Entspanntes Familienleben dank Homeschooling
Wir sind zu siebt. Unsere fĂŒnf Kinder besuchen an fĂŒnf verschiedenen Schulen fĂŒnf verschiedene Klassen. Nach langem Zaudern hat sich die bayerische Landesregierung kurz vor Weihnachten 2020 endlich dazu entschieden, die Schulen aufgrund der Pandemielage zu schlieĂen. Ich habe daher einen guten Ăberblick ĂŒber den Zustand des Schulunterrichts wĂ€hrend einer pandemiebedingten SchulschlieĂung. Wovon ich nichts weiĂ, ist die Situation anderer Familien. Ich kann mir ausmalen, welche KĂ€mpfe anderswo mit Teenagern oder Kleinkindern gefochten werden, welche Einsamkeit anderswo drĂŒckt, welche Ăberforderung anderswo herrscht und welche Schwierigkeiten sonst die Familien belasten. Hier möchte ich aber unsere Situation schildern.
Der zweite Lockdown mit SchulschlieĂungen innerhalb eines Jahres lĂ€uft gesittet, produktiv und organisiert ab. Die Lehrer lassen sich gröĂtenteils endlich darauf ein, die Schulleitungen handeln und die Technik lĂ€uft einigermaĂen. Leider wird schon wieder ĂŒber Ăffnungen gesprochen, bevor so etwas wie Routine eingekehrt ist, daher fĂŒrchten wir, dass die Tage dieses Formats gezĂ€hlt sind.
Kind 5: Erste Klasse Grundschule
Kind 5 bekommt ihre Aufgaben im Form von einem Wochenplan und Aufgaben in einem Verzeichnis, die in der Cloud des Landkreises zu finden sind. Der Link zur Cloud steht in einer Tabelle auf der Webseite der Grundschule. Kurz nach dem FrĂŒhstĂŒck öffnen wir den Klassenlink von der Homepage des Landkreises und laden das âGuten Morgen Videoâ herunter. Die Lehrerin begrĂŒĂt die Kinder und beginnt den Tag mit den Ritualen, die die Kinder aus der Schule kennen: Datum, Wetter, Mimi-Lesemaus. Sie stellt die ArbeitsauftrĂ€ge einzeln vor und erklĂ€rt, was zu tun ist. Danach beginnt Kind 5 etwas widerwillig mit Mathe und dem Rechenblatt. Viele ArbeitsblĂ€tter mĂŒssen noch gedruckt werden, damit sie bearbeitet werden können. Bis ca. 11:00 Uhr wird sie sich durch ihren Arbeitsplan arbeiten. Dabei spurt sie neue Buchstaben nach, macht Kinderyoga nach Videoanleitung oder hört Kinderlieder in der Pause, die ĂŒber einen QR-Code auf dem Wochenplan erreichbar sind. Sie knetet Buchstaben, liest, schreibt, rechnet und hört eine Vorlesegeschichte (QR-Code). Sie löst Aufgaben am Tablett (geht auch am Rechner oder am Handy) mit verschiedenen Apps: coollama.de, learningapps.org und die Anton App. Sie sitzt dabei gemeinsam mit Kind 4 am Tisch und ich oder meine Frau arbeiten am Notebook in Sichtweite im nĂ€chsten Raum. Wir mĂŒssen in der NĂ€he sein, da sie immer wieder Hilfe, Motivation und Ansprache benötigt. Ich arbeite bruchstĂŒckhaft in dieser Zeit, aber â hey â es klappt!
Laufdiktat an der Wand eines KĂŒchenschranks. Bei einem Laufdiktat muss man zwischen dem Ort, an dem die Wörter stehen, und dem Ort, an dem das Heft liegt, hin und her laufen.
Am Freitag mĂŒssen ausgedruckte und bearbeite ArbeitsblĂ€tter bis 13 Uhr in einer vorgesehenen Kiste vor dem Schuleingang abgegeben werden.
Der Haupteingang der Schule: Boxen fĂŒr die Abgabe von SchĂŒlerarbeiten und fĂŒr die Abholung von Arbeitsmaterialien fĂŒr die Folgewoche.
