Transhumanismus und die Hoffnung auf Unsterblichkeit
Die Hoffnung auf Unsterblichkeit ist für viele Anhänger von Transhumanismus und Posthumanismus ein wichtiger Teil ihrer Ideologie. Das ist eines aus einer ganzen Reihe von Merkmalen, die bei transhumanistischen und posthumanistischen Utopien an eine Religion erinnern.
Angestrebt wird diese Unsterblichkeit zum Beispiel durch Übertragung von Hirninhalten auf Computerchips (Uploading), durch Einfrieren (Kryonik) oder durch Einspeisung des körperlosen „posthumanistischen“ Menschen in einen kosmischen Supercomputer.
Die Aussicht, als Datenpaket auf einer Computerfestplatte ewig zu leben (wer zahlt die Stromrechnung?), vermag auf Anhieb nicht alle Menschen zu begeistern. Transhumanisten und Posthumanisten aber sind davon offenbar hingerissen.
Sind das einfach Visionen von ein paar verrückten Spinnern?
Mit dieser Einschätzung würde man das Phänomen wohl zuwenig ernst nehmen.
Der Transhumanismus hat in den grossen amerikanischen Technologiekonzernen wichtige Sponsoren. Google zum Beispiel hat eigens ein Forschungszentrum eingerichtet für die Unsterblichkeits-Forschung und pumpt Milliarden von Dollars in diesen Bereich. Nur aus karitativen Gründen wird Google das kaum machen. Der Konzern verspricht sich davon mit Sicherheit fetten Gewinn und die Resultate aus solchen Forschungen werden entsprechend mit Patenten geschützt.
Die erste Frage lautet: Ist die Realisierung dieser Unsterblichkeits-Utopie realistisch. Da bleibt der überwiegende Teil der Fachleute skeptisch bis sehr skeptisch. Aber man weiss ja nie, was die Zukunft bringen wird.
Die zweite Frage lautet: Wollen wir das - unsterblich werden? Wie würde sich unter diesen völlig anderen Bedingungen unser individuelles Leben und unsere Gesellschaft verändern?
Die dritte Frage lautet: Wer bezahlt das? Wer kann sich Unsterblichkeit oder prägnante Lebensverlängerung leisten?
Solche Fragen, die vom Transhumanismus mit seiner Technologieeuphorie in der Regel eher übergangen werden, waren unter anderem auch Thema in zwei Vorträgen am Philosophicum Lech im Jahr 2003, das den Titel trug: „Ruhm, Tod und Unsterblichkeit - über den Umgang mit der Endlichkeit“.
1. Zitat von Volker Gerhardt:
„Es bedarf eigentlich gar keiner Phantasie, um sich vorzustellen, wie unerträglich die Vergrösserung des Zeitfensters menschlichen Daseins auf fünfhundert oder tausend Jahre für das einzelne Individuum sein müsste. Möglich wäre sie ohnehin nur für den Einzelnen, denn wenn alle in den Genuss einer dauerhaften Lebensverlängerung kämen, hätten sie zunächst auf Kinder zu verzichten. Damit würden zwar alsbald die Schulen entfallen; die Pädagogen könnten entbehrlich werden und die Professoren auch. Der Termindruck würde nachlassen; denn wenn das Leben lange dauert, hat es im Prinzip keine Eile mehr. Doch so gross die Vorteile auch wären, sie würden nicht den emotionalen und innovativen Verlust ausgleichen, der allein im Verzicht auf die Generationenfolge liegt. Die wenigen aber, denen das Privileg einer vielleicht nur über zwei bis drei Jahrhunderte verlängerten Existenz zuteil würde, müssten alsbald am eigenen Lebensüberdruss zu Grunde gehen. Die Isolation von ihresgleichen, in die sie durch ihr überdimensioniertes Alter gerieten, wäre unerträglich. Vielleicht können sie sich noch über ihre Ururenkel freuen. Was auf die dann aber folgt, kann ihnen nur so bemerkenswert oder gleichgültig sein, wie jeder Saal mit Neugeborenen anderer Leute.
