Algorithmen & Social Media â Jenseits von Gut und Böse
Algorithmen sind in der öffentlichen Wahrnehmung gefĂ€hrlich: Sie sollen entscheiden, zensieren und manipulieren. Doch in Wirklichkeit steckt im Algorithmus mehr Mensch als viele denken â und er ist auch nur so ethisch korrekt, wie die Menschen, die ihn benutzen.
Sind Algorithmen schlecht?
Besonders in Bezug auf Social Media wird Algorithmen eine Bösartigkeit zugesprochen: Sie sollen autonom entscheiden, Informationen vorenthalten und arglose User in die Irre fĂŒhren. Ăhnliche GerĂŒchte finden sich auch bzgl. des Online-Shoppings auf Amazon oder beim Surfen mit Google. Teilweise werden sogar BefĂŒrchtungen laut, dass Algorithmen die Macht ĂŒber unser Leben an sich reiĂen.
Die Aussage ist zwar nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch: Die meisten Nutzer wissen mittlerweile, dass Facebook ihren Newsfeed ĂŒber Algorithmen organisiert oder Google individuelle Werbungen und Empfehlungen entsprechend erzeugt. Wenige wissen jedoch, dass auch Bewerbungen in der Personalabteilung durch einen Algorithmus gefiltert werden oder Krankenkassen ihre PrĂ€mien mit Hilfe von Algorithmen kalkulieren.
Algorithmus klingt erst einmal nach abstrakten Zeichenfolgen aus der Mathematik. Aber im Grunde nutzt jeder von uns Algorithmen tÀglich im eigenen Denken und den eigenen Handlungen.
Denn Algorithmen sind nichts anderes als Mechanismen, also Prozess- und Handlungsabfolgen. ZĂ€hneputzen wĂ€re so ein analoges Beispiel: Vom Ăffnen der Zahnpasta bis zum AusspĂŒlen des Mundes â jeder Schritt lĂ€uft automatisch ab, ohne dass wir groĂ nachdenken, abwĂ€gen oder entscheiden mĂŒssten.
Generell sind Algorithmen lösungsorientiert. Sie existieren, um eine bestimmte Aufgabe auszufĂŒhren bzw. ein Problem zu lösen. Dazu gibt es eine Reihe von Anweisungen, die zur Lösung gehören. Das kann zum Beispiel ein Rezept sein, das die einzelnen Kochschritte detailliert auflistet.
Oder eben auch eine Suchmaschine wie Google.
Algorithmen sind nicht neutral & objektiv
Ein Algorithmus kann nur so sachlich und neutral sein, wie es ihm Programmierung und Daten vorgeben, mit denen er Muster konstruiert. Fachleute sprechen hier von Social Bias (kognitive Verzerrung: soziale ErwĂŒnschtheit bzw. Effekt der KonformitĂ€t).
Je nachdem, welche Daten genutzt werden, so ist auch die Einstellung des Programms. Damit spiegelt ein Algorithmus die Interessen, Vorstellungen und WĂŒnsche von bestimmten Gruppen wider. Mindestens ebenso ausschlaggebend sind die gesellschaftlichen und kulturellen PrĂ€gungen der Entwickler dieser Technologien.
Die hĂ€ufige Rede von âRohdatenâ erzeugt daher ein falsches Bild
Es gibt keine reinen Daten, die frei von jeder menschlichen Verzerrung wĂ€ren. Digitale Daten und Kategorisierungen sind bereits analysiert und interpretiert, sie können gar nicht neutral sein, da sie unter einer bestimmten Perspektive gewonnen und fĂŒr ein bestimmtes Ziel verarbeitet werden.
Informationen und Daten sind eine reduzierte Darstellung, sie bilden nicht die Welt als solche ab.
Was Algorithmen aber können, ist Ordnungen und Muster festigen durch Reproduktion. Der Zufall wird dabei systematisch ausgeschlossen, schlieĂlich liegen einem Algorithmus hochkomplexe Rechenprozesse zugrunde, die auf feste Vorgaben, Regeln etc. angewiesen sind.
Anders als ein Mensch, erzeugt die KĂŒnstliche Intelligenz ZusammenhĂ€nge nicht nach bekannten Mustern, sondern nach Statistik.
Vermenschlichung von Technologien und KI
Grundlage fĂŒr die Vermenschlichung von Algorithmen ist die Sprache, mit der wir sie umschreiben oder erklĂ€ren. Oft suchen wir begriffliche Analogien zu bekannten Dingen, um neue Entwicklungen oder Objekte zu erlĂ€utern. Das ist einerseits vollkommen legitim: SchlieĂlich lassen sich komplexe Sachverhalte so einfacher verstehen.
