9. MĂ€rz 2019
Der BerlKönig wird natĂŒrlich bei Nacht und Wind ausprobiert (aber wohlweislich ohne Kind)
Am Abend will ich auf ein Konzert nach Kreuzberg und das Wetter ist wenig einladend. Die passende Gelegenheit also, um den BerlKönig auszuprobieren. Dabei handelt es sich um einen Sammeltaxidienst, der wie Uber nur per Smartphone geordert werden kann. Das Unternehmen ist ein Joint-Venture der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), des MobilitÀtsdienstleisters Via sowie von Mercedes Benz.
Bereits am Nachmittag lade ich mir die App herunter, melde mich an und hinterlege meine Kreditkartendaten. Auch bei diesem Dienst muss ich dafĂŒr nur ein Smartphone-Foto der Karte machen und den Sicherheitscode von der KartenrĂŒckseite abtippen.
Eine erste Suche nach einer Fahrgelegenheit ergibt Abholung an der nĂ€chsten gröĂeren StraĂe, Kosten von knapp ⏠11 sowie Mitfahrmöglichkeiten in 8 und in 14 Minuten. Das klingt soweit nicht schlecht. Allerdings brauche ich dann doch noch etwas lĂ€nger bis zum Aufbruch und als ich nun wirklich buchen will, habe ich prompt 19 min Wartezeit.
Aber es regnet gerade nicht und so stelle ich mich an die angegebene Ecke und starre ein bisschen auf mein Smartpohne. Wie bei Uber sieht man in einer Kartenansicht der App, wie sich das Sammeltaxi stetig nÀhert.
SchlieĂlich ist es soweit. Ich klettere in den gerĂ€umigen Fond eines Mercedes-Kleinbusses (Foto hier). Der Fahrer kĂŒmmert sich zunĂ€chst wenig um mich, denn er beschwert sich gerade telefonisch bei einem Paketdienst, der eine Sendung offenbar unbedingt zu Zeiten zustellen will, zu denen keiner daheim ist, der aber auch nicht bereit ist, das PĂ€ckchen bei Nachbarn oder in irgendeiner Filiale zu hinterlegen.
Nachdem er dieses GesprĂ€ch murrend beendet hat, plaudern wir ein wenig ĂŒber seinen Fahrerjob. Er sagt, die Konditionen seien OK, obwohl er nur ĂŒber eine Zeitarbeitsfirma beschĂ€ftigt sei. Eine Ăbernahme in eine Festanstellung stĂŒnde aber in Aussicht. Das Fahren in Berlin fĂ€nde er sehr angenehm. In der Ukraine, wo er herstammt, wĂ€re es voll anstrengend, weil alle fahren wĂŒrden wie die Henker und die StraĂen noch genauso aussĂ€hen wie nach dem zweiten Weltkrieg.
Er erzÀhlt dann eine lustige RÀuberpistole, wie er in der Fahrschule versucht habe, einem der riesigen Schlaglöcher auszuweichen. Der Fahrlehrer hÀtte ihm aber ins Lenkrad gegriffen, um andersherum auszuweichen. Mit dem Ergebnis, dass sie das Loch voll erwischt hÀtten und es ein Rad komplett abgerissen habe.
Das Fahrschulfahrzeug habe dann unbedingt noch ĂŒber Nacht wieder repariert werden mĂŒssen, weil es am nĂ€chsten Tag fĂŒr mehrere FĂŒhrerscheinprĂŒfungen gebraucht wurde. Die Aussicht, plötzlich die PrĂŒfung in einem völlig unbekannten Fahrzeug ablegen zu mĂŒssen, hĂ€tte den betroffenen FahrschĂŒlern buchstĂ€blich eine schlaflose Nacht beschert.
Ich erfahre noch einige weitere Details. 400 Fahrer beschĂ€ftigt BerlKönig und man braucht fĂŒr den Job nur die einfachste Variante des Personenbeförderungsscheins ohne OrtskundeprĂŒfung.
So vergeht die Zeit, und als wir in Kreuzberg ankommen, regnet es wieder. Ich war die ganze Zeit ĂŒber einziger Fahrgast und kann noch eine Ecke weiter mitfahren als ursprĂŒnglich vorgesehen. Dadurch komme ich einigermaĂen trocken an mein Ziel, dennoch versĂ€ume ich es, mich nach den Trinkgeldoptionen zu erkundigen. Der Fahrpreis wird direkt von meiner Kreditkarte abgebucht und ich darf auch eine Bewertung der Fahrt abgeben. Mehrere Willkommens- und Hinweismails von BerlKönig habe ich mittlerweile auch erhalten.
FĂŒr die RĂŒckfahrt prĂŒfe ich ebenfalls kurz die BerlKönig-VerfĂŒgbarkeit, aber erneut bekomme ich eine Wartezeit von 18 min angezeigt. Da ist die BVG schneller und gĂŒnstiger, denke ich. Aber drei ZwischenfĂ€lle spĂ€ter â ein Sturmschaden, ein Fahrgastnotfall und eine ganz normale Baustelle â bin ich mir da nicht mehr so sicher.
So bleibt es auch mit reichlich Ortskenntnis und funktionierendem Smartphone schwierig, die schnellste tatsĂ€chlich nutzbare Route fĂŒr den RĂŒckweg zu ermitteln. Ich erreiche mein Heim mit MĂŒh und Not, die letzten zwei Kilometer auf einem LIDL-Bike reitend.
(Virtualista)