Ein Leben ohne natürlichen Tod löste alle tradierten Bindungen auf; es machte den selbstbestimmten Tod aus eigenem Entschluss zur Normalität. Wer daher gegen den Tod als solchen polemisiert, kann zwar mit spontanem Einverständnis rechnen, weil der Zeitpunkt des Sterbens im Einzelfall immer als zu früh erscheint. Im Nachdenken aber lehrt uns das Leben, dass jedes individuelle Dasein notwendig auf den Tod bezogen ist. Es muss ein Ende haben, wenn es überhaupt einen Impuls, eine Dynamik und eine Perspektive haben soll.“
Zitat aus: Volker Gerhardt, Not und Notwendigkeit des Todes.
Zum Autor: Volker Gerhardt, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Mitglied des Nationalen Ethikrates der Bundesrepublik Deutschland.
2. Zitat von Thomas Macho:
„Womöglich beginnt demnächst kein »Jahrhundert der Titanen« (wie der alte Ernst Jünger prophezeite), sondern vielmehr eine neoägyptische Epoche, die auch darin ihre Verwandtschaft mit dem Alten Reich bezeugen würde, dass sie eine wissenschaftlich-technisch bewirkte Langlebigkeit, ja, die Hoffnung auf immer erfolgreichere Verzögerungen des Sterbens nur für einen verschwindend kleinen Teil ihrer Angehörigen ermöglichen könnte. Während in Ägypten die Macht und der dynastische Status als Kriterien für die aufwendigen Mumifizierungsprozeduren und »Verewigungen« in grandiosen Mausoleen fungierten, sind es im 21. Jahrhundert wohl Finanzen und Wohnorte, welche die Chancen auf optimale Therapien und lebensverlängernde Massnahmen spürbar erhöhen können. Denn gewiss darf nicht übersehen werden, dass die technisch immer plausibleren und realistischeren Träume vom »Neuen Menschen« keineswegs die gesamte Gattung betreffen werden. Die Perspektiven der »Machbarkeit« des Menschen - nämlich der technischen Flexibilisierung von Lebensgrenzen - eröffnen sich in absehbarer Zeit nur für einen Bruchteil der Erdbevölkerung: Die überwältigende Mehrheit der »neuen Fellachen« wird im Sinne eines strukturellen Rassismus von gentechnologischen oder medizinischen Optimierungsstrategien gar nicht erfasst werden.
Man muss den gelegentlich auftauchenden Gerüchten von Kindern in den favelas brasilianischer Grossstädte, die als »Transplantationsmaterial« einer »Organmafia« gejagt und umgebracht werden, vielleicht keinen Glauben schenken; man kann auch die Warnungen des Molekulargenetikers Lee J. Silver für übertrieben halten, der eine gentechnologisch initiierte Aufspaltung der Menschheit in »Bioklassen« mit separaten Evolutionen vorausgesagt hat. Aber ganz sicher beschreiben diese Gerüchte und Zukunftsvisionen die mögliche Etablierung einer Elite von »Langlebigen«, die ihr symbolisches Kapital - ähnlich wie in Elias Canettis Drama »Die Befristeten« - gewissermassen aus ihrem Rang in der Versicherungsstatistik ziehen. Welche Macht- und Wissensordnungen werden sich in einer solchen biomedizinisch diversifizierten Gesellschaft herausbilden? Welche ethischen Maximen werden sich durchsetzen? Und welche Gegenutopien werden den exklusiven Traum von technisch erwirkter Un-Sterblichkeit erschüttern? Vielleicht folgt der neoägyptischen Epoche - sofern Franz Borkenaus Zyklentheorie zutreffen sollte - ein Zeitalter, in dem das memento mori nicht mehr als Eingeständnis der Versagens und der Verzweiflung ausgesprochen werden muss, sondern als heitere Anerkennung der Gestaltungschancen, die jeder Grenzziehung entspringen. Aber dieses ferne Zeitalter hat noch keine Propheten.“
Zitat aus: Thomas Macho, Religion, Unsterblichkeit und der Glaube an die Wissenschaft.
Zum Autor: Thomas Macho, Professor für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin.
Die Beiträge sind erschienen im Buch:
Philosophicum Lech; Ruhm, Tod und Unsterblichkeit - Über den Umgang mit der Endlichkeit,
herausgegeben von Konrad Liessmann,
Zsolnay Verlag Wien 2004.