Es brennt - Scheuklappen abnehmen
Der aktuelle Sommer in Europa bringt Wetterextreme, die den Szenarien der Klimaforschung voll und ganz entsprechen. Mag die AfD auch das wieder leugnen. Deren LĂŒgen helfen niemandem auf Dauer.
Was tun angesichts solcher Wetterextreme und deren Folgekatastrophen, die gefĂŒhlt so viel rascher eingetroffen sind, als Klimafachleute vor ihnen gewarnt hatten â vielleicht auch, weil viele Experten und Expertinnen Furcht vor den Reaktionen auf noch eindringlichere Kassandrarufe hatten? Wie mit dem Umstand umgehen, dass wir nach 200 Jahren COâ-AusstoĂ und viel zu wenig Initiative, um ihn zu beenden, in einer KlimaĂ€nderungsspirale gefangen sind, die laut einhelligen Voraussagen in naher Zukunft noch höhere Temperaturen zur Folge haben wird? Sinnlos, weil faktenwidrig ist dumpfe Klimawandel-Leugnung, wie sie etwa die AfD betreibt. Ăbrigens an die Medien und das Netz: Extremtemperaturen sind kein Entertainmentfaktor. FĂŒr viele vulnerable Menschen sind sie tödlich.
Zweckdienlicher ist es, die Scheuklappen abzunehmen und in aller Klarheit wahrzunehmen, was passiert. NĂ€mlich, dass die Klimakrise ganze Schadenskaskaden zur Folge hat. Hitze und DĂŒrre gefĂ€hrden die Ernten, machen Probleme bei der Energieproduktion. Das wird weitere Teuerungen zur Folge haben. Riesige, schier unaufhaltbare BrĂ€nde zerstören ganze grĂŒne Lungen und kosten Millionen Wildtiere das Leben. Die Menschen in weiteren potenziell betroffenen Gebieten wiederum behalten im Hinterkopf, dass sie von einem Tag auf den anderen ihren sauer erworbenen Besitz verlieren können.
Kurz, die Klimaerhitzung schwĂ€cht die Ressourcen- und die Eigentumssicherheit â und damit zentrale Versprechen unserer modernen europĂ€ischen Gesellschaft. Eine der derzeit wichtigsten Fragen ist, wann das endlich weit genug sickert, um einen echten Konsens fĂŒr wirksame KlimamaĂnahmen zu finden. Bis dahin tanzen wir mit geschlossenen Augen auf einem Vulkan.
Hitze ist teuer. Die Volkswirtschaft verliert, weil Menschen krank werden und behandelt werden mĂŒssen und weil sie weniger oder schlechter arbeiten. Weil Ernten ausbleiben und FlĂŒsse austrocknen, die man als Transportwege braucht. Weil StraĂen neu geteert werden mĂŒssen und Klimaanlagen Strom fressen. Hinzu kommen Ăberschwemmungen, WaldbrĂ€nde und HagelstĂŒrme, wegen der die Amerikaner inzwischen nicht mehr nur von global warming, sondern von global weirding sprechen, weil die WetterphĂ€nomene immer seltsamer werden. Nach jedem Desaster muss man aufrĂ€umen. Das kostet. Selbst wenn die COâ-Emissionen von heute an drastisch gesenkt wĂŒrden, schrumpft die Weltwirtschaft wegen des Klimawandels bis 2050 um fast ein FĂŒnftel, so besagt es eine neue Studie des Potsdam-Instituts fĂŒr Klimafolgenforschung. Die volkswirtschaftlichen SchĂ€den des Klimawandels: gigantische 38 000 000 000 000 Dollar. Pro Jahr wohlgemerkt. Damit sind diese sechsmal höher als die Kosten, die anfallen, um die ErderwĂ€rmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Zu den Aufgaben von verantwortungsbewussten Politikern zĂ€hlt auch, das all den Menschen zu erklĂ€ren, die sich vor höheren Stromrechnungen fĂŒrchten und kĂŒnftigen Generationen keine ĂŒberbordenden Staatsschulden hinterlassen wollen. Wer vor den Populisten einknickt, unterschĂ€tzt die Intelligenz der WĂ€hlerinnen und WĂ€hler, die durchaus in der Lage sind, einen ökonomischen Fakt zu verstehen: Schulden, die man macht, um die Welt zu retten, sind sehr viel sinnvoller als Schulden, die man machen muss, um nach dem nĂ€chsten Klimadesaster aufzurĂ€umen.