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Mein lieber Körper,
du hast meiner Seele ihren Heim gegeben. Von dem ersten Tag an hast du mich durch die Welt getragen. Mich geschützt, mit mir gekämpft, dich entwickelt und mir das Leben ermöglicht.
Du hast alle Berührungen aufgenommen, all Liebe gespürt, alles vollkommen aufgesaugt.
Du warst mein Heim und mein Halt. Du trugst mich durch die Zeit, als meine Eltern ausgewandert sind und ich mit meinem Bruder bei meinen Großeltern in Polen blieb. Du warst nicht nur mein Halt, sondern auch der meines Bruders. Du hast das Gewicht der Trauer, des Heimwehs und der Angst getragen, die ich von da an immer spürte.
Ich verlor meine Freunde, mein Zuhause - mein gewohntes Umfeld. Doch DU hast mich in ein neues Leben in einem neuen Land getragen. Du trägst mich durch mein gestörtes Essverhalten, dass ich noch in Polen entwickelt habe, um mich kontrolliert glücklich zu machen, wenn die Welt um mich herum den Bach runter geht.
Wir lernten gemeinsam das Fremde kennen. Neue Menschen, neue Denkweisen - eine ganz neue Sprache (,die wir beide nun sehr gut beherrschen)!
Dann hast du mich durch die schlimmsten Jahre meines Lebens getragen, als ich das Gewicht für meine Familie mittrug, plötzlich erwachsen werden und handeln musste. Neben Schülerin, auch Sekretärin, Dolmetscherin, Babysitterin, Therapeutin und noch vieles mehr war. Auch da hast du mir geholfen, meine Familie, die plötzlich gar nicht mehr so groß und sorgenfrei war, zu unterstützen, wo ich nur konnte.
Du hast in dieser Zeit Narben davon getragen - viel zu viele, die du nicht hättest erfahren sollen. Doch auch da hast du niemals aufgehört mich weiter zu tragen. Du hast Schläge kassiert, ohja. Eine Schilddrüssenunterfunktion. Meine psychischen Schmerzen und die Riesenübelkeit, die ich später erfuhr, als die Welt zu viel für mich wurde, wir beide nur noch über der Toilettenschüssel hingen und hofften, dass es bald wieder anders wird. Du hast mich gestützt, als die Welt für mich zusammen krachte und mir der Boden unter den Füßen zusammen brach. Du hast mir geholfen, wieder aufzustehen und allem die Stirn zu bieten. Du hast ertragen, dass man von dir Stärke forderte und dann versuchte dich zu wieder zu unterdrücken, als du plötzlich ZU STARK wurdest. Du hast mich in unserer Jugend durch die Kommentare eines Mannes getragen, der dir wiederholt mitteilte, dass wenn du alt genug wärst, er dich gerne gehabt hätte. Durch unangebrachte Berührungen, die mir heute in der Seele schweben. Sei es sexuell gemeint, oder auch nicht. Du hast mich durch den Zwang gestützt, immer alles richtig und überall perfekt sein zu müssen - auch durch die Enttäuschung aber doch niemals genug sein zu können. Oder viel zu schlimm zu sein, zu schwer als Kind, Jugendliche, Erwachsene. Zu kindisch, als du versucht hast, nebenbei noch das bisschen Kindheit, dass du brauchtest, zu bewahren. Dabei war es niemals gerechtfertigt. Die Noten waren in Ordnung, bei Ruf waren wir zu Stelle, haben uns verbogen um andere glücklich zu machen. Wir mussten uns anders entwickeln, anders funktionieren, als andere Kinder oder Jugendliche. Den Schein bewahren, dass alles gut ist und hinter verschlossenen Türen, umgedrehten Rücken, die Schnitte und Schläge einkassieren.
Ertragen, dass Hilfe für dich und mich, die wir suchten, die wir BRAUCHTEN, uns von allen Seiten verwehrt wurde, egal wo.
Du hast mich durch den ersten Auszug getragen, der die Wände innerhalb kurzer Zeit einstürzen ließ. Den Menschen, in dem wir die Rettung sahen zu den Menschen werden sehen, der dich verrückt werden ließ. Der dir die Übelkeit und den endlosen Schlaf brachte, dich ausknockte ohne es zu wollen. Verübeln können wir es ihm nicht - er wusste selbst nicht, wie er damit umgehen soll. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Wir waren beide noch viel zu jung, dafür nicht gemacht. Jeder für sein Alter eine schon viel zu große Last.
