gesehen, mich überhaupt mit dem Installieren und Nutzen einer neuen App beschäftigen zu können, diese kognitive Kapazität dafür zu haben.
Heute könnte ich die ganze Aktion als Selbstverlust beschimpfen.
Mit diesem Überanalysieren gehe ich mir selbst so krass auf die Nerven.
Ich schwimme.
Ich weiß nicht, was beruflich werden wird. Ich merke, dass es da sehr an Gottvertrauen fehlt. Und mein Gottvertrauen vor Betreten des Flugzeugs war auch eher sarkastisch: "Wenn Gott will, dass ich auf dem Flug sterbe, dann sterbe ich eben."
Ich bin viel mutiger in Wien als beim Sommerurlaub in einer Stadt, die ich kannte.
Und doch mache ich mich klein, wenn ich in Schrittemeetings sitze, wenn ich mein eigenes Englisch höre, wenn ich mich ansehe.
Die Frau da hat eine geile Kette. Fester Draht, mit Plastik verkleideter Draht.
Ich würde gerne leben wie Paola.
Aber sie ist ja auch nicht glücklicher.
Sie trinkt, kifft, muss hartzen, um Kreativität als Hauptlebensinhalt haben zu können.
Ich würde gerne sein wie Valentina.
Voller Selbstvertrauen, happy, in zwei Städten leben, so wie viele Künstler das machen, "lebt in N.Y. und Berlin".
Dabei habe ich alles, was ich brauche. Und ich bin die, die ich sein soll. (Tag 624)
Viel an Dresden gedacht.
Wie sehr das Verlorensein, Ausgeliefertsein dort doch zu immens lebenserhaltender, sinnstiftender Identitätskonstruktion beigetragen hat. (Tag 617 / Grow.)
Vom Steinesammeln heute im Meeting erzählt.
Einer der glücklichsten Momente meiner Trockenheit. (Tag 597)
Ans Neukölln-Meeting gedacht beim Blaues Buch-Lesen. (Tag 837)
Ich muss das immer wieder hören, lesen, vergegenwärtigen, wiederholen,...
... nach einigen JAHREN der Trockenheit hatte sie beruflich wieder Fuß gefasst:
"Es hat sehr lange gedauert, bis ich finanziell auf eigenen Füßen stehen konnte, mich also auch materiell abnabelte, und wusste, was ich wollte."
Ich krabbele noch.
Ich krabbele im Berufsleben.
Vor sechs Monaten erst angefangen, trocken Arbeiten zu üben. Ich übe noch.
Der Mann neben mir steht nicht von der mit grauem Filz bezogenen Bank auf. Seine Frau kam jetzt schon viermal! Er sitzt neben mir und liest während ich schreibe. Vielleicht habe ich eine angenehme Ausstrahlung. Vielleicht hat das gar nichts mit mir zu tun. Ein Mann, nach dem ich mich nie umdrehen würde. Zart. Schlicht. Leise.
Im Bibliothekspraktikum zwei, dreimal Gänsehaut bekommen, zum Beispiel als ein Mädchen durch die Gänge spazierte und mit Begeisterung der Mutter entdeckte Bücher brachte. Oder als jemand anderes im zu mir parallel stehenden Regal etwas suchte.
Jetzt auch ein Ansatz von Gänsehaut, weil dieser Mann und das Verhalten seiner Frau mir das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.
Vielleicht bin ich auch nicht besonders, sondern einfach gut so wie ich bin.
"Ihr wisst, was ihr zu tun habt"
"Gefühllos"
Als gefühllos könnte man mich nicht beschimpfen.
Zu Gironcoli's häufig verarbeiteten Motiven gehören Hunde. Penisse auch. Bei Meese sind es ebenfalls Penisse und darüberhinaus Brüste, Vaginas, Kreuze...
Würde ich mehr Geschlechtsorgane malen, wenn ich es besser könnte?
Was sind meine "Hauptmotive"?
Neben all den Selbstportraits, neben all den Flaschen?
Mittags im Hotelzimmer mehrmals erlebt, wie meditativ das SCHREIBEN für mich ist.
"Singen ist für mich Meditation" haben wir heute auch im Blauen Buch gelesen.
Bei mir ist es das Schreiben. Und es war damals auch das Nähen.
Dieses zwanghafte Aufschreiben, im Papierkalender - wo war ich wann, wie viele Termine habe ich wann in Trockenheit machen können?
Ich protokolliere das ja nicht im Abstinenztagebuch
- nach Rehaeinrichtung: Tierfuttergeschäft, Drogerie, Supermarkt.
Aber könnte ich eigentlich auch mal machen.
Gestern oft gedacht, meinem Blog merkt man sehr an, wie Alkoholismus das Gehirn, das Denken, die Persönlichkeit verändert und wie langsam sich alles erholt. Oder eben nicht alles.
Der eine Künstler hier übt Kritik an der Gesellschaft - Verteilung des Kapitals: 90% bei den Superreichen, 10% des Kapitals bei den Normalos - jetzt mal platt zusammengefasst. Der kritisiert gesellschaftliche Zustände
und das mache ich auch
in Bezug auf die Droge Alkohol.