Tag 758 / Abstinent vorm, beim und nach dem Date
“Suum cuique” - Jedem das Seine - steht um den Adler inmitten der Sonne auf dem Torpfosten hier neben dem Schloss. Vor letzterem wartet mein Date. Mein erstes Offlinedate mit einem Mann von der Beziehungsanbahnungsinternetseite. Ich treffe mich zum ersten Mal in Abstinenz mit einem Mann, ohne dass es darum geht, so schnell wie möglich Sex zu haben und dabei so unpersönlich wie möglich zu bleiben. “… ob er es als Date sieht, weiß ich nicht. Klingt mehr so kumpelmäßig von seiner Seite. Egal. Für mich ist es ein Date. Und ich freue mich.” schrieb ich Nick am Freitag. Jedem das Seine heißt ja auch, dass diese Verabredung für mich ein Date sein darf, auch wenn der andere es als Erfahrungsaustausch unter trockenen Alkoholikern bezeichnet.
Schmaler, kleiner, älter aussehend als erwartet. Tolle Augen, wundervolle Wimpern - oh, was hätten unsere Kinder für schöne Wimpern - feingliedrige Finger - wie sich wohl intime Berührungen damit anfühlen - braun gebrannt - “Warst du gerade im Urlaub?” Ich bin von Beginn an viel offener, lockerer, gesprächiger, als ich es selbst von mir kenne. Wir reden über das Aufhören mit dem Trinken, über das zu viele Trinken, über die ersten Erfahrungen im trockenen Leben. Das ist mein Thema! Da kenne ich mich aus. Es gibt mir Selbstsicherheit, über meinen Trockenheitsweg sprechen zu können. Und mich interessiert auch wie der Seine ist. Berufliches ist ziemlich nebensächlich. Wir gehen recht schnell durch den Park. Alleine hier, hätte ich schon dreißig Fotos gemacht. Das Spielplatz-Schild mit dem Alkoholverbot kann ich mir nicht verkneifen.
Er geht noch in seine Stammkneipe. Erster Dämpfer. Er trinkt noch alkoholfreies Bier. Der zweite. “Das muss jeder selber wissen.” ist meine Reaktion darauf. Und ich füge hinzu, dass mich der Bar- und Kneipengeruch schon beim Vorbeigehen total abschreckt. Gleichzeitig im Kopf: Ach, vielleicht gehe ich ja mit dem mal in eine Kneipe, vielleicht bin ich dabei, wenn er und seine trinkenden Freunde grillen, vielleicht werde ich mit dem wieder ein aktionsreicheres soziales Leben haben.
“Suum cuique” - “Jeder soll das Seine tun, und zwar in Art und Umfang so, wie es seinem Wesen, seinen Möglichkeiten und den individuellen Umständen entspricht” ist nach Wikipedia Platon’s Idiopragieformel. Meinen Möglichkeiten und individuellen Umständen entspricht, mich nach zwei Jahren Abstinenz mit jemandem zu verabreden. “In meinen ersten trocken Monaten wäre ich gar nicht in der Lage gewesen, hier so mit dir zu gehen und zu reden.” Und mir war es auch nicht möglich, eher meinen Berufsintegrationsprozess zu starten. Er arbeitet ohne Alkoholismusbehandlungspause Vollzeit und zwar konzentrierter wie auch effektiver. Er datet sich bereits mit zehn Wochen Abstinenz, davon eine angemeldet bei der Website.
Eigentlich war mir schon in den ersten Minuten des Spaziergangs klar, dass das mit uns nicht geht, weil er erst so kurz trocken ist. Dennoch hab ich’s immer wieder ausgeblendet. Jeder ist anders. Vielleicht ist er ein Schnellgeneser.
Meine Brüste sind viel zu groß für diesen attraktiven, gut gekleideten, zarten Mann mit Umhängetasche. Es kostet mich riesige Überwindung, meine Strickjacke aus dem Rucksack zu holen, anzuziehen und dazu die Jacke kurz abzulegen. Zwei Zeilen über Mirinda steht auf der Getränkekarte Campari. Und in meinem Kopf formuliert sich der Satz: “Ich hätte gerne einen Campari.”
Wir bleiben trocken bei dem Date und “in Kontakt”. Ob dieser gängigen Korb-Formel keimt Enttäuschung in mir. Doch der Stolz auf mich, auf meinen Mut, die Freude daran, mich so locker erlebt zu haben und die Abendsonne sind größer, werfen größere Schatten, zum Beispiel den des Mannes mit der Patienten-Eigentum-Tüte in seiner Hand, der scheint, sich gerade selbst entlassen zu haben aus der dem Park nahegelegenen Klinik. Er steuert in den Imbiss an der Kreuzung und als er diesen nach einem kurzen Wortwechsel entrüstet verlässt und nach meinem prüfenden Blick in die Kühlschränke voller Softdrinks, Wasser und Saft, ist die Hypothese für mich verifiziert: Der kommt aus der Entgiftung, wo er wohl unfreiwillig abgeliefert wurde. Der braucht ein Bier oder egal was mit Alkohol. “Suum cuique”. Dass ich endlich einen trockenen, attraktiven, intelligenten Alkoholiker getroffen habe, den ich nicht von AA, aus der Entgiftung, Entwöhnung, Nachsorge kenne, dass ich endlich jemanden kennenlernen dufte, der wie ich vor hat, abstinent zu leben, ist eine schöne, neue Erfahrung in meiner Abstinenz - nicht weniger als das, aber leider auch nicht mehr.














