Gedanken von Carpe Diem
Herbst der Reformen – oder doch eher der Blätterfall der Glaubwürdigkeit?
Es ist also soweit: Unser Kanzler Friedrich Merz ruft den „Herbst der Reformen“ aus. Ein verheißungsvolles Schlagwort, das derzeit durch Talkshows, Parteitage und Regierungserklärungen geistert. Doch wie so oft in der deutschen Politik: Der Herbst ist da, die Reformen – sie lassen auf sich warten. Wenn es überhaupt welche geben wird, dann vermutlich von jener Sorte, die man kaum bemerkt – etwa die „Reform“ des Kfz-Zulassungswesens. Herzlichen Glückwunsch, das hat uns allen gefehlt.
Dabei stünden wirklich gewichtige Themen auf der Agenda: die Rentenreform, die Krankenkassen, also jene Großbaustellen, bei denen es seit Jahren nur heißt: „Hier könnte Ihre Reform stehen.“ Doch wie soll das gelingen, wenn die Koalition – diese unfreiwillige Ehe zwischen CDU/CSU und dem 16-Prozent-Partner SPD – schon bei der Eheschließung wusste, dass sie nicht füreinander bestimmt war? Was als Partnerschaft verkauft wurde, entpuppt sich immer mehr als Zwangsgemeinschaft, die nach außen hin tapfer so tut, als funktioniere sie.
Aber die Spatzen pfeifen es längst von den Dächern – und zuletzt hörte man sie besonders laut beim Thema Wehrdienstreform. Ein Konsens? Quasi ausgeschlossen. Das letzte große Rumpeln, die Richterwahl, liegt ja noch gar nicht so lange zurück.
Natürlich – die Angst vor der Wahrheit sitzt tief. Beide Parteien fürchten, ihren Wählern reinen Wein einzuschenken. Wahlen stehen schließlich immer irgendwo bevor, und Ehrlichkeit kostet Stimmen. Die SPD könnte unter 16 Prozent rutschen – Helmut Schmidt würde sich im Grabe umdrehen – und auch die CDU käme wohl nicht ungeschoren davon. Die Zustimmungswerte des Kanzlers? Im freien Fall. Der „Hoffnungsträger“ Merz hat den Karren bisher eher tiefer in den Dreck gefahren als heraus.
Und doch gibt es Lichtblicke – so klein sie auch sein mögen: Junge CDU-Abgeordnete wollen sich tatsächlich gegen Teile der Regierungsbeschlüsse stellen. Ein Hauch von Rückgrat weht durch den Bundestag! Sie haben erkannt, dass es kommenden Generationen schlicht nicht zuzumuten ist, die finanziellen Versäumnisse der Gegenwart mit dreistelligen Milliardenbeträgen auszubügeln. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Aufrechten sich nicht noch von Herrn Spahn oder ähnlichen Parteigrößen einfangen und auf Parteilinie trimmen lassen.
Denn das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik ist ohnehin im Sinkflug – und eine weitere Bruchlandung können wir uns kaum leisten.
Wenn man wirklich Mut zeigen wollte, könnte man ja einmal das heilige Thema Berufsbeamtentum anpacken. Rund 5,4 Millionen Menschen sind im öffentlichen Dienst beschäftigt – davon 1,7 Millionen Beamte mit sämtlichen Vergünstigungen, die der Steuerzahler zu finanzieren hat. Die heilige Kuh der deutschen Verwaltung!
Mit welcher Begründung eigentlich? Warum erhält ein Beamter im Ruhestand eine üppige Pension, während der „normale“ Arbeitnehmer mit seiner Rente gerade so über die Runden kommt? Man hört dann stets von „besonderer Stellung“, „Treuepflicht“ und „staatlicher Integrität“.
Ja, das gilt – für Richter, Soldaten, Polizisten. Diese drei Berufsgruppen machen zusammen rund eine halbe Million Menschen aus. Und der Rest? Lehrer, Verwaltungsbeamte, Schreibtischtäter in Bund, Ländern und Kommunen – warum genau verdienen sie im Alter den goldenen Handschlag, während die Krankenschwester, der Pfleger oder der Stahlarbeiter die Krümel zählen dürfen?
Wenn man wirklich Reformmut beweisen will – hier wäre der Hebel. Ein klares Signal an die Bevölkerung: Gleichheit nicht nur auf dem Papier, sondern im Portemonnaie. Natürlich, der Aufschrei der Betroffenen wäre laut, doch wer Generationengerechtigkeit ernst nimmt, muss sich auch diesen Unmut zutrauen.
Und dann wäre da noch der Dauerbrenner Diätenerhöhung. Wenn es ums eigene Geld geht, herrscht im Bundestag plötzlich Einigkeit – parteiübergreifend, harmonisch, fast familiär. Zwar zeigte sich die Linke zunächst kritisch, am Ende aber ging die Erhöhung auch mit ihren Stimmen durch.
Ab Juli erhalten die Abgeordneten rund 5,4 Prozent mehr – ein Plus, das mit der allgemeinen Entwicklung der Bruttolöhne im vergangenen Jahr begründet wird. Nach Abzug der Inflation bleibt ein reales Plus von 3,1 Prozent.
Allerdings wird es wohl nur wenige Arbeitnehmer geben, die sich tatsächlich über 600 Euro mehr im Monat freuen können.
Vorbildfunktion für den Bürger? Durchaus – allerdings eher im Sinne von: „Mach’s wie wir, gönn dir!“
Vielleicht, ja vielleicht, sollte man im Zuge all dieser Reformphantasien auch die Politikerbezüge selbst einmal auf den Prüfstand stellen. Es wäre zumindest ein Anfang.
Ich höre schon den Aufschrei des um seine Pension fürchtenden Beamten wie auch den um sein in der Wählergunst sinkenden Politiker. Doch gerade dieser Schritt – unpopulär in bestimmten Kreisen, ehrlich gegenüber den Bürgern – könnte langfristig Vertrauen schaffen. Der Politiker, der sich traut, hier anzupacken, mag kurzfristig Stimmen verlieren, wird sich jedoch langfristig ein viel größeres Wählerpotenzial aufbauen. Und wenn nicht er selbst, dann seine Partei – bei den Wählern von morgen.
Und wer weiß – vielleicht wird dieser Herbst ja doch noch golden. Nur eben nicht für uns.