Du hast mich durch den Tod geführt, durch die Rückkehr, die Neufindung. Du hast mich durch zwei Kaiserschnitte und die nötige Heilung getragen, durch die Wochenbettdepression, die mich veränderte und durch das allerschwerste - die Aufarbeitung all der Narben, die wir erfahren und uns hinzugefügt haben.
Du hast mich begleitet, als ich alles durchlebte, versuchte alte Traumata zu bewältigen und all das, um eine gute Mutter, ein guter Mensch zu sein. Um die eigenen tiefliegenden Fehler zu korrigieren, damit wir eine gute Mutter für die Kinder sein können, ihnen die Zukunft zu geben, die ich mir jeden Tag und jede Nacht in meinem Zimmer so herbeigesehnt habe. Ich habe viel realisiert, viel reflektiert und mich verändert.
Du jedoch, bist immer schwerer geworden. Die ganze Last wurde zu wortwörtlichen Last.
Als hättest du versucht der Außenwelt deutlich zu machen, wie viel Last in uns drinnen steckt. Ich habe Fehler gemacht. Mich nicht genug um dich gekümmert, nie gelernt, dass es wichtig ist, für mich und dich da zu sein - aber immerhin für alle anderen, ob sie es schätzen, oder nicht.. Nun stehen wir beide hier, wiegen schwer und tragen auch die Steine der Vergangenheit auf den Schultern. Und auch wenn ich nicht glücklich damit bin, dass du jetzt so aussiehst, kann ich nicht anders, als für dich da zu sein und dich zu lieben.
Dafür zu lieben, dass du stets da warst. Dass du mit mir alles durchgehalten hast und mich da durch getragen hast, wo ich eigentlich nie gedacht hätte, dass ich da durch komme. Wir haben die Abschiedsparty abgesagt. Wir feiern seitdem jedes Jahr das Leben.
Und ich LIEBE dich. Jede Macke, jede Narbe, jedes Muttermal. Ich liebe deine Stärke, dein Durchhaltevermögen und deine Gesundheit.
Auch wenn andere dich nicht lieben, dich beleidigen sollten oder dir wieder weh tun werden - ich liebe dich.
Und JETZT habe ich es endlich gelernt. Jetzt habe ich gelernt für mich da zu sein. Ich kann es noch nicht perfekt, aber mit der Zeit wird es immer besser.
Und ich verspreche dir, die Zeit kommt jetzt. Die Zeit, in der es auch um dich geht. Darum, dass wir dir gutes tun und lernen, all diese Last abzulegen. Denn wir haben es verdient. Du hast es verdient. Ich verspreche dir, es von jetzt an anders zu machen. Mir die Zeit für dich zu nehmen, DICH jetzt zu stützen. Ich hoffe, ich kann in einigen Jahren zurück blicken und bemerke, dass ich mein Versprechen an dich halten konnte. Ich werde es versuchen, aber wir beide wissen nur zu genau, dass es im Leben nicht immer so kommt, wie es könnte.
Aber ich will es für uns beide versuchen.
Mit viel Liebe
Die Seele, die dich bewohnt.
Weiterlesen: Federici: Caliban und die Hexe Lemke: Die Regierung der Risiken van den Daele: Vorgeburtliche Selektion
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Lesung: NICHT NUR MÜTTER WAREN SCHWANGER - UNERHÖRTE PERSPEKTIVEN AUF DIE VERMEINTLICH NATÜRLICHSTE SACHE DER WELT (Verlag edition assemblage) mit Johanna Montanari (Lektorin, Autorin), Alisa Tretau (Hrsg., Autorin)
09.04.2019 Ort: Café Duddel, Zülpicher Wall 8, 50674 Köln Einlass: 18:30 Beginn: 19:00 Der Sammelband NICHT NUR MÜTTER WAREN SCHWANGER vereint persönlich geschilderte Erfahrungen mit Schwangerschaft, die im gesamtgesellschaftlichen Diskurs oft überhört werden: Es geht um unerfüllte und lesbische Kinderwünsche, um trans-männliche oder alters-untypische Schwangerschaften, genauso wie um Abtreibung und Fehlgeburt, Repro-Medizin, Pränataldiagnostik und vieles mehr. Das Buch will den einengenden und Druck ausübenden Blick, Schwangerschaft sei für die cis-Heteronorm die „natürlichste Sache der Welt“, für alle anderen hingegen unmöglich, aufweichen, und dabei alternative Visionen entwickeln: für mehr Offenheit und Selbstbestimmung im Umgang mit Kinderwünschen, Schwangerschaft und Eltern-Sein. https://www.edition-assemblage.de/nicht-nur-muetter-waren-schwanger/
Wir müssen reden
Ich erinnerte mich an die Panik bei der Nachricht meiner zweiten Schwangerschaft. Obwohl ich noch ein Kind wollte und alles geplant war, hatte ich plötzlich den Impuls zurück zu rudern. Alles in mir wehrte sich gegen den Gedanken, ein weiteres Kind zu bekommen. Bei meiner ersten Schwangerschaft hatte ich noch die Ahnungslosigkeit auf meiner Seite. Aber nun wusste ich, was auf mich zukommen würde. Es war nicht die Geburt, vor der ich Angst hatte. Die war in ihrer zeitlichen Beschränktheit das kleinste Problem. Es war die enorme Verantwortung, vor der ich zurückschreckte und die mir mit meinem ersten Kind einigermaßen bewusst geworden war. Es waren Dinge wie das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und der unglaubliche Mangel an Schlaf, die mich fast panisch werden ließen.