In digitalen Bereichen sprechen wir daher vom Netz, Smartphone und KĂŒnstlicher Intelligenz â oder hören die Phrase, dass âAlgorithmen entscheidenâ, dies oder jenes zu tun. So bestimmen spezialisierte Algorithmen darĂŒber:
welche Werbung online auf unserem Bildschirm eingeblendet wird,
wer Kredite erhÀlt und wer nicht,
welche Dating-VorschlÀge in der Singlebörse gemacht werden,
ob HÀftlinge eine BewÀhrung erhalten
wer im Krankenhaus zuerst behandelt wird (Stichwort: Triage)
welche Informationen Journalisten recherchieren und in den Medien thematisieren
Aber entscheiden Algorithmen ĂŒberhaupt irgendetwas?
Was hier völlig auĂen vor bleibt: die Mensch-Technik-Interaktion. Ist es am Ende nicht der Mensch selbst, der sich die Ergebnisse algorithmischer Prozesse ansieht, sie bewertet, trainiert und darauf reagiert bzw. handelt?
Es sind nÀmlich nicht die Algorithmen, die Handlungsmacht besitzen, sondern die Menschen, die sich auf die algorithmischen Prozesse blind verlassen. Bei jeder Umsetzung von Algorithmen sind Menschen am Werk, welche die Daten aufbereiten und interpretieren. Wir können daher menschliche Verantwortung nicht einfach an Maschinen, Computer und Programme abgeben.
Menschen entscheiden, Algorithmen berechnen
Menschliche Entscheidungen sind aus philosophischer Perspektive gute GrĂŒnde fĂŒr oder gegen eine Sache. Und sie besitzen einen fundamentalen Unterschied zu dem, was algorithmische Optimierung ausmacht. Denn was in einer Entscheidung immer antizipiert wird, ist die Zukunft. Wir versuchen bei Handlungsalternativen die Folgen zu prognostizieren und stellen uns ein Als-ob vor.
Damit sind wir mit einer UnwĂ€gbarkeit konfrontiert, die sich nicht logisch auflösen lĂ€sst: Wir können nicht wissen, wie sich die Zukunft genau ereignet, weil zu viele Faktoren in und auĂerhalb unseres Selbst eine Rolle spielen. Wir stellen uns also bei jeder einzelnen Entscheidung unterbewusst eine Zukunft vor, von der wir nicht wissen können, ob sie eintrifft.
Entscheidungen sind von menschlicher Vorstellung und Fantasie beeinflusst
Ein absoluter Gegensatz zur mathematischen Berechnung, der Fiktion fremd ist. Zudem sind Entscheidungen mit Verantwortung, Ethik und BegrĂŒndung verbunden. Sowohl im SelbstverhĂ€ltnis als auch im VerhĂ€ltnis zu den anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft. Die GrĂŒnde fĂŒr eine Entscheidung werden zur BegrĂŒndung derselben. Damit sind Entscheidungen nicht frei von gesellschaftlichen Normen und normativen SelbstansprĂŒchen.
Damit ist in jeder Entscheidung eine moralische Vorstellung enthalten: Eine mögliche Rechtfertigung nach der Richtigkeit der Beurteilung wird quasi geistig vorweggenommen. Moral und Ethik sind rein menschliche Aspekte.
Ein Algorithmus kennt diese Fragen nicht.
Wie FB & Insta Algorithmen funktionieren
Die Betreiber sozialer Netzwerke geben nur teilweise Auskunft darĂŒber, wie ihre Algorithmen arbeiten. Die folgenden Faktoren sind bekannt:
Interaktion mit anderen Nutzern
aktive Zeit auf der Plattform
allgemeine PopularitÀt der Themen
Das ist natĂŒrlich nur die halbe Wahrheit. Denn abgesehen vom persönlichen Geschmack gibt es noch viele weitere Algorithmen, die verschiedenste Aufgaben haben. In mehreren Tests wurde herausgefunden, welche Faktoren noch eine Rolle spielen fĂŒr Social Media Algorithmen:
Instagram bevorzugt nackte Haut und schenkt entsprechenden Bildern eine höhere Reichweite
Facebook blendet Stellenausschreibungen nach Geschlecht ein: Frauen bekommen typische âFrauenberufeâ ausgespielt, MĂ€nner dagegen vermeintliche MĂ€nnerberufe etc.
Twitter prĂ€feriert beim Zuschnitt von Fotos weiĂe Menschen, weibliche Personen, jĂŒngere Gesichter und schlanke Frauen (3)
Das einheitliche Ziel: Den User auf der Plattform zu halten.
Wie beeinflussen Algorithmen die Meinungsbildung?
Filterblasen, Echokammern und Fake News
Algorithmen arbeiten nicht moralisch, sondern effizient. Wie krass das daneben gehen kann, zeigt das viel diskutierte Beispiel Fake News: die verbreiten sich ja nur deshalb so gut, weil sie provokant oder emotional formuliert und dargestellt sind.
âViele Studien haben gezeigt, dass die Reihenfolge in der Informationen angezeigt werden und auch deren wiederholte Anzeige, vor allem Unentschlossene und deren Meinungsbildung beeinflusst.â (Elisa Celis, 1)
So entstehen Filterblasen, Echokammern, Shitstorms und Hate Speech.