Kind 4: FĂŒnfte Klasse, Gymnasium
Ebenfalls kurz nach dem FrĂŒhstĂŒck setzt sie sich gemeinsam mit Kind 5 an den groĂen Schreibtisch und schaut auf ihrem (10 Jahre alten) Notebook in der schulischen (schuleigenen?) Lernplattform Moodle nach ihren Aufgaben fĂŒr den Tag. Kind 4 bekommt ihre Aufgaben ausschlieĂlich ĂŒber Moodle. Heute waren es zwei Videokonferenzen zu denen sie sich dann mit ihrem Notebook in ihr Zimmer zurĂŒckzieht. Dazwischen Arbeitspakete, die sie ohne fremde Hilfe abarbeitet. Manchmal hat sie Kopfhörer auf, um ein Video zu hören, das sie von ihren Lehrern und Lehrerinnen bekommen hat. TatsĂ€chlich weiĂ ich peinlicherweise recht wenig von ihren Aufgaben, aber sie arbeitet von 8:00 bis 12:00 Uhr ernsthaft daran. Am Nachmittag geht sie mit ihrer Schwester und der Nachbarstochter zum Schlittenfahren am Hang nebenan. Am Abend schreibt sie noch eine Fabel, die sie vor einigen Stunden abgeben hĂ€tte sollen und lernt dann ĂŒber WhatsApp Vokabeln mit einer Klassenkameradin. Und â es klappt auch!
Kind 3: Achte Klasse, Realschule
Kind 3 ist schon das zweite Jahr in der iPad-Klasse, die die Realschule seit kurzem betreibt. Sie verschwindet pĂŒnktlich um 8:00 Uhr in ihrem Zimmer und ist bis 13:00 Uhr durchgehend in aufeinanderfolgenden Videokonferenzen gemÀà Stundenplan. Sie hat Arbeitspakete, die sie im Split-Screen am iPad bearbeitet, schreibt âHeftâEintrĂ€ge in ihr iPad. Sie bekommt Material und gibt Arbeiten ab. Lehrer sehen die Abgaben, haken sie ab, korrigieren stellenweise. Dazu wird seit Beginn der iPad-Klasse die Software OneNote benutzt. Damit haben SchĂŒler und Lehrer hier bereits groĂe Erfahrung. Nebenbei lĂ€uft der Discord Chat und WhatsApp auf ihrem (10 Jahre alten) Notebook. Dort ist sie in Verbindung mit den Klassenkameraden und mit ein paar gleichaltrigen Discord-Freunden, mit denen sie seit etwas mehr als einem Jahr abhĂ€ngt. Sie sind sich Gesellschaft wĂ€hrend der Pandemie. WĂ€hrend Ausfragen helfen sie sich gegenseitig ĂŒber den privaten Discord. Sport entfĂ€llt. Religion dauert 15 Minuten anstatt 90 Minuten und endet mit einem Arbeitspaket. In Werken bekommen sie den Arbeitsauftrag, aus einem StĂŒck Seife einen Kopf zu schnitzen und ein Foto davon rechtzeitig bis Montag einzureichen. In Deutsch ist jetzt eine Stop-Motion-Produktion einer Fabel geplant. Kind 3 ist in der Remoteschule genauso gewissenhaft, wie sie es auch in der PrĂ€senzschule wĂ€re. So gewissenhaft, wie man halt in der 8. Klasse ist, aber â hey auch hier lĂ€uft es.
Kind 2: Zehnte Klasse, anderes Gymnasium
Die Schule hat bisher in der Pandemie keinen Blumentopf gewonnen, aber auch das wird inzwischen besser. In der ersten Phase der SchulschlieĂung im FrĂŒhling 2020 gab es kaum Arbeitspakete und die nur chaotisch irgendwann wĂ€hrend der Woche. Nach einer Stunde Arbeit war Kind 2 normalerweise fertig, weswegen sie angefangen hat bis Mittag zu schlafen. Das hat sich inzwischen geĂ€ndert. Die Schule ist zwar immer noch weitgehend undigitalisiert, aber immerhin hat letzte Woche auch dort die erste Videokonferenz stattgefunden und die Lernplattform Mebis wird genutzt, wenn sie nicht gerade abgestĂŒrzt ist. Damit Mebis nicht ĂŒberlastet wird, wurde WebUntis als Messagingdienst eingefĂŒhrt, um die Nachrichtenflut zwischen Lehrern und SchĂŒlern zu kanalisieren. Zum Jahresbeginn ging weder WebUntis noch Mebis, so waren die ersten zwei Tage Homeschooling vor allem chaotisch. Inzwischen gibt es Arbeitspakete kreativ benannt aus dem Setzkasten, als schönen Nebeneffekt auch besonders schrĂ€g gedreht, mit den Bausteinen