Und dann las einen Artikel über Mütter, die Phantasien haben, in denen ihren Kindern etwas passiert oder sie ihnen etwas antun. Und ich erinnerte mich, dass ich besonders in Zeiten großer Belastung auch solche Bilder sah. Es waren unwillkürlich auftauchende, grausame Sequenzen, wie ich meinem Kind etwas antue, die ganz beiläufig und ohne einen Impuls zu handeln, auftauchten. Und mich verunsicherte das sehr. Ich fühlte mich schlecht. Ich fragte mich, ob ich eine Gefahr für meine Kinder werden könnte, ob sich hier ein unbewusster Wille seinen Weg bahnt. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Mutter völlig ungeeignet bin.
Aber es beruhigte mich, zu lesen, dass auch andere das haben und keiner sich wirklich an seinen Kindern vergreift, dass all das im Kopf bleibt. Trotzdem habe ich das Gefühl, darüber nicht sprechen zu dürfen, ohne verurteilt zu werden und böse Kommentare zu ernten. Dabei ist es erleichternd, seine Ängste und negativen Gedanken zu teilen. Es ist erleichternd, nicht allein zu sein und zu wissen, dass all das menschlich ist. Vor allem aber ist die Erkenntnis erleichternd, dass wir auch ohne perfekt zu sein und dem glatten Bild der schönen, erfolgreichen und immer liebevollen und geduldigen Mutter zu entsprechen, alles ganz gut hinbekommen.

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Die Liebe braucht Arschtritte
Ich lese im Wartezimmer von den Ambivalenzen der Mutterliebe. Dass sie zwar der Idylle der Pamperswerbung und der Forderung von Trotteln widerspricht (die meinen, Mütter dürften aus nichts als Liebe, Aufopferung und Selbstlosigkeit bestehen), aber eben auch real vorhanden ist und einen Zweck erfüllt. Das Pendeln zwischen Frustmomenten und Zärtlichkeit, zwischen blanken Erschöpfungshass und debiler Vernarrtheit dient dazu, dass die Mütter sich anstrengen, um ihr Kind zu verstehen. Das Baby schreit, weil die Mutter sich etwas überlegen und sich ins Zeug legen soll, weil sie sich nicht stundenlang Schoppingseiten mit süßen dänischen Designs angucken, sondern sich Gedanken machen soll, wie sie mit persönlichem Einsatz das Leben ihres Kindes angenehmer gestalten kann. Faulheit ist der Liebe Tod. Das wissen schon Babys. Genau wie eine Partnerschaft nur über Jahre oder Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten werden kann, wenn man ab und zu ein paar Beleidigungen einstreut und mit Trennung droht. Wer sich uns zu Füßen legt und keinen Zweifel an seiner Liebe lässt, den können wir unmöglich ernst nehmen und schon gar nicht schätzen. Wert entsteht durch Knappheit. Und so sitze ich da und alles macht plötzlich Sinn. Mutterliebe, Beziehungen, Marktlogik. Und kurz bevor ich ins Behandlungszimmer gerufen werde, fällt mir ein, dass ich mich so mit 16 gefühlt habe, als passe die Welt in eine Nussschale und als hätte ich sie längst durchschaut.
Lemur mit Jungem klammernd, zarter Moment, im Stil von Ashraful Arefin
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