Gefahr Social Bots â Manipulation der Meinungsbildung
Ein wirklich ernstzunehmendes Problem in den Sozialen Netzwerken stellen die Social Bots dar: das sind kleine Software-Roboter, die als Fake-Profile eingesetzt werden, um zu liken, teilen, kommentieren und sogar BeitrÀge zu kreieren.
Diese Manipulationsmethode ist fĂŒr Demokratien tatsĂ€chlich eine Gefahr, auch wenn sie in Deutschland noch nicht so verbreitet ist. Sie wurde nachweislich bei politisch-gesellschaftlichen Themen im Ausland eingesetzt:
Brexit (EU-Austritt GroĂbritanniens)
US-PrÀsidentschafts-Wahlkampf 2016
spanisches Referendum ĂŒber katalanische UnabhĂ€ngigkeit 2017
Informationsflut & kognitive Verzerrungen
Was Unternehmen und andere Akteure letztendlich ausnutzen, sind 2 psychologische Aspekte.
Im Online-Marketing ist Content-Schock lÀngst ein Schlagwort:
Im Internet prasseln derart viele unterschiedliche Infos und Reize auf uns ein, dass unsere Konzentration sinkt und wir meist nur noch die allerersten Informationen aufmerksam wahrnehmen können (vgl. Ankereffekt).
In der Folge verlieren sich hochwertige Infos weitaus hÀufiger im World Wide Web.
Neben der eingeschrÀnkten Aufmerksamkeit verstÀrken kognitive Verzerrungen das Problem erheblich (4).
Beispiele fĂŒr typische kognitive Verzerrungen:
NegativitÀtseffekt (negativity bias)
Ankereffekt (anchoring effect)
BestÀtigungsfehler (confirmation bias)
MitlÀufereffekt (Bandwagon-Effekt)
Wahrheitseffekt (Illusion of Truth Effekt)
Verzerrungsblindheit (Bias blind spot)
Emotionale BeweisfĂŒhrung (emotional reasoning)
Social Media Algorithmen spiegeln die Werte der User wider
Algorithmen haben kein Eigenleben. Alles, was sie tun und darstellen, spiegelt lediglich die Werte- und Vorstellungswelt der Gesellschaft wider. Darf man also einem Unternehmen wie Instagram vorwerfen, sein Algorithmus bevorzuge Selbstdarstellung, OberflĂ€chlichkeiten und Optik, wenn die App doch genau dafĂŒr entwickelt wurde und sich ĂŒber Werbepartnerschaften etc. finanziert?
NatĂŒrlich ist es ein groĂes Problem, dass KI-basierte Technologien diskriminieren, Fake News pushen und Frauen bei Bewerbungen systematisch benachteiligen. Allerdings ist das ein menschengemachtes Problem, kein rein technisches.
SchlieĂlich entscheiden sich Menschen in der Personalabteilung dafĂŒr, einen Algorithmus schalten und walten zu lassen, ohne sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und auch auf Social Media entscheiden sich Menschen dafĂŒr, auf vorgeschlagenen Content zu klicken, auf eine bestimmte Art von Bildern und Texten zu reagieren, zu liken, zu kommentieren usw.
Die Arbeit von Algorithmen ist nichts anderes als ein Abbild unserer bisherigen Einstellungen und Taten. Anstatt also auf die bösen Algorithmen zu schimpfen, sollten wir uns lieber fragen, inwiefern wir selbst zur Aufrechterhaltung falscher Normen und Ideale, die auf Social Media so gerne verbreitet werden, beitragen.
Und warum unser Werte-Anspruch und unsere Werte-RealitÀt so weit auseinanderklaffen. Hier sind wieder wir als Gesellschaft und die Politik gefragt, welche die Firmen und ihre kommerziellen Interessen hinter den Algorithmen unbedingt reglementieren muss.
Fazit: Algorithmen & Social Media
Und die Moral von der Geschicht? Vertraue blind der Technik nicht. In letzter Instanz sind es immer Menschen, die Algorithmen mit bestimmten Daten fĂŒttern, durch ihr Verhalten auf bestimmte Muster trainieren und sich von Algorithmen leiten lassen. Die vielen MissverhĂ€ltnisse im Internet und auf Social Media sollten uns daran erinnern, vorsichtig zu sein. Im besten Fall regen sie uns an, wieder mehr ĂŒber das Menschsein nachzudenken und darĂŒber, was Gemeinschaft oder Gesellschaft bedeuten.
Doch dafĂŒr braucht es unbedingt eine Sprache, die Algorithmen und alles Technische nicht vermenschlicht bzw. den Menschen nicht mit Computern vergleicht. Algorithmen sind nicht böse, sie werden mit kommerziellen Zielen eingesetzt. Hier liegt das Problem.
Quellen:
1) Demokratiezentrum Wien
2) Filippo Menczer und Thomas Hills: Algorithmen â die digitale Manipulation
3) Inga Pöting: âDiskriminierende Algorithmen sind nicht einfach technische Fehlerâ
4) Stangl, W. (2022, 4. Juli): Online Lexikon fĂŒr Psychologie und PĂ€dagogik