AA, Ă, AB, Lsg, ĂA, beliebige Zahlen und Sonderzeichen sowie doppelte Dateiendungen, Bsp: âAA_AB_Deutsch.pdf_Lsg.pdfâ. Diese gibt es zu GenĂŒge und das auf verschiedenen KanĂ€len: Mail, Mebis, WebUntis, WhatsApp, je nachdem wie der Lehrer oder die Lehrerin arbeitet. Kind 2 arbeitet mehr oder weniger den ganzen Tag durch. Sie ist ĂŒber Discord mit ihren Freunden aus der Klasse im Chat und sie arbeiten sich gemeinsam systematisch durch das Arbeitspensum des Tages. Neue Themen (heute 20 Seiten pdf in Chemie: Alkane, Alkene und Alkine) teilen sie untereinander in der Gruppe auf und erklĂ€ren sie sich abschnittweise gegenseitig bis es alle kapiert haben. Die Kinder nutzen âInverted Classroomâ und âPeer Instructionâ, zwei moderne didaktische Methoden, weil sie es selbst so strukturiert haben. Das ist kein Verdienst der Schule â das sind SchĂŒler, die gerade Teamarbeit lernen und SpaĂ daran haben. Kind 2 hat sich jetzt ToDoist, eine Software zum Organisieren von Aufgaben beigebracht, damit sie den Ăberblick ĂŒber die vielen AuftrĂ€gen, die aus den verschiedenen KanĂ€len kommen, behĂ€lt. Sie hat sowohl letzte Woche als auch diese Woche vollkommen ohne Ă€uĂeren Druck im GesprĂ€ch festgestellt, dass Schule noch nie so viel SpaĂ gemacht hat wie im Moment. Sie bemitleidet die Klassenkameraden, die nicht ĂŒber Discord organisiert sind und sich so den Stoff ganz alleine reinpauken mĂŒssen. Und natĂŒrlich lautet auch hier das Urteil: es klappt. Sehr gut sogar. In 6 Monaten werden diese Kinder mehr SelbstĂ€ndigkeit gelernt haben, als ihnen die Schule jemals beibringen kann.
Kind 1: Zwölfte Klasse Fachoberschule
Die Schule ist ein Massenbetrieb. 1600 SchĂŒler, keine Information, kaum Leistung in der ersten SchlieĂung (Kind 1 hat daher auch bis Mittag geschlafen). Inzwischen hat die Schule dazugelernt â die Kommunikation mit Eltern oder SchĂŒlern ist zwar immer noch nicht vorhanden, aber der Unterricht lĂ€uft. Videos, ArbeitsauftrĂ€ge ĂŒber 5 verschiedene KanĂ€le, Videokonferenzen. Kind 1 sitzt ebenfalls von morgens bis mittags am eigenen (Gamer-)PC und arbeitet. Wenn man tagsĂŒber reinschaut, kann es aber schon sein, dass er gerade Minecraft spielt, wenn am anderen Bildschirm die Deutschreferate laufen (âwas denn!?! ich hab meines schon gehalten und es ist echt langweilig gerade! AuĂerdem lesen die eh alle vom Bildschirm ab.â). NatĂŒrlich sind alle parallel zum Unterricht in Discord vernetzt und unterhalten sich. Soweit ich das beurteilen kann, wird auch bei Kind 1 gearbeitet und das bevorstehende Fachabitur wirkt als Motivation fĂŒr die Klasse, den Unterricht ernst zu nehmen. Wenn Lehrer aber bei der Abfrage aus Versehen den Bildschirm mit der Lösung zu den SchĂŒlern streamen und den Bildschirm mit den Fragen vorlesen, so sind die SchĂŒler natĂŒrlich untereinander einig, gute Noten abzusahnen und die Lehrer nicht auf solche Fehler hinzuweisen. Das ist die Strafe fĂŒr Technikinkompetenz auf Lehrerseite.
WĂ€hrend wirklich alle Kinder arbeiten, sitzen die Eltern beide selbst im Homeoffice. TelefongesprĂ€che, Meetings, EntwĂŒrfe und Videokonferenzen kann man problemlos auch zu Hause bearbeiten. TatsĂ€chlich arbeitet meine Frau bereits seit 10 Jahren im Homeoffice fĂŒr verschiedene Kunden. FĂŒr mich ist gerade PrĂŒfungszeit, das heiĂt ich habe Examen zu entwerfen und zu korrigieren â das geht zu Hause am allerbesten. Alleine lassen können wir die Kinder auch, wenn wir zum Einkaufen mĂŒssen. Das Mittagessen gibt es um ca. 13:30 Uhr und alle erzĂ€hlen von ihrem Schultag. Am Nachmittag sitzen wir Eltern wieder am Computer und arbeiten noch etwas.
In PrÀsenzschule sind drei Kinder auf den Bus angewiesen. Sie verschwenden zusammen etwa sieben Stunden am Tag beim Warten auf Busse und in Bussen. Kind 3 fÀhrt Fahrrad, Kind 5 muss im Winter jeden Tag mit dem Auto zur Schule gebracht werden und abgeholt werden. Wir schlafen alle eine Stunde weniger, stehen um 6:00 Uhr auf, sind gestresster und unausgeschlafener, das Mittagessen und seine Vorbereitung dauert von 12:30 Uhr bis 15:30, da alle halbe Stunde ein Kind heimkommt und von der Schule erzÀhlen möchte. Der Nachmittag ist zerrissen und zum Arbeiten fast nicht zu gebrauchen. Die Kinder haben in der Schule einigen Leerlauf und Vertretungsstunden.
Es geht uns vergleichsweise gut im Lockdown. Das Familienleben ist entspannter, das gemeinsame Mittagessen geregelter, die SelbstĂ€ndigkeit gröĂer und die Lernerfolge greifbarer. Wir sind uns gegenseitig Gesellschaft. Aus meiner Sicht sollte das Ganze noch ein paar Monate so weiter gehen. Wenigstens kommt Routine und ProfessionalitĂ€t hinein und die Pandemie kann in Ruhe abklingen.
NatĂŒrlich fehlt der direkte Kontakt der Kinder untereinander in der Schule, das Sozialleben, die Interaktion. Aber es ist ja wohl nicht so, dass Schulen genau diese Punkte als ihre Daseinsberechtigung und Kernkompetenz verstehen. Nein â diese Dinge passieren in der Schule aus Versehen nebenher. Der Unterricht, die Bildung und die Lehrfunktion, wird in PrĂ€senz nĂ€mlich auch gar nicht mal so perfekt erfĂŒllt, wie die Schulen uns glauben machen. Remoteschule hat andere Nachteile, ist aber mitnichten nutzlos oder so was wie Ferien. Die Kinder arbeiten alle hĂ€rter als zur normalen Schulzeit. Sie können den Unterricht nicht vorbeirieseln lassen.
NatĂŒrlich kann man uns vorwerfen, dass wir die Ausnahme sind und dass die Schule fĂŒr sehr viele Familien Ă€uĂerst wichtig ist. Das stimmt sicher, aber dann sollte man sich auch eingestehen, dass die Schule eine Betreuungsfunktion und eine soziale Funktion hat und die Ăffnungs- und Unterrichtskonzepte entsprechend anpassen:
Wenn die Schulen wieder öffnen, so sollten sie das zunÀchst als Ort der Betreuung und des Soziallebens tun. Alle Kinder, die das möchten oder brauchen, gehen in die Schule, um dort betreut dem Fernunterricht zu folgen. Alle Eltern, die es leisten können, lassen die Kinder zuhause, wo sie ebenfalls dem Fernunterricht folgen. Lehrer und Lehrerinnen machen an manchen Tagen Lerngruppenbetreuung an der Schule und an manchen Tagen Unterricht von zu Hause.
Ich habe keine Ahnung, ob sich Lehrer und Lehrerinnen derzeit an die LehrplĂ€ne halten und ob der Lehrstoff vermittelt werden kann. Ich weiĂ aber, dass die Kinder arbeiten und derzeit keinen Urlaub haben. Die aktuelle Dauerfrage in den Medien lautet âWie werden die LĂŒcken, die durch Homeschooling entstanden sind, geschlossen? Und werden Ferien fĂŒr die SchlieĂung dieser LĂŒcken herhalten mĂŒssen?â Ich finde das respektlos den Kindern und den Lehrern und Lehrerinnen gegenĂŒber, die wirklich hart arbeiten.
Wenn wir von âLĂŒckenâ sprechen, dann sind es LĂŒcken im sozialen Bereich, die entstanden sind. Das bedeutet, dass die Schulen in den nĂ€chsten Jahren zwei Klassenfahrten im Jahr fĂŒr alle JahrgĂ€nge machen sollten, dass die Schule Teamgeist, Lerngruppen, Freundschaften und Zeltlager auf ihre LehrplĂ€ne schreiben sollten. Und damit alle (die Erwachsenen und die Kinder) die neuen FĂ€higkeiten nicht sofort wieder verlernen, behalten wir einen Tag Homeschooling pro Woche bei. NatĂŒrlich mit der Möglichkeit fĂŒr SchĂŒler, dem Remoteunterricht auch in der Schule zu folgen, falls das zu Hause schwierig ist. Ganz nebenbei reduzieren wir den Pendelverkehr der SchĂŒler und SchĂŒlerinnen um 20%. Wir zeigen doch gerade, dass eine Gesellschaft ĂŒberraschend flexibel sein kann. Dann machen wir doch einfach weiter